LEBEN - Nachfolge

gesamten Text ausdrucken
19. Juli
Immer großmütige Entschlüsse fassen, denn davon hängt alles ab.
TERESA VON AVILA

20. Juli
Es kommt vor allem darauf an, entschlossen zu beginnen. Wer entschlossen beginnt, hat schon einen guten Teil des Weges hinter sich. 
TERESA VON AVILA

21. Juli
Ich wünsche mir eine Haltung, die mich ganz in Anspruch nimmt, ohne dass ich meine Freiheit verliere. Entscheidend ist, dass ich niemals frage: »Was wird dabei herauskommen?«
A. BLOOM

22. Juli
Was hat es für einen Sinn, einer Berufung zu folgen, die an sich besser, aber nicht die eigene ist?
TH. MERTON

23. Juli
Die Liebe besteht nicht darin, zu fühlen, dass man liebt, sondern darin, lieben zu wollen; wenn man über alles lieben will, tut man es bereits.
CH. DE FOUCAULD

24. Juli
Viele Dichter sind keine Dichter, aus demselben Grunde wie viele Menschen keine Heiligen sind: sie bringen es nie dazu, sie selbst zu sein. Nie gelingt es ihnen, genau der Dichter oder der Mönch zu werden, zu welchem Gott sie bestimmt hat ... Den Versuchen, es andern gleichzutun, liegt zuweilen ein ausgesprochener Egoismus zugrunde. Viele möchten es gern möglichst schnell zu Ehre und Anerkennung bringen, indem sie das nachahmen, was sich allgemeiner Beliebtheit erfreut. Sich selbst etwas besseres auszudenken, sind sie zu träge. Eile richtet die Heiligen so gut wie die Dichter zugrunde. Wer es auf raschen Erfolg abgesehen hat, kann sich nicht die Zeit nehmen, sich selbst treu zu sein.
TH. MERTON

25. Juli
Der Fortschritt der Seele besteht nicht darin, viel an Gott zu denken, sondern darin, Gott sehr zu lieben; und man erwirbt diese Liebe, indem man sich entschließt, viel für ihn zu tun.
TERESA VON AVILA

26. Juli
Wenn es vorkommt, dass man einer Versuchung unterliegt, so deshalb, weil die Liebe zu schwach ist, aber nicht, weil sie nicht vorhanden wäre; man muss weinen wie der heilige Petrus, bereuen wie der heilige Petrus, sich demütigen wie er, aber auch wie er dreimal sprechen: 'Ich liebe dich, ich liebe dich, du weißt, dass ich dich trotz meiner Schwächen und Sünden liebe.' 
CH. DE FOUCAULD


27. Juli
Jesus hat seine Liebe zu uns hinreichend bewiesen, so dass wir an sie glauben können, ohne sie zu fühlen. Spüren, dass wir ihn lieben und dass er uns liebt, das wäre der Himmel: der Himmel ist aber, außer in seltenen Augenblicken und mit seltenen Ausnahmen, nicht für hier unten.«
CH. DE FOUCAULD

28. Juli
Was dich am meisten anregt, damit lass dich voll Dankbarkeit in den Grund sinken, und erwarte dort Gott. Solch eine Übung, mit Liebe durchgeführt, befähigt uns weit mehr, Gott zu empfangen, als alle äußere Übung; je innerlicher eine Übung ist, um so besser ist sie; denn Äußerliches nimmt all seine Kraft vom Innerlichen. 
JOHANNES TAULER

29. Juli
Nun gibt es Menschen, die große, breite, weite Gefäße haben; sie können wohl betrachten und innig sein; aber ihre Tiefe beträgt kaum zwei Finger; ihnen fehlt die Demut und die allgemeine Liebe. Der hl. Augustinus sagt: 'Nicht auf die Länge der Zeit noch auf die Zahl der Werke kommt es (bei der Betätigung der Frömmigkeit) an; sondern auf die Größe der Liebe.'
JOHANNES TAULER

30. Juli
Mein Herr Jesus, wie schnell wird der arm sein, der dich von ganzem Herzen liebt und es nicht ertragen kann, reicher zu sein als sein Geliebter!
CH. DE FOUCAULD


31. Juli
Die Heiligen waren pure Flamme, und was nicht entzündet und hinreißt, gleicht ihnen nicht!
P. CLAUDEL

1. August
Bei großen Heiligen findet man immer wieder, dass vollkommene Demut mit vollkommener Heiligkeit zusammenfällt. Beide erweisen sich praktisch als ein und dasselbe. Der Heilige unterscheidet sich ja gerade darin von jedem andern, dass er demütig ist ... Demut besteht darin, dass du genau der Mensch bist, welcher du vor Gott bist, und da es keine zwei Menschen gibt, die sich genau gleichen, wirst du, sofern du demütig genug bist, du selbst zu sein, nicht wie irgend jemand sonst auf der Welt sein.
TH. MERTON

2. August
Es zeugt nicht von Demut, wenn du durchaus ein anderer sein möchtest, als du bist. Damit würdest du sagen, du wissest besser als Gott selbst, wer du bist und sein solltest.
TH. MERTON

3. August

Es gibt wohl ein Weisheitswort aus dem alten China, das sagt, je weniger Absichten jemand habe, desto mächtiger sei er; die größte Macht sei die volle Absichtsfreiheit ... Es bildet eines der tiefsten Paradoxe des Lebens, dass ein Mensch um so voller er selbst wird, je weniger er an sich denkt. Sprechen wir genauer: In uns lebt ein falsches Selbst und ein richtiges. Falsch ist das beständig betonte »Ich« und »Mir« und »Mich«, das alles aufs eigene Gelten und Gedeihen bezieht, genießen und durchsetzen und herrschen will. Dieses Selbst verdeckt das eigentliche, die Wahrheit der Person ... Im Maß der Mensch in der Selbstlosigkeit von sich weggeht, wächst er in das wesenhafte Selbst hinein. Dieses blickt nicht auf sich, aber es ist da. Es erlebt sich auch - aber im Bewusstsein einer Freiheit, eines Offenseins einer Unzerstörbarkeit von innen her. 
R. GUARDINI

4. August
Ich sage manchmal zu Bischof Devie: Wenn Sie Ihre Diözese bekehren wollen, müssen Sie Ihre Pfarrer zu Heiligen machen.
PFARRER VON ARS

5. August
In gewissen Augenblicken muss man sich körperlich zurückziehen, um zu begreifen, dass eine Person oder eine Sache ihr eigenes Lebensrecht hat und nicht der Spiegel meiner Emotionen ist.
A. BLOOM

6. August
Das Heil: was kostet es und was trägt es ein? Es kostet den Mensch und trägt Gott ein. Gewiss, doch ist damit noch nichts gesagt: Es kostet Gott und trägt den Mensch ein.
M. BLONDE

7. August

Mein Gott, ich weiß nicht, wie manche Menschen es fertig bringen, Dich in deiner Armut zu sehen und selbst reich sein wollen, wie sie es schaffen, größer sein zu wollen als ihr Meister, ihr Geliebter. Soweit es von ihnen abhängt, wollen sie Dir nicht in allem gleichen, besonders nicht in Deiner Erniedrigung. Ich will gerne annehmen, dass sie sich lieben, mein Gott, aber ich glaube doch, dass ihrer Liebe etwas fehlt. Ich jedenfalls kann mir nicht vorstellen, wie man lieben kann ohne ein Verlangen, ein gebieterisches Verlangen nach Gleichgestaltung, nach Ähnlichkeit und vor allem danach, alle Mühen, alle Schwierigkeiten und alle Härten des Lebens zu teilen!
CH. DE FOUCAULD

8. August
Es ist viel leichter, kein Geld zu haben, als innerlich arm zu sein und frei von Bindungen. Dies lernt man nur schwer und allmählich, von Jahr zu Jahr. Man lernt, den Wert der Dinge einzuschätzen, und sieht die Schönheit der Menschen, ohne Verlangen, sie besitzen zu wollen. Das Gelübde der Armut lässt mich die Dinge richtig sehen.
A. BLOOM

9. August
Der Weg, auf dem der Mensch das falsche Selbstsein abtut und in das eigentliche hineinwächst, ist jener, den die Meister des inneren Lebens die Loslösung nennen. Der Heilige ist jener, in welchem das erste Selbst ganz überwunden und das zweite frei geworden ist. Dann ist der Mensch einfach da, ohne sich zu betonen. Er ist mächtig, ohne sich anzustrengen. Er hat kein Begehren mehr und keine Angst. Er strahlt aus. Um ihn her treten die Dinge in ihre Wahrheit und ihre Ordnung ... Der Mensch ist offen geworden für Gott. Und, wenn man es so ausdrücken kann: durchlässig für Gott. Er ist »Türe«, durch welche Seine Macht in die Welt einströmen, Wahrheit und Ordnung und Frieden schaffen kann.
R. GUARDINI


10. August
Die Welt braucht Heilige mit Genie.
S. WEIL

11. August
Welch unfeststellbarer Unterschied zwischen dem Gewussten und dem Erfahrenen! Man bildet sich ein, im voraus zu wissen und zu bejahen, was das heißt: Müdigkeit, Überdruss, Qualen der Arbeit, und wenn es dann kommt, ist man jedes Mal überrascht und bezwungen.
M. BLONDEL

12. August
Unverbrüchliche Treue darin, sich nicht der Flut und Ebbe vergeblicher Traurigkeiten zu überlassen, denn die Gnade, gelassen zu bleiben, haben wir immer; weder auf Sturm noch auf Meeresstille sollen wir achten, wenn wir Jesus bei uns haben.
M. BLONDEL

13. August
Genau an dem Punkt, wo wir den Boden der Entmutigung und Erschöpfung erreichen, erwartet uns Gott und hebt uns auf. Ein Übermaß an Verlassenheit lässt uns in seine mütterlichen Arme fallen. O sanftes Vertrauen, und wie gut, diese Bitternis zu spüren, aus der alles Süße quillt!
M. BLONDEL

14. August
Wir müssen uns ein warmes Herz und einen kühlen Kopf bet-wahren.
M. BLONDEL

15. August
Was nützt es dir, über die Dreieinigkeit gelehrte Reden zu führen, wenn du der Demut ermangelst, ohne die du der Dreieinigkeit ferne stündest? Nein, gescheite Worte machen dich nicht zum Heiligen und nicht zum Gerechten, aber ein Leben der Tugend macht dich zu Gottes Freund ... Das ist fürwahr der Gipfel der Weisheit, auf dem Wege gebührender Geringschätzung der Welt zum himmlischen Reiche zu streben.
THOMAS A KEMPIS

16. August
Im Vorgefühl sind leibliche Genüsse verführerisch, einmal genossen, bedrücken sie. Die Freuden der Seele haben keinen Vorgeschmack, doch wie halten sie, was sie nicht versprochen hatten! Und doch ...
M. BLONDEL

17. August
Ehrgeiz ist der Affe der Demut. Der Taurus, ein ganz kleiner Vogel, äfft den Stier (griech. tauros) nach.
FRANZ VON SALES

18. August
'Jeder Mensch hat einen angeborenen Wissensdrang'; doch was nützt alles Wissen ohne Gottesfurcht? Wahrhaftig, besser ein demütiger, aber gottergebener Narr als ein hochmütiger Gelehrter, der, ohne auf seine Seele zu achten, die Bahn der Gestirne berechnet.
THOMAS A KEMPIS


19. August
Wer vieles weiß, will auch als weise gelten und in aller Munde sein.
THOMAS A KEMPIS

20. August
Je umfassender und je tiefer dein Wissen ist, um so schwerer wiegt deine Verantwortung, wenn deine Heiligkeit nicht deinem Wissen entspricht.
THOMAS A KEMPIS

21. August
Sicher wird es am Jüngsten Tag nicht heißen: Was habt ihr gelesen?, sondern einzig: Was habt ihr getan? Und nicht: Wie geistreich waren deine Worte?, sondern nur: Wie gottgefällig war dein Leben?
THOMAS A KEMPIS

22. August
Alle Visionen, Offenbarungen und Wahrnehmungen himmlischer Dinge [...] haben weniger Wert als der geringste Akt der Demut.
JOHANNES VOM KREUZ

23. August

Mein Apostolat muss das Apostolat der Güte sein. Wenn man mich sieht, muss man sagen: 'Weil dieser Mann gut ist, muss auch seine Reli gut sein.' - Wenn man mich fragt, warum ich sanft und gut bin, muss ich antworten: 'Weil ich der Diener eines noch viel Besseren bin.' Wenn sie nur wüssten, wie gut mein Meister Jesus ist! Ich wünschte so gut zu sein, dass man sagt: 'Wenn schon der Diener so ist, wie muss dann erst der Meister sein!
CH. DE FOUCAULD

24. August
Die Liebe besteht nicht darin, zu fühlen, dass man liebt, sondern darin, lieben zu wollen: wenn man über alles lieben will, dann liebt man über alles.
CH. DE FOUCAULD

25. August
Man findet, dass man niemals genug liebt. Und das ist wahr. Man wird niemals genug lieben, aber der Gute Gott, der weiß, dass wir aus Staub gebildet sind und uns mehr liebt als eine Mutter ihr Kind je lieben kann - Er, der nicht stirbt, hat uns gesagt, dass er jene nicht zurückweist, die zu Ihm kommen.
CH. DE FOUCAULD

26. August
Die Liebe ist das einzige, das wir anstreben sollen, deshalb ist jeweils das Tun vorzuziehen, in das wir mehr Liebe legen, ob es nun 'schwerer' oder 'leichter' ist; es ist besser, etwas an sich Gleichgültiges zu tun als etwas an sich 'Wertvolles', wenn wir das erste liebevoller als das zweite vollbringen.
THÉRÈSE VON LISIEUX

27. August

Leidende Heilige flößen mir niemals Mitleid ein. Ich weiß, dass sie die Kraft haben, ihre Leiden zu ertragen, und dass sie dadurch Gott mehr verherrlichen. Die Nichtheiligen, aber, die aus ihrem Leiden keinen Nutzen zu ziehen wissen, ja, die bedaure ich sehr, mit solchen habe ich Mitleid. Ich wollte alles tun, um sie zu trösten und ihre Lage zu erleichtern.
THÉRÈSE VON LISIEUX

28 August
Der Kozker Rabbi sprach: »Alles in der Welt kann man nachmachen, nur die Wahrheit nicht. Denn eine nachgemachte Wahrheit ist keine Wahrheit mehr.«
CHASSIDISCHE ERZÄHLUNGEN

29 August
Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: »In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: 'Warum bist du nicht Mose gewesen?' Man wird mich fragen: 'Warum bist du nicht Sussja gewesen?'«
CHASSIDISCHE ERZÄHLUNGEN

30. August
Wie falsch ist die Auffassung, die ich mir von der Heiligkeit, der ich nachstrebe, gebildet hatte. Ich stellte mir bei meinen Handlungen, bei meinen kleinen, sofort erkannten Verfehlungen das Bild irgendeines Heiligen vor, den ich mir in allem nachzuahmen vornahm ... So kam ich dahin, dass ich nie das erreichte, was ich mir eingebildet hatte, tun zu können, und das beunruhigte mich. Es ist ein falsches System. Von der Tugend der Heiligen muss ich das Wesentliche, nicht das Zufällige übernehmen. Ich muss nicht die kümmerliche und dürre Reproduktion eines, wenn auch noch so vollendeten, Typs sein.
JOHANNES XXIII.

31. August

Wir sind nicht auf der Erde, um (in der Kirche) ein Museum zu hüten, sondern um einen Garten zu pflegen, der von blühendem Leben strotzt und für eine schönere Zukunft bestimmt ist. 
JOHANNES XXIII.

1. September
Rabbi Bär von Radoschitz bat einst den Lubliner, seinen Lehrer: »Weiset mir einen allgemeinen Weg zum Dienste Gottes!« Der Zaddik antwortete: »Es geht nicht an, den Menschen zu sagen, welchen Weg sie gehen sollen. Denn da ist ein Weg, Gott zu dienen durch die Lehre, und da, durch Gebet, da, durch Fasten, und da, durch Essen. Jedermann soll wohl achten, zu welchem Weg ihn sein Herz zieht, und dann soll er sich diesen mit ganzer Kraft erwählen.«
CHASSIDISCHE ERZÄHLUNGEN

2. September
Rabbi Chajim sah einst mit seinen Schülern einem Seiltänzer zu. Er war so tief in den Anblick versunken, dass sie ihn fragten, was es sei, das seine Augen an die törichte Schaustellung banne. »Dieser Mann«, antwortete er, »setzt sein Leben aufs Spiel, ich könnte nicht sagen weswegen. Gewiss aber kann er, während er auf dem Seil geht, nicht daran denken, dass er mit seiner Handlung 100 Gulden verdient; denn sowie er dies dächte, würde er abstürzen.«
CHASSIDISCHE ERZÄHLUNGEN

3. September

Rabbi Mordechai sprach: »Das Fahren zu den Zaddikim hat viele Gesichter. Einer fährt zum Zaddik, um zu erfahren, wie man mit Furcht und Liebe betet, und einer, um sich anzueignen, wie man die Thora um ihrer selbst willen lernt, und einer, um höhere Stufen des geistigen Lebens zu ersteigen, und so fort. Aber all dies darf nicht die wesentliche Absicht sein. Jedes von diesen Dingen kann erlangt werden, und dann braucht man sich nicht mehr darum zu bemühen. Sondern die einzige wesentliche Absicht ist, Gottes Wirklichkeit zu suchen. Dies hat kein Maß und kein Ende.«
CHASSIDISCHE ERZÄHLUNGEN

4. September
Rabbi Löb pflegte von den Rabbis, die »Thora sagen«, so zu sprechen: »Was ist das, dass sie Thora sagen? Der Mensch soll darauf achten, dass all seine Handlungen eine Thora seien, und er selber sei eine Thora, bis man von seinen Gepflogenheiten und seinen Bewegungen und seinem reglosen 'Anhaften' lernt und er wie die Himmel geworden ist, von denen es heißt: »Kein Sprechen ist's, keine Rede, unhörbar bleibt ihre Stimme, über alles Erdreich fährt aus ihr Schwall an das Ende der Welt ihr Geraun (Ps 19,4).«
CHASSIDISCHE ERZÄHLUNGEN

5. September
»Nur 'mit allen Heiligen zusammen' können wir 'Breite und Länge, Höhe und Tiefe der Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt, um erfüllt zu werden zur ganzen Fülle Gottes hin' (Eph 3,18f). Also ermisst keiner für sich allein das Katholische. 
H.U. VON BALTHASAR

6. September
Kein Theologe denkt bei sich allein aus, und kein Gläubiger betet, leidet, lebt sich einsam in seine Mitte hinein.
H.U. VON BALTHASAR


7. September
Die Lehrmeister und die Heiligen sagen: Wer nicht in irgendeiner Weise einen Vorgeschmack des himmlischen Mahles besitzt, wird es niemals (in Wirklichkeit) verkosten. Dieser Vorgeschmack aber ist (bei verschiedenen Menschen) gar ungleich; ungleich ist auch der (wirkliche) Genus.
JOHANNES TAULER

8. September
Geistliches Leben heute heißt nicht: Wie wird unser Leben wieder geistlich?, sondern: Gottes Leben will in der Gegenwart einer jeden Zeit durch Menschen zum Ausdruck gelangen. Es gibt keine Spiritualität der Gegenwart, wenn wir nicht Gottes Gegenwart sind.
A. BLOOM

9. September
Unser geistliches Leben als das offenbar werdende Leben Gottes in uns ist also schon in der Ewigkeit und zugleich noch in der tragischen Erde. Wir selbst gehören der Erde schon nicht mehr an, sondern jener Realität, die weiter und breiter als die Erde ist. Die Frage, die an uns gerichtet ist und die bleibt, lautet immer: Geben wir uns dazu her, dass Gott sein Leben an uns offenbaren will? 
A. BLOOM

10. September

Aber Spiritualität ist kein Spezialfall der Theologie, entbehrlich oder nicht, sondern eine unverzichtbare Dimension christlicher Existenz. Es ist die auf einen Begriff gebrachte Übersetzung dessen, was Paulus Gal 5,25 formuliert: So wir im Geist leben, lasst uns auch im Geist wandeln. Der Vordersatz hat dabei tragende Bedeutung: Gemeinde Christi lebt angesichts des lebendigen, gegenwärtigen Herrn, der immer neu in seine Nachfolge ruft. Es geht dabei nicht um eine Christologie, sondern um die Verwirklichung und Wirksamkeit des Christus; es geht nicht zuerst um die Selbstfindung und Selbstverwirklichung des Menschen, sondern um die Anwesenheit Gottes, der sich zu Gehör bringt und den Menschen zum Schweigen, zum Hören und Leben. Die Mahnung zum Wandel im Geist ist, so gesehen, keine Forderung, sondern Erinnerung. Darin liegt Aufgabe wie Chance christlicher Meditation, dass dies wieder möglich wird, dass die Prioritäten des Lebens richtig gesetzt werden, dass die Voraussetzung des Glaubens Voraussetzung bleibt und nicht zur nachträglichen Begründung unseres eigenen Glaubens wird.
G. RUHBACH

11. September
Im Geist leben - das ist ständiges Angebot wie ständige Anfrage an den Glauben: geistlich leben - das kann schon wieder die Verharmlosung der Verheißung und des Anspruches Gottes bedeuten, die Ermäßigung christlicher Existenz zur Frömmigkeit. Deshalb ist der Begriff »geistliches Leben« ebenso missverständlich wie Meditation. Spiritualität ist jedoch keine christliche Tugend, keine theologische Abstraktion. 
G. RUHBACH

12. September

Spiritualität ist ein Sammelbegriff für die Summe von Lebensvollzügen, die aus dem Beschenktwerden herkommen, die Gott den Raum lassen, der ihm zukommt, nämlich immer unter uns zu sein ... Spiritualität als Existenzweise und Meditation als Existenzvollzug des christlichen Glaubens sind damit nicht in die Beliebigkeit des einzelnen wie der Kirche als ganzer gestellt. Sie bezeichnen die elementare, vorkonfessionelle Gemeinsamkeit aller Christen, die Gott selbst eröffnet, und setzen damit notwendig auf den Weg der Kirche und Christen zueinander.
G. RUHBACH