Zwischen Zuckerwatte und Weihrauch

Nervenkitzel im Riesenrad, der Duft von gebrannten Mandeln, dröhnende Musik und blinkende Lichterketten: Für die meisten Menschen ist die Kirmes ein Sinnbild purer, weltlicher Unterhaltungskultur. Ein Ort des Konsums und der Zerstreuung. Doch wer den Blick hinter die bunten Fassaden der Fahrgeschäfte richtet, stößt auf ein überraschendes Phänomen: Ausgerechnet dort, wo man es am wenigsten vermutet, schlägt das Herz kirchlicher Tradition oft kräftiger und lebendiger als in manch entleerter Pfarrkirche. Aber: Wie viel Kirchweih steckt noch in der Kirmes?

Spurensuche im Sprachschatz

Die Entfremdung vieler Menschen von christlichen Symbolen ist ein Dauerthema in der Soziologie und Theologie. Doch die Sprachgeschichte straft die vermeintliche Säkularisierung des Volksfestes Lügen. Denn was heute als Megaspektakel daherkommt, trägt seinen Ursprung unübersehbar im Namen: Die „Kirmes“ ist sprachhistorisch nichts an-deres als die „Kirch-Mess“ – der Gottesdienst zur jährlichen Wiederkehr der Weihe eines Gotteshauses. Im süddeutschen Raum hat sich die „Kirchweih“ (oder „Kirwa“) diesen Bezug sogar lautmalerisch bewahrt.

Selbst die größten und modernsten Hightech-Volksfeste Deutschlands offenbaren bei genauerem Hinsehen ihre sakralen Wurzeln. Die gigantische Cranger Kirmes im Ruhrgebiet geht auf die Laurentius-Kirmes zurück – gestiftet einst vom Ritter von Eickel zu Ehren der dortigen Kirche. In Stuttgart feiert der Cannstatter Wasen im Kern ein Dankfest nach verheerender Hungersnot, gestiftet von König Wilhelm I. – heute bekannt als „Erntedankfest“. Und in Münster heißt das dreimal im Jahr stattfindende Volksfest schlicht „Send“ – die mittelniederdeutsche Kurzform für Synode, die einst mit der kirchlichen Gerichtsbarkeit und dem dazugehörigen Markttreiben verknüpft war. Bis heute kündet das Send-Schwert am Rathaus von diesem historischen Marktfrieden und der einzuhaltenden Ordnung.

Tradition als Anker im Schaustellergewerbe

Dass diese Wurzeln nicht zu verstaubten Archivakten verkommen sind, ist hauptsächlich einer Berufsgruppe zu verdanken: den Schaustellerinnen und Schaustellern. Wie Albert Ritter, Präsident der Europäischen Schausteller-Union (ESU) und des Deutschen Schaustellerbundes (DSB), betont, ist das Bewusstsein für diesen Ursprung in seiner Branche tief verankert – vielleicht stärker als in fast jedem anderen gesellschaftlichen Bereich.

„Die Wurzeln sind eng mit uns verbunden“, erklärt Ritter. Das zeigt sich nicht nur in der Kalenderstruktur, die sich lückenlos entlang von Paschafest, Pfingsten, Fronleichnam und Allerheiligen schmiegt, sondern auch im gelebten Alltag. Ob bei der katholischen und evangelischen Schaustellerseelsorge, Gottesdiensten im Autoscooter oder der traditionellen Segnung neuer Fahrgeschäfte: Bevor ein Multi-Millionen-Euro-Karussell an den Start geht und Menschen in schwindelerregende Höhen befördert, bitten Schaustel-lerfamilien um den göttlichen Segen – für Schutz, Bewahrung und unfallfreie Fahrt.

Kulturerbe und Seelsorge auf Augenhöhe

Diese Kontinuität über 1.200 Jahre hinweg (man denke an Traditionsfeste wie das Libori-Fest in Paderborn oder das Lullusfest in Bad Hersfeld) war auch ein entscheidendes Argument, als die Deutsche UNESCO-Kommission in diesem Jahr das Kirmeswesen als immaterielles Kulturerbe anerkannte – ein Verfahren, das ausdrücklich auch von der Deutschen Bischofskonferenz unterstützt wurde. Die Kirmes ist eben nicht nur Konsummeile, sondern ein sozialer und kultureller Schutzraum, der Generationen verbindet.

In einer Zeit, in der die „Amtskirche“ oft mühsam nach neuen Wegen sucht, um mit den Menschen in Kontakt zu treten, zeigt die Schaustellerseelsorge exemplarisch, wie eine „an die Ränder gehende Kirche“ (im Sinne von Papst Franziskus) funktionieren kann. Wenn die Menschen nicht mehr in die Kirchengebäude strömen, kommt die Kirche auf den Festplatz. Sie begleitet Familien in ihren mobilen Lebenswelten, feiert Taufen, Trauungen und Erstkommunionen zwischen Wohnwagen und Bude.

Ein Lehrstück für die moderne Pastoral?

Was kann die Kirche von der Kirmes lernen? Vor allem zweierlei: Niedrigschwelligkeit und Freude. Die Kirmes war historisch immer ein Ort, an dem Standesunterschiede für wenige Tage aufgehoben wurden. Der Tagelöhner fuhr auf demselben Karussell wie ein Ratsherr. Das Fest bot einen Auszeit-Raum vom oft harten Alltag – ein Motiv, das bis heute trägt.

Wenn Papst Franziskus den Schaustellern attestierte, sie brächten „Licht in das Dunkel der Welt“, und Papst Benedikt XVI. ihre Arbeit als „Gottesdienst am Volke“ würdigte, dann berührt das den eigentlichen Kern der christlichen Botschaft. Hoffnung spenden, Gemeinschaft stiften, Freude schenken – das sind keine weltlichen Abfallprodukte, sondern zutiefst evangelische Aufgaben.

Die Kirmes erinnert uns daran, dass der Glaube seine Strahlkraft dort entfaltet, wo er mitten im Leben steht. Zwischen dem Duft von Zuckerwatte und dem Läuten der Kassenhäuschen liegt ein Stück gelebte Volksfrömmigkeit, das Respekt verdient. Wer wissen will, wie Tradition ohne Verkrustung und Gemeinschaft ohne Ausgrenzung gelingen kann, sollte auf dem nächsten Volksfest einmal genauer hinsehen. Die Kirch-Mess lebt – man muss nur hinriechen und hinhören.

Sebastian Sendlak - freier Journalist aus Bochum