Digitaler K(r)ampf im Klassenzimmer

Gemeinsam mit der Designagentur studiogusto und dem Tech-Konzern Microsoft hat die Dombaubauhütte ein Projekt vorgestellt: Unter dem Namen „Michelangelus“ zieht die Handschrift des Renaissance-Künstlers Michelangelo Buonarrotti kostenfrei in das Programmpaket Microsoft 365 ein. Aus über 500 Glyphen, die aus persönlichen Briefen, Notizen und den Proportionsmustern von Michelangelos architektonischen Werken gebildet werden, ist das historische Erbe des Künstlers in eine funktionale Typografie übersetzt worden. Was kulturell als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart gedacht ist, entpuppt sich beim Blick in deutsche Klassenzimmer als bittere Ironie.

Wir konservieren die Handschrift eines alten Meisters digital genau in dem Moment, in dem die junge Generation im echten Leben verlernt, selbst mit der Hand zu schreiben und komplexe Schriften überhaupt lesen zu können.

Verkommt die neue Schrift zu einer kaumleserlichen Schmuckschrift?

In der Gestaltungspraxis sind digitale Schriften ohnehin schon längst ein Nischenprodukt. Am Bildschirm dominieren Serifenschriften und serifenlose Varianten, die auf eine schnelle Lesbarkeit optimiert sind. Eine Typografie wie „Michelangelus“ verkommt im modernen Design zwangsläufig zu einer reinen Schmuckschrift, mit der sich allenfalls noch dekorative Akzente setzen lassen. Doch selbst der ästhetische Mehrwert läuft ins Leere, wenn den Betrachtern das Fundament fehlt, um selbst noch so ein Schriftbild entziffern zu können. Wer heute heranwächst, hat kaum noch Berührungspunkte mit verbundenen Buchstaben.

Die Ursache dafür liegt in einer schleichenden Entwöhnung, die bereits in der Grundschule beginnt. In Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen oder Bayern ist das Erlernen der verbundenen Schreibschrift laut Lehrplan nicht mehr zwingend erforderlich. Stattdessen lernen Kinder die sogenannte „Grundschrift“, also einfache Druckbuchstaben. Zwar sollen die Schüler im weiteren Verlauf lernen, wie die einzelnen Buchstaben miteinander verbunden werden, aber die Praxis zeigt ein anderes Bild. Selbst die Qualität der Druckbuchstaben wird von den Lehrern bemängelt. Sie haben immer häufiger Probleme, die Handschrift der Schüler zu lesen.

Verlust der Fähigkeit, selbst zu schreiben

Wie dramatisch dieser Verlust ist, belegt eine gemeinsame Studie des Verbands Bildung und Erziehung und des Schreibmotorik Institutes aus dem Zeitraum September 2018 bis Januar 2019. Die Studie zeigt deutlich, dass die Fähigkeit des händischen Schreibens bei Kindern massiv abgenommen hat. Als Haupttreiber gilt die vorantreibende Digitalisierung im Alltag. Kinder und Jugendliche sind es gewohnt, auf dem Smartphone, dem Tablet oder an der Computertastatur zu tippen und zu wischen. Greifen sie im Unterricht zum Stift, folgen schnell die körperlichen Konsequenzen dieser mangelnden Übung. Die Feinmotorik ist so schwach ausgeprägt, dass viele Schüler bereits nach kurzer Zeit über Schmerzen und Krämpfe in den Händen klagen.

Dabei geht mit der Handschrift weit mehr verloren, als nur ein ästhetisches Schriftbild oder eine schmerzfreie Motorik. Das händische Schreiben ist ein unmittelbares Training für das Gehirn. Wer einen Text auf dem Papier verfasst, arbeitet ganz ohne digitale Assistenz, die Rechtschreibfehler und Grammatik automatisch markiert oder Wörter vervollständigt. Der Schreibende muss sich voll auf den aktuellen Gedankengang konzentrieren, Satzbau im Kopf vorausplanen und die korrekte Schreibweise selbstständig abrufen. Dieser Prozess zwingt zu einer viel intensiveren, geistigen Auseinandersetzung mit dem Thema. Durch das Zusammenspiel von Feinmotorik und Konzentration werden Inhalte deutlich besser aufgenommen und verinnerlicht als beim bloßen Abtippen an einem digitalen Endgerät. Der tatsächliche Lerneffekt ist nachweislich mit Stift und Papier höher.

Fazit:

Vor diesem Hintergrund wirkt die Initiative aus Rom fast wie ein Denkmal für eine aussterbende Kulturtechnik. Die allgegenwärtige Verwendung digitaler Endgeräte führt dazu, dass Kinder im Schulalltag keinen Stift mehr flüssig über das Papier führen können. Es ist auch tragisch, dass Microsoft, ein Technologieriese, die kunstvolle Handschrift von Michelangelo auf unsere Bildschirme bringt. Wenn Bildungspolitik und Gesellschaft diesem Trend nicht entgegensteuern, bleibt „Michelangelus“ ein eindrucksvolles Stück digitaler Striche in einer Software. Für kommende Schülergenerationen wird die Schrift jedoch kaum mehr als ein unlesbares Relikt aus vergangenen Tagen, in denen Menschen ihre Gedanken noch mit der eigenen Hand lesbar zu Papier bringen konnten.

Jenny Musall, freie Journalistin