Gott des Lebens, nicht der Angst

Es gibt Nachrichten, die eine Bitterkeit in sich tragen, die einen verstummen lassen. In der Kirche Nuestra Señora del Perpetuo Socorro in Chile sprach der Priester Patricio Alfredo Sánchez Molinari in seiner Predigt über die Vergänglichkeit des irdischen Daseins. Der Geistliche erinnerte die Gemeinde daran, dass jeder Mensch eines Tages sterben wird – und nichts mehr zählt als die Zeit, die Gott schenkt. Nur kurz danach löste sich das große Kruzifix über dem Altar, stürzte herab und erschlug den Geistlichen.

Es ist eine Ironie: Ausgerechnet das Zeichen der Erlösung, das Fundament des christlichen Glaubens, brachte in einer Kirche den Tod. Doch die eigentliche Gefahr dieser Tragödie liegt nicht im Versagen eines Hakens oder in mürbem Mauerwerk. Sie liegt in dem, was die Menschen aus einem solchen tragischen Moment machen.

Gerade in vielen Regionen Südamerikas ist der Glaube kein Sonntagsbrauch, sondern fester Bestandteil des Alltags. Er ist existenzieller Anker und dient dabei auch als Schutzwall gegen soziale Härte, Armut und Ungerechtigkeit. Die Menschen klammern sich an Gott, wie man sie im Westen kaum (noch) kennt. Doch diese tiefe Volksfrömmigkeit besitzt eine verletzliche Flanke: den Drang, jedes unfassbare Ereignis sofort mit göttlichem Willen aufzuladen und zu überhöhen.

Das zeitliche Aufeinandertreffen zwischen Molinaris Predigtworten und seinem plötzlichen Tod wirkt wie maßgeschneidert für eine Fehlinterpretation. Wer in der Predigt eine dunkle Vorahnung und im herabstürzenden Kreuz ein übernatürliches „Zeichen Gottes“ sehen will, hat die Argumente scheinbar auf seiner Seite. Doch der Unterschied zwischen dem Glauben und dem Aberglauben ist nur klein und verwischt schnell.

Wer diesen Unfall zum göttlichen Omen umdeutet, der oder die liegt falsch. Ein Gott, der seinen eigenen Diener im Altarraum tötet, um ein Exempel zu statuieren, ist kein barmherziger Gott. Er degeneriert in den Köpfen der Menschen zu einer unberechenbaren Schicksalsmacht, die man fürchten, beschwören oder meiden muss – aber niemals lieben kann. Die Folgen wären Lähmung, Angst, das Abdriften in Fatalismus oder schlicht der Verlust des Gottvertrauens. Es würde den Menschen genau das rauben, was ihnen im Alltag Halt gibt: die befreiende Zusage der Bibel: „Seid mutig und stark! Habt keine Angst … Der Herr, euer Gott, geht mit euch. Er hält immer zu euch und lässt euch nicht im Stich!“ (5. Mose 31,6).

Als christliche Gemeinschaft sollten wir der Versuchung solcher Mystifizierungen entgegentreten. Es ist die Pflicht der Seelsorgerinnen und Seelsorger, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und sie auch laut auszusprechen: Dies war ein tragischer Unfall, der weltliche Ursachen hatte, und kein himmlisches Strafgericht oder göttliches Zeichen.

Dass Pater Patricio kurz zuvor über den Tod predigte, bezeugt seinen Glauben, der auf die Ewigkeit ausgerichtet war. Jesus Christus hat sich kreuzigen lassen, um die Last der Welt zu tragen und dem Menschen Erlösung zu verschaffen. Wer das Kreuz stattdessen zur Waffe Gottes verklärt, tötet den Kern des christlichen Glaubens. Die wahre christliche Antwort auf den Tod von Pater Alfredo Sánchez Molinari ist Trauer, das Gebet für den Verstorbenen und seine Angehörigen sowie das Festhalten an einem Gott des Lebens.

Sebastian Sendlak – freier Journalist