LEBEN - Verheißung

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20. Dezember
Was von Gott kommt, kommt meist in der Form des Beginnens, nicht der fertigen Wirkung. Gott wirkt nach der Weise des Lebens: Er rührt an und löst Bewegung aus; er legt einen Samen, der keimt, wenn es Zeit ist; er senkt eine Gestalt ein, die langsam durchdringt.
R. GUARDINI

21. Dezember
Niemand kann für das kommende Leben geeignet sein, der sich jetzt nicht dafür übt.
AUGUSTINUS

22. Dezember
Seit ein paar Jahren komme ich öfters zurück auf einen Gedanken des heiligen Athanasius, den einer meiner jungen Brüder entdeckt hat: »Der auferstandene Christus macht das Leben des Menschen zu einem ununterbrochenen Fest.« Als mir dieser Bruder zum erstenmal diese Worte gesagt hat, habe ich nicht geantwortet, mir aber gesagt: Dieses »ununterbrochen« hat etwas Provozierendes an sich.

Heute glaube ich, Athanasius hat sehr wohl gewusst, weshalb er dies sagte. Unsere christliche Existenz besteht darin, dass wir ständig das Ostergeheimnis leben; ein kleiner Tod nach dem andern, denen die Anfänge einer Auferstehung folgen. Hier liegt der Ursprung des Festes. Von nun an stehen alle Wege offen. Unser Leben geht weiter, und wir nutzen das Gute wie das weniger Gute. Das Fest erscheint wieder sogar in den Augenblicken, in denen wir nicht mehr recht wissen, was uns widerfährt, ja selbst in der härtesten Prüfung des Menchen, wenn eine persönliche Beziehung zerbricht. Das Herz ist gebrochen, aber nicht verhärtet; es beginnt wieder zu leben.
R. SCHUTZ

23. Dezember
Damit ich dieses unaufhörliche Fest leben kann, stimme ich zu-nächst meinem eigenen Menschsein zu. Ich weiß, dass durch Christus nichts verloren ist. Alles wird von ihm wieder ergriffen, so sehr, dass das Fest jeden Morgen beim Erwachen die Oberhand zu gewinnen vermag. Welcher schwere Vorfall sich auch immer im Lauf des Tages ereignet, das Fest in meinem Innern bedeutet eine Belebung von innen her. Es verwandelt ein Ereignis und formt es um. Es richtet den niedergeschlagenen Menschen wieder auf.
R. SCHUTZ

24. Dezember
Das Fest entsteht nicht aus einer künstlichen Überspanntheit. Das Fest baut sich auf. In der Monotonie des Lebens enthüllt sich nach und nach ein verborgenes Leuchten ... Um das Fest zu leben, braucht man Gesichter eher als Worte. Sie übertragen Freundschaft, und Freundschaft ist das Antlitz Christi. 
R. SCHUTZ

25. Dezember
Hymnus auf die Geburt Christi (V):
Weil der Gütige sah, + dass arm und niedrig / das Menschengeschlecht sei, + schuf er die Feste / als Schatzhäuser, + und öffnete sie / für die Trägen, + damit das Fest antreibe / den Trägen, + aufzustehen und sich zu bereichern. Siehe, sein Fest + hat wie ein Schatzhaus / der Erstgeborene uns aufgetan. + (Dieser) eine Tag, / der volle im Jahr, + nur (er) öffnet / dieses Schatzhaus. + Kommt, regen wir uns, / bereichern wir uns daraus, + bevor man es schließt.
Selig die Wachenden, + denn sie raubten daraus / Lebensbeute. + Große Schmach ist es: / jemand sieht + seinen Genossen, wie er schleppt / und Schätze herausträgt, + und er selber, inmitten der Schätze / sitzt er schlafend, + um leer auszugehen.
An diesem Fest + bekränze jeder / die Tür seines Herzens! + Es möge nach seiner Tür sich sehnen - der Heilige Geist! + Er möge eintreten und wohnen / und darin Heiligkeit spenden! + Denn siehe, er geht umher / an allen Türen, + (schauend) wo er wohnen könne.
EPHRÄM DER SYRER

26. Dezember
Die Seele ist wie ein Stück Holz unter dem Feuer des Strahls Gottes: »Dieses göttliche Licht [...] verhält sich in der Seele wie das Feuer im Holz. In der Seele kämpfen dann Gegensätze gegeneinander um die Herrschaft, nämlich: Gott, der alle Vollkommenheit ist, gegen alle unvollkommenen Haltungen der Seele, damit er sie umgestalte und sie so lind und friedlich und hell mache, wie es das Feuer mit dem Holze tut, wenn es in das Holz eingetreten ist ... Unser Herr und Gott ist verzehrendes Feuer, das heißt, Feuer der Liebe. Da er unendliche Macht hat, kann er die Seele, die er berührt, unübersehbar verzehren und umgestalten in sich.
JOHANNES VOM KREUZ

27. Dezember

Das Ziel aller Wege Gottes mit dem Menschen ist für Johannes vom Kreuz die Vollendung der Liebe zwischen Braut und Bräutigam. Von der Erschaffung der Welt an ist alles ausgerichtet auf die Heimführung der Braut: »Zu diesem innersten und letzten Weinkeller gelangen wenige Seelen in diesem Leben schon. In ihm geschieht die vollendete Vereinigung mit Gott, die man geistige Ehe nennt. Und was Gott der Seele in dieser engen Verbindung zueignet, ist völlig unsagbar, und man kann nichts darüber sagen, das wäre wie er. Denn mittels der wunderbaren Herrlichkeit der Umgestaltung der Seele in ihn eignet sich Gott selbst ihr zu. Hier sind beide eins, wie wir eben sagten vom Glas und dem Lichtstrahl, oder von der Kohle und dem Feuer, oder von dem Licht der Sterne mit dem der Sonne ... Freuen wir uns, Geliebter, sagt hier die Seele zum Bräutigam, mögen wir uns sehen in deiner Schönheit ... Handeln wir so, dass wir dahin kommen, uns zu sehen in deiner Schönheit im ewigen Leben. Das heißt: dass ich derart in deine Schönheit umgestaltet sei, dass wir gleich in Schönheit uns beide in deiner Schönheit sehen, da ich ja deine Schönheit schon besitze. So dass jeder den anderen ansieht und jeder im anderen seine Schönheit erblickt, da die Schönheit des einen und die des anderen einzig deine Schönheit ist, nachdem ich in deine Schönheit eingesenkt wurde. Und so werde ich dich sehen in deiner Schönheit, und du mich in deiner Schönheit, und ich werde mich sehen in deiner Schönheit, und du wirst dich in mir sehen in deiner Schönheit. Und so werde ich wie du erscheinen in deiner Schönheit, und wirst du wie ich erscheinen in deiner Schönheit , und meine Schönheit sei deine Schönheit, und deine Schönheit sei meine Schönheit. Und so werde ich du sein in deiner Schönheit und wirst du ich sein in deiner Schönheit, denn deine eigene Schönheit, wird meine Schönheit sein. So werden wir uns, einer den anderen, sehen in deiner Schönheit ... Die Kirche wird am Tag ihres Triumphes an der Schönheit des Bräutigams Anteil bekommen. Das wird sein, wenn sie Gott von Angesicht zu Angesicht sieht.
JOHANNES VOM KREUZ

28. Dezember
Gottheit, die sich voll Erbarmen über die Seele neigt und in sie seine Liebe und Gnade eindrückt und eingießt ... indem er sie anschaute, wollte er ihr Gnade und Liebreiz geben, damit er sein Wohlgefallen habe an ihr ... Nachdem er sie das erste Mal anschaute, wobei er sie schmückte mit seiner Gnade und kleidete mit seiner Schönheit, da kann er sie wohl ein zweites Mal und mehr Male anschauen, wobei er ihr die Gnade und Schönheit mehrt, da ja genügend Grund und Ursache dazu vorhanden ist, weil er sie anschaute, als sie es nicht wert war und nichts dazu beitrug ... Wenn du, bevor du mich gnädig anschautest, in mir Schmutz und Schulden und Unvollkommenheiten und Niedrigkeit der natürlichen Verfassung fandest, kannst du jetzt schon sehr wohl mich anschauen, nachdem du mich anschautest. Nachdem du mich anschautest und so die dunkle und hässliche Farbe der Schuld von mir nahmst, [...] wobei du mir das erste Mal Gnade gabst, kannst du mich jetzt sehr wohl anschauen, das heißt, vermag ich und verdiene ich schon sehr wohl, gesehen zu werden, indem ich mehr Gnade und Liebreiz von deinen Augen empfange. Denn mit ihnen nahmst du mir beim ersten Mal nicht nur die dunkle Farbe, sondern machtest mich auch würdig, gesehen zu werden, denn mit dem Blick deiner Liebe ließest du Gnade und Schönheit in mir. 
JOHANNES VOM KREUZ

29. Dezember
Wie der Vater im Sohn und der Sohn im Vater sein Leben hat, so die Seele im Geliebten ... Es ist wahr zu sagen, der Geliebte lebt im Liebenden und der Liebende im Geliebten ... in Gott hineingesenkt wird die Braut das Leben Gottes leben.
JOHANNES VOM KREUZ

30. Dezember
Das Sehnen, sich mit dem Bräutigam vereint zu freuen, wächst und peinigt sie...; sie (die Glieder der Braut) baten ihn Tag und Nacht, sich zu entschließen, ihnen seine Gemeinschaft zu schenken ... Als die Zeit gekommen war, in der die Erlösung der Braut geschehen wollte [...], sprach der Vater also: Du siehst, Sohn, dass ich deine Braut nach deinem Bilde machte, und dass sie gut übereinkam mit dir in dem, worin sie dir ähnlich war ... Die Wonne wird ohne Zweifel groß wachsen für deine Braut, wenn sie dich ihr gleich sieht in dem Fleische, das sie trägt. 
JOHANNES VOM KREUZ

31. Dezember
Ich will meine Braut suchen gehen ... Als dann die Zeit gekommen war, da er geboren werden sollte, ging er aus dem Brautgemach hervor wie ein Verlobter, seine Braut umarmend, die er in den Armen mit sich führte.
JOHANNES VOM KREUZ