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Kirchlicher Umgang mit Sexualität

Wahrnehmung

127 Voten beschäftigen sich mit der kirchlichen Haltung zur Frage der Sexualität.
Hierbei geht es vor allem um die Einstellung des Lehramtes zur Frage der Empfängnisregelung und um den Umgang der Kirche mit nichtehelichen Lebensgemeinschaften und homosexuellen Menschen. Grundsätzlich wird eine Diskrepanz konstatiert zwischen den Forderungen des Lehramtes und der Position bzw. der konkreten Praxis der Gläubigen (11). Die kirchliche Lehre erscheint unverständlich und nicht zeitgemäß; Einzeläußerungen bewerten die kirchliche Haltung als diskriminierend oder als Bevormundung. Beklagt wird der Versuch der kirchlichen Regulierung bis in den intimsten Bereich der Sexualität hinein, ohne die Menschen in ihren Problemen genügend ernst zu nehmen und die Anliegen des Gottes-Volkes zu hören. Indem Kirche hier auf Forderungen beharrt, die nach Meinung einiger Voten nicht im Zentrum des Evangeliums stehen, verstelle die Kirche insgesamt den Zugang zu ihrer als Lebenshilfe akzeptierten Botschaft. Als Grund für diese Spannung in der Kirche wird u.a. die Ausgrenzung von nichtehelichen Lebensgemeinschaften und homosexuellen Menschen beklagt und mehrfach der mangelnde innerkirchliche Dialog genannt.

Perspektiven

Gewünscht wird in vielen Voten zu diesem Themenkomplex - mit unterschiedlichen Akzenten und Nuancierungen, daß die Kirche ihre Lehre in Fragen von Liebe und Geschlechtlichkeit überprüft und gegebenenfalls auch ändert. Generell werden eine deutliche und öffentliche Bejahung der Geschlechtlichkeit und deutliche Zeichen der Wertschätzung von Sexualität und Erotik gefordert. Weiterhin, daß als Leitthema für den Umgang mit Sexualität die gegenseitige Verantwortung herausgestellt wird und daß Kirche Hilfe gibt für Paare und Eltern beim Erlernen und bei der Einübung dieser Verantwortung. Die Kluft zwischen Amtskirche und Gläubigen sollte dadurch überwunden werden, daß in der Kirche ein offener Dialog unter Christen in Sachen Sexualethik geführt wird, um die unterschiedlichen Standpunkte besser zu verdeutlichen und kennenzulernen, mit dem Ziel, Einstellungen zu ändern und zu überdenken. Das kirchliche Amt sollte im Rahmen der Diskussion ihrer Lehre dabei die Sorgen, Einwände und Erfahrungen der Gläubigen sehr ernst nehmen. Zu diesem Dialog gehört auch, daß die Werte der katholischen Sexualmoral in der Öffentlichkeit herausgestellt und für heutige Menschen erklärt werden und daß die kirchliche Lehre die Auseinandersetzung sucht mit zeitgemäßen, wissenschaftlichen Erkenntnissen. Während 16 Voten ausdrücklich wünschen, daß die Kirche die Gewissensentscheidung der Betroffenen im Bereich des Umgangs mit Sexualität generell respektiert, wünschen dies im Blick auf die Fragen der Empfängnisregelung 24 Voten. Eindringlich wird die Kirche gebeten, ihre Position in Sachen Empfängnisregelung zu überdenken, mehrfach wird gefordert, die Position der Kirche zu verändern und z.B. die Trennung in künstliche und natürliche Empfängnisverhütung aufzugeben. Papst und Bischöfe sollten eine das ''Gesamtwohl'' berücksichtigende Lehre verkündigen und helfen, die Gewissensentscheidung der Betroffenen zu entwickeln, zu fördern und zu schützen. Ausdrücklich wird in einzelnen Voten darauf hingewiesen, Empfängnisregelung und Abtreibung nicht auf eine Stufe zu stellen. Auch im Blick auf voreheliche Sexualität wird mehrfach gebeten, die kirchliche Position zu überdenken und die vielfältigen positiven Ausdrucksformen und Lebensformen sexuellen Verhaltens junger Menschen zu respektieren. Vor allem wird ein differenzierter Umgang mit jungen Paaren in nichtehelichen Lebensgemeinschaften gefordert: Man solle dabei die unterschiedlichen Situationen und Motive der jungen Menschen beachten, Toleranz üben gegen Paare in nichtehelichen Lebensgemeinschaften, die in einem ernsthaften Wachstumsprozeß ihrer Beziehung stehen, eine differenzierte Sicht der verschiedenen Stufen der Zärtlichkeit auch in nichtehelichen Beziehungen gewinnen und neue Wege der Integration nichtehelicher Lebensgemeinschaften in Kirche und Gemeinde suchen. Gerade im Bereich vorehelicher Sexualität wird mehrfach gefordert, daß Kirche im Dialog mit den jungen Menschen bleibt und Weggefährten und Gesprächspartner anbietet. Im Blick auf die homosexuellen Mitchristen bzw. gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften fordern 26 Voten ausdrücklich eine Änderung der Haltung der Kirche und der Christen: Homosexuellen Christen sollen nicht diskriminiert werden. Sie sollen ihren Platz haben in der Kirche (11). Ein Votum wünscht die Möglichkeit einer Segnung homosexueller Paare.
Es wird gewünscht, daß Kirche ihren Umgang mit homosexuellen Christen überprüft (8), eine offene innerkirchliche Diskussion zuläßt und Wege ihrer Integration sucht. Einige Voten fordern auch, homosexuelle Partnerschaften als Lebensform zu respektieren und homosexuelle Christen als kirchliche Mitarbeiter arbeitsrechtlich nicht zu diskriminieren.

Die Katholische Kirche tut sich traditionell mit einem unbefangenen Verhältnis zur Sexualität schwer. Durch die überzogenen Forderungen zum Beispiel in Fragen der Empfängnisverhütung hat sie ihre Kompetenz in Fragen der Sexualität nun völlig verspielt. Sie wird selbst von guten Katholiken und großen Teilen der älteren Generation nicht mehr gehört. Dies ist um so bedauernswerter, da unsere heutige Gesellschaft eine Orientierung in Fragen der Sexualmoral dringend benötigt. Unser Wunsch wäre, daß auch die Leitungsebene der Kirche sich den drängenden Fragen der Menschen stellt und nicht auf menschenfernen Lehrentscheidungen beharrt. (G172-302-0)
Die Kirche muß ihren Gliedern einen Freiraum einräumen, der einen selbstverantwortlichen Standpunkt ermöglicht. Sie muß Hilfen geben, diesen vor dem Gewissen zu verantwortenden Stundpunkt zu finden. Dies gilt besonders für die veränderte Sexualmoral bei Jugendlichen und Erwachsenen und auch für Menschen, die in anderen Lebensformen als der gültigen Ehe leben. (G223-470-0)
Die offizielle Lehre unserer Kirche in Fragen von Liebe und Geschlechtlichkeit muß überprüft werden. Insbesondere denken wir an die Wertschätzung für Erotik und Sexualität, auch wenn sie nicht sofort im unmittelbaren Zusammenhang mit Elternschaft stehen; eine Neuorientierung der Lehre über verantwortete Elternschaft bzw. Empfängnisverhütung. (Die Unterscheidung von ''künstlichen'' und ''natürlichen'' Methoden scheint uns problematisch); eine differenzierte Sicht der verschiedenen Stufen der Zärtlichkeit auch in nichtehelichen Beziehungen. (G361-839-0)
Wenn wir das Pastoralgespräch fortführen, sollte nach Ansicht unseres Pfarrgemeinderates auch die Sexualmoral der Kirche zu einem Thema gemacht werden, da die Orientierungslosigkeit der Gläubigen zunimmt. Die Werte, die in der katholischen Sexualmoral liegen, müßten entdeckt und auch in der Öffentlichkeit herausgestellt und noch mehr für heutige Ohren und Herzen erklärt werden. (G162-264-0)
Wir wünschen uns eine klare Stellungnahme der Kirche zur Sexualität in der Ehe. Wir finden, daß Sexualität Ausdruck von Zuneigung und Liebe ist und nicht nur zum Zwecke der Fortpflanzung bestimmt ist. (G224-479-0)
Uns erfüllt mit Besorgnis, daß das Lehramt der Kirche vielen Menschen den Zugang zur Botschaft Jesu Christi verstellt, weil es auf Forderungen beharrt, die nicht im Zentrum des Evangeliums stehen oder sogar dem Geist der Liebe widersprechen. Die Lehre der Kirche zur Empfängnisverhütung erscheint vielen angesichts starken Bevölkerungswachstums, hoher Abtreibungszahlen und der Bedrohung durch Aids als verantwortungslos. Die Mehrheit der gläubigen Katholiken in unseren Gemeinden ist der Überzeugung, daß sie die Entscheidung über die Methode zu einer gebotenen Empfängnisregelung in eigener Verantwortung treffen kann und muß und trifft. Außerdem läßt das Verbot jeder aktiven Antikonzeption vielen Fernstehenden die Kirche von vorneherein als unglaubwürdig erscheinen. (D-172)
Kirche ist nicht gegenwärtig in Fragen der Sexualmoral. Verhütung wird von fast allen Frauen heute anders gehandhabt, als die Kirche offiziell verkündet. Die Ablehnung von den üblichen Verhütungsmethoden ist völlig unverständlich und für die Frauen nicht nachvollziehbar. Sie fühlen sich diskriminiert, da ihnen unterschwellig unterstellt wird, sie seien leichtsinnig und wären nicht in der Lage, nach reiflicher Überlegung nach bestem Gewissen zu entscheiden. (G341-750-0)
Wir bitten unseren Kardinal, möglichst gemeinsam mit der Deutschen Bischofskonferenz, die ''Königsteiner Erklärung'' in kurzen und allgemein verständlichen Worten zu wiederholen. (G224-486-0)
Hauptsächlich bei den Punkten Empfängnisverhütung und vorehelicher Geschlechtsverkehr haben Christen heute große Schwierigkeiten, die Lehre der Kirche mit ihrem Gewissen in Übereinstimmung zu bringen. Generell sollte die Kirche in moralischen Fragen vor allem Orientierungshilfe in einem angstfreien Raum anbieten und dabei weitgehend auf ausdrückliche Sanktionen verzichten und so eine verantwortliche und begründete Entscheidung des Einzelnen ermöglichen. Wir fordern: Die Kirche soll vorehelichen Geschlechtsverkehr nicht verurteilen, wenn beide Partner nach eingehender und genauer Prüfung ihres gebildeten Gewissens zu dem Schluß kommen, daß aus ihrem Handeln kein Schaden für sich, ihren Partner und für Dritte entsteht. (G132-139-0)
Die Tugenden, insbesondere die der sexuellen Enthaltsamkeit bis zum Zeitpunkt der Ehe (bzw. bis zum ehrlichen Eheversprechen) sollten wieder stärker in den Vordergrund geschoben werden. Wann der Zeitpunkt zum Eheversprechen gekommen ist, muß jedes Paar für sich selbst entscheiden. Damit sollte auch die voreheliche Partnerschaft mit der wahren Bereitschaft zur Familiengründung nichts Verwerfliches sein - es wurde festgestellt, daß die Bibel keine Textstelle zur Ablehnung der vorehelichen Partnerschaft aufweist. (G133-146-0)
Es stört uns, daß Gruppen wie z.B. wiederverheiratete Geschiedene oder Homosexuelle in der Kirche zu Randgruppen abgestempelt werden. Wir wünschen, den Gemeinden Wege zu eröffnen, diese Menschen in ihrer Mitte leben zu lassen. (G133-153-0)
Homosexualität wird auch unter uns Christen immer mehr zu einem Thema, weil zunehmend sich Christen zu ihrer homosexuellen Prägung und Lebensweise bekennen. Darum ist es an der Zeit, in diesem für alle Seiten schwierigen Thema Wege des Gesprächs und des Verstehens (des gegenseitigen Verstehens?) zu suchen. Homosexuelle Christen haben die gleiche Würde und das gleiche Christsein wie andere Christen auch. (VD-015-110)
Homosexualität ist eine in der Schöpfung Gottes als Möglichkeit angelegte Lebensform. Sie ist nicht automatisch eine Berufung zur Enthaltsamkeit. Jede Lebensgemeinschaft, die auf echte Liebe begründet und auf Dauer ausgerichtet ist, auch eine homosexuelle Beziehung. Wir bitten, eine Segnung solcher Lebensgemeinschaften zuzulassen. (G115-058-0)

Einige Voten thematisieren im Zusammenhang mit dem Thema Sexualität auch die Frage des Zölibats bzw. des Umgangs der Kirche mit verheirateten Priestern (Siehe dazu ausführlich Kapitel 10: ''Verfaßte Kirche'').


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HTML von F. Seiffert 24/9/1996
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