Macht die Gesellschaft uns Jugendliche krank?

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die an psychischen Krankheiten leiden, ist laut Angaben der deutschen Krankenkassen und des Ärzteblattes massiv angestiegen. Verstärkt durch die Corona-Pandemie zeigt sich nun deutlicher, was bereits ein jahrelanger Trend ist. Auch Papst Franziskus hat dieses Problem erkannt und die besonderen Herausforderungen, vor denen die Jugend heutzutage steht. In dem Buch “Ich trage euch in meinem Herzen” spricht Papst Franziskus davon, die Jugend hätte das „Gefühl, von der Gesellschaft verraten zu sein“. Hat er recht? Lässt uns die Gesellschaft wirklich im Stich?

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Wir jungen Leute stehen heute logischerweise vor ganz anderen Herausforderungen als die Generationen vor uns. Die meisten von uns sind nicht in einem Krieg hineingeboren worden wie unsere Großeltern, waren nicht mit den politischen und wirtschaftlichen Folgen des Kalten Krieges konfrontiert wie unsere Eltern; wir Kinder der 90er und 2000er haben nicht das Problem, zu wenig zu haben, wir haben von allem zuviel.

Leben in einer Multioptionsgesellschaft

Von uns wird erwartet, Leistung zu bringen. Möglicherweise stellen wir diesen Anspruch eher an uns selbst, da Leistung eine Möglichkeit bietet, sich aus der Masse hervorzuheben, einzigartig zu sein. Das beginnt schon in der Schulzeit, wo einem gute Noten ein schier unendliches Zukunftsangebot versprechen. Die Schulfächer werden schon in der Unterstufe danach gewählt, was einem später den meisten Erfolg im Berufsleben versprechen könnte. Ohne Abitur gibt es auch keine Aufstiegschancen und wer das Einser-Abitur erreicht, dem liegt die Welt zu Füßen. In unserer Multioptionsgesellschaft ist die Wahl mittlerweile mehr Qual als Freiheit. Beruflich steht jedem einzelnen theoretisch ein nie gekanntes Angebot an Studiengängen und Ausbildungsplätzen offen. Das hört sich toll an, setzt junge Menschen, die als Erstwähler:in mit der Masse an Parteien überfordert sind, aber immens unter Druck.Was, wenn das Studienfach das falsche ist? Was wenn ich den erlernten Beruf später nicht ausüben möchte? Was wenn ich versage? Ich hatte das Glück, immer zu wissen, in welche Richtung ich beruflich gehen möchte, habe es jedoch anders erlebt. Statt einer Ausbildung oder einem Studium wurde dann nach dem Schulabschluss eine “Auszeit” genommen, ein sogenanntes “Gap Year” zur Selbstfindung. Man versuchte sich klar zu werden, was man mit seinem Leben anfangen will, welchen Sinn es eigentlich hat. Dieses Jahr bedeutet, der Zukunftsangst ein Jahr lang entkommen, die Entscheidungen, die nach dem Schulabschluss anstehen, das Erwachsensein aufzuschieben. Einfach ein Jahr lang abtauchen, sich treiben lassen, ohne wählen zu müssen, keine Entscheidungen treffen, an der “unbeschwerten”, “behüteten” Jugend festhalten.

Leben in einer digitalen Parallelgesellschaft

Wir leben in einer Gesellschaft, die einen von außen beurteilt. Wie weit bin ich auf der Karriereleiter schon nach oben geklettert? Welchen umweltfreundlichen Ernährungstrend zelebriere ich? Wo verbringe ich meinen Urlaub? Wie lautet mein Beziehungsstatus, wie meine sexuelle Orientierung? Diese Bereiche des Privatlebens werden in den sozialen Medien öffentlich zur Schau preisgegeben. Dort existiert eine Parallelwelt, die für uns Jugendliche fast mehr “Realität” besitzt, als die offline - Realität. Wer nicht in den sozialen Medien ist gehört dann auch einfach nicht zu dieser Gesellschaft dazu. Influencer, die natürlich nur die schönsten Bilder, Urlaube und Partnerereignisse teilen, vermitteln oft ein extrem verzerrtes Bild, das nicht mit der Realität zusammen passt. Dies erzeugt bei jungen Menschen einen enormen Druck. Man versucht, diesem vermeintlich perfekten Leben, einem bestimmten Aussehen, bestimmten Idealen nachzueifern und wenn man merkt, dass dies nicht so recht gelingt, bewirkt es oftmals ein noch intensiveres Nacheifern. Ein Teufelskreis, bei dem “immer größer, schöner und weiter” zur Obsession wird. Von der Gesellschaft enttäuscht Mobbing und psychische Erkrankungen sind schlimme Auswüchse dieser Beobachtungen. Natürlich gab es auch früher Kinder und Jugendliche, die schikaniert oder in der Schule ausgegrenzt wurden. Heute hat Mobbing jedoch ganz neue Dimensionen angenommen. Die Mobber sind nicht mehr gezwungen ihrem Opfer persönlich gegenüber zu treten. Kommentare und Beleidigungen finden anonym im Internet statt. So endet Mobbing und Ausgrenzung nicht mit dem Schulschluss, sondern findet rund um die Uhr statt. Papst Franziskus interpretiert in seinem Buch “Ich trage euch in meinem Herzen” Mobbing, sich am Schwächsten “abzureagieren” als die wütende Reaktion auf die Gesellschaft, die nicht der eigenen Erwartung entspricht. Um sich selbst zu beweisen, dass man dennoch alles unter Kontrolle hat, man kein Opfer ist, macht man deshalb andere zum Opfer.

Befreiung aus den Ansprüchen an uns selbst

Möglicherweise sind diese Ansprüche der Gesellschaft, immer perfekt und am besten sein zu müssen, real, doch den größten Druck, sie zu erfüllen, machen wir uns selber. Wer den Ansprüchen nicht genügt, gehört halt nicht dazu. Und dazu gehören wollen wir doch alle. Allmählich gewinnt das Thema mentale Gesundheit und psychische Erkrankung an Bedeutung. Auch wir Jugendlichen haben erkannt, dass wir Teil dieser Gesellschaft sind, an deren Ansprüche wir zerbrechen. Die Frage, die sich stellt, ist: Will ich Teil dieses Systems sein? Viele meiner Generation beantworten dies mit einem deutlichen “Nein” und entscheiden sich bewusst für ein entschleunigtes Leben, den Verzicht auf Konsum und soziale Medien sowie neue für Formen des Zusammenlebens. Dafür muss man sich klar werden: Was ist mein eigener Wunsch und was ist eigentlich nur Pflichterfüllung? Dann muss man auch als junger Mensch den Mut haben, eine Entscheidung zu treffen.

Mein Buchtipp:

Papst Franziskus: Ich trage euch in meinem Herzen. Bonifatius Verlag, Paderborn, 2022, (ISBN:978-3-89710-928-5)