Bei der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda betonte der Vorsitzende Bischof Heiner Wilmer: „Wir können Frankreich nicht kopieren. (…) Aber ich glaube schon, dass wir von Frankreich lernen können.“ In Frankreich ist ein Zustrom junger Menschen zur katholischen Kirche sowie ein starker Anstieg der (Erwachsenen‑) Taufen und Firmungen zu verzeichnen. Dies ist auch eine gute Nachricht für Deutschland, auch wenn die Herausforderungen anders sind. Dafür gibt es hier andere mutmachende Zeichen. Allerdings braucht dies auch Mut zu Veränderungen.
Die Blicke, auch der deutschen Kirche, gingen in den letzten Tagen oft nach Frankreich. Nicht nur wegen des Besuches von Papst Leo XIV., der unter anderem mit 80.000 jungen Menschen eine Gebetsvigil im „Stade de France“ hielt. Sondern vielmehr wegen des anhaltenden Zustroms junger Menschen und dem starken Anstieg von Taufen (+28 Prozent zum Vorjahr, mehr als drei Mal so viele wie vor zehn Jahren). Die 18- bis 25-Jährigen stellten mit 42 Prozent die größte Altersgruppe unter den erwachsenen Taufbewerbern. Hinzu kam, dass die Zahl jugendlicher Katechumenen binnen eines Jahres um zehn Prozent anstieg. Und die Entwicklung bezieht sich nicht nur auf Großstädte, wie Paris. Am heutigen Sonntag wurden in der Kathedrale in Bayeux - im Beisein des Autors - junge Menschen durch Bischof Jacques Habert gefirmt. 2025 und 2026 waren dies allein im Dekanat Bessin in der Normandie 106 Firmlinge.
Auch wenn in Frankreich – wie in vielen europäischen Ländern – ein langfristiger Rückgang der Kindertaufen und der traditionellen kirchlichen Bindungen zu verzeichnen ist, gibt es insbeson-dere in Frankreich einen Gegentrend. Eine kleine, aber steigende, Zahl junger Menschen ent-scheidet sich bewusst für den Glauben, für die Taufe oder die Firmung und damit auch die katholische Kirche.
Die Gründe sind nach einer Befragung der französischen Bischofskonferenz unterschiedlich, aber die verbindenden Aussagen waren: Sinn, Gebet, Gemeinschaft und eine Hoffnung, die auch in Krisenzeiten trägt. Interessant: Elf Prozent geben an, den Anstoß durch christliche Influencer:innen bekommen zu haben. Diese Zahl ist zwar geringer, als in der großen medialen Berichterstattung darüber zu erwarten gewesen wäre, aber eine interessante Entwicklung. Denn neben Frankreich und Italien ist auch in Deutschland eine wachsende Anzahl christlicher Influencer:innen zu verzeichnen, teilweise mit, aber oft auch ohne Auftrag oder Anbindung an die Amtskirche. Und diese gehen neue Wege in der Glaubenskommunikation (z. B. bei TikTok).
Blick auf Deutschland: Chancen und Herausforderungen
In Deutschland gibt es zwei Entwicklungen: Einerseits sank bei der letzten Shell-Jugendstudie 2024 die Zahl der katholischen Jugendlichen, die an Gott glauben, von 51 auf 38 Prozent. Zugleich belegte die sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, dass Kirchenbindung und Religiosität gerade in den jungen Generationen abnehmen. Andererseits steigt auch in Deutschland die Zahl der Taufen, und dies ist ein Zeichen für eine bewusste Entscheidung auch junger Katholik:innen, die wie in Frankreich, der Säkularisierung der Gesellschaft entgegensteht.
Aber vielmehr als die Zahlen macht – aus Sicht des Autors – eine andere Entwicklung Hoffnung: Das vielfältige Engagement junger Menschen in den Jugendverbänden, bei Initiativen und bei Projekten, wie der „72‑Stunden“-Aktion des BDKJ (die 2027 eine neue Auflage erhalten wird). In den demokratisch verfassten Jugendverbänden organisieren sich allein im BDKJ rund 660.000 junge Menschen. Sie wollen die katholische Kirche mit- und umgestalten, stoßen dabei auch immer wieder an die Grenzen aufgrund mangelnder Mitbestimmungsmöglichkeiten. Die Überalterung vieler kirchlicher Gremien führt dazu, dass die Interessen junger Menschen dort oft nicht ausreichend gehört oder berücksichtigt werden, wie der Autor aus eigener Erfahrung in Gemeinderäten, in Pfarrgemeinderäten und insbesondere auch in Kirchenvorständen bereits erlebt hat.
Dabei könnte die katholische Kirche gerade von den engagierten jungen Katholik:innen profitieren, die sich trotz der Krise der katholischen Kirche bewusst für den Glauben und für diese Kirche entscheiden. Dies steht der Entwicklung, nach der der Glaube bei jungen Generationen an Bedeutung verliert (Shell-Jugendstudie), mutmachend entgegen. Und dies ganz ohne Masterplan der Kirchenleitungen „von oben“, sondern individuell oder in Gruppen „von unten“.
Keine Renaissance der Religion, aber ein Mutmacher
Die Entwicklungen in Deutschland und Frankreich sind verschieden, aber laufen dennoch auf die gleiche Erkenntnis hinaus: Junge Menschen entscheiden sich bewusst – entgegen allen Trends und Statistiken – für eine Mitgliedschaft in der katholischen Kirche. Dies ist keine Renaissance der Religion, aber ein Mutmacher.
Aber dies bedingt, dass die Kirche den jungen Menschen eine echte Chance gibt, diese zu ihrer „Heimat“ zu machen. In den Kirchen sollten junge Menschen genauer zugehört und diese vor allem verbindlich an Entscheidungen beteiligt werden. Junge Menschen merken schnell, ob sie nur als „Feigenblatt“ beteiligt sind oder ob ihnen Entscheidungen und Verantwortung übertragen werden (Beteiligung wird zum Beispiel bei den Georgspfadfindern bereits ab den Kinderstufen nicht nur gelehrt, sondern auch bei Abstimmungen praktiziert). Ganz im Sinne von Papst Franziskus, der forderte, dass junge Menschen „in den Dialog, die Planung und die Entscheidungen“ in der katholischen Kirche einbezogen werden sollen. Also echte Beteiligung, ohne Ausnahmen. Dies ist auch der Kern einer „synodalen Kirche“, wie sie Papst Franziskus und Papst Leo XIV. einfordern: eine Gemeinschaft aller Getauften, die gemeinsam die Kirche von morgen gestalten.
Fazit: Die Entwicklung in Frankreich zeigt: Auch in einer säkularisierten Gesellschaft kann Glauben jungen Menschen eine Heimat bieten. Denn junge Menschen klopfen an die Kirchentüren. Entscheidend ist dabei, ob sie dort nicht nur kirchliche Lehren, sondern auch Antworten auf Lebensfragen erhalten, eine Stimme bekommen und schlussendlich eine Heimat finden können, die trotz des Wandels bestehen bleibt und sich dennoch immer wieder verändert. Wir Erwachsenen sollten es nur nicht „vermasseln“ und ihnen nicht nur die Türen öffnen, sondern auch die Schlüssel für die Kirche(n) übergeben. „Denn nichts ist so beständig, wie der Wandel“ (Heraklit).
Christian Schnaubelt (Chefredakteur und Herausgeber von kath.de)