Ein Portrait unserer Monatsbegleiterin,

der Hl. Franziska von Chantal:

Zwischen Mensch, Mystik und Martyrium

Bilderbuchkarriere mit Traumhochzeit und Familienidylle: Johanna Franziska Frémyot de Chantal gehört in ihren ersten Lebensjahrzehnten zu den typischen Frauenbildern zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert. Allein ihr Wandel von der Familienmutter zur Ordensstifterin läßt sie heute zur Powerfrau ihrer Zeit werden.

   

uf Wunsch der Eltern -der Vater war Parlamentspräsident von Burgund - muß die am 28. Januar 1572 in Dijon geborene Franziska mit 20 Jahren Christoph de Rabutin, Baron von Chantal heiraten. Die Ehe gilt als glücklich, vier Kinder gehen aus ihr hervor. Das Schicksal ereilt die Familie schon bald: 1601 stirbt Christoph durch ein Jagdunglück. Franziska muß die Kinder allein erziehen. Die Familienmutter sucht ihre spirituelle Erfüllung, bemüht sich, ein Leben für Gott und die Kirche zu führen. Werke der Barmherzigkeit, Nächstenliebe unddie Fürsorge für ihre Kinder kennzeichnen jene französische Frau, die bis auf den heutigen Tag stellvertretend für viele ungenannte alleinerziehende Mütter steht, die nicht unbedingt zur Ehre der Altäre erhoben werden.

n ihrer religiösen Sinnsuche trifft Franziska 1604 auf den Genfer Bischof Franz von Sales, von dessen Frömmigkeit und gelebter Spiritualität sie ergriffen ist. Aus der Begegnung erwächst in den folgenden Jahren ein enge geistige Freundschaft. Ein Teil des mystischen Briefwechsels zwischen Franz von Sales und Franziska sind heute noch bekannt. Franziska, die ihren Ehemann nie vergessen hat und auch das Wohl ihrer Kinder nie hintenan stellte, wagt in einer Zeit, in der die Kirche von den Calvinisten an vielen Fronten bedroht wird, eine gemeinsamen Weg mit Franz von Sales. Dieser hatte bereits mehrere Attentate nach seiner Missionstätigkeit unter den Calvinisten am Genfer See überlebt. 1610 gründen beide gemeinsam den Orden von der Heimsuchung Mariä in Annecy, der unter dem Namen "Salesianerinnen" (oder Visitantinnen) bekannt wird und nicht mit den Salesianern Don Boscos zu verwechseln ist.

   

Franz von Sales hat keinen anderen Orden als diesen einen gegründet. Innerhalb von 30 Jahren breiteten sich allein über Frankreich mehr als 85 Klöster der neuen Gemeinschaft aus, die bemüht ist, Mädchen und Frauen die Chance eines heiligmäßigen Lebens in der Nachfolge Christi zu ermöglichen, ohne sie an ähnlich strenge Regeln wie in anderen Orden zu binden - für die damalige Zeit ein fast revolutionärer Vorstoß, der besonders auf die tiefe Verwurzelung und die vielfältigen Erfahrungen Franziskas im täglichen Leben zurückzuführen ist. Trotz des plötzlichen Todes Franz von Sales, der 1622 bei einer Reise in Lyon stirbt, läßt sich Franziska nicht entmutigen, sondern lebt in der Spiritualität und Mystik ihres Seelenführers und Freundes weiter. Innere Leiden lassen aber auch bei ihr die letzten Lebensjahre zum Martyrium werden. Einige der noch überlieferten Briefe schildern ihre Einstellung zum Leiden.

Die adelige Familienmutter aus gutem französischen Haus stirbt als Ordensstifterin und mystische Visionärin am 13. Dezember 1641 in Moulins. Ihre letzte Ruhestätte hat sie in der Salesianerinnenkirche zu Annecy gefunden. Franziska von Chantal gilt mit ihren mystischen Erfahrungen und der von ihr selbst beschriebenen "Nacht des Glaubens" als wichtige geistige Lehrerin im französischen Reformkatholizismus. 110 Jahre nach ihrem Tod, 1751 wird sie selig-, 1767 heiliggesprochen.

Die Neuordnung des liturgischen Kalenders sorgte 1969 aufgrund des Gedächtnisses der hl. Lucia für eine Vorverlegung des Gedenktages vom 13. auf den 12. Dezember. Franziska von Chantal ist uns heute noch durch authentische Malereien überliefert. Ihre beiden Patronate symbolisieren eindrucksvoll, was sie gelebt hat: Franziska wird heute bei den Salesianerinnen für eine gute Geburt angerufen. Die Liebe zu ihren eigenen Kindern hat ihre mystischen Visionen geprägt, die sich immer von einem Wort Franz von Sales leiten ließen. Seine Weisung "Das Maß der Liebe ist Liebe ohne Maß" war für sie mehr als ein Wappenspruch, die Weisung war ein Teil ihres Lebens.

   
Matthias Kopp, Bonn