Die Debatte um ein „Social-Media“-Verbot für Minderjährige hat zuletzt an Fahrt aufgenommen, da Bundesfamilienministerin Karin Prien ihre Forderung nach einer Altersgrenze für soziale Medien bekräftigt und ein „Sofortprogramm“ angekündigt hat. Aber sind Verbote wirklich eine nachhaltige Lösung? Der Deutsche Ethikrat äußerte Bedenken, ebenso wie Vertreter:innen der evangelischen und katholischen Kirchen. Und ein Modellversuch in Australien bekräftigt diese.
Während in Deutschland und der EU noch diskutiert wird, wurde in Australien gehandelt: Dort gibt es seit Dezember 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige, allerdings sind die Ergebnisse anders als gedacht. Behördenleiterin Julie Inman Grant spricht selbstkritisch von „Schutz als Illusion“, da die Alterserkennung ausgehebelt und nach Umfragen 70–85 % der Jugendlichen die Plattformen weiter nutzen. Stattdessen betonen Kritiker:innen, dass es jetzt einen „Freifahrtschein für Erwachsene“ gebe, da sie ja jetzt nicht mehr auf junge Menschen (unter 16 Jahren) in den Social Media Rücksicht nehmen müssen. Die Folge: Die Diskussionskultur in den Social Media habe sich merklich verschlechtert, anstatt sich,wie gehofft, zu verbes-sern.
Verbot in Australien nicht wirkungsvoll
Der Modellversuch in Australien hat nicht nur gezeigt, dass altersbedingte Verbote, gegen die sich nicht zuletzt auch der Deutsche Ethikrat ausspricht, keine nachhaltige Lösung sind. Und es kommt noch schlimmer: Durch ein Social-Media-Verbot werden jungen Menschen, bei denen Social Media eine wichtige Funktion im Sozialgefüge der Altersgruppe einnimmt, die Beteiligungsmöglichkeiten genommen, wie auch die katholische Jugend kritisiert. Der BDKJ-Bundesverband setzt sich für die Regulierung der Plattformen, aber gegen pauschale Altersverbote für Minderjährige ein. Stattdessen werden mehr Teilhabemöglichkeiten gefördert. „Sichere digitale Räume entstehen nicht durch Ausschluss, sondern durch wirksame Regulierung. Ein Verbot ist am Ende kein Schutzschild für die Jugend, sondern ein Feigenblatt für die Erwachsenen.“
Dabei steht die katholische Jugend mit ihrer berechtigten Kritik nicht allein da, da sich diese mit den Positionen der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und des Heiligen Stuhls zum Thema „Schutz und Teilhabe“ decken. Auch wenn sich der Vatikan noch nicht explizit zum Thema Social-Media-Verbot für Minderjährige geäußert hat, belegen die bisherigen Aussagen eine kritische Haltung gegen Verbote, die die Nutzungsfreiheit der User:innen einschränkt. Stattdessen wird auf die Haftpflicht der Plattformen, regulatorische Maßnahmen der Staaten und seit Papst Franziskus auf eine „Algor-Ethik“ gesetzt. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat bereits „erhebliche Bedenken“ gegen ein altergebundenes Social-Media-Verbot geäußert.
Warum ein Social-Media-Verbot bequem, aber nicht zielführend ist
Die Schlussfolgerung aus Australien sollte – aus sozialwissenschaftlicher Sicht des Autors, aber auch aus Sicht von Medienwissenschaftlern und Ethikern – allerdings nicht eine Verschärfung der Verbote lauten, da Verbote hier grundsätzlich zu kurz greifen.
Denn der Ausschluss von einzelnen User:innen ändert nicht die Inhalte oder die diskriminierenden Modelle der Social-Media-Dienste. Dort gibt es weiterhin massenhaft Rassismus und Ausgrenzung gegen Religionen, jetzt noch verstärkt durch KI-gestützte Bots. Der Gesetzgeber hat nur den bequemsten, aber nicht den sinnvollsten, Weg gewählt: Lieber User:innen pauschal ausschließen, als gegen die eigentlichen Verantwortlichen, die Plattformbetreiber, vorzugehen.
Denn Australien zeigt zudem, dass durch Verbote nur ein Pseudo-Schutz auf dem Papier erreicht wurde, der aber mit einer kritischen Einschränkung der Grundrechte auf Information und Teilhabe von Minderjährigen einhergeht. Die Wahlforschung belegt: Weniger Informationen und Teilhabe können die Wahl extremer Parteien begünstigen. Und somit die Demokratie sogar gefährden, als sie zu schützen. Ein Verbot verlagert das Problem, statt es nachhaltig zu lösen.
Was stattdessen helfen könnte: eine Regulierung der Social-Media-Plattformen (die mehr als bloße Willensbekundungen sind), ein „Jugendschutz by Design“ (von Anfang an anstatt nachträglicher Aussperrung), die Stärkung der Rechte der User:innen sowie die Förderung von Medienkompetenz und den Teilhabemöglichkeiten von jungen Menschen, nicht nur in Social Media.
Fazit: Verantwortungsvoller Kinder- und Jugendschutz bedeutet nicht, jungen Menschen den Zugang zur digitalen Welt zu versperren, sondern stattdessen das Netz und Social Media so zu gestalten, dass auch Minderjährige sicher darin leben können. Das Ziel „Schutz und Teilhabe“ darf dabei nicht das Grundrecht auf Informationsfreiheit beschränken.
Christian Schnaubelt (Chefredakteur und Herausgeber von kath.de)