Radio Vatikan
                 
  Monatsbegleiter Februar 1998
               
    "Dr. Carl Sonnenschein, Großstadtapostel von Berlin"
             
     
Vielen, die heute in Kirche, Politik und Gesellschaft in Verantwortung stehen, sind jene Katholiken, die das geistige, politische und soziale Leben im 20. Jh. maßgebend mitbestimmt haben, nur noch dem Namen nach bekannt. Darunter gehört auch der Priester und Studentenseelsorger Carl Sonnenschein.
           
       

Von einigen seiner ersten Biographen als eher problematische Persönlichkeit bezeichnet, wird Sonnenschein heute allgemein als "moderner Paulus", als ein Mensch und Menschenhelfer heroischen Ausmaßes gesehen. In den vielen Gedenkreden und Artikeln, die inzwischen erschienen sind, wird höchsten einmal am Rande auf Sonnenscheins "Herrschsucht" verwiesen, wobei offen bleiben muß, ob dies richtig beobachtet ist. Sonnenschein war, wie Wolfgang Löhr sagt, eine Herrschernatur, aber frei von Überheblichkeit und Menschenverachtung.

         
         


Der am 15. Juli 1876 in Düsseldorf geborene Carl Sonnenschein kam aus einer gutsituierten Handwerkerfamilie. Nach dem Abitur begann er in Bonn das Theologiestudium und wechselte zum Wintersemester 1894/95 als Germaniker nach Rom. Die philosophischen Studien schloß Sonnenschein 1897 an der Grgoriana mit dem Doktor der Phisolophie und die theologischen 1900 mit dem Doktor der Theologie ab.

       
           
Für seine weitere Entwicklung war die Begegnung mit einem der Väter der christlichen Demokratie, Rumolo Murri, wichtig. Murri gab die sozialpolitische Zeitschrift "Cultura Sociale" heraus. An ihr wirkte Sonnenschein als Berichterstatter für Deutschland mit. Am 28. Oktober 1900 empfing er in Rom die Priesterweihe, und am Allerheiligentag desselben Jahres feierte er in der Kirche S. Trinità dei Monti seine erste Messe. Auf seinem Primizbildchen stand der programmatische Satz: "Evagelizare pauperibus".
     
             
Nach Deutschland zurüchgekehrt, richtete Sonnenschein 1908 in Mönchengladbach das Sekretariat Sozialer Studentenarbeit (SSS) ein. Es sollte politisch neutral sein, anregen, Gedanken propagieren, Adressen vermitteln, Auskünfte erteilen. Nach Sonnenschein mußte der Student schon aus eigenem Interesse Welt und Leben der Arbeiter kennen, weil er sonst später als Richter, Arzt oder Vorgesetzter seine Mitmenschen nicht verstehen könne. Er empfahl seinen Studenten praktische soziale Tätigkeit in Vinznzvereinen, Vortäge vor Arbeitern, Betriebsbesichtigungen, Obdachlosenfürsorge. Soziales Empfinden sei Pflicht.
   
                Sonnescheins Ideen und Bestrebungen wurden von integralistischen katholischen Kreisen bekämpft, und er bekam die Folgen zu spüren: Predigtverbote, Denuntiationen. Den Haß der Integralen hatte er sich auch durch seine Mitarbeit bei den christlichen Gewerkschaften zugezogen. Sonnenschein räumte ihnen nämlich eine gleichberechtigte Stellung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaftsordnung ein. Der schlimmste Vorwurf war, Sonnenschein sei ein Modernist.
 
                 


Als der Erste Weltkrieg zu Ende war, mußte Sonnenschein Mönchengladbach, das von den Belgiern besetzt wurde, verlassen. Er fand ein neues Wirkungsfeld in Berlin. Hier wurde er zum Großstadtapolstel und modernen Paulus. Er betätigte sich politisch für die Zentrumspartei, redigierte das "Kirchenblatt", wurde 1922 zum Studentenseelsorger und kümmerte sich außerdem, er, der schon als Germaniker der "prete tedesco dell'anima italiana" genannt worden war, um die 2000 Italiener in Berlin.

                   


Unermüdlich versuchte der völlig selbstlose und bescheidene Mann trotz aller Arbeit jedem zu helfen, der Zuflucht zu ihm nahm. Am 20.Februar 1929 ist Sonnenschein an einem Nierenleiden gestorben. Er war noch nicht ganz 53 Jahre alt. Tausende nahmen beim Begräbnis Abschied von dem Großstadtapostel Carl Sonnenschein. Die ergreifende Grabesrede endete mit den Worten: "Sonnenschein lebte wie ein Bettler und starb wie ein König."