Einleitung

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Was wissen wir von dem Gott, den wir nicht ergreifen, sondern der uns ergreift, den nicht wir tragen, sondern von dem wir getragen werden? Nicht wir denken an Gott und erkennen ihn, vielmehr sind wir von ihm erkannt. Sobald der Mensch sich in allem von Gott ergriffen erfährt, hat alles Nachdenken und Reden über Gott einen tieferen Sinn. Zu dieser alles entscheidenden Erfahrung will der hier vorliegende geistliche Leitfaden durch das Jahr neue Wege und Möglichkeiten erschließen.
Der Weg zu Gott wird nicht theoretisch, sondern als ein praktischer Gebetsweg durch das Jahr beschrieben. Wir werden angeleitet, das Wort, das wir lesen und betrachten, im Alltag zu leben und umzusetzen. Eines gibt solchem Beten mit dem eigenen Leben die nötige Kraft und Zuversicht: Wir sprechen zu Gott im Verein mit seinem Sohn. Er, der von Ewigkeit zu Ewigkeit als der Eingeborene am Herzen des Vaters ruht und ihn im Geist und in der Wahrheit anbetet, hat uns, seine Brüder und Schwestern im Fleisch und im Geist, eingeladen, mit ihm voller Zuversicht und kühn den ewigen, lebendigen Gott als seinen und unseren Vater anzurufen.
In der Seele jedes Menschen sind viele Unendlichkeiten, doch nicht alle sind Gott, der allein angebetet werden darf. Diese Unendlichkeiten sind nicht dazu da, dass der Mensch sich selbst genießt, vielmehr sieht er sich aufgefordert, all das, was der Größe des eigenen Lebens und der Anbetung Gottes nicht entspricht, abzulegen und zum wahren und lebendigen Gott umzukehren.

Jeder Mensch ist voll unendlicher Möglichkeiten, ungeheuerlicher Abgründe, unausmeßbarer Weiten. Keiner hat je alle Lande seines wahren Ichs durchwandert, wir haben vielmehr immer wieder aufzubrechen und uns die bisher vielleicht ungeahnten und noch nicht eroberten Gebiete unseres Lebens und Glaubens anzueignen. So wird der Weg durch das Jahr, wie er in diesem Leitfaden gewiesen wird, zu einer Entdeckungsreise im Staunen über die Größe des eigenen Lebens werden.
Liebe zu Gott und Gebet haben eine gemeinsame Schwierigkeit. Beide gehören zu jenen Taten des Herzens, die nur recht gelingen, wenn man vergisst, dass man sie tut, und sie werden notwendig misslingen, wenn man nur darauf achtet, es rein äußerlich in allem recht zu machen. Der Leitfaden kann sich deshalb nicht darauf beschränken, methodische Hilfen, Tipps und Tricks für ein Leben aus dem Glauben anzuführen, er wird vielmehr konkret dazu anleiten, Gott anzubeten und zu bestaunen, ohne sich dabei ständig des eigenen geistlichen Pulsschlages zu vergewissern.
Je mehr Gott uns mit seiner gnadenvollen, vergöttlichenden Nähe heimsucht, um so vertrauter wird die heilige Zärtlichkeit unserer Liebe, die uns offenbar geworden ist im Geber allen Trostes. Jedes Gebet ist ein Gebet im Heiligen Geist. Wer das begriffen hat, erschrickt, sobald er zu beten anfängt. Kann ein solches Tun das Geschäft des Alltags sein, des Alltags mit seiner Monotonie des ewig Gleichen, des Alltags mit seiner alltäglichen grauen Stimmung und der Stumpfheit der Herzen, die uns müde und verdrossen sein lassen? Und doch muss es ein Gebet des Alltags geben, denn es steht geschrieben: Man muss allzeit beten und nicht nachlassen (Lk 18,1). In diesem Sinn soll es um eine Einübung des Lebens mit Gott mitten im Alltag gehen, indem für jeden Tag des Jahres eine Anregung gegeben wird..