Die ›Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre‹
Entstehung - Inhalt - Bedeutung - Konsequenzen
von Otto Hermann Pesch

Vortrag in der
Karl Rahner Akademie Köln
vom 13. Januar 1998 

 

I. Wie lange dauert deine ›Ewigkeit‹?

Für 1998 planen der Lutherische Weltbund und die römisch-katholische Kirche, federführend vertreten durch den Rat für die Einheit der Christen bei der Glaubenskongregation in Rom, eine »Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre«, deren Inhalt darauf hinauskommt, daß das Verständnis von der Rechtfertigung des Sünders durch Gottes Gnade allein ohne unsere Werke, also angenommen im Glauben allein, die Schwesterkirchen von heute nicht mehr trennt - nicht mehr trennen müßte, wenn die Trennung nicht schon bestünde. Bei der Jubiläumstagung (50jähriges Bestehen!) des Lutherischen Weltbundes (LWB) in Hongkong haben sowohl der leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Hirschler, als auch der Präsident des Einheitsrates, der australische Kardinal Cassidy, das Ereignis angekündigt. Beide haben sich vorsichtig ausgedrückt: zuversichtliche Hoffnung mit Nennung der Jahreszahl. Der Papst hat in seinem Grußwort von einem »Augenblick der Gnade« gesprochen. Vor diesem Weltforum, vor den Fernsehschirmen der Welt, und angesichts möglicher politischer Konsequenzen - nach chinesischer Sprachregelung sind evangelische und katholische Kirche zwei verschiedene Religionen, und mit Rom verbundene Katholiken werden in der Volksrepublik China rechtlich nicht zugelassen - würde niemand sich so ausdrücken, wenn die Sache noch 50:50 stünde. Beide Kirchen »stehen« heute, mit Luther zu reden, mit diesem »Artikel«, keine von beiden »fällt« mit ihm oder an ihm (vgl. WA 40 III, 352,3). Wir sind nicht mehr »auf ewig geschieden und widernander« (vgl. BSLK 419,14f.) - die »Ewigkeit« hat nur genau 462 Jahre gedauert. Die »Mitte« des reformatorischen Glaubenszeugnisses ist zwar nicht der Lehrgestalt nach, aber der Sache nach auch die Mitte des katholischen Glaubenszeugnisses - übrigens präzis deswegen, weil, entgegen einem verbreiteten, aber ganz unsinnigen katholischen Fehlverständnis für beide konfessionellen Traditionen Jesus Christus die Mitte des Glaubenszeugnisses ist (vgl. BSLK 653,11).

Der endgültige Text liegt nun den Gliedkirchen des LWB und der römischen Kurie vor. Gefordert ist nun einfach Ja oder Nein, eine weitere Revision ist nicht vorgesehen. Wir müssen nun zunächst etwas von der Entstehungsgeschichte des Textes in Erinnerung rufen (II), dann einen Überblick über den Text geben (III), Freude und Bedenken, Gelöstes und Ungelöstes an ausgewählten Beispielen zu ermessen suchen (IV) und einen Blick in die Zukunft wagen, genauer: dringliche Aufgaben der nahen Zukunft benennen (V).
 

II. Zur Entstehung des Textes

1. Die Vorgeschichte

Die Entstehung des Textes und die Geschichte seiner Revisionen im Kontext der ökumenischen »Großwetterlage« am Ende des 20. Jahrhunderts könnte dereinst einmal Gegenstand einer Doktorarbeit werden, bei der sich herausstellt, wie weit man am Ende des 2.Jahrtausends schon einmal war, wie groß aber auch immer noch das gegenseitige Mißtrauen und die Widerstände waren. Bald nach Vorliegen der Erklärung hat ein deutscher lutherischer Theologe öffentlich geäußert, er halte die Erklärung für einen Flop, und privat hinzugefügt, er werde alles in seiner Macht Stehende tun, um die Erklärung zu torpedieren. Dies war, wie wir inzwischen wissen, keine leere Drohung.

Idee und Text der »Gemeinsamen Erklärung« haben eine Vorgeschichte: Idee, Erarbeitung und Diskussion des Gutachtens »Lehrverurteilungen - kirchentrennend? Rechtfertigung, Sakramente und Amt im Zeitalter der Reformation und heute«. Diese Vorgeschichte erzähle ich jetzt, da sie nicht Hauptthema ist, nur in Form einer kleinen Zeittafel.

1980, bei seinem ersten Besuch in Deutschland, veranlaßt Papst Johannes Paul II. im Gespräch mit den Vertretern des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine Gemeinsame Ökumenische Kommission (GÖK) aus hochrangigen Vertretern beider Kirchen. Diese beauftragt den seit langem eingearbeiteten »Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen« (ÖAK) mit der Erstellung eines Gutachtens, ob die gegenseitigen Lehrverurteilungen des 16.Jahrhunderts die heutigen Schwesterkirchen noch träfen. Ich spreche bewußt von einem Gutachten, denn das ist es, in Auftrag gegeben von der GÖK und damit selbst Teil des zwischenkirchlichen Dialogs und nicht - wie gelegentlich herabstufend zu lesen war - eine Privatarbeit des ÖAK. Mit diesem Gutachten fängt alles an.

1985: Ablieferung des Gutachtens, 1986 Veröffentlichung. Die GÖK macht sich das Gutachten zu eigen und bittet die Kirchen, mit der nach ihrer Ordnung vorgesehenen höchstmöglichen Lehrautorität sich diesem Urteil anzuschließen.

1986 bis ca.1994 lebhafte theologische Diskussion um das Dokument. Die kritischen Stimmen aus der evangelischen Welt überwiegen.

1989/90 englische und französische Übersetzung des Gutachtens.

1990-1993 offizielle Stellungnahmen der jeweiligen Fachgremien der Kirchen, zuletzt des päpstlichen Einheitsrates. Trotz Kritik und vielen »konditionalen« Formulierungen (»Wenn diese Lehre so verstanden wird& x2026; - dann wird sie von den Verurteilungen des Trienter Konzils/der Bekenntnisschriften nicht getroffen«) Empfehlung einer Zustimmung an die Synoden bzw. an die zuständigen römischen Instanzen.

1994 Erscheinen des Dokumentes »Kirche und Rechtfertigung« der internationalen »Gemeinsamen römisch-katholischen / evangelisch-lutherischen Kommission.« Dazu muß man wissen: Seit Mitte der 80er Jahre sind vor allem in Deutschland und den USA - dort vor allem durch das ungemein gründliche Dokument der Lutherisch-katholischen Dialogue Group »Justification by Faith« (1985) - schon Stimmen und Stellungnahmen lautgeworden, die auf die Feststellung drängen, daß durch den zwischenkirchlichen Dialog inzwischen ein weitreichender Konsens in der Rechtfertigungslehre sich ergeben habe, so daß es weitergehender Gespräche nicht mehr bedürfe (sog. »dialogdefiniter Status«). Die internationale Kommission will ursprünglich diese Feststellung treffen - im sog. »Versailles Papier« von 1988 (unveröffentlicht), das dann als Plattform für die weitere Arbeit an »Kirche und Rechtfertigung« dienen soll. Aber aufgrund des Einspruchs dreier lutherischer Teilnehmer wird das Versailles Papier nicht als Plattform angenommen. »Kirche und Rechtfertigung« wird ohne eine solche Erklärung verabschiedet.

Ebenfalls 1994 Antwort des ÖAK auf die bis dahin vorliegenden kirchlichen Stellungnahmen. Nicht mehr darin einbezogen sind die im gleichen Jahr erscheinenden Stellungnahmen der Deutschen Bischofskonferenz und die auf der Generalsynode der VELKD verabschiedete gemeinsame Stellungnahme von Arnoldshainer Konferenz (AKf), VELKD und dem Deutschen Nationalkomitee des LWB (DNK). Beide Dokumente sehen in der Rechtfertigungslehre als solcher - trotz Bedenken, die auf der VELKD-Synode immer noch geäußert wurden - keinen kirchentrennenden Gegensatz mehr.

2. Die Entstehung des Textes

Unabhängig von der Arbeit der genannten internationalen Kommission kommt es in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in den USA (Evangelical Lutheran Church of America, ELCA) zu weitergehenden Entwicklungen - auf der Basis des »Versailles Papiers«, das darum eine Art Vorform der Gemeinsamen Erklärung bildet. Der äußere Anlaß ist, daß gleichzeitig auch die Gespräche zwischen Lutheranern und Anglikanern (Episcopalians) und mit den Reformierten (Presbyterianern) weit fortgeschritten sind. So plant die Ökumenische Abteilung der ELCA seit 1992 ein umfassendes Projekt, die sogenannten »Three Proposals«. Diese sollen der landesweiten Kirchenversammlung der ELCA im Sommer 1997 zur Entscheidung vorgelegt werden. Sie besagen: 1. Erklärung voller Kirchengemeinschaft mit den Anglikanern; 2. Erklärung voller Kirchengemeinschaft mit den Reformierten; und 3. eine Erklärung, daß in bezug auf die Rechtfertigungslehre die lutherischen Verwerfungen aus dem 16.Jahrhunderts die heutige katholische Lehre nicht mehr treffen und umgekehrt die lutherische Lehre sich von den Trienter Anathematismen nicht getroffen sieht. Zur Erinnerung: die deutsche Lehrverurteilungsstudie liegt seit 1989 in englischer Übersetzung vor, und auf der Basis des amerikanischen Konsenspapiers »Justification by Faith« von 1985 kann die Zustimmung zu dem deutschen Projekt nicht schwerfallen.

Auf der Lutherischen Bischofskonferenz in Savannah/Georgia im März 1993 soll die Erklärung zur Rechtfertigungslehre vorbereitet werden. Bischof Pierre Duprey, der Sekretär des Einheitsrates, und Harding Meyer vom Straßburger Zentrum für Ökumenische Forschung referieren und sprechen sich im Sinne des »3.Vorschlags« aus, selbst dann, wenn andere lutherische Kirchen bzw. der Lutherische Weltbund oder die katholische Kirche dem nicht zustimmen würden. Zugleich will man sich aber nicht mit der bloß negativen Erklärung über die Lehrverurteilungen begnügen, sondern - zuvor - zeigen, daß und worin Lutheraner und Katholiken »im wesentlichen Inhalt der Rechtfertigungslehre übereinstimmen« (Duprey).

Entsprechend der Gepflogenheit der ELCA informiert diese den LWB und seine Mitgliedskirchen über ihr Vorhaben und lädt dazu ein, sich dieser Erklärung anzuschließen. Das war die Geburtsstunde der Erklärung. Denn:

Im Juni 1993 nimmt der LWB den Gedanken auf und beschließt, die Zustimmung der Mitgliedskirchen dazu zu gewinnen und zusammen mit der katholischen Kirche eine insgesamt sechsköpfige Arbeitsgruppe dazu einzusetzen. Die Namen: George Tavard (USA), Lothar Ullrich (Deutschland) und Heinz-Albert Raem (Einheitsrat) (kath.); John Reumann (USA), Harding Meyer (Deutschland) und Eugene Brand (LWB) (ev.). Diese erarbeitet auf zwei Sitzungen im Jahre 1994 (Genf 28.2.-6.3. und Rom, 15.-19.9.) einen Text, der insgesamt dreimal revidiert wurde. Erste Revision: nach Diskussion im Stab des Einheitsrates und des LWB. Dies führt im Januar 1995 zur ersten Fassung, dem »Genfer Text«. Er wird noch nicht veröffentlicht, sondern allen Mitgliedskirchen des LWB und dem Einheitsrat zugeleitet mit der Bitte um Stellungnahme und Verbesserungsvorschläge. Dabei sind zwei Fragen zu beantworten: 1. Stimmt die Erklärung mit dem Evangelium, den apostolischen Glaubensbekenntnissen und den Lutherischen Bekenntnisschriften überein? 2. Treffen auf dieser Basis noch die Lehrverurteilungen des 16.Jahrhunderts?

1996: Rücklauf und Auswertung der Stellungnahmen. Es gibt Kritik von beiden Seiten, aber überwiegend Zustimmung mit Verbesserungsvorschlägen. In Rom gibt es auf der einen Seite viel Begriffsstutzigkeit bei hochrangigen Leuten, die sich in der Sachproblematik nicht auskennen, aber entscheidend mitzureden haben. Vor allem Lothar Ullrich und Heinz-Albert Raem leisten geschickte, aber höchst anstrengende Überzeugungsarbeit. Vor allem gibt der Papst in mehrfachen Äußerungen zu erkennen, daß er eine solche Erklärung für möglich hält und vor dem Jahre 2000 verabschiedet sehen möchte - Kenner sagen, ohne dieses päpstliche Engagement wäre das Unternehmen in Rom wohl gestrandet.

Heftiger war die Kritik aus dem lutherischen Lager, und zwar sowohl am Verfahren - inzwischen war doch einiges bekannt (gemacht) geworden, nur nicht der Text selber, und man beklagt sich über »unprotestantische Geheimdiplomatie« - wie auch an den Inhalten. Einzelheiten würden hier zu weit führen - auf einiges kommen wir gleich zu sprechen. Daß aus der deutschen lutherischen Kirche dem Projekt die meiste Skepsis entgegengebracht wurde, verwundert nicht. Denn an der Texterarbeitung sind zum Teil Leute beteiligt, die in Personalunion auch an »Lehrverurteilungen - kirchentrennend?« und an »Kirche und Rechtfertigung« mitgearbeitet haben, und die deutschen Kritiker sind zumeist dieselben, die auch schon in der Diskussion um das Lehrverurteilungsprojekt sich polemisch hervorgetan haben. Für ein Gegengewicht sorgt die rundherum positive Stellungnahme aus den USA - klar, angesichts der Vorgeschichte.

Diese - teilweise schon öffentliche - Diskussion führt 1996 zur zweiten Revision und zum »Würzburger Text« (I). 14 katholische und lutherische Theologen sind diesmal an der Arbeit. Neuer Umlauf bei den beteiligten Kirchen. Man ist guten Mutes, alles im Laufe des Jahres 1996 abschließen und dann die Erklärung beim Jubiläumstreffen in Hongkong verkünden zu können. Es wäre ein einzigartiges Timing gewesen: nicht nur 50 Jahre Lutherischer Weltbund, sondern darüber hinaus 450 Jahre nach der Verabschiedung des Rechtfertigungsdekretes auf dem Konzil von Trient!

Aber es gibt noch einmal Kritik. Die lutherische Seite kritisiert merkwüdigerweise vor allem den Abschnitt über das Sündersein des Gerechtfertigten (simul iustus et peccator). Römische Bedenken sind zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht bekannt. Zudem empfindet man zunehmend auch den Termindruck als mißlich. Der Rezeptionsprozeß in den Kirchen soll noch mehr Spielraum haben können. Außerdem: Soll wirklich dieses wichtige Dokument zur Konfliktgeschichte im 16.Jahrhundert in Deutschland als »Erklärung von Hongkong« in die Theologiegeschichte eingehen? Jedenfalls kann der LWB entgegen der Planung und Erwartung im Oktober 1996 den Text noch nicht verabschieden. Vielmehr wird eine dritte Revision nötig, wofür man sich für den 15.-19.Januar 1997 wiederum in Würzburg verabredet.

Diese abschließende Redaktionsitzung wird turbulent. Jetzt erst werden die römischen Abänderungswünsche den Mitgliedern der Arbeitsgruppe bekanntgegeben - kurzfristig nach Lage der Dinge, aber immerhin rechtzeitig einige Tage vor dem Treffen allen Mitgliedern der Arbeitsgruppe per Fax zugestellt. Die Abänderungswünsche beschränken sich auf 5, an die die römische Zustimmung geknüpft wird, sowie einige Empfehlungen. Angesichts der erwähnten schwierigen Gespräche in Rom darf man sie als durchaus maßvoll bezeichnen. Sie können unschwer eingearbeitet werden, da sie nach Meinung auch der evangelischen Befürworter die Substanz des Textes nicht verändern, aber Mißverständnisse auf katholischer Seite besser ausschließen. Die Änderungswünsche betreffen u.a. die Bestimmung des Stellenwertes der Rechtfertigungslehre für die Kirche. Die Gegner der GE sehen allerdings gerade hier ihre Bedenken bestätigt.

Noch kurzfristiger kommen die erheblich umfangreicheren Änderungswünsche aus dem Deutschen Nationalkomitee des LWB ins Spiel: Als Tischvorlage werden sie nach Würzburg mitgebracht. Die nicht-deutschen lutherischen Theologen aus den USA und Finnland haben sich angesichts des unerwartet vorgelegten Konvoluts deutscher Abänderungsanträge sich gegen einen Monopolanspruch deutscher lutherischer Theologen (und Theologinnen) auf die einzig richtige Lutherinterpretation verwahrt und nicht mehr alle Vorschläge berücksichtigt. Trotzdem führen die heftigen Diskussionen zum »Würzburger Text II«, der nun, wie beschrieben, zur endgültigen Stellungnahme vorliegt. Eine Veröffentlichung 1998 hätte durchaus auch einen ökumenischen »Sitz im Leben: 50jähriges Jubiläum des Ökumenischen Rates der Kirchen und der VELKD.

Harding Meyer, der die Leiden der Redaktionsarbeit geduldig ausgehalten hat, meint, »Würzburg I« sei eine erhebliche Verbesserung des »Genfer Textes« gewesen. »Würzburg II« erleichtere zwar allen Beteiligten und vor allem einigen Bedenkenträgern die Zustimmung, doch zweifle er, ob es inhaltlich wirklich eine Verbesserung sei. Ich kann ihm in Kenntnis aller drei Textfassungen nur zustimmen.

  

III. Alte Kontroversen - in neuer Wertung

1. Aufbau und Themen des Textes

a. Von größter Bedeutung ist, daß der Text nicht mehr - wie manche früheren »Konsenstexte« - bei »Adam und Eva« anfängt, sondern bewußt die Bilanz aus den schon zum Thema erarbeiteten Dokumenten zieht (und sie seit dem »Genfer Text« in einem »Quellen« genannten Anhang ausführlich zitiert).
b. Der Text arbeitet nach der schon beim Dokument »Kirche und Rechtfertigung« angewandten Methode des »differenzierten Konsenses«, das heißt: Man stellt fest, was man gemeinsam sagen kann, was ausreicht für Kirchengemeinschaft, und was trotzdem Raum läßt für unterschiedliche gedankliche Ausarbeitungen und Schwerpunktsetzungen in der Auslegung, die nicht harmonisiert, miteinander verschmolzen werden können, aber so »auf einander hin«, will sagen: für dahinter stehenden Anliegen »offen« sind, daß sie diesseits des Widerspruchs verbleiben, »tragbar«, so daß sie »den Konsens in den Grundwahrheiten nicht wieder auf[heben]« (Nr.40).
c. Demnach handelt der Text nach der Präambel, die kurz die Entstehungsgeschichte des Textes zusammenfaßt, zunächst 1. von der »Biblische(n) Rechtfertigungsbotschaft«. Es folgen: 2. »Die Rechtfertigungslehre als ökumenisches Problem.« 3. »Das gemeinsame Verständnis der Rechtfertigung. 4. Die Entfaltung des gemeinsamen Verständnisses der Rechtfertigung« - mit den Unterpunkten: »Unvermögen und Sünde des Menschen angesichts der Rechtfertigung«; »Rechtfertigung als Sündenvergebung und Gerechtmachung«; »Rechtfertigung durch Glauben und aus Gnade«; »Das Sündersein des Gerechtfertigten«; »Gesetz und Evangelium«; »Heilsgewißheit«; »Die guten Werke des Gerechtfertigten«. Es folgt abschließend 5. eine Erwägung über »Die Bedeutung und Tragweite des erreichten Konsenses«.
d. Jeder einzelne Abschnitt - vor allem die Unterpunkte unter
4. - ist so aufgebaut, daß zunächst festgehalten wird: »Wir bekennen gemeinsam, daß & x2026;« Dann folgt regelmäßig: »Das verstehen die Lutheraner so...« »Das verstehen die Katholiken so & x2026;« Bevor wir auf Einzelheiten eingehen, muß noch eine mögliche Irritation ausgeschaltet werden:

2. Noch einmal die Kämpfe von gestern?

Der Text der Erklärung spricht von vorn bis hinten die Sprache der Kontroversen des 16.Jahrhunderts. Bei manchen Worten und Begriffen verstehen fast nur die Fachleute, was gemeint ist. Es sind oft Code-Worte - für uneingeweihte unverständlich. Besteht also ökumenische Bemühung um Einmütigkeit darin, die Kämpfe von vorgestern noch einmal auszukämpfen? Nein und Ja!

Nein, denn es geht darum, daß wir heute redlich um gemeinsames Glaubenkönnen in neuer Kirchengemeinschaft ringen. Dazu ist es nötig, uns zu vergewissern, daß uns aus der Geschichte der Verfeindungen, die uns im 16.Jahrhundert auseinandergetrieben haben - und zwar, wie beide Seiten trotz aller menschlich-allzumenschlichen Unzulänglichkeiten meinten: um des Glaubens willen auseinandergetrieben haben -, nicht neue Stolpersteine auf den Weg zueinander gerollt werden. Schließlich werden die evangelischen Pastorinnen und Pastoren heute noch auf die Bekenntnisschriften ordiniert, und für katholische Theologen und Amtsträger - und überhaupt für alle katholischen Christen - sind die antireformatorischen Entscheidungen des Konzils von Trient (1545-1563) verbindliches Dogma.

Und darum: Ja! Ohne daß wir - scheinbar - nur historische Kämpfe noch einmal kämpfen, werden die Gläubigen dem neuen Einklang nicht trauen, sondern fragen, was denn »die Lehre der Kirche«, »die reformatorische Lehre« dazu sagt. Und ohne diese Aufarbeitung der Geschichte werden sich die Kirchen, wenn sie Schritte aufeinander zu tun, dem Verdacht aussetzen, sie hätten ihre verbindliche Tradition verraten. Der aktuelle Streit um die GE belegt ja genau dies! Es führt darum kein Weg daran vorbei, sich noch einmal mit den alten Streitfragen auseinanderzusetzen - und dann am besten auch in der alten Sprache, dann sind wir jedenfalls sicher, uns nicht mißzuverstehen. Insofern ist das Unternehmen sehr bescheiden - denn es sagt noch gar nichts darüber, was denn »Rechtfertigung des Sünders aus Glauben allein« heute besagt.

Am Schluß müssen wir dazu wenigstens einige Andeutungen machen. Damit solches jedenfalls heute - auch und gerade heute - geglaubt werden kann, dürfen uns unsinnig gewordene alte Kontroversen, auf denen unsere getrennte Kirchengeschichte beruht, nicht mehr stören -selbst wenn sie damals durchaus sinnvoll waren. Ob das der Fall ist, muß geprüft werden. Wir greifen exemplarisch vier Punkte heraus, um an ihnen zu zeigen, wie Erreichtes und noch nicht Ereichtes nebeneinander stehen, Freude und Bedenken sich mischen können - und doch unabweisbar sich die Frage stellt, was überhaupt noch in bezug auf die Rechtfertigungslehre erreicht werden muß. Um es gleich vorab zu sagen: Die Freude darf überwiegen, denn die verbleibenden Unterschiede müßten nur dann eingeebnet werden, wenn eine völlig uniforme Lehre, ein undifferenzierter Konsens bis auf Punkt und Komma, Bedingung für Kircheneinheit wäre. Aber die Unterschiede müssen benannt werden - damit wir genau wissen, was wir tun. Ich gebe den folgenden Einblick, um es etwas kurzweilig und »hörbar« zu machen und Abstraktheiten zu vermeiden, indem ich die patristische und scholastische Methode des fiktiven Dialogs anwende und einen Katholiken und einen Lutheraner über das Dokument diskutieren lasse.  

 

IV. Freude, Bedenken und Gegenbedenken:
Ein ›Dialog‹ zwischen einem Katholiken
und einem Lutheraner

1. Das gemeinsame Verständnis von der Rechtfertigung

Der Katholik: Wir Katholiken freuen uns, daß wir endlich gemeinsam unserem Glauben an unsere Rechtfertigung durch Gottes Gnade allein um Christi willen Ausdruck geben können. Und wenn wir »Gnade« sagen, meinen wir, was wir sagen, eben: nicht durch unser Verdienst und nicht durch unsere vorab zu leistenden guten Werke. Aber ich kann mir einen Hinweis nicht verkneifen: Wir freuen uns besonders, daß ihr Lutheraner uns endlich zugesteht, daß wir es so und nicht anders meinen. Denn was wir in dem Text lesen, das hättet ihr mit ganz ähnlichen Worten auch in den Texten des antireformatorischen Konzils von Trient (1543-1563) lesen können! Laß mich aus der »Erklärung« zitieren:

»Es ist unser gemeinsamer Glaube, daß die Rechtfertigung das Werk des dreieinigen Gottes ist. Der Vater hat seinen Sohn zum Heil der Sünder in die Welt gesandt. Die Menschwerdung, der Tod und die Auferstehung Christi sind Grund und Voraussetzung der Rechtfertigung. Daher bedeutet Rechtfertigung, daß Christus selbst unsere Gerechtigkeit ist, derer wir nach dem Willen des Vaters durch den Heiligen Geist teilhaftig werden. Gemeinsam bekennen wir: Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht aufgrund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken« (Nr. 15).

»& x2026; Der Glaube selbst ist wiederum Geschenk Gottes durch den Heiligen Geist, der im Wort und in den Sakramenten in der Gemeinschaft der Gläubigen wirkt und zugleich die Gläubigen zu jener Erneuerung des Lebens führt, die Gott im ewigen Leben vollendet« (Nr.16).

»Gemeinsam sind wir der Überzeugung, daß die biblische Botschaft von der Rechtfertigung uns in besonderer Weise auf die Mitte des neutestamentlichen Zeugnisses von Gottes Heilshandeln in Christus verweist: Sie sagt uns, daß wir Sünder unser neues Leben allein der vergebenden und neuschaffenden Barmherzigkeit Gottes verdanken, die wir uns nur schenken lassen und im Glauben empfangen, aber nie - in welcher Form auch immer - verdienen können« (Nr.17).

»Darum ist die Lehre von der Rechtfertigung& x2026; nicht nur ein Teilstück der christlichen Glaubenslehre & x2026; Sie ist ein unverzichtbares Kriterium, das die gesamte Lehre und Praxis der Kirche unablässig auf Christus hin orientieren will & x2026;« (Nr.18).

Wo stehen diese Sätze denn im Widerspruch zum Rechtfertigungsdekret des Trienter Konzils? Ich gebe nur eines zu: Nach dem Trienter Konzil haben unsere Leute, je größer der Abstand wurde, das Konzil immer prinzipiell gegen die reformatorische Lehre ausgelegt, auch da, wo deutlich erkennbar die gemeinsame Glaubensbasis gar nicht verlassen, sondern im Gegenteil bekräftigt worden war. Aber das ist heute gottlob vorbei - und so ist die Freude über den wiederhergestellten Konsens ungetrübt.

Der Lutheraner: Deine Freude ist die meine! Doch kann ich nach allem, was ich vom Trienter Konzil weiß, nicht so zuversichtlich sein, daß ihr im Grunde damals schon mit uns einig wart und höchstens ein paar Entgleisungen richtigstellen wolltet. Und so gebe ich deine leicht boshafte Bemerkung zurück: Wir Lutheraner stellen dankbar und sogar mit etwas Genugtuung fest, daß nun endlich für euch Katholiken zustimmungsfähig wird, was damals unseren Vätern und Müttern im Glauben am Herzen lag. Sie wollten doch nur darauf dringen, daß sie genau auf das Wort der für alle verbindlichen Hl. Schrift hören durften und, dadurch belehrt, ihre Situation vor Gott erfaßten und alles von seinem Erbarmen erwarteten. Sie haben nicht verstehen können, wie andere Christenmenschen allen Ernstes glaubten, so etwas dürfe in der Kirche nicht gesagt und gelebt werden. Nun lesen wir in der geplanten Erklärung erst einmal eine ausführliche Zusammenfassung der »biblischen Rechtfertigungsbotschaft«, sodann das Eingeständnis, daß der Fortschritt im gegenseitigen Verstehen sich besseren bibelwissenschaftlichen, theologie- und dogmengeschichtlichen Erkenntnissen verdankt. Gewiß müssen auch wir zugeben: An der Verhärtung der Gegensätze über mehr als 450 Jahre hinweg haben nicht nur die Gegner von damals, sondern auch wir Lutheraner aller Jahrhunderte unseren Anteil an Schuld. Keiner wollte mehr wirklich auf den anderen hören. Keiner wollte mehr dem anderen trauen, daß man es ehrlich meint mit der Sorge um das Evangelium. Welch hohen Preis an Verlust christlicher Überzeugungen in unserer Gesellschaft mußten wir bezahlen, ehe wir uns auf beiden Seiten buchstäblich »bekehrten« und neu zu fragen begannen!

In den von dir zitierten Formulierungen erkennen wir uns also wieder, freuen uns, daß unsere katholischen Schwestern und Brüder daran keinen Anstoß mehr nehmen. Daß ihr sogar die Formel »Christus selbst ist unsere Gerechtigkeit« akzeptiert, freut uns besonders. Das ist zwar Paulus (1 Kor 1,30), aber es ist ganz typisch unsere Sprache. Hast du übersehen, daß diese Formel sogar vom Trienter Konzil ausdrücklich zurückgewiesen wurde (DH 1560)? Habt ihr euch da wirklich keine Hintertür zu einer anderen Interpretation offen gehalten? Ich wäre nicht so mißtrauisch, wenn nicht im gleichen Atemzug, wo von Christus, von der Gnade, vom Glauben allein die Rede ist, auch von den Sakramenten, von der Gemeinschaft der Gläubigen, also von der Kirche, und von der Erneuerung des Lebens gesprochen wird. Was ist das Motiv - oder die Befürchtung? Warum müßt ihr immer alles in einen Satz hineinpacken? Uns ging es damals wie heute nur darum: Nichts in uns und um uns versetzt uns in eine Lage, wo wir an Gott Ansprüche zu stellen haben. Warum meint ihr Katholiken, es sei nicht genug gesagt, wenn nicht gleich auch das andere dazugesagt wird? Traut ihr uns immer noch nicht, so wie eure Väter im 16.Jahrhundert meinten, wir wollten gute Werke, Sakramente, Kirche für überflüssig erklären?

Vor allem aber: Die Formulierung zur Rechtfertigungslehre als »Kriterium« in Nr.18, die du zitiert hast, finde ich einen Eiertanz. Wie du selbst weißt, ist da ursprünglich - im »Genfer Text« - stärker in Anlehnung an das Lehrverurteilungsdokument formuliert worden: »& x2026; nicht nur ein Teilstück im Ganzen der christlichen Glaubenslehre. Sie [die Rechtfertigungslehre] hat zugleich eine umfassende kritische und normative Funktion, sofern sie die gesamte Lehre und Praxis der Kirche unablässig auf die Mitte des biblischen Christuszeugnisses hin orientiert« (dort Nr.17). Die kirchlichen lutherischen Stellungnahmen zum Lehrverurteilungsdokument haben dies übereinstimmend als einen »fundamentalen Fortschritt« in den ökumenischen Beziehungen bezeichnet. Mit Recht - denn mühelos erkannten sie darin Luthers Satz von dem »Artikel, mit dem die Kirche steht und fällt«, wieder. Nun ist daraus ein Kriterium geworden, und ausdrücklich wird hinzugefügt, daß zwar die Lutheraner deshalb den Zusammenhang mit allen anderen Glaubenswahrheiten nicht leugnen, daß aber »die Katholiken sich von mehreren Kriterien in die Pflicht genommen sehen«. Wie einig sind wir uns also wirklich schon bei dieser fundamentalen Bewertung des Rechtfertigungsverständnisses? Eine Rechtfertigungslehre, die nicht articulus stantis et cadentis ecclesiae ist, ist nicht die lutherische, und wenn ihr dem nicht zustimmen könnt, wie könnt ihr dann sagen, ihr seid mit uns im Grundverständnis einig?

Der Katholik: Na ja, ich will jetzt nicht den Streit fortsetzen, wer von uns das Trienter Konzil richtig einschätzt. Da ist ja auch tatsächlich bei uns einiges schiefgelaufen, ich meine: daß aus dem Trienter Konzil, das, wie wir heute wissen, unter so vielen politischen und theologischen Pressuren zu arbeiten hatte und sich auf soviele politisch und kirchenpolitisch bedingte Kompromisse einlassen mußte, das »Konzil aller Konzilien« geworden ist. Nur soviel: Wenn wir ökumenisch verantwortlichen Katholiken heute das heimliche Ja zur reformatorischen Lehre unter dem öffentlichen Nein heraushören und herausarbeiten, nehmen wir aufgrund der Arbeit zuverlässiger Historiker für uns in Anspruch, wirklich das Konzil zur Sprache zu bringen und nicht unsere Wunschträume.

Was nun die sofortige Erwähnung der Erneuerung des Lebens, der Sakramente, der Kirche betrifft, so mußt du zur Kenntnis nehmen: Wir glauben tatsächlich bei euch heutigen Lutheranern nicht selten zu sehen, daß ihr dies nicht so ernst nehmt wie wir Katholiken, genauer gesagt: daß ihr zwischen dem Rechtfertigungsgeschehen und den genannten anderen Wirklichkeiten des Christseins so scharf unterscheidet, daß faktisch eine Trennung daraus wird, das eine mit dem anderen nicht mehr wesenhaft zusammenhängt. Wenn dieser Verdacht ins Leere geht - nun, dann könnt ihr doch nichts gegen die fragliche Formulierung haben. Wenn er doch ein wenig berechtigt ist, nun, dann wollen wir euch gern an eure bessere Tradition erinnern. Denn wir befinden uns hier in bester Gesellschaft, nämlich der Luthers selber!

Sehr ernst nehme ich die Sache mit dem »Kriterium«. Ich bin selbst über das Zurückweichen vor der mutigen Formulierung des Lehrverurteilungsdokumentes und des »Genfer Textes« enttäuscht. Aber ich kann es dir erklären! Ich habe ja auch meinen römischen Freunden und Gesprächspartnern die Sache erläutern müssen. Und ich stellte fest, was oft festzustellen ist: Die verstehen nicht, daß »Rechtfertigungslehre« nichts anderes ist als die formale Zusammenfassung der Christusverkündigung - derjenigen, die wir gemeinsam bekennen. Statt dessen halten sie, scholastisch geschult, die Rechtfertigungslehre für eine Einzellehre - ein Teilstück der Gnadenlehre, wie etwa bei Thomas von Aquin (vgl. Summa Theologiae I-II 113 im Kontext von 109-114). Die kann dann als solche natürlich nicht das einzige Kriterium sein -was ja auch ihr nicht anders seht. So war hier einer der römischen Abänderungswünsche zu berücksichtigen. Ich kann also nur sagen: Probieren wir es doch einmal, uns von der Rechtfertigungslehre als einem Kriterium in Lehre und Praxis unablässig auf Christus hin orientieren zu lassen! Im selben Maße wird auch ohne die Formel herauskommen, was articulus stantis et cadentis ecclesiae bedeutet.

Bei dieser Gelegenheit laß mich noch einmal auf den Satz »Christus ist unsere Gerechtigkeit« (Nr.15) zurückkommen. Richtig, Trient hat entschieden, man dürfe nicht sagen, Christi Gerechtigkeit sei formaliter, also »wesenhaft« die unsere. Das stimmt sogar, wenn man zugrundelegt, was damals unter Luthers lieben »Sophisten« mit forma und formaliter gemeint war. Christus ist doch nicht etwa eine seinsmäßige Eigenschaft unserer Seele! Die Mehrheit der Konzilsväter - gottlob auch damals schon nicht alle! - konnten sich nicht vorstellen, daß man anders als in den Begriffen der scholastischen Theologie denken konnte. Und so konnten sie Luther nicht verstehen, der hier die altkirchliche Redeweise vom »Austausch der Eigenschaften« anwandte. Du weißt schon: die berühmte communicatio idiomatum! Sie gilt zunächst von dem Gottmenschen Christus - man darf darum zum Beispiel sagen: Gott wurde geboren; und Jesus Christus ist allmächtig. Luther übertrug mit guten Gründen diese Redeweise aus der Lehre von Christus in die Soteriologie, die Lehre von der Rechtfertigung (Stichwort: »fröhlicher Wechsel«).

Der Lutheraner: Das freut mich zu hören. Ich sehe, du kennst dich aus.

Der Katholik: Langsam! Die Freude wird dir gleich wieder getrübt! Laß mich in diesem Zusammenhang einen Problemknotenpunkt ansprechen, von dem die Kontrahenten des 16.Jahrhunderts noch nicht viel ahnen konnten - auch Luther nicht! - und auf dem doch heute ein wesentlicher Teil der ökumenischen Verständigung beruht: das Sprachproblem. Man kann doch von derselben Sache in verschiedenen Worten reden (und übrigens auch mit denselben Worten von verschiedenen Sachverhalten). Natürlich bedeutet das dann verschiedene Schwerpunkte im Sachverständnis. Die Worte, die man wählt, sagen etwas darüber aus, was einem an der Sache wichtig und was einem nicht so vordringlich scheint. Darüber kann man natürlich wieder streiten. Aber darum muß doch nicht gleich ein Widerspruch festgestellt werden. Wir Katholiken können dieser Erklärung zustimmen, weil wir sehen, daß wir unsere unterschiedlichen Auslegungen des Rechtfertigungsglaubens zwar nicht vereinheitlichen können, aber es auch nicht müssen! Es genügt die Feststellung - und hinter der stehen wir uneingeschränkt! -, daß beide Auslegungen für die Schwerpunkte der jeweils anderen offen ist. Das nennt man seit einiger Zeit einen »differenzierten Konsens«. Nun bin ich gespannt, wie du das siehst.

Der Lutheraner: In der Tat, solche Gedanken hören wir von euch Katholiken häufig, verbunden mit dem unausgesprochenen leisen Vorwurf: Müssen wir uns denn um Worte streiten?! Nun, ich bin - wie übrigens die meisten Lutheraner - hier etwas skeptisch. Wir halten schon etwas von sorgfältig überlegter, eindeutiger und darum nicht beliebig austauschbarer Wortwahl. Wo es um die klare Gewissensbildung der Gläubigen geht, daß sie sich mit restlosem Vertrauen, also allein im Glauben, auf Gott und seine Vergebungszusage in Christus verlassen können, dürfen wir keine Formulierungen zulassen, die das verschleiern. Wir werden sonst nie das Mißtrauen los, daß ihr doch noch irgendeine kleine Hintertür offen halten wollt für irgendetwas Zusätzliches. Es müssen ja nicht gleich selbsterdachte fromme Werke oder Ablässe sein. Es genügt schon die Bindung des Evangeliums an eine ganz bestimmte Struktur der Kirche. Deshalb sind wir so penetrant mit den uns vertrauten und in bezug auf unsere Meinung unmißverständlichen Formulierungen und haben darum darauf gedrungen, daß möglichst viele davon in dem Dokument drinstehen. Wir sind so frei, euch Katholiken zu fragen: Wenn ihr denn wirklich mit uns einig seid, warum sagt ihr es dann nicht gleich ganz einfach so, wie wir es sagen, probiert statt dessen alle möglichen anderen Worte und sattelt immer noch etwas drauf, damit es angeblich ganz präzis und vollständig werde? Daß dies keine »protestantische Arroganz« ist, dürfte gleich deutlich werden, wenn wir einmal den nächsten Punkt angehen:

2. Die Sünde des Gerechtfertigten

Der Katholik: Einverstanden! Ich weiß ja, daß nicht zuletzt deswegen noch einmal die mühselige dritte Revisionsrunde im Januar 1997 einberufen werden mußte. Einigen von euch konnten wir offenbar auch als Gerechtfertigte nicht sündig genug sein! Nun sagst du, gerade hier sei kein Anlaß, die Frage mit dem Gedanken von zweierlei Sprache anzugehen. Willst du die Gemeinsamkeit an diesem Thema wirklich zu Bruch gehen lassen?

Der Lutheraner: Natürlich nicht - aber ich tue mich gerade hier sehr schwer. Hier schlägt sozusagen das ganze lutherische Herz! Luther hat schon in seinen theologischen Anfängen, noch vor Ausbruch des Ablaßstreites, von den Gerechtfertigten gesagt, sie seien »gerecht und Sünder zugleich«. Dieses simul iustus et peccator finden wir Lutheraner zutreffend beschrieben sogar mit indirekten Lutherzitaten, die die Fachleute sofort erkennen.
Laß mich zitieren:
»Das verstehen Lutheraner in dem Sinne, daß der Christ ›zugleich Gerechter und Sünder‹ ist: Er ist ganz gerecht, weil Gott ihm durch Wort und Sakrament seine Sünde vergibt und die Gerechtigkeit Christi zuspricht, die ihm im Glauben zu eigen wird und ihn in Christus vor Gott zum Gerechten macht. Im Blick auf sich selbst aber erkennt er durch das Gesetz, daß er zugleich ganz Sünder bleibt, daß die Sünde noch in ihm wohnt (1 Joh 1,8; Röm 7,17-20); denn er vertraut immer wieder auf falsche Götter und liebt Gott nicht mit jener ungeteilten Liebe, die Gott als sein Schöpfer von ihm fordert (Dtn 6,5; Mt 22,36-40 parr.). Diese Gottwidrigkeit ist als solche wahrhaft Sünde. Doch die knechtende Macht der Sünde ist aufgrund von Christi Verdienst gebrochen: Sie ist keine den Christen ›beherrschende‹ Sünde mehr, weil sie durch Christus ›beherrscht‹ ist, mit dem der Gerechtfertigte im Glauben verbunden ist; so kann der Christ, solange er auf Erden lebt, jedenfalls stückweise ein Leben in Gerechtigkeit führen. Und trotz der Sünde ist der Christ nicht mehr von Gott getrennt, weil ihm, der durch die Taufe und den Heiligen Geist neugeboren ist, in täglicher Rückkehr zur Taufe die Sünde vergeben wird, so daß seine Sünde ihn nicht mehr verdammt und ihm nicht mehr den ewigen Tod bringt. Wenn also die Lutheraner sagen, daß der Gerechtfertigte auch Sünder und seine Gottwidrigkeit wahrhaft Sünde ist, verneinen sie nicht, daß er trotz der Sünde in Christus von Gott ungetrennt und seine Sünde beherrschte Sünde ist. Im letzteren sind sie mit der römisch-katholischen Seite trotz der Unterschiede im Verständnis der Sünde des Gerechtfertigten einig« (Nr.29).

Wir Lutheraner legen großen Wert darauf, hier wirklich das Wort »Sünde« zu nennen. Darum sind wir befremdet über die Beschreibung der katholischen Auffassung oder genauer: wieso ihr Katholiken meint, mit dieser Auffassung der reformatorischen Auffassung nicht zu widersprechen. Schon in dem, was man »gemeinsam« bekennt, wittern wir verschleiernde Formulierungen. Was heißt: »[Der Gerechtfertigte] ist der immer noch andrängenden Macht und dem Zugriff der Sünde nicht entzogen (vgl. Röm 6,12-14) und des lebenslangen Kampfes gegen die Gottwidrigkeit des selbstsüchtigen Begehrens des alten Menschen nicht enthoben (vgl. Gal 5,16; Röm 7,7.10). Auch der Gerechtfertigte muß wie im Vaterunser täglich Gott um Vergebung bitten (Mt 6,12; 1 Joh 1,9), er ist immer wieder zu Umkehr und Buße gerufen, und ihm wird immer wieder die Vergebung gewährt« (Nr.28)? Drückt man sich so gewunden aus wegen der allerdings klaren Beschreibung der katholischen Auffassung, »daß [nach der Taufe] jedoch eine aus der Sünde kommende und zur Sünde drängende Neigung (Konkupiszenz) im Menschen verbleibt. Insofern nach katholischer Überzeugung zum Zustandekommen menschlicher Sünden ein personales Element gehört, sehen sie bei dessen Fehlen die gottwidrige Neigung nicht als Sünde im eigentlichen Sinne an. Damit wollen sie nicht leugnen, daß diese Neigung nicht dem ursprünglichen Plan Gottes vom Menschen entspricht, noch, daß sie objektiv Gottwidrigkeit und Gegenstand lebenslangen Kampfes ist; in Dankbarkeit für die Erlösung durch Christus wollen sie herausstellen, daß die gottwidrige Neigung nicht die Strafe des ewigen Todes verdient und den Gerechtfertigten nicht von Gott trennt« (Nr.30). Folgt noch der Hinweis auf die Notwendigkeit des Bußssakramentes bei neuer Sünde.

Ihr Katholiken wollt also den Begriff »Sünde« auf die Tatsünde und damit auf das frei entschiedene moralische Versagen beschränken. Soweit es dabei um einen Sprachgebrauch geht, kann man darüber ja reden. Nur fragen wir zurück: Was ist dann die »Neigung«, die »nicht dem ursprünglichen Plan Gottes entspricht« und die trotzdem »objektiv gottwidrig« ist? Lebt ein Mensch, der nicht dem Plan Gottes mit dem Menschen entspricht, nicht in einem fundamentalen, alles durchwirkenden Widerspruch zu Gott? Ist »Gottwidrigkeit« nicht die Wesensbestimmung von Sünde? Entweder ihr bezeichnet diese »Gottwidrigkeit« also mit einem Wort, das das ganze Gewicht der Sache genauso ausdrückt, wie wir das mit unserer Redeweise von der bleibenden und nur um Christi willen uns nicht mehr von Gott trennenden Sünde tun - dann ist freilich nicht einzusehen, warum ihr euch so gewunden ausdrückt, statt uns einfach zuzustimmen. Oder - und danach klingen eure Worte schon eher - ihr nehmt diese Gottwidrigkeit doch nur als ein harmloses Phänomen am Rande eures Gottesverhältnisses, das erst durch freie Zustimmung wieder zum wirklichen Widerspruch zu Gott wird - dann könnt ihr aber nicht mehr sagen, daß eure Auffassung mit der unseren vereinbar wäre, geschweige denn im Einklang.

Der Katholik: Ja ich merke: Hier schlägt das lutherische Herz! Eure Leute haben ja in Nr.29 wahrhaftig keine weniger gewundene Formulierung durchgesetzt als wir in Nr.30! Und doch muß ich, kühl bis ans Herz hinan, einiges klarstellen.
Zunächst:
Im Eifer des Gefechtes ist dir ganz unbemerkt eine Überforderung des Textes unterlaufen, die lutherischerseits in der ganzen heftigen Debatte der letzten zehn Jahre häufiger zu beobachten ist und bei der mühseligen Ausarbeitung des Textes ebenfalls häufig zu spüren war: Man fordert als Bedingung für neue Kirchengemeinschaft mehr an Einheit (der Lehre und teilweise auch der Praxis), als man für die eigene Konfessionskirche fordert. Und an diesem Maßstab mißt man die erarbeiteten Dokumente - und hat es dann leicht, negativ zu urteilen und »gewundene« Formulierungen zu denunzieren. Nun ist auch dir das Wort »Einklang« entschlüpft. Aber darum kann es doch gar nicht gehen. Vielmehr nur darum, ob die unterschiedlichen Auslegungen des gemeinsam Bekannten und gemeinsam Formulierten die Gemeinsamkeit Lügen strafen. Und hier ist meine Position stärker, als du mir zutraust!
Denn:
Du magst zwar logisch recht haben, daß »Gottwidrigkeit« die Definition der Sünde ist. Wenn wir aber - auf der Linie des Trienter Konzils - die »Begierlichkeit« (die Konkupiszenz) trotzdem nicht »Sünde« nennen wollen, dann um eben dies anzudeuten, daß derselbe Sachverhalt, den ihr doch noch »Sünde« nennt, nicht mehr von Gott trennt. Denn was nicht von Gott trennt - durch nichts anderes als seine Gnade nicht mehr von ihm trennt! -, kann nicht mehr »Sünde« heißen in dem vollen Gewicht, das diesem Wort eignet. Insoweit drehe ich also bewußt dein Argument um!

Der Lutheraner (fällt ihm ins Wort): Halt! Du weißt so gut wie ich, daß Luther genau andersherum argumentiert. In der Streitschrift gegen den Theologen Latomus aus Löwen in Belgien von 1521, kurz Antilatomus genannt, fragt er seinen Kontrahenten, was ich auch dich sofort fragen muß: Mit welchem Recht nenne ich die Begierlichkeit nicht Sünde, wenn Paulus sie eindeutig als Sünde bezeichnet? Soll die Schrift hier nicht mehr der oberste Maßstab sein? Wir wären nicht so penetrant, wenn wir hier nicht Paulus allen Vätertraditionen und erst recht unseren »klugen« Einfällen vorziehen müßten. Sollten wir nicht, mit Luther, lieber einen Weg suchen, der die Spannung - die ich gar nicht leugne - auf einem Wege ausgleicht, der die Sprechweise des Apostels nicht umbiegen muß?

Der Katholik: Gerade wollte auch ich auf genau dieses Problem zu sprechen kommen! Wenn wir wirklich, wie Luther allerdings meinte, nur die Sprache der Schrift auch als Sprache der Theologie gebrauchen dürften, dann würden wir die Theologie strangulieren, indem wir sie zwingen müßten, in der Sprache und Denkweise der Schrift auf Fragen zu antworten, die in der Schrift so noch gar nicht gestellt wurden. Sicher, Luthers Prinzip war eine notwendige Gegenreaktion auf die spätmittelalterliche Scholastik, die es, was Entfernung von Denkweise und Sprechweise der Schrift betrifft, ziemlich arg getrieben hat. Aber gottlob hat sich Luther selbst nicht an sein eigenes Prinzip gehalten - und die spätere lutherische Theologie auch nicht. Sie haben, wie auch eure konservativsten Leute in Göttingen und anderswo zugeben, das paulinische Zeugnis »zugespitzt« auf die Fragen und Nöte der Kirche ihrer Zeit.

Daß es so ist, dafür habe ich nun beste Kronzeugen bei euch selbst. Ist Paul Althaus etwa kein waschechter lutherischer Theologe? Ist sein Nachfolger Wilfried Joest hinsichtlich seiner Treue zu Luther unter Verdacht? Beide haben schon vor Jahrzehnten nachgewiesen, daß Röm 7,14-8,1 - der berühmte Text über den zwischen Gut und Böse zerrissenen Menschen - gerade nicht der biblische Beleg für das simul iustus et peccator ist. Paulus redet hier nicht vom Christen, sondern, im Rückblick, von seiner vorchristlichen Vergangenheit. Joest hat sogar eindeutig nachgewiesen, daß Paulus keinen Getauften als einen peccator in re, als »Sünder dem Tatbestand nach« kennt. Damit erscheint das simul als eine - legitime! - Fortbildung des paulinischen Zeugnisses in einer neuen theologischen und seelsorglichen Situation. Aber wenn euch der Grundsatz »die Schrift allein« (sola scriptura) etwas gilt, verstehe ich nicht, wie ihr bei dieser Lage der Dinge gerade an diesem Punkt uns die lutherische »Zuspitzung« als allein gültige Glaubenswahrheit aufzwingen wollt. Wir haben es euch zugestanden - daher die etwas gewundene Formulierung des gemeinsamen Bekenntnisses in Nr.28. Ihr solltet dann aber etwas leiser mit eurem Vorwurf sein, wir blieben hier hinter dem gemeinsamen Zeugnis zurück. Dazu nun aber noch einmal eine sachliche Anmerkung.

Ihr sprecht von der »beherrschten« Sünde, die in Christus, das heißt: kraft der Vergebung nicht mehr von Gott trennt. Gut so. Und der Unterschied zwischen einer herrschenden und einer beherrschten Sünde ist ja wirklich ein fundamentaler. Kann es dann so daneben sein, den neuen Zustand nicht mehr mit demselben Wort auszudrücken? Ich weiß um Luthers schönes Bild im Antilatomus: Der Räuber bleibt auch im Gefängnis ein Räuber - nur kann er keinen Schaden mehr anrichten. Aber dann kann es doch nicht falsch sein, nicht mehr vom Räuber zu sprechen, sondern von dem Gefangenen! Ohne Bild: Eure Redeweise von der bleibenden Sünde klingt in katholischen Ohren immer noch zuviel nach »Als-ob-Theologie«: Gott tut um Christi willen so, als ob der Gerechtfertigte keine Sünde mehr habe - aber geändert hat sich natürlich nichts! Unsere Redeweise hält fest, daß sich wirklich etwas ändert. Die Sünde, die bleibt, verdient nicht mehr ihren Namen. Und das muß man ja keineswegs auf eine neue, besitzartige »Qualität« der Seele, genannt »geschaffene Gnade«, oder auf eine eingeflößte (»eingegossene«) »übernatürliche« Kraft zurückführen, wie ihr immer noch unsere Scholastiker mit ihrer These von der Gnade als einer Art qualitas in der Seele mißversteht. Denk doch nur mal im Sinne Luthers nach, ob es möglich ist, daß einer glaubt und zugleich sich die Sünde egal sein läßt! Nein, Joest scheint uns Luther richtiger auszulegen, wenn er sich so ausdrückt: Der Glaube erzeugt durch sich selbst einen »Gegenwillen« gegen die Sünde, der anfängt, gegen sie zu kämpfen. Auch nach eurer Tradition ist also die Erneuerung durch den Glauben sozusagen psychologisch faßbar. Luther hat darum gar keine Scheu gehabt, in seinen Sermonen, Dekalogauslegungen und Predigten die Leute auch zu diesem Kampf gegen die Sünde und zum Bemühen um die wahrhaft guten Werke zu ermahnen, zu drängen, ja ihnen kräftig ins Gewissen zu reden. Aber wenn wir Katholiken das tun und darauf bestehen, daß das auch gesagt wird, dann ruft ihr gleich »Werkgerechtigkeit«, »Ansprüche an Gott«, »Selbstaufbau vor Gott« usw.!

Der Lutheraner: Nett, daß du uns so an unsere Tradition erinnerst! Aber das kann ich zurückgeben! Auch ihr nehmt eure eigene Tradition in Sachen bleibende Sünde aus lauter Abgrenzungsgründen nicht ernst - wie schon die Väter des Konzils von Trient. Ich nenne nur: Augustinus, Thomas von Aquin - und aus unserer Zeit Karl Rahner (hast du schon einmal seinen frühen Aufsatz zum Konkupiszenzbegriff gelesen?). Aber ich will dich jetzt nicht mit Fachsimpeleien quälen! Doch gerade daraufhin argwöhne ich, daß ihr den wahren Hintergrund dieses Streites um die bleibende Sünde noch gar nicht verstanden habt. Ich meine die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium.

3. Gesetz und Evangelium

Es heißt dazu in der Erklärung: »Wir bekennen gemeinsam, daß der Mensch im Glauben an das Evangelium ›unabhängig von Werken des Gesetzes‹ (Röm 3,28) gerechtfertigt wird. Christus hat das Gesetz erfüllt und es durch seinen Tod und seine Auferstehung als Weg zum Heil erfüllt und überwunden« (Nr.31). Das hören wir mit voller Zustimmung, und Martin Luther hätte seine Freude daran. Auch daß ihr Katholiken dann den Mut zu der Konsequenz habt, »daß Christus nicht ein Gesetzgeber im Sinne von Mose ist« (Nr.34) - denn wir wissen wohl, daß das Konzil von Trient gegen unsere Väter die Rede von Christus als »Gesetzgeber« ausdrücklich verteidigt hat (DH 1571).

Aber warum müßt ihr Katholiken dann wieder einmal im gleichen Atemzug etwas draufsatteln und Wert auf die Feststellung legen - und man kann daran »fühlen«, daß die katholischen Teilnehmer für diesen Satz gesorgt haben! -: »Wir bekennen zugleich, daß die Gebote Gottes für den Gerechtfertigten in Geltung bleiben und daß Christus in seinem Wort und Leben den Willen Gottes, der auch für den Gerechtfertigten Richtschnur seines Handelns ist, zum Ausdruck bringt«(Nr.31). Habt ihr immer noch dasselbe Mißtrauen wie eure Leute damals, wir hielten nichts von den Geboten Gottes und dächten, nach denen bräuchten wir uns nicht mehr zu richten? Nehmt ihr immer noch nicht ernst, was Melanchthon in unserem Namen 1530 dazu ins »Augsburger Bekenntnis« geschrieben hat: »Auch wird gelehrt, daß solcher Glaube gute Frucht und gute Werke bringen soll, und daß man müsse gute Werk tun allerlei, so Gott geboten hat, um Gottes willen, doch nicht auf solche Werk vertrauen, dadurch Gnad für (= vor) Gott zu verdienen« (Art.6, BSLK 60,2-7). »Den Unseren wird mit Unwahrheit aufgelegt, daß sie gute Werke verbieten. Dann (= denn) ihre Schriften von zehn Geboten und andere beweisen, daß sie von rechten christlichen Ständen und Werken guten nützlichen Bericht und Ermahnung getan haben & x2026;« (Art.20, BSLK 75, 13-18)? Warum habt ihr nicht zugelassen oder gar darauf gedrungen, uns bei unserem eigenen Wort zu nehmen und uns an Luthers Wort zu erinnern: »O, es ist ein lebendig, schäftig, tätig, mächtig Ding um den Glauben, daß unmöglich ist, daß er nicht ohn Unterlaß sollt Guts wirken. Er fraget auch nicht, ob gute Werke zu tun sind, sondern ehe man fragt, hat er sie getan und ist immer im Tun« (Vorrede zum Römerbrief)? Kann man nachdrücklicher begründen, daß Glaube und gute Werke nicht zu trennen sind wie Grund und Folge nicht zu trennen sind und Baum und Frucht? Warum seid ihr so mißtrauisch, daß ihr meint, uns an die Gebote erinnern zu müssen?

Der Katholik: Stimmt! Hier haben wir uns wirklich eine Chance entgehen lassen. Aber bedenke bitte - ich deutete es schon einmal an -, daß schon damals und im Verlauf eurer getrennten Kirchengeschichte dann noch öfter die Leute sich um die subtilen Gedanken eurer Väter wenig gekümmert und die »Freiheit eines Christenmenschen« zur Karikatur gemacht haben. Das mindeste ist ja noch das moderne Fehlverständnis, der Glaube einerseits und Politik und Geschäft anderseits hätten nichts miteinander zu tun. »Mit dem Evangelium kann man nicht die Welt regieren«, hat Luther gesagt. Das kann man richtig verstehen. Aber wie praktisch, daraufhin im weltlichen Handeln das Evangelium und die ethischen Weisungen der Bibel schlicht vergessen zu können! Nein, Bruder, die Väter von Trient hatten schon Anlaß, nicht nur theoretisch, sondern erst einmal praktisch um die Ethik besorgt zu sein. Gegenprobe: Melanchthon - bald nicht nur ein Lehrer, sondern auch der Organisator einer Kirchenreform im Sinne Luthers - hat auf seine alten Tage ziemliche Anfeindungen erleben müssen, weil er zunehmend wieder die ethischen Pflichten des aus reinem Glauben Gerechtfertigten betont hat. Und der sogenannte »Dritte Brauch des Gesetzes«, der Tertius usus legis, den Luther nicht kennt - der Gebrauch des Gesetzes durch die Gerechtfertigten -, steht ja nicht umsonst dann doch in der Konkordienformel!

Der Lutheraner: Verzeih, daß ich unterbreche! Ich war nämlich noch nicht fertig. Denn möglicherweise habt ihr überhaupt nicht ganz verstanden, was wir Lutheraner mit der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium letztlich meinen. Ihr meint, es ginge dabei nur um die Ethik. Aber es geht um viel mehr! Und jetzt rächt sich vielleicht, daß ihr in bezug auf die bleibende Sünde und das »gerecht und Sünder zugleich« so unklar und mehrdeutig geblieben seid. Ihr begnügt euch damit, zu sagen: »Wenn Katholiken betonen, daß der Gerechtfertigte zur Beobachtung der Gebote Gottes gehalten ist, so verneinen sie damit nicht, daß die Gnade des ewigen Lebens den Kindern Gottes durch Jesus Christus erbarmungsvoll verheißen ist.« (Nr.33). Demgegenüber verweisen die Lutheraner glasklar darauf, »daß die Unterscheidung und richtige Zuordnung von Gesetz und Evangelium wesentlich ist für das Verständnis der Rechtfertigung. Das Gesetz in seinem theologischen Gebrauch ist Forderung und Anklage, unter der jeder Mensch, auch der Christ, insofern er Sünder ist, zeitlebens steht und das seine Sünde aufdeckt, damit er sich im Glauben an das Evangelium ganz der Barmherzigkeit Gottes in Christus zuwendet, die allein ihn rechtfertigt« (Nr.32). Wir meinen: Der Mensch steht nicht nur von Fall zu Fall unter der Anklage des Gesetzes, und schon gar nicht hat er es ein für allemal hinter sich. Es gibt keinen Augenblick im Leben des Gerechtfertigten, wo der Mensch, wenn er in Gottes Gesetz schaut, nicht erkennt, daß er vor Gottes Willen versagt, zu ihm in Widerspruch lebt. Eben deshalb muß er sich ja sagen, daß er bleibend Sünder ist und nur in Gemeinschaft mit Christus sich vor Gott trauen und sich als »richtig«, als »gerecht« betrachten kann. Und umgekehrt wird dem Menschen alles zum »Gesetz«, was in ihm diese Erfahrung weckt und vertieft - sogar das Evangelium selbst, indem es dem Menschen klar macht, was Christus für ihn auf sich genommen hat. Unsere modernen Theologen sprechen gern von der »Existenzdialektik« zwischen Gesetz und Evangelium, und die entspricht genau dem simul iustus et peccator. Das zu verstehen, verbaut ihr euch durch die einseitige Fixierung auf die ethische Bedeutung des Gesetzes - mal ganz abgesehen davon, daß ihr damit die Tür zur »Werkgerechtigkeit« noch nicht fest genug verrammelt habt.

Der Katholik: Glaub mir, wir haben davon mehr verstanden, als du uns zutraust! Zumindest haben wir begriffen: Wenn ein Lutheraner nicht dreimal am Tag von »Gesetz und Evangelium« redet oder es nicht jede fünfte Seite wenigstens einmal schreibt, ist er kein richtiger Lutheraner! Doch mit Verlaub: Bei Paulus steht nichts von »Gesetz und Evangelium« als »Existenzdialektik«. Bei ihm ist der Gegensatz »Gesetz und (erfüllte) Verheißung«, und das sind bei ihm zwei heilsgeschichtliche Epochen - habe ich bei Paul Althaus und Wilfried Joest gelernt! Die lutherisch-reformatorische Formel ist »Zuspitzung« wie bei der bleibenden Sünde auch! Zudem: Bei Luther ist das ja noch ganz einfach: »Gesetz« sind alle sittlichen oder auch kultischen und rechtlichen Weisungen im Alten wie im Neuen Testament, vor allem natürlich der Dekalog und die Bergpredigt, »Evangelium« ist das erste Gebot, erfüllt in der Jesusgeschichte nach dem Zeugnis vor allem des Paulus und des Johannesevangeliums. Was machen wir damit unter den Bedingungen heutiger historisch-kritischer Exegese? Was ist, vor allem, heute »Gesetz«? Ihr jedenfalls habt daraus eine Geheimwissenschaft gemacht, deren Subtilitäten nur noch ein paar Experten verstehen - das geben eben diese Experten sogar selber zu. Katholiken jedenfalls verstehen diese Geheimwissenschaft nicht - wie ich aus Erfahrung bei vielen Versuchen, das zu erklären, weiß. Und nun wollt ihr uns ausgerechnet diese Geheimwissenschaft als ein Schibboleth, als eine Erkennungsparole für den Eintritt in den ökumenischen Konsens aufzwingen (»& x2026;wesentlich für das Verständnis der Rechtfertigung«)? Schon in der Diskussion um das Lehrverurteilungsdokument haben wir hören müssen, wir - die ganze Kommission, nicht nur die katholischen Mitglieder - hätten nichts von reformatorischer Theologie begriffen, weil wir das Thema »Gesetz und Evangelium« nicht aufgenommen hätten. Ich halte dagegen: Die Katholiken waren gut beraten, hier eisern beim Trienter Konzil zu bleiben. Die Väter damals haben nämlich diese Unterscheidung in ihrer Tragweite auch nicht begriffen - und darum dagegen auch direkt keine Verurteilung ausgesprochen. Sie haben sich weise auf die Einschärfung des Zusammenhangs zwischen Glaube und Ethik beschränkt. Wenn dieser klar war - und wir nehmen freudig zur Kenntnis, daß er für euch auch kein Problem ist! -, kann dann nicht der Rest dem Disput in euren Fakultäten überlassen bleiben, wo euch dann zuerst einmal die reformierten Schwestern und Brüder wieder auf den Erdboden zurückholen?

Der Lutheraner (leicht indigniert): Na gut, ich weiß, daß wir mit diesem wichtigen Thema in der Christenheit allein auf weiter Flur stehen und nur schwer herüberbringen können, was wir meinen. Aber schön, daß du mir wenigstens zugestehst, daß die Sache uns wichtig ist und wichtig sein darf. Wir können und wollen nicht davon herunter, daß Luther gesagt hat, die Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium sei »die höchste Kunst in der Christenheit«. Das hat übrigens Folgen, die auch ihr sofort merkt, wenn wir mit euch gemeinsame Stellungnahmen versuchen zu ethischen Fragen in Politik und Wirtschaft und ihr euch dann über die Freiheitlichkeit wundert, mit der wir an die Dinge herangehen!

4. Die guten Werke als ›Verdienst‹

Aber dein Plädoyer für die Ethik läßt mich noch einen letzten Punkt aufgreifen. Dein Einsatz für die Ethik läßt mich leichter verstehen, warum ihr an der Vorstellung von den guten Werken als »Verdienst« unbedingt festhalten wollt. Und das macht mich zugleich erneut mißtrauisch - wo ihr doch wißt, wie sehr der ganze Streit im 16.Jahrhundert wesentlich auch darum ging, ob dieser Begriff eine angemessene Ausdrucksweise für den Zusammenhang von Glaube und guten Werken ist.

Der Katholik: Klar, aber ich habe den Eindruck, dieser Streit ist heute ausgestanden, wenn es in der Erklärung heißt:

»Wir bekennen gemeinsam, daß gute Werke - ein christliches Leben in Glaube, Hoffnung und Liebe - der Rechtfertigung folgen und Früchte der Rechtfertigung sind. Wenn der Gerechtfertigte in Christus lebt und in der empfangenen Gnade wirkt, bringt er, biblisch gesprochen, gute Frucht. Diese Folge der Rechtfertigung ist für den Christen, insofern er zeitlebens gegen die Sünde kämpft, zugleich eine Verpflichtung, die er zu erfüllen hat, deshalb ermahnen Jesus und die apostolischen Schriften den Christen, Werke der Liebe zu erfüllen« (Nr. 37). Und wenn es weiter heißt, daß die so getanen guten Werke »so zu einem Wachstum in der Gnade bei[tragen], daß die von Gott empfangene Gerechtigkeit bewahrt und die Gemeinschaft mit Christus vertieft werden« (Nr.38). Das ist doch das, was wir immer gesagt haben: In Christus leben, Frucht bringen in Werken der Liebe und dadurch empfangene Gerechtigkeit und Gemeinschaft mit Christus vertiefen!

Der Lutheraner: Eben! Nur verstehe ich dann eines nicht: Warum habt ihr nicht den Mut, das Wort »Verdienst« auf die schwarze Liste zu setzen, nachdem es soviel Unheil und Mißverständnis angerichtet hat? Wenn wir einig sind darin, daß sich kein Mensch vor Gott auf solches Wachstum in der Gnade wie auf eine Kapitalvermehrung berufen kann, dann wundert es uns Lutheraner, daß ihr nach wie vor an der »‹Verdienstlichkeit‹ der guten Werke festhalten« wollt, wie es in derselben Nr.38 heißt. Um die »Verantwortung« des Menschen für sein Handeln herauszustellen (ebd.), braucht man den Gedanken des Verdienstes wirklich nicht. Und daß der biblische Gedanke vom Lohn, auf den ihr euch beruft, den Gedanken des Verdienstes einschließe, ist doch längst widerlegt! Die Bibel denkt gewiß nicht so - siehe das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg! Und die großen Geister in der Theologiegeschichte, die den Gedanken ausgearbeitet haben - ein Augustinus, ein Thomas von Aquin, ein Johannes Duns Scotus, ja, wenn man genau hinsieht, auch das Konzil von Trient -, die haben dieses Argument: Wo Lohn, da auch ein Verdienst, gerade ausgeschaltet. Wenn ihr doch wenigstens Augustinus zitiert hättet, der sagt, wenn Gott unsere Verdienste kröne, so kröne er in Wahrheit seine eigenen Geschenke in uns!

Der Katholik: Schau doch einmal in die gegenwärtig im Gebrauch befindlichen Handbücher der katholischen Dogmatik hinein! Du wirst feststellen, daß der Verdienstgedanke dort kaum noch eine Rolle spielt. Er ist zum Anhang, zur Nachbemerkung am Schluß der Gnadenlehre geworden.

Der Lutheraner: Aber im neuen »Weltkatechismus« steht er in aller Pracht und Herrlichkeit wieder drin (Nr.2006-2011)! Übrigens: in genau dem abgesicherten Sinne wie in der Erklärung! Aber eben doch »festgehalten«. Ich verstehe das nicht. Der richtig verstandene Verdienstgedanke ist in der Seelsorge nie fruchtbar geworden. Klar! Denn er ist nun einmal ein praktischer Gedanke, dessen Sinn man nur einsieht, wenn man ihn auch praktizieren kann, also nach Lohn bei Gott streben darf. Und das gerade soll man ja nicht - worin wir uns wieder ganz einig sind. Warum also an einem Begriff »festhalten«, der sich, wenn richtig verstanden, auch anders ausdrücken läßt - zum Beispiel im Bild vom Weinstock Christus, in den die Christen als Reben eingepflanzt werden, wie das Trienter Konzil selbst sagt -, ohne daß die unguten Konsequenzen in der Seelsorgspraxis zu befürchten stehen? Muß man wirklich jedes Wort des Trienter Konzils verteidigen?

Der Katholik: Du berührst den wunden Punkt. Unter Brüdern gesagt: Ich sähe den Begriff auch am liebsten auf der schwarzen Liste. Aber man kann nicht immer alles zugleich erreichen. Es war nun einmal die Voraussetzung, um des Heute willen noch einmal die Kontroversen von gestern zu diskutieren und zu fragen, ob wir wirklich so füreinander verschlossen waren, wie man das damals meinte. Dann war aber auch klar: Jede der beiden Seiten durfte gar nicht auf ihre Tradition verzichten - sonst wäre das Ergebnis windschief geworden, und unsere wie eure Hardliner hätten mit Recht sofort geschrieen (wie sie ja dann auch geschrieen haben): »Ausverkauf des reformatorischen propiums«, »Verrat an verbindlicher Lehre«, »erschlichener Konsens«, »Nebelkerzen« u.ä. Wie ihr also euer simul iustus et peccator und »Gesetz und Evangelium« verteidigt, so wir den Akzent auf dem ethischen Bemühen und eben auch den Begriff des »Verdienstes«. Was das für eine heutige Verkündigung bedeutet, ist dabei so offen wie ein gemeinsames Zeugnis für unseren Glauben an Gottes unverdiente Liebe zu uns, seinen notorischen Rebellen, überhaupt.

5. Einige weitere Einzelheiten

Der Lutheraner: Meinst du nicht, wir nerven allmählich unsere Hörerinnen und Hörer etwas? Sollten wir nicht zum Schluß kommen?

Der Katholik: Das sehe ich auch so. Aber ich möchte mir nicht gern nachsagen lassen, wir hätten vor irgendeinem Thema gekniffen. Ich schlage vor, wir lassen einmal unseren gemeinsamen Freund Harding Meyer - diesen wahren, unerschöpflich geduldigen Diplomaten des differenzierten ökumenischen Konsenses! - sprechen. Er hat in einem Vortrag einmal alle Einzelthemen der Erklärung ganz knapp auf den Punkt gebracht. Ich zitiere ihn zu den hier zwischen uns nicht diskutierten Punkten:

Zum Thema »Unvermögen und Sünde des Menschen angesichts der Rechtfertigung« (Nr.20 und 21):
»Der Unterschied liegt darin, daß Lutheraner die ›Passivität‹ des Menschen bei seiner Bekehrung stark herausstellen, während Katholiken von menschlicher ›Mitwirkung‹ reden. Jedoch gilt: Wenn Katholiken von ›Mitwirkung‹ sprechen, so geht es ihnen darum, daß der Mensch dem rechtfertigenden Handeln Gottes persönlich zustimmen muß; aber auch diese ›personale Zustimmung‹ ist ›selbst eine Wirkung der Gnade und kein Tun des Menschen aus eigenen Kräften‹. Wenn lutherischerseits die ›Passivität‹ des Menschen bei seiner Rechtfertigung betont wird, so wird damit doch nicht das - ›vom Worte Gottes selbst gewirkte‹ - verantwortliche und ›volle Beteiligtsein‹ des Menschen in Abrede gestellt.«

Zum Thema »Rechtfertigung als Sündenvergebung und Gerechtmachung« (Nr.23 und 24):
Der Unterschied liegt darin, daß Lutheraner die Gnade Gottes vor allem als ›vergebende Liebe‹ verstehen, während Katholiken betonen, daß diese vergebende Gnade stets mit dem Geschenk des erneuerten Lebens verbunden ist. Jedoch gilt: Auch für Lutheraner wirkt Gottes rechtfertigende Gnade zugleich die Erneuerung des Lebens. Katholiken wiederum sehen in dem erneuerten Leben des Christen keine ›menschliche Mitwirkung‹ zur Rechtfertigung.«

Zum Thema »Rechtfertigung durch Glauben und aus Gnade« (Nr.26 und 27):
»Der Unterschied liegt darin, daß für Lutheraner Gott den Sünder ›allein aus Glauben‹ rechtfertigt, während Katholiken die den Menschen innerlich erneuernde Rechtfertigungsgnade betonen. Jedoch gilt: Das lutherische ›allein aus Glauben‹, das die Unabhängigkeit der Rechtfertigung vom Tun des Menschen festhält, verneint keineswegs ›die Erneuerung der Lebensführung, die aus der Rechtfertigung notwendig folgt und ohne die kein Glaube sein kann‹. ›Auch für Katholiken ist der Glaube für die Rechtfertigung fundamental; denn ohne ihn kann es keine Rechtfertigung geben.‹ Wenn Katholiken die lebenserneuernde Rechtfertigungsgnade betonen, so wird diese Rechtfertigungsgnade für sie doch ›nie (zu einem) Besitz des Menschen, auf den er sich gegenüber Gott berufen könnte‹.«

Und noch zum Thema »Heilsgewißheit« (Nr.35 und 36):
»Der Unterschied liegt darin, daß nach lutherischer Auffassung das Vertrauen auf Gottes Heilszusage die ›Gewißheit des Heils‹ einschließt (vgl. Röm 8,38f.), Katholiken jedoch befürchten, daß eine solche ›Heilsgewißheit‹ zu einer falschen ›Sicherheit‹ führt, vor der das paulinische ›Schaffet, daß ihr selig werdet mit Furcht und Zittern‹ warnt (Phil 2,12; vgl. 1 Kor 10,12). Jedoch gilt: Wenn Lutheraner die ›Heilsgewißheit‹ des Glaubenden betonen, die sich auf Gottes Heilszusage stützt, so gilt für sie doch zugleich, daß der Glaubende im Blick auf sich selbst seines Heils ›niemals sicher‹ sein kann. Auch katholischerseits gilt: ›In allem Wissen um sein eigenes Versagen darf der Glaubende dessen gewiß sein, daß Gott sein Heil will.‹ Denn es kann nicht sein, daß der Glaubende ›sich ganz Gott anvertraut‹ und ›zugleich dessen Verheißungswort für nicht verläßlich‹ hält.«

Soweit Harding Meyer. Soll ich dir noch eine kleine Feinheit verraten? An der Stelle, wo es jetzt heißt: »& x2026; darf der Glaubende dessen gewiß sein, daß Gott sein Heil will«, hieß es ursprünglich: »Glaube ist Heilsgewißheit.« Das war die Übernahme einer Formulierung aus dem Lehrverurteilungsdokument - und sie entspricht genau Luthers Glaubensbegriff. Die Änderung geht auf einen römischen Abänderungswunsch zurück - und zeigt frappierend die gemeinsame Überzeugung und das Aneinandervorbeireden zugleich. Die Formulierung: »Glaube ist Heilsgewißheit« schmeckte wohl allzusehr nach dem uralten Mißverständnis, dem auch das Trienter Konzil erlegen ist, nämlich: damit sei die Wirklichkeit der Rechtfertigung auf das subjektive Bewußtsein von ihr gegründet. Doch die Kritiker merkten nicht, daß sie mit der neuen Formulierung genau die wirkliche Meinung Luthers aussprachen. Denn »Heilsgewißheit« heißt ja für Luther gerade, daß man sich ausschließlich an Gottes Heilszusage hält, wie auch immer es im subjektiven Inneren aussieht!

Der Lutheraner: Jetzt will auch ich dir noch eine kleine Feinheit verraten: Es soll bei den Beratungen lutherischerseits Bedenken gegeben haben, die Worte »Wir bekennen« zu gebrauchen - damit nur ja nicht die Vorstellung aufkomme, hier werde eine neue »Bekenntnisschrift« gemacht. Man ist dann trotzdem bei dem, was man unbedingt gemeinsam sagen will, bei der Formel »Wir bekennen« geblieben. Und ich finde das gut. Die alten Lehrverurteilungen und Gegensätze sind schließlich in »Bekenntnisschriften« bzw. »Lehrentscheidungen« festgeschrieben. Da darf ein Dokument, das in dieser Sache eine fundamental neue Lage schaffen will, ruhig auch einmal die Erinnerung an »Bekenntnisschriften« wachrufen. Es gibt keinen Grund, hier Angst vor der eigenen Courage zu bekommen.

Zu jeder guten Diskussion gehört ein Schlußwort. Meine letzten Bemerkungen waren es. Hast du auch noch eines?

Der Katholik: Ich hoffe, unser Disput hat vor allem klar gemacht, daß die Zielvorstellung des Dokumentes nicht ein uniformer Konsens, sondern - noch einmal mit dem von Harding Meyer geprägten Begriff - ein differenzierter Konsens ist, das heißt: ein Konsens, der auseinandergehende Auslegungen zuläßt, die nicht auf einen Nenner gebracht werden können, aber für einander »offen« sind. Diese »Offenheit« besagt - ich knüpfe an eine Formulierung des Lehrverurteilungsdokumentes an -, daß die eine Seite nicht wirklich behauptet, was die andere ablehnt, und die andere nicht übersieht, was der ersten am Herzen liegt. Solche Offenheit genügt für die unzweideutige Feststellung, die die Erklärung in Nr.41 trifft: »Damit erscheinen auch die Lehrverurteilungen des 16.Jahrhunderts, soweit sie sich auf die Lehre von der Rechtfertigung beziehen, in einem neuen Licht: Die in dieser Erklärung vorgelegte Lehre der lutherischen Kirchen wird nicht von den Verurteilungen des Trienter Konzils getroffen. Die Verwerfungen der lutherischen Bekenntnisschriften treffen nicht die in dieser Erklärung vorgelegte Lehre der römisch-katholischen Kirche.« Die Bemühungen um eine positive gemeinsame Formulierung des Rechtfertigungsglaubens, vor allem in den USA vorangetrieben, und die Bemühungen in Deutschland, die Fortgeltung der Lehrverurteilungen zwischen den Schwesterkirchen von heute zu überprüfen, haben hier in einem Dokument zusammengefunden. Nun gilt es, den Stein ins Wasser zu werfen und ihn immer weitere Kreise ziehen zu lassen, die dann auch die immer noch strittigen Anschlußfragen erfassen und - so hoffen die Befürworter - sie ebenso einem »differenzierten Konsens« zuführen. 

»Amen!« Wir entlassen nun unsere Disputanten und schließen mit zwei kurzen Überlegungen.

 

V. Die nächsten Schritte

1. Tragweite und Konsequenzen der Erklärung

Gehen wir einmal davon aus, daß die Erklärung kommt und mit einer möglichst hochrangigen Form von Ausübung der Lehrautorität veröffentlicht wird - in den lutherischen Kirchen also durch Synoden und Bischöfe, und durch den Lutherischen Weltbund als feststellendes Organ, in der römisch-katholischen Kirche etwa durch eine Erklärung der Glaubenskongregation, die der Papst persönlich bestätigt und zu veröffentlichen befiehlt - oder gar durch ein »Apostolisches Schreiben« des Papstes persönlich. Dann bedeutet das nicht weniger als dies: Es kann dann niemand mehr sagen, die Rechtfertigungslehre trenne heute noch die betroffenen Schwesterkirchen, es sei denn, er sagt es als seine persönliche Privatmeinung. Wo also im 16.Jahrhundert die Wege definitiv auseinandergingen, da laufen sie jetzt aufeinander zu, zumindest laufen sie so in Sichtweite parallel, daß wir miteinander gemeinsam den Weg zum gemeinsamen Ziel des Reiches Gottes gehen können.

Damit ist nicht automatisch neue Kirchengemeinschaft begründet, wie die Erklärung ausdrücklich feststellt. Mit Recht verweist der Text auf noch ungeklärte Fragen wie »das Verhältnis von Wort Gottes und kirchlicher Lehre sowie die Lehre von der Kirche, von der Autorität in ihr, von ihrer Einheit, vom Amt und von den Sakramenten« (Nr.43). Aber ohne eine solche Erklärung kann sie gewiß nicht begründet werden. Und was die dann noch verbleibenden Unterschiede und Gegensätze betrifft, so gilt: Wenn die Rechtfertigungslehre wirklich das Zentrum des konfessionellen Gegensatzes bildete und dieses als solches heute nicht mehr kirchentrennend ist, dann kann es grundsätzlich keinen konfessionellen Gegensatz mehr geben, der unüberwindlich wäre.

Meine Hauptsorge ist daher nicht eine theologische Unredlichkeit der Erklärung. Dagegen bürgen die beteiligten Autoren und Redaktoren des Textes - und die Argusaugen der prüfenden kirchlichen Instanzen! Meine Hauptsorge ist, daß sich beide Seiten im klaren darüber sind, daß die Konsequenzen, die nächsten Schritte nun nicht ausbleiben dürfen. Die evangelische Kirche könnte dann zum Beispiel nicht mehr, anders als der späte Luther und manche heutige evangelische Theologen, die Abschaffung des Papsttums als Bedingung für Kirchengemeinschaft fordern, sondern müßte anerkennen, daß man auch in der vom Nachfolger Petri geleiteten Kirche, ja im »Gehorsam gegen den Papst« Luthers bedingungslosen Glauben an die von Gott ohne Werke geschenkte Gerechtigkeit leben kann - und nur von Fall zu Fall dürfte sie ein eventuell evangeliumswidriges Verhalten katholischer Amtsträger kritisieren. Aber auch in der katholischen Kirche kann in Lehre und rechtsförmiger Lebensform nicht alles bleiben, wie es ist. Gewissenszwang dürfte keinen Ort mehr haben, wo die Freiheit eines Christenmenschen als Grundlage des Christseins anerkannt ist. Der Papst wie alle anderen müßten »offen« sein gerade auch für die Kritik aus lutherischer Orientierung. Gemeinschaft beim Herrenmahl - gemäß zu verabredenden Regeln - dürfte trotz noch unbereinigter Gegensätze im Verständnis vom kirchlichen Amt kein unüberwindliches Problem bleiben. Und schließlich wäre aus Gründen der Ehrlichkeit auch ein bereinigendes Wort zum Bann gegen Martin Luther fällig - weil anders die Übereinstimmung zwischen reformatorischem und katholischem Verständnis von der Rechtfertigung des Sünders gerade für einfache Kirchenchristen, die die theologischen und kirchenrechtlichen Subtilitäten nicht verstehen, nicht glaubhaft wäre.

Über allem aber müßte die - nun gemeinsame - Bemühung stehen, das, was in den alten Worten strittig war, aber nie hätte strittig werden dürfen, nun heute in neuen, die Gewissenssituation heutiger Menschen treffenden Worten zu sagen. Dies ist nämlich keineswegs unmöglich. Nur wenige Andeutungen:

2. Das Evangelium für heute

Sind das denn etwa keine vertrauten modernen Fragen, etwa: Wer bin ich eigentlich? Sind wir nur das, was wir leisten? Sind wir nur das, was wir gut machen? Wer bewahrt mich vor der Verzweiflung angesichts des wenigen Guten, das wir tun können, und angesichts der Übermacht des Bösen? Sind wir in unserer Würde abhängig von dem, was die anderen von uns denken und urteilen? Sind wir darauf angewiesen, uns unter allen Umständen die Anerkennung durch die Anderen zu verschaffen, damit wir »wir selbst« sein können? Wer errettet mein Leben aus Sinnlosigkeit, Überflüssigkeit, Zufälligkeit, Leid und Tod? Sind wir mit unserem Tod eine austauschbare Nummer im Fortgang der Menschheitsgeschichte geworden, an die sich bald niemand mehr erinnert? Oder sind wir bejaht, geliebt, gewollt vor all unserer »Leistung« und trotz unseres Versagens? Können wir sein, wie wir sind, gleichviel, was die Leute über uns reden? Hat da jemand, aus dessen Hand wir nicht fallen können, noch ein Wort über uns, wo alle anderen verstummen?

Wie man leicht bemerken kann, tauchen in solchen »vertrauten« Fragen sogar Sprachspiele aus der historischen Gestalt der reformatorischen Rechtfertigungslehre auf - wenn etwa von Verzweiflung die Rede ist oder von der Bedeutung des Urteils über uns und dessen, der es fällt. Es ist ja schon der Versuch gemacht worden, von diesem Grundgedanken des Urteils bzw. des Beurteiltwerdens aus systematisch und religionspädagogisch zugleich den christlichen Glauben zu erschließen - und denkt man sich dann die vielen Verweise auf Luther weg, so würde man gar nicht merken, daß man es mit einem typisch reformatorisch-theologischen Ansatz zu tun hat. Trotzdem sind es natürlich moderne Worte, moderne Erfahrungen - und moderne Gedanken selbst unter den alten Worten. So stellt sich hier selbstverständlich die Frage, ob es tatsächlich möglich ist, die reformatorische Rechtfertigungsbotschaft verlustlos aus ihrer eigenen in eine andere Sprache zu »übersetzen«. Im Zusammenhang des Lehrverurteilungsprojektes ist das von lutherischer Seite teilweise leidenschaftlich bestritten worden. Ich kann dem nicht zustimmen. Schon deswegen kann dies nicht das letzte Wort sein, weil dann sachnotwendig das ökumenische Gespräch zuende wäre und an seine Stelle die Forderung entweder nach Rückkehr-Ökumene oder umgekehrt nach Anschluß-Ökumene treten müßte, wie es beides in der Debatte um das Lehrverurteilungsprojekt auch ausgesprochen wurde.

Noch ist nicht heraus, ob die Erklärung nur ein Stück Papier bleibt. Ich hoffe mit unserem »Katholiken« und mit vielen, daß der Stein ins Wasser geworfen wird und nun seine Kreise zieht - immer weiter. In diesem Sinne mache ich mir aus vollem Herzen die Schlußsätze der Erklärung zu eigen:

»Wir sagen dem Herrn Dank für diesen entscheidenden Schritt zur Überwindung der Kirchenspaltung. Wir bitten den Heiligen Geist, uns zu jener sichtbaren Einheit weiterzuführen, die der Wille Christi ist« (Nr.44).

 


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