1. Was ist Zeit?

Auf die Frage nach der Zeit antwortet Augustinus: Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; wenn ich aber eine genaue Antwort geben soll, vermag ich es nicht zu sagen: »Was ist die Zeit? Was erscheint uns im Gespräch vertrauter und bekannter als die Zeit? Wir verstehen es durchaus, wenn wir es aussprechen, verstehen es auch, wenn wir einen anderen davon sprechen hören. Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich fragt, weiß ich es; will ich es dem Fragenden auseinandersetzen, weiß ich es nicht.«[3]

 

Doch Augustinus fügt dieser Aussage hinzu, dass die Zeitmessung nicht so sehr von einer Uhr, sondern vor allem durch das innere Bewusstsein der Seele vorgenommen wird. Die Zeit hat nämlich aufs engste mit uns und unserer Einstellung zum Leben zu tun. Zum einen läuft die Zeit an uns vorbei: Wir haben ihren Anfang nicht gesetzt und werden auch ihr Ende nicht miterleben. Dennoch bleibt die Zeit uns nicht äußerlich, sie bestimmt uns von innen her. Wir haben eine Vergangenheit, die uns bis in die Gegenwart hinein prägt, und die Gegenwart, in der wir jetzt stehen, wird vergehen, sobald sie sich auf die Zukunft hin öffnet. Rückschau und Erinnerung wie auch Vorausblick und Erwartung, beides macht unser Heute aus.

 

Die Zeit ist mehr als ein äußeres Maß, sie ist ein innerer Auftrag, durch den wir zu uns selber kommen, denn die Zeit macht unser Wesen aus. Die innere Bestimmung, die uns mit der Zeit gegeben ist, gleicht einem Abenteuer, das wir nie hinter uns gebracht und bestanden haben. Keiner steigt zweimal in denselben Fluss, sagt Heraklit, und so können wir auch die Zeit nie auf dieselbe Weise noch einmal neu erleben oder gar wiederholen; vielmehr ändert und verändert sich alles in und mit der Zeit. Dennoch führt die Erfahrung der Zeit nicht in die Beliebigkeit, denn das Bestehen und Durchleben unserer Zeit macht unsere Bestimmung aus: Wir benötigen die Zeit, um in ihr zu uns selbst zu kommen und in unserem Menschsein zu wachsen und zu reifen. In diesem Sinn erfahren wir die Zeit nicht nur als das große Geschenk, sondern als eine verantwortungsvolle Aufgabe, die uns im Leben auferlegt ist.

 

Vor allem sind wir selbst die Zeit. Sie ist das, was wir daraus machen. Wir können sie »totschlagen« oder auch mit Inhalt füllen. Wer die Zeit verliert und vergeudet, verliert eines Tages auch sich selber. Die Zeit ist Ausdruck unseres inneren Selbst: Wenn uns jemand die Zeit stiehlt, erfahren wir dies wie einen Eingriff in unser Inneres, der uns von Wichtigem und für unser Leben Notwendigem abhält. Wer keine Zeit hat, entfremdet sich von sich selbst, er ist gejagt und gehetzt, er läuft hinter sich her, ohne sich zu erreichen, weil er auf der Flucht vor sich selber ist. Wer keine Zeit für sich oder die anderen hat, verweigert sich mit dem Kostbarsten, was er hat, ohne es recht zu nutzen und mitzuteilen. Die Verweigerung der Begegnung, die dadurch geschieht, dass wir keine Zeit haben, ist durch nichts wieder gutzumachen, auch nicht durch viel Geld oder durch große Geschenke. Am Ende einer solchen Verweigerung steht meist ein Verstummen und der Abbruch von kostbaren Beziehungen, weil Menschen keine Zeit füreinander hatten und sich schließlich auseinandergelebt haben. Wer keine Zeit hat, bringt sich um die Erfahrungen, die das Leben schön und reich machen: Liebe, Freundschaft, Zuneigung. So bleibt der, der keine Zeit hat, ohne eine Heimat und ein Zuhause.