LEBEN - Leid

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29. November
Es gibt Leiden, deren sind nur die fähig, die ihrer würdig sind.
M. BLONDEL

30. November
Aber am Kreuzestragen allein stirbt man nicht. Und um die Nacht völlig zu durchschreiten, muss der Mensch der Sünde sterben. Er kann sich zur Kreuzigung ausliefern, aber er kann sich nicht selbst kreuzigen. Darum muss das, was die aktive Nacht begonnen hat, durch die passive Nacht vollendet werden, d.h. durch Gott selbst.
E. STEIN


1. Dezember
Die Wunden, die der Seele beigebracht werden, sind die Spiele der göttlichen Weisheit.
JOHANNES VOM KREUZ

2. Dezember
Du, o Gott, tötest und machst lebendig ... Aber, o göttliches Leben, du tötest immer nur, um Leben zu schenken, so wie du immer nur schlägst, um zu heilen ... Du schlugst mich, um mich zu heilen, o göttliche Hand, und du tötest in mir, was mich im Tode festhielt, des Lebens Gottes beraubt, in dem ich mich jetzt leben sehe. Und das tatest du mit der Freigebigkeit deiner großen, alles umgreifenden Gnade für mich. 
JOHANNES VOM KREUZ

3. Dezember
Wann immer der Sasower einen leiden sah, an der Seele oder am Leibe, nahm er daran mit solcher Inständigkeit Anteil, dass das Leid zu seinem eigenen wurde. Als ihm jemand einmal seine Verwunderung darüber aussprach, dass er immer so mitleiden könne, sagte er: »Wie denn, mitleiden? Das ist doch mein eigenes Leid, wie kann ich denn anders als es leiden?«
CHASSIDISCHE ERZÄHLUNGEN

4. Dezember
Dona Proeza: Gott kümmert sich nicht um den Abgefallenen. Er ist verloren. Es ist, als wäre er nicht.

Don Camilo: Ich dagegen behaupte, der Schöpfer kann sein Geschöpf unmöglich verlassen. Wenn es leidet, leidet er auch. Er selber ist das, was in jenem leidet. In meiner Macht steht es, diese Gestalt zu vereiteln, zu der er mich bilden wollte, und in der, wie ich weiß, mich niemand ersetzen kann. Wenn Ihr bedenkt, dass in Ewigkeit kein Geschöpf ersetzbar ist durch ein anderes, dann begreift ihr, warum wir imstande sind, den sympathischen Künstler um ein unersetzliches Werk, eine Partikel seiner selbst zu prellen. Ich weiß es, oh, der Stachel sitzt ihm für immer im Herzen. Ich haben den Zugang zum Innersten seines Wesens ausfindig gemacht. Ich bin das gründlich verlorene Schaf, das die übrigen 100 niemals aufwiegen können. Ich leide an ihm in der Endlichkeit, er aber leidet an mir im Un-endlichen und in alle Ewigkeit ... Meine Stellung ist gut ausgebaut. Ein wesentliches Stück ist in meinem Besitz. Man kommt nicht ohne mich aus. Ich existiere. Ich bin in der Lage, ihn um etwas Entscheidendes zu bringen.
Dona Proeza: All diese groben Dinge, deren Ihr spottet, sind immerhin fähig, auf dem Menschenherzen zu brennen und sich zu wandeln in Gebet. Womit wollt Ihr denn, dass ich bete? Alles, was uns fehlt, das eben dient uns zur Bitte. Der Heilige betet mit seiner Hoffnung, der Sünder mit seiner Sünde.
P. CLAUDEL

5. Dezember
Manche Leute empfinden ihre Ängste als Schuld und halten sie für einen Mangel an Vertrauen. Ich teile ihre Meinung nicht. Es sind Leiden, keine Sünden. Wie alle Leiden sind sie, wenn wir sie so annehmen können, unser Anteil an der Passion Christi. Denn die Passion beginnt - macht sozusagen ihren ersten Schritt - am Ölberg. Das Gebet am Ölberg zeigt, dass die vor-ausgehende Angst ebenso Gottes Wille ist und ebenso zu unserem menschlichen Geschick gehört. Der vollkommene Mensch hat sie erfahren. Und der Diener ist nicht größer als der Herr. Wir sind Christen, keine Stoiker ... Nicht die gewöhnlichen Leute erfahren die »dunkle Nacht«, sondern die Heiligen. 
C.S. LEWIS

6. Dezember
Wenn es überhaupt Vorsehung gibt, dann ist alles vorsehungshaft und jede Vorsehung ist eine individuelle. Ein alter und frommer Spruch sagt, Christus sei nicht nur für die Menschheit gestorben, sondern für jeden einzelnen Menschen, als wäre er der einzige, den es gibt.
C.S. LEWIS

7. Dezember
Wer aber Jesus um Seiner selbst willen liebt und nicht wegen etwelcher eigenen Tröstungen, der singt sein Lob inmitten aller Trübsal und Herzensnot genauso wie in der Fülle des Trostes. Und ob Er ihm auch niemals Trost gewähren wollte, er würde Ihn dennoch allzeit preisen und wollte Ihm doch stets dankbar sein.
THOMAS A KEMPIS

8. Dezember
Da wirst du einmal von Gott verlassen sein, ein andermal wird dir dein Nächster allerhand zumuten und, was noch schlimmer ist, gar oft wirst du dir selbst zur Last sein. Und doch kann dir dann keine Arznei und kein Trost Befreiung oder Erleichterung verschaffen, sondern du musst aushalten, solange Gott es will. Denn Gottes Wille ist es, dass du das Leid ohne Tröstung ertragen lernst und dass du dich ihm gänzlich ergibst und demütiger wirst durch das Leiden. Niemand kann Christi Leiden so herzlich nachfühlen, als der, dem es beschieden war, ein ähnliches Leiden zu erdulden. Das Kreuz ist überall da zu finden!
THOMAS A KEMPIS

9. Dezember
Die Heiligkeit besteht in einer Disposition des Herzens, die uns demütig und klein macht in den Armen Gottes, unserer Schwäche bewusst und vertrauend bis zur Verwegenheit auf seine Vatergüte.
THÉRÈSE VON LISIEUX

10. Dezember
Wenn man mutlos und verzagt wird, kommt es daher, dass man an Vergangenes und Künftiges denkt.
THÉRÈSE VON LISIEUX

11. Dezember
Von Augenblick zu Augenblick kann man gar vieles ertragen.
Ich leide nur von Augenblick zu Augenblick. Denkt man an Vergangenheit und Zukunft, so verliert man den Mut und verzweifelt. Ich leide nur von Augenblick zu Augenblick. Denkt man an Vergangenheit und Zukunft, so verliert man den Mut. Für körperliches Leiden bin ich wie ein kleines, ein ganz kleines Kind. Ich folge, ohne zu denken, ich leide von Minute zu Minute.
THÉRÈSE VON LISIEUX

12. Dezember
Nach einem chinesischen Sprichwort ist der Mensch seiner Zeit ähnlicher als seinem Vater.
R. SCHNEIDER

Ohne einen Blick in den Abgrund der Verzweiflung ist unser Zeitalter nicht zu verstehen.
R. SCHNEIDER