Limburger Dom  Der Limburger Dom

 

Rushhour auf der A3. Auto reiht sich an Auto. Eine bunte Blechkarawane rollt in den Morgenstunden über die Lahnbrücke und zieht weiter Richtung Frankfurt. Dem hektischen Treiben stellt sich ein Bild des Unverrückbaren, Mächtigen entgegen. Das Licht der aufgehenden Sonne enthüllt eine Stadt auf dem Berge, erbaut über den Wassern der Lahn. Weithin sichtbar verweist sie auf das Größere, Höhere.

"Wenn wir zusammenkommen,
um zu Gott zu beten,
müssen wir beachten, dass wir für unsere Kirche feste Mauern errichten müssen,
so wie sie die Stadt Jerusalem hatte.
Das Fundament der Kirche ist Christus,
auf ihm stehen die Apostel,
darüber deren Schüler,
und auf ihnen alle, die heute glauben und in Zukunft glauben werden."
Amalarius (8./9. Jahrhundert)

Sieben Türme, gleich der Zahl der Sakramente, erheben sich auf dem Felsen über der Lahn. Sie unterstreichen die symbolische Bedeutung des Baus als "Stätte der Erlösten". Die Beschreibung dieser himmlischen Stadt haben die Erbauer dem letzten Buch des Neuen Testaments entnommen, der Johannesoffenbarung. Im Mittelalter wurde es intensiv gelesen. Anders als die gotischen Kirchen sind die romanischen als Gottesburg gebaut, mit starken Mauern, Türmen und Toren, geschützt wie eine Festung. In einer Zeit vieler Kriege und Fehden bildeten sie für die Menschen einen Zufluchtsort.

"Ich will dich rühmen, Herr, meine Stärke, Herr, du mein Fels, meine Burg,
mein Retter, mein Gott,
meine Feste, in der ich mich berge,
mein Schild und sicheres Heil,
meine Zuflucht."
Psalm 18,2-3

Eine mittelalterliche Kirche hat ihr Hauptportal im Westen. Im Westen, dort wo die Sonne untergeht, herrschen die Mächte des Dunklen und Dämonischen, so vermutete man. Um ihnen Einhalt zu gebieten, setzte man ihnen ein Bollwerk entgegen, die monumentale Westfront. Hier begegnen wir aber auch dem "Fingerzeig" auf etwas, das außerhalb unserer Reichweite liegt, uns zugleich anzieht und zutiefst berührt: Die Türme weisen dem Leben die Richtung; wirklichen Schutz und Geborgenheit gibt es nur im Verankertsein in der Transzendenz des Himmels. Die Westfassade des Limburger Doms, geprägt von der späten rheinischen Romanik, trägt bereits erste Spuren des neu aufkommenden Baustils, der Gotik. Die Fensterrosette und die Betonung des Vertikalen, Aufstrebenden, sind vorsichtige Zitate der zur selben Zeit in Frankreich aufblühenden gotischen Architektur, umgesetzt in den Kathedralen von Laon, Noyon, Soissons und in der Kirche Notre-Dame-en-Vaux in Chalons-sur-Marne.

Baumeister Stifter

der Baumeister

der Stifter

 

Dom Speyer Die Bauzeit des Domes reicht von 1190 bis 1235 - in Deutschland die Phase der Spätromanik und zugleich der Ausklang einer Bauepoche, die in ihrer Blütezeit unter anderen die Kaiserdome Mainz, Worms und Speyer, den Dom und die Michaelskirche in Hildesheim, die Klosterkirche in Maria Laach, St. Aposteln und die anderen romanischen Kirchen Kölns und St. Jakob in Regensburg hervorbrachte.

Abtei Maria Laach

 

Im romanischen Kirchbau spiegelt sich nicht nur der Himmel, sondern auch die damalige soziale Ordnung, die sich aus der Spannung und gleichzeitigen Verbindung von weltlicher und kirchlicher Macht ergibt. Während der im Osten gelegene Chorraum der Ort des Bischofs und der Priester ist, steht die große westliche Turmkonstruktion für das Weltliche. Nicht selten beherbergt sie den Sitz des Herrschers. In Mainz und Worms ist für die weltliche Macht sogar ein zweiter Chor im Westen gebaut. Der Kaiser bot Schutz gegen die Gefahren der Welt, die von Westen einzubrechen drohten.
Tritt man in das Kircheninnere ein, so wendet man sich von Westen, aus der Dunkelheit kommend, dem Osten als dem Ort der aufgehenden Sonne, dem "Licht", dem Wiederkehrenden Christus zu. Der Blick wird nach vorne gezogen. Die gesamte Aufmerksamkeit bündelt sich im Chorraum und wird, wenn wir durch das Langhaus nach vorne schreiten, in der Vierungskuppel nach oben gelenkt. Was außen die Türme symbolisieren, wird innen durch die Kuppel zum Ausdruck gebracht.
Dieses Raumkonzept ist von der Prozessionsliturgie bestimmt. Die ihr zugrunde liegende dramaturgische Struktur geht auf die profane Basilika (griechisch basileus = König, Herrscher, Repräsentant des Staates und der Gesellschaft), die antike Audienz- (lateinisch audire = hören) und Gerichtshalle zurück. Dort, wo bisher der Kaiser oder sein Vertreter gesessen hatte, thront nun der Pantokrator ("All-Herrscher"), Jesus Christus. Die Christen kamen nicht zur Audienz von Kaiser oder König, sondern zu Jesus Christus, seinem Wort gilt ihre Aufmerksamkeit, die Feier seines Todes und seiner Auferstehung ist es, die sie zusammenführt. Diese Baukonzeption findet sich schon in den frühen römischen Kirchen. In Limburg wird diese Theologie durch eine bildliche Darstellung unterstützt.

Limburger Dom Fresko

Er, der Herr der himmlischen und der irdischen Welt, blickt mit großen, gesammelten Augen von der Ostwand der Vierungskuppel in den Kirchenraum. Das Bildmotiv der Majestas Domini (der "Herrlichkeit des Herrn") zeigt den Allherrscher auf dem himmlischen Thron, umgeben von den beiden Kirchenpatronen, dem heiligen Bischof Nikolaus und dem heiligen Georg. In vielen romanischen Kirchen findet sich diese zentrale Darstellung nicht in der Kuppel, sondern an der Stirnwand der Kirche, in der Apsiswölbung.
Wer in den Kirchenraum eingetreten ist, spürt Harmonie und Ordnung. Das Geheimnis liegt in der Vierung. Ihr Grundmaß, das Quadrat, gibt den Abstand der Säulen vor und bestimmt somit die Maßeinheit des Deckengewölbes. Es entsteht ein harmonisches Raumgefüge, ein Abbild der kosmischen Ordnung, in der sich der mittelalterliche Mensch verankert weiß. Die Zahl Vier steht für die vier Himmelsrichtungen, auch die vier Jahreszeiten, sie deutet auf den irdischen Kosmos hin. Der Grundriss der Vierung mündet in einen oktogonalen Turm. Seine acht Ecken symbolisieren die Verbindung von irdischem und himmlischem Kosmos und deuten somit auf die Unendlichkeit, die Ewigkeit hin. Die quer liegende Ziffer Acht ist in der Mathematik als Zeichen für "unendlich" bekannt. Die Acht ist der Bereich jenseits der Sieben, der Zahl, die für die Vollendung und Harmonie zwischen Irdischem (= Vier) und Göttlichem (= Drei) steht.
Die kosmische Dimension wird ebenfalls in den Rundbildern um die Gewölbeschlusssteine des Langshauses aufgegriffen.

Limburger Dom Innen

Eine personifizierte Erde säugt eine Schlange und ein Schwein, das Wasser hält in jeder Hand einen Fisch. Die Blendbögen des Langhauses zeigen die Bewohner der Himmelsstadt, die Apostel und Propheten. Der Gläubige ist auf seinem Weg nicht allein. Die "Säulen der Kirche" stützen ihn. Der ursprüngliche Gedanke des schutzbedürftigen Gläubigen ist nicht verdrängt. Insbesondere die Plastik des Taufsteins, der aus der Erbauungszeit der Kirche stammt, aber auch die Fresken des südlichen Querhauses, in dem der Taufstein ursprünglich stand, weisen auf die Bedrohung und zugleich die Stärke des Christen hin. Wovor sich der Christ in seinem Alltag hüten soll, was er zu tun und zu lassen hat, findet sich hier anschaulich dargestellt. Personifizierte Tugenden und Laster umlagern das Taufbecken. Der durch die Taufe gestärkte Christ hat jedoch nichts zu fürchten: Simson zerreißt einen jungen Löwen, der ihn bedroht (Richter 14,6). Diese Szene soll auf Christus hinweisen, der den Tod in seiner Auferstehung ein für alle Mal besiegt hat.
So begegnet uns in dieser Domkirche ein gebautes Glaubenszeugnis, dessen Symbole wir in vielen Ländern Europas wieder finden können. Alle diese Kirchen geben mit ihren Bildern, ihren Skulpturen und nicht zuletzt durch die Architektur Zeugnis von einer Welt, die über den Tod hinaus Bestand hat. Anteilhaft wird sie in diesem Kirchenraum bereits erfahren, im persönlichen Gebet, der Spendung der Sakramente und insbesondere in der Feier der Eucharistie.

 

Karoline Exner 

 

 

Führungen durch den Limburger Dom:
Montags bis Freitags um 11 Uhr und um 15 Uhr
Samstags um 11 Uhr
Sonntags um 11.45 Uhr
Informationen und Anmeldung für Gruppen unter Telefon (06431) 29 53 32.

 

 

weitere Links:

Dom zu Speyer
http://www.kath.de/bistum/speyer/dom/dom_home.htm

Modelle von Kirchenführung
http://www.wurzeln-visionen.de/steine.htm

Verzeichnis deutscher Kirchengemeiden
http://www.kirchenkompass.de

Dom zu Limburg
http://www.kath.de/bistum/limburg/themen/bistum/geschi/limdom.htm

Abtei Maria Laach
http://www.maria-laach.de

 

 

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