Zeit für (verbale) Abrüstung

Nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft waren die Schlagzeilen groß: „Desaster“, „verheerend“, „Schande“ oder „Untergang“ war zu lesen. Die Skandalisierung der Medien schreitet voran und auf die Konsument:innen strömt ein immer lauter werdender Nachrichtenstrom ein. Dabei hatte Papst Leo XIV. – als Gegenpol – zu einer „Entwaffnung“ der Kommunikation aufgerufen.

„Wir brauchen keine laute, gewaltsame Kommunikation – wir brauchen eine Kommunikation, die zuhören kann und die Stimmen der Schwachen, die keine Stimme haben, hörbar macht. Entwaffnen wir die Worte, und wir werden dazu beitragen, die Welt zu entwaffnen. Eine entwaffnete und entwaffnende Kommunikation ermöglicht es uns, eine andere Sicht auf die Welt zu teilen und in einer Weise zu handeln, die unserer Menschenwürde entspricht.“

Mit diesen Worten gegenüber Medienschaffenden im Vatikan griff Papst Leo XIV. das Anliegen seines Vorgängers – eine „verbale Abrüstung“ der Medien – ebenfalls auf.

Denn Papst Franziskus hatte bereits 2024, bei einer Audienz für katholische Journalist:innen der GKP (an der auch (www.kath.de teilgenommen hatte) einen Appell dazu abgegeben sowie alle Medienschaffenden dazu aufgefordert, „Brücken zu bauen, anstatt Gegensätze zu verstärken“ (https://www.kath.de/kommentar/2024-01-06-kirche-braucht-unabhaengige-medien-die-bruecken-bauen-aber-sich-trauen-auch-mal-gegen-den-strom-zu-schwimmen).

Diese „Brückenbauer“-Funktion der Medien bekräftigte Papst Franziskus auch beim „Jubiläum der Medien“ zum Heiligen Jahr 2025 vor 10.000 Journalist:innen in Rom, darunter auch www.kath.de (https://www.kath.de/kommentar/2025-02-02-kommunikation-kann-bruecken-bauen-zwischen-menschen-und-zwischen-menschen-und-maschinen), sowie ebenfalls in seiner „Botschaft zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel 2025“ (https://www.kath.de/kommentar/2025-09-16-100-tage-papst-leo-pontifikat-mit-neuen-themen-und-toenen). Seit dieser Botschaft von September 2025 hat sich die Skandalisierung der Medien – aus Sicht des Autors – noch weiter verschärft.

Zumal viele Medien oft (selbst ernannte) Expert:innen und Politiker:innen zitieren, denen es mehr auf kurzfristige Aufmerksamkeit als auf die Erläuterung der (oft komplexen) Probleme ankommt (https://www.kath.de/kommentar/2026-06-09-wahrheit-oder-meine-wahrheit). Verschärft wird die Problematik dadurch, dass Politiker:innen ebenfalls verbal aufrüsten. Auch gegenüber den Kirchen (https://www.kath.de/kommentar/2025-04-19-die-politik-braucht-die-stimme-der-kirchen).

„Wir müssen ‚Nein‘ sagen zum Krieg der Worte und Bilder, wir müssen das Paradigma des Krieges ablehnen!“ (Papst Leo XIV.)

Zurück zum aktuellen Papst Leo XIV. Anstelle eines „Krieges der Bilder und Worte“, der durch Künstliche Intelligenz (KI) noch verschärft wird, sollen Medienschaffende „verbale Abrüstung“ betreiben, so seine Forderung. In seiner an Pfingsten 2026 erschienene Enzyklika „Magnifica Humanitas“ (https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html) richtet der Pontifex dazu einen direkten Appell an alle Medienschaffende.

Skandalisierung bereits im Lokaljournalismus

Wenn wir den Bogen aus der Kirche in die Politik und Gesellschaft schlagen, wird zudem deutlich, dass die Skandalisierung und das Clickbaiting der Medien – die bereits im Lokaljournalismus beginnen – auch Probleme in der Demokratie entstehen können.

Denn wenn aus jeder Entscheidung von Politik und Verwaltung ein „Skandal“ gemacht oder einzelne Meinungen von Bürger:innen „hochstilisiert“ werden, erhöht dies vielleicht die Klickzahlen oder die Auflage, hat aber langfristig negative Folgen. Denn das Vertrauen in die Lösungsfähigkeiten von Politik und Verwaltung wird dadurch geschwächt. Bürger:innen bekommen das Gefühl, dass sie „ohnehin nichts ändern können“, und treten daher gar nicht erst in den – jederzeit möglichen – politischen Diskurs ein, der für eine funktionierende Demokratie allerdings unabdingbar ist. Politiker:innen aller demokratischer Parteien müssen sich der Herausforderung immer komplexerer Prozesse stellen und ihr Handeln besser begründen und verständlicher kommunizieren.

Medien als wichtiger Baustein für die Demokratie

Fazit: Skandalisierung, Clickbaiting und Deepfakes tragen dazu bei, dass das Vertrauen in die Medien sinkt und sich das Gap zwischen Vertrauen und Skepsis gegenüber Journalist:innen weiter ausbreiten könnte. Jüngste Studien zeigen, dass es zwar keinen Absturz in der Glaubwürdigkeit von Medien gibt, allerdings eine „Vertrauenslücke“ (More in Common) entsteht: Knapp neun von zehn Personen halten unabhängige Medien für wichtig, aber nur etwa jede zweite Person erlebt Journalist:innen als „unabhängig“. Die Idee unabhängiger Medien bleibt akzeptiert, die Umsetzung wird aber kritisiert.

Daher ist es – auch aus Sicht von kath.de und seines herausgebenden Vereins publicatio – wichtig, dass unabhängige Medien und der journalistische Nachwuchs stärker gefördert werden. Dazu könnte beitragen, dass die Förderung des Journalismus im Vereinsrecht als Grund für die Anerkennung der Gemeinnützigkeit steuerlich anerkannt wird.

Denn die Freiheit und Unabhängigkeit der Medien sind wichtige Bausteine für die Demokratie. Und diese ist akut – wie kaum zuvor – in Bedrängnis. Auch in Deutschland.

Christian Schnaubelt (Chefredakteur und Herausgeber von kath.de)