Die Arbeitsdebatte erreicht die Kirche nicht

Der Priestermangel ist real – aber er erklärt nicht alles. Während Ehrenamtliche immer mehr Verantwortung übernehmen, werden immer mehr Messen gestrichen. Es ist an der Zeit, das Arbeitspensum von Priestern auf den Prüfstand zu stellen.

Die Diskussion über Arbeitspensum und Leistung bricht in Deutschland nicht ab. Die Wirtschaft schwächelt, von einer Krise in die nächste, die Sozialkassen sind angespannt und immer weniger Beitragszahler finanzieren immer mehr Renten und Sozialleistungen. Der Ruf aus der Politik ist entsprechend deutlich: Wir müssen mehr arbeiten. Ein Blick in die katholische Kirche zeigt allerdings: Dort scheint diese Debatte noch nicht angekommen zu sein. Während überall über Mehrarbeit gesprochen wird, werden überall Messen gestrichen. Gemeinden verlieren ihre regelmäßigen Eucharistiefeiern, Gottesdienstzeiten werden ausgedünnt, pastorale Räume immer größer. Die Begründung ist: Priestermangel. Das ist kein neues Phänomen. Seit Jahrzehnten fehlt der Nachwuchs. Dass Gemeinden zusammengelegt werden und nicht mehr jede Pfarrei einen eigenen Priester haben kann, ist daher nachvollziehbar. Doch die praktische Konsequenz wirkt mitunter erstaunlich schlicht: Wenn Priester fehlen, wird eben weniger gefeiert.

Beruf oder Berufung

Der Arbeitsrahmen für einen Priester ist im kanonischen Recht relativ klar definiert. Pro Werktag wird eine Eucharistiefeier zelebriert, an Sonn- und Feiertagen dürfen mit Erlaubnis auch zwei bis drei Eucharistiefeiern gefeiert werden, wenn es pastoral notwendig ist. Diese Regelung hat ihren Ursprung nicht in arbeitsrechtlichen Überlegungen, sondern in der Liturgie. Es soll verhindert werden, dass die Heilige Messe zu einer Massenabfertigung und die Eucharistie zu einer Routinehandlung wird. Jede Messfeier soll sowohl von Gläubigen als auch vom Zelebranten bewusst, würdig und mit innerer Sammlung begangen werden. Ein verständlicher Gedanke. Nur stammt diese Regel aus den 80er Jahren und berücksichtigt dabei nicht die regionalen Veränderungen der katholischen Kirche oder die Zustände der Ortskirchen. Heute ist es in der katholischen Kirche in Deutschland nicht mehr selbstverständlich, dass jede Gemeinde einen eigenen Priester hat. Heute betreuen viele Geistliche mehrere Gemeinden gleichzeitig, oft über große Entfernungen hinweg. Die Realität hat sich verändert, Gemeinden haben sich verändert, ebenso die Bedürfnisse von Gläubigen. Vielleicht sollte sich dies auch im Kirchenrecht widerspiegeln und nicht mehr universelle Richtlinien für unterschiedliche Gegebenheiten vorschreiben. Neben diesem eingeschränkten Zelebrationspensum für Priester kommen in Deutschland noch der Anspruch auf sechs Wochen Urlaub im Jahr, Exerzitien, Fortbildungen und freie Tage. Natürlich gehört zum priesterlichen Dienst mehr als die Zelebration der Messe: Seelsorge, Verwaltung, Gespräche, Vorbereitungen und Sitzungen. Nur vieles davon übernehmen längst andere.

Ohne Ehrenamt läuft nichts

In zahlreichen pastoralen Räumen werden Taufen, Trauungen, Beisetzungen und Wortgottesdienste längst von Diakonen und Laien gehalten. Natürlich gebührt jedem Arbeitnehmer ein angemessener Anspruch auf Erholungsurlaub, doch der Priesterberuf ist eben nicht vergleichbar mit jeder anderen Tätigkeit. Den Beruf gehen wohl die wenigsten ein, weil die Rahmenbedingungen wie Ehelosigkeit, Zölibat und Wochenendarbeitszeit so attraktiv sind, sondern vielmehr, weil die Menschen, die sich für diesen Weg entscheiden, eine innere Berufung spüren. Die Tätigkeit eines Priesters umfasst schließlich keinen klassischen 8-Stunden-Arbeitstag. Die Vergleichbarkeit mit regulären Arbeitsschutzgesetzen und Urlaubsansprüchen ist daher nicht wirklich gegeben. Um dem Arbeitsrahmen der Priester trotz mangelnden Nachwuchses gerecht zu werden, werden Laien immer stärker in die Organisation und Verantwortung von Gemeinden eingebunden. Wortgottesdienste, Andachten und andere liturgische Angebote fern der Heiligen Messe werden weitestgehend von nicht geweihten Ehrenamtlichen oder Laien gestemmt. Besonders auffällig: Diese Ehrenämter werden überwiegend von Frauen ausgefüllt. Von Frauen, die selbst berufstätig sind (viele sogar Vollzeit), Familie haben, Care-Arbeit leisten und trotzdem regelmäßig zu Gemeinde- und Vorstandssitzungen erscheinen. Sie bereiten nach Feierabend Liturgien vor, organisieren Veranstaltungen innerhalb der Gemeinde und stehen am Wochenende dann selbst in einem Wortgottesdienst oder einer Andacht vorn am Altar. Ganz ohne Zugang zu Weiheämtern. Ganz ohne Besoldung, Pensionsanspruch oder zusätzliche Urlaubstage. Auch das ist eine Form von Berufung.

Ohne dass Laien und Ehrenamtliche Verantwortung übernehmen, gäbe es in der katholischen Kirche kein Gemeindeleben mehr. Und das ist schließlich auch der Kern von modernem, gelebtem Glauben und Gemeindeleben: Priester und Laien arbeiten Seite an Seite, teilen sich die Gestaltung des Glaubens. Die Zelebration der Heiligen Messe mit Eucharistiefeier kann in der katholischen Kirche jedoch nur von einem Priester gehalten werden. Wenn Ehrenamtliche immer mehr das Gemeindeleben am Laufen halten müssen und gleichzeitig immer weniger Messen gefeiert werden, ist es keine Überraschung, wenn die Frage innerhalb der Glaubensgemeinschaft lauter wird: Liegt das wirklich nur am Priestermangel oder manchmal auch an der nachlassenden Bereitschaft der Priester mehr zu arbeiten? Vielleicht wäre es an der Zeit, die Debatte über Arbeit auch in der Kirche zu führen.