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Arbeits- und Berufswelt

Das Thema ''Arbeits- und Berufswelt'' kommt nach Einschätzung der Votanten in der Verkündigung und in kirchlichen Verlautbarungen gar nicht oder zu wenig vor. Priester vernachlässigen diesen Bereich, Gemeinden scheuen die Auseinandersetzung mit stark angstbesetzten Problemen, wie Arbeitslosigkeit, Rationalisierung, Kurzarbeit und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Betroffenen und deren Familien. Obwohl die Gemeinden sich zu einem hohen Prozentsatz aus ArbeitnehmerInnen zusammensetzen, finden deren spezielle Themen - ja die Arbeitswelt überhaupt - im Gemeindealltag kaum Raum und kommen nicht zur Sprache.

In der gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland 1975 ist die damalige Situation der Arbeiterschaft innerhalb des kirchlichen Lebens besonders behandelt worden. ... Die in der Empfehlung 7 geforderte Einrichtung von Arbeitsstellen für Arbeiter- und Betriebsseelsorge mit hauptamtlicher Besetzung ist im Erzbistum Köln weitgehend vernachlässigt geblieben. (G171-287-0)
Eben weil Priester zu wenig von Betrieben und Arbeitswelt kennen und wissen, fließen diese Themen auch zu wenig in Predigten und Gottesdienste ein. (VV-003-160)
In der Welt der Arbeit spielen christliche Grundwerte nur noch eine sehr untergeordnete Rolle. Erfahrungen am Arbeitsplatz sind selten Gegenstand von Diskussionen in Gemeinden und werden in die ''persönliche'' Sphäre des Gemeindemitgliedes zurückgedrängt. (SB-142-B)
Es gibt ungleich mehr Liturgiekreise als Arbeitsgruppen, z.B. unter dem Arbeitstitel ''Arbeitswelt'' oder ''Kirche und Arbeitswelt''. (VV-010-130)

Einen Grund, weshalb das Thema ''Arbeits- und Berufswelt'' in Verkündigung und Gemeindearbeit so wenig präsent ist, sehen die Votanten darin, daß in der Priesterausbildung dieser Bereich vernachlässigt wird. Aber auch eine grundsätzliche Unwissenheit, ja ein Desinteresse der Seelsorger wird konstatiert. Doch auch in den Gemeinden selbst wird das Desinteresse deutlich. Probleme von Gemeindegliedern im Zusammenhang mit der Arbeitsmarktsituation werden verdrängt. Man fühlt sich hilflos, alleingelassen von der ''Amtskirche''. Arbeitslose und Randgruppen haben auch in der Kirche keine Lobby. Und wenn es amtliche Stellungnahmen der Kirche zum Thema gibt, sind sie für Laien wegen der dort gebrauchten Sprache fast nicht zu verstehen.

Die Gemeinde besteht zu 80% aus Arbeitnehmern. Es ist naheliegend, daß Probleme wie Rationalisierung am Arbeitsplatz, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit bei den Menschen Ängste verursachen. ...wie weit geht die Option für die Armen? Wie weit geht das soziale Engagement für die Menschen, die durch unsere Arbeitswelt in psychische und physische Not geraten? Die engagierten Christen in der Gemeinde und die Gottesdienstbesucher gehören vorwiegend der sogenannten Mittelschicht an. ... Wir sind auf der Suche nach Lösungen. Wir erwarten aber auch Impulse vom Bistum. (G214-414-0)
Wenn wir den arbeitenden Menschen und seine Familie nicht umfassender ins Blickfeld rücken, werden wir als Kirche noch mehr an den Bedürfnissen der Menschen vorbei handeln. (VV-010-130)
Seelsorger bringen in der Regel weder das Wissen noch das Interesse mit, sich mit dort entstehenden Problemen wie psychischer und physischer Druck, Arbeitslosigkeit etc. auseinanderzusetzen. (SB-142-B)
Der Umbruch in der Arbeitswelt wirkt sich in allen Bereichen der Gesellschaft aus. Dadurch werden die Menschen zunehmend vor Probleme und Schwierigkeiten gestellt, mit deren Lösung sie alleingelassen, überfordert sind. (D-362)
Die Ausbildung der Priester und der übrigen pastoralen Berufe muß auch die Belange der Arbeitswelt und die Inhalte der Kath. Soziallehre zum Inhalt haben. Ohne entsprechende Ausbildungsinhalte kann die Wirkkraft des Evangeliums sich nicht entfalten und können die Menschen nicht erreicht werden. (G314-718-0)
Moniert wurde auch, daß kirchliche Dokumente der katholischen Soziallehre für einen Laien nur schwer verständlich sind. (G214-414-0)
So geht allein durch sprachliche Barrieren oft der Kontakt zu den arbeitenden Menschen und ihren Familien verloren. (VV-003-160)

Mögliche Lösungsansätze werden auf zwei Ebenen gesehen, einerseits innerkirchlich, anderereits im Beziehungsfeld Kirche und Gesellschaft. Im innerkirchlichen Raum sind den Votanten stärkeres Engagement und Unterstützung wichtig, z.B. durch Verstärkung des kirchlichen Beratungs- und Hilfsangebotes sowie durch Gewinnung, Qualifizierung und Förderung von Ehrenamtlichen in diesem Bereich. In der Ausbildung der Priester muß verstärkt auf die Arbeitswelt mit ihren sozialen Problemen eingegangen werden, sie soll zudem praxisorientierter erfolgen. Grundsätzlich müssen sich Gemeindeleitung und Gremien intensiver mit dem Problemfeld ''Arbeits- und Berufswelt'' auseinandersetzen. Dies kann und muß auch im Gottesdienst seinen Niederschlag finden. Das muß dazu führen, daß Kirche verstärkt das Gespräch mit den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sucht und dabei insbesondere auf die politisch Verantwortlichen einwirkt.

Es muß verstärkt von seiten der Caritas/Kirche Hilfe angeboten werden. Dazu halten wir einen Ausbau kirchlicher Beratungs- und Hilfsangebote für erforderlich und die Gewinnung qualifizierter ehrenamtlicher Mitarbeiter. (D-362)
Zur Priesterausbildung sollte demnach zumindest ein längeres Praktikum an einem ''durchschnittlichen'' Arbeitsplatz gehören. Laien in den Gemeinden müssen befähigt werden, ihre eigenen Erfahrungen mit anderen zu teilen und z.B. durch Seminare zusätzliches Wissen zu erwerben, um anderen in Krisensituationen helfen zu können. Soll Kirche Kompetenz in diesem Bereich zurückgewinnen, wären kirchliche Verbände gut beraten, über ihre überregionale Arbeit hinaus die Probleme des einzelnen in der Gemeinde noch stärker in den Blick zu bekommen. (SB-142-B)
Die Pfarrgemeindeleitungen und Gremien müssen sich stärker mit den Lebens-, Arbeits- und Arbeitslosenumständen aller Gemeindemitglieder auseinandersetzen und die gewonnenen Erkenntnisse in ihren Entscheidungen berücksichtigen. (G224-479-0)
Es wird empfohlen, auch im Erzbistum Köln Arbeiterpriester auszubilden und einzusetzen. (G314-718-0)
Die Kirche muß sich stärker als bisher die Themen der Arbeitswelt zu eigen machen. Der Mensch am Arbeitsplatz muß das Gefühl haben, die Kirche weiß um seine Sorgen am Arbeitsplatz. Verstärkte öffentliche Solidarisierung mit den Arbeitslosen. Nach dem Verlust des Arbeitsplatzes darf nicht auch die Menschenwürde verlorengehen. Die Kirche muß den Mißbrauch von Menschen in der Arbeitswelt stärker als bisher anprangern. Kinderarbeit und unwürdige Arbeitsbedingungen, z.B. für Frauen. Verfassen von Flugblättern und Stellungnahmen, die sich zu aktuellen Entwicklungen äußern. (G352-801-0)
Die Kirche muß ...verstärkt das Gespräch mit den politisch Verantwortlichen auf allen Ebenen suchen, da sonst die Gefahr besteht, von politischen Entwicklungen überrollt zu werden. (G351-799-0)


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HTML von F. Seiffert 24/9/1996
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