In der letzten Woche beschäftigte sich die Deutsche Bischofskonferenz im Rahmen ihrer Herbst-Vollversammlung in Fulda bei einem Studientag mit dem Thema Künstliche Intelligenz und der Enzyklika „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV. Dabei wurde deutlich: „KI wird die Kirche verändern“ (Bischof Heiner Wilmer), ob sie will oder nicht. Denn sie ist bereits mittendrin.
„Verantwortung darf nicht an eine Maschine delegiert werden“ (+Wilmer)
In der Pressekonferenz zum Studientag betonte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz: „KI wird die Kirche verändern“ und erinnerte zugleich daran, dass „Verantwortung nicht an eine Maschine delegiert werden darf“. Das entspricht der Ansicht der Note „Antiqua et nova“, die der Vatikan am 28. Januar 2025 herausgegeben und die Papst Leo XIV. in seiner viel beachteten Enzyklika „Magnifica Humanitas“ am 15. Mai 2026 weitergeführt hat (beide Schriften 243/247 können über die Deutsche Bischofskonferenz in deutscher Sprache bezogen werden).
Für die katholische Kirche bleibt der Mensch der zentrale Akteur, der rechtlich und moralisch für das Handeln der KI verantwortlich ist, nicht die Maschine. Dabei zeigten sich weder die Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz noch Papst Leo technologiefeindlich. Es geht nicht um die Frage des Ob, sondern des Wie und speziell um die Frage, wie künstliche Intelligenz die Seelsorge unterstützen kann. Denn schon jetzt stellen Menschen bereits religiöse und ethische Fragen an Chatbots und die DBK möchte sich daher dafür einsetzen, dass die Inhalte der Kirchen auch in den Ergebnissen der Chatbots vorkommen. Doch dies bedeutet auch, dass sich die Kirchen auf die vorherrschenden KI-Dienstleister, die sie aber auch kritisieren, einlassen müssen. Ähnlich wie Verlage vor der Frage stehen, ob sie KI-Diensten Zugang zu ihren Werken „verkaufen“ sollen (damit sie mehr Menschen erreichen) oder alternativ vor KI-Zugriff schützen sollten?
Dabei wäre eine Technikfeindlichkeit für die katholische Kirche ebenso verfehlt wie Fort-schrittsgläubigkeit. Bischof Dr. Heiner Wilmer verweist darauf, dass die Kirche „weder Technik-angst verbreiten noch einem naiven Fortschrittsglauben folgen“ dürfe. Papst Leo XIV. bezeichnet KI als Werkzeug und misst ihre Chancen und Risiken an der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen zu, zu der aber auch alle Menschen einen Zugang haben sollten. Auch Minderjährige?
Social-Media- und KI‑Verbot für Minderjährige – eine Lösung?
Auf die schriftlich eingereichte Frage von kath.de, ob die Deutsche Bischofskonferenz ein derzeit in Deutschland und der EU viel diskutiertes Social-Media- und KI‑Verbot für Minderjährige unterstützen würde, sagte Erzbischof Dr. Udo Bentz in der Pressekonferenz am 30. September in Fulda: „Bis jetzt gibt es dazu meines Wissens nach erste Überlegungen, aber noch keine Ver-einbarung darauf.“ Der Vorsitzende der Kommission Justicia ex Pax kündigte an, dass sich die neu konstituierte Kommission für gesellschaftliche und karitative Fragen der Bischofskonferenz dem Thema annehmen werde. Seine Haltung zur Frage drückte Bentz wie folgt aus:
„Wie gelingt es uns, eine gute Abwägung hinzubekommen zwischen dem Schutz von Kindern und Jugendlichen, dem notwendigen Schutz, und der Befähigung des Hinfindens auch zu einem kompetent-kritischen Umgang?“
Demnach unterstützt Erzbischof Bentz den Schutzgedanken für Minderjährige, vermeidet aber eine konkrete Verbotsforderung. Er setzt vorerst auf eine sorgfältige Abwägung von Zugangsbeschränkung und Kompetenzvermittlung und betont zudem, dass die Frage ressortübergreifend behandelt werden müsse, weil sie sowohl den Jugend- und Medienschutz als auch den kirchli-chen Bildungsauftrag betreffe.
Algorithmen glauben nicht und verändern doch die katholische Kirche
Künstliche Intelligenz wird die katholische Kirche verändern. Nicht, weil Algorithmen glauben, hoffen oder lieben könnten. Sondern weil KI längst jene Räume umgestaltet, in denen Kirche lebt. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die Kirche sich auf diese Technik einlässt. Das tut sie bereits vielerorts, auch ohne verbindliche Guidelines der Bischofskonferenz.
Die spannendere Frage lautet: Lässt sie sich von ihr treiben – oder gestaltet sie den Wandel aus dem christlichen Menschenbild und der katholischen Soziallehre heraus, wie Papst Leo in „Magnifica Humanitas“ fordert?
Mit dem Studientag hat die Deutsche Bischofskonferenz einen ersten Schritt getan, um diese Frage zu beantworten. Die Aussagen des Vorsitzenden Bischofs Dr. Heiner Wilmer und von Erzbischof Dr. Udo Bentz machen deutlich: Die DBK ist noch ganz am Anfang, will aber bewusst keine schnellen Schlussfolgerungen (Stichwort: Social-Media- bzw. KI‑Verbot für Minderjährige) ziehen.
„Der Maßstab ist nicht, was technisch möglich ist. Der Maßstab ist, was dem Menschen dient.“(+Wilmer)
„Der Maßstab ist nicht, was technisch möglich ist. Der Maßstab ist, was dem Menschen dient“, sagte Bischof Dr. Heiner Wilmer. Und ist dabei ganz auf der Linie von Papst Leo XIV. Auch dieser hält sich – bisher – noch mit konkreten Forderungen nach Zugangsbeschränkungen zu KI zurück. Aber der Heilige Vater ist ein Antreiber, da er das Thema Künstliche Intelligenz zu einem Schwerpunktthema seines Pontifikats erhoben hat. Und das hilft auch den nationalen Bischofs-konferenzen, dem Thema mehr Bedeutung zukommen zu lassen.
Fazit: KI wird die Kirche verändern, ob sie will oder nicht. Besser wäre es, sie gestaltet den KI-Umbruch aktiv mit. Denn gerade die Kirchen können mit sozialen, ethischen und moralischen Fragen dazu beitragen, dass KI allen Menschen dient und nicht nur Eliten oder Konzernen. Denn der freie Zugang zu KI ist letztendlich auch die Teilhabe- und Gerechtigkeitsfrage der Zukunft.
KI ist dabei kein Heilsbringer, aber ein Chancenbringer. Diesen sollte die Kirche nutzen!
Linktipp: Weitere Berichte von der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz gibt es auch in unserem Partnerportal www.explizit.net.
Christian Schnaubelt (Chefredakteur und Herausgeber von kath.de)