Am 8. Mai 2025 wurde Kardinal Francis Prevost zum neuen Pontifex der römisch-katholischen Kirche gewählt. Als Leo XIV. trat er die Nachfolge des verstorbenen Papstes Franziskus an. Anders als dieser „unvollendete Reformer“ hat Papst Leo im Jahr 1 seines Pontifikats vorrangig versucht, Brücken zu bauen, sowohl innen als auch nach außen.
Papst Leo XIV. hat sein erstes Pontifikatsjahr besonders mit drei Akzenten geprägt:
Frieden („Der Friede sei mit euch allen!“), Einheit („eine geeinte Kirche“) und soziale Verantwortung (Option für die Armen, Lehrschreiben „Dilexi te“).
Seine ersten Auslandsreisen in die Türkei und in den Libanon wurden als Zeichen für Ökumene, interreligiösen Dialog und Frieden verstanden.
Innerkirchlich hat Papst Leo XIV. durch Personalentscheidungen und durch eine sanfte Korrektur der von Papst Franziskus angestoßenen Kurienreform weitere Akzente gesetzt. Diese rütteln nicht an den Entscheidungen seines Vorgängers, sondern „ordnen“ sie neu. Papst Leo setzt – im Gegensatz zu seinem Vorgänger – mehr auf Kompromisse.
Ein „Brückenbauer“ ersetzt einen „unvollendeten Reformer“
Papst Leo XIV. hat im Jahr 1 seines Pontifikats deutlich gemacht, dass er sowohl in zentralen Fragen die Linie seines Vorgängers Papst Franziskus (z. B. Option für die Armen und synodale Kirche) weitergehen will als auch eigene Akzente gesetzt. Dazu gehört vorrangig ein neuer Kommunikations- und Beteiligungsstil. Papst Leos Aussagen sind nicht weniger klar als (z. B. seine Appelle für den Frieden), aber er versucht stärker als Papst Franziskus, Brücken zu bauen – sowohl innen als auch nach außen. Papst Leo hört zu und beteiligt sowohl Lai:innen als auch Kardinäle, hat aber mit großen Entscheidungen bisher (noch) gewartet. Für den 15. Mai wird nun seine erste eigene Enzyklika erwartet. Dieses zum 31. Mai in deutscher Sprache angekündigte Lehrschreiben wird die Themen (z. B. Künstliche Intelligenz) benennen, die Papst Leo in seinem Pontifikat behandeln will.
Dass sowohl seine Befürworter:innen als auch seine Gegner:innen in den Bilanzen zum ersten Jahr seines Pontifikats – das noch stark von den Feierlichkeiten zum „Heiligen Jahr 2025“ in Rom geprägt gewesen war – ungewöhnlich leise oder hoffnungsvolle Töne anschlagen, zeigt, dass die Mission „Brücken bauen“ und „die Polarisierungen nicht noch weiter anheizen“ (O-Ton aus einem Papst-Leo-Interview) erste Früchte trägt. Ob daraus tiefgreifende strukturelle Reformen erwachsen werden, bleibt aber noch offen…
„Alles hat seine Zeit“
„Alles hat seine Zeit“, heißt es in Prediger 3. Nach dem „Einarbeitungsjahr“ ist jetzt an der Zeit, dass Papst Leo „sich freischwimmt“ und die Weichen der Kirche und Kurie (neu) stellt. Papst Franziskus hat viele Türen aufgestoßen (Synodalität) und aufgehalten (Frauendiakonat). Papst Leo XIV. muss nun hindurchgehen. Es werden ihm viele folgen, auch wenn der Weg lang und steinig sein wird. Aber „alles hat seine Zeit“, diese ist jetzt.
Lesetipps zum Erbe von Papst Franziskus und zur Wahl von Papst Leo XIV.: https://www.kath.de/kommentar/2025-04-21-der-unvollendete-reforme https://www.kath.de/kommentar/2025-05-09-papst-leo-xiv-vor-schwieriger-mission
Christian Schnaubelt (Chefredakteur und Herausgeber von kath.de)