Geduld ist eine Tugend

In dieser Woche kam die Nachricht, dass die erste Sitzung des „Synodalen Ausschusses“ im November abgesagt wird, da noch keine „recognitio“ aus Rom vorliegt. Von Mitgliedern der bisherigen Synodalversammlung und Verbänden wird dies als Rückschritt angesehen. (Kirchen‑) Reformen sind aktuell dringender, denn je. Doch kann manchmal auch die Tugend der Geduld der bessere Weg bei Verhandlungen mit dem Vatikan sein?

Der Ausspruch „Geduld ist eine Tugend“ wird dem Gedicht „Piers Plowman“ des Dichters William Langland und dem Jahr 1360 zugeschrieben. Aber es finden sich bereits in der Bibel einige Beispiele, in denen Geduld als positive Eigenschaft beschrieben wird. Trotzdem stellt diese Tugend – auch für den Autor – eine echte Herausforderung dar.

Im Angesicht der dringend benötigten (Kirchen‑)Reformen ist die Ungeduld der Reform-befürworter:innen und insbesondere der „jungen Synodalen“ gut nachvollziehbar. Nach (Bistums‑) Reformprozessen in den letzten 20 Jahren wird eine Tendenz deutlich: Da Systeme den Drang zur Selbsterhaltung haben (wie bereits Luhmann sagte), verpuffen Reformbeschlüsse, wenn sie nicht zeitnah in die Umsetzungsphase überführt werden.

In der Persönlichkeitsentwicklung sagen Psycholog:innen, dass, wenn Beschlüsse zu Veränderungen nicht innerhalb von 72 Stunden – zumindest mit einem kleinen Schritt – angegangen werden, bleiben diese oft auf der Strecke. Bei Reformprozessen von Organisationen wird von einer Zeitspanne von sechs bis zwölf Monaten gesprochen, bis Change-Prozesse implementiert wurden.

In der (kath.) Kirche bzw. Kurie ist dies eine kurze Zeit. Nicht nur aufgrund der zeitaufwendigen Beratungs- und Entscheidungsprozesse, sondern auch weil in vielen Organisationen eine Ablehnung gegen Reformen besteht. Das ist aber auch außerhalb der Vatikanmauern weitverbreitet. Denn nach Studien sind nur ca. 17 Prozent der Menschen Reformer:innen, die Mehrheit gehört zu den Bewahrer:innen. Und diese benötigen Zeit.

Ein „Nein“ fällt schnell, ein „Ja“ benötigt eine längere Zeit

Zudem kommt oft auch noch ein psychologischer Effekt zum Tragen: Die menschliche Psyche ist schneller in der Lage, ein „Nein“ zu formulieren als ein „Ja“. Eine Zustimmung benötigt oftmals mehr Zeit. Das sprichwörtliche „eine Nacht darüber schlafen“ passiert bei vielen Menschen nicht, wenn sie eigentlich schon ein „Nein“ im Hinterkopf haben.

Schlagen wir den Bogen zurück zur katholischen Kirche und dem Reformprozess „Synodaler Weg“ in Deutschland. Die Kurie ist – stärker unter Papst Leo XIV. als unter Papst Franziskus – bemüht, verschiedene Meinungen zu einem Thema anzuhören, „damit keine Stimme ausgeschlossen wird“. Papst Leo sagte zudem, dass er erwarte, „dass es auf beiden Seiten in Deutschland einige Anpassungen geben wird“. Dies klingt nicht danach, dass das Projekt „synodale Kirche“ in Deutschland ganz gestoppt werden soll.

So sieht es auch DBK-Vorsitzender Bischof Heiner Wilmer. Gegenüber „kirche + leben“ aus Münster: „Die Satzung ist in Rom in Bearbeitung. Von den Verantwortlichen dort weiß ich, dass es noch etwas Zeit braucht. Ich bin zuversichtlich, dass wir da weiterkommen.“ Diese Zuversicht ist nicht unbegründet, da die Deutsche Bischofskonferenz – insbesondere über Bischof Franz-Josef Overbeck aus Essen – bereits intensive Dialoge mit dem Vatikan über die Satzung des zukünftigen „Synodalen Ausschusses“ geführt hat. Wer so viel Zeit und Energie in die Ausarbeitung legt, will eigentlich kein Scheitern des Prozesses. Gleichzeitig brauchen die Beratungen im Vatikan ihre Zeit.

Papst Leo XIV. gilt als schneller Entscheider in Personalfragen, aber in kirchenrechtlichen Fragen sieht dies anders aus. Das Ergebnis kann dadurch besser werden, allerdings benötigt es – vornehmlich im Umgang mit der römischen Kurie – viel Geduld.

Wie beim Puzzeln: Geduldsprobe für (Kirchen‑) Reformen

Fazit: Daher wird das Warten auf die „recognitio“-Entscheidung aus Rom zu einer Geduldsprobe für (Kirchen‑) Reformen, nicht nur in Deutschland. Denn in einigen nationalen Bischofskonferenzen wird sehr genau geschaut, wie der Vatikan mit den Reformen in Deutschland umgeht. Genau dies macht den Entscheidungsweg im Vatikan auch schwieriger, da Formulierungen gefunden werden müssen, die nicht nur in Deutschland passen. Daher wird sich – hoffentlich – das Warten lohnen, auch wenn es mühsam ist. Wie beim Puzzeln.

Aber die Zeit des Wartens sollte nicht ungenutzt bleiben. In deutschen (Erz‑) Bistümern sind synodale Prozesse angestoßen worden. Hier gilt es, auf echte Beteiligung, anstatt bloßer Beratung zu setzen. Zudem sind noch einige „Beschlüsse“ aus den Synodalversammlungen, zu denen keine Zustimmung aus Rom benötigt wird, noch nicht oder nur teilweise in den deutschen Diözesen umgesetzt. Es gibt also auch dort genug zu tun.

Die Zeit für Reformen ist da. Dass bei Reformen aber auch Geduld eine Tugend sein kann, daran erinnert bzw. mahnt uns Ungeduldige auch die Bibel in Galater 6,9:

„Lasst uns nicht müde werden, Gutes zu tun; denn zur rechten Zeit werden wir auch ern-ten, wenn wir nicht nachlassen.“

Christian Schnaubelt - Chefredakteur und Herausgeber von kath.de