Hl. Elisabeth von Thüringen
(1207-1231)

Ein Portrait von Aldo Parmeggiani

Radio Vatikan
Nov. 1997

u den ersten aus dem weiblichen Geschlecht, die sich den hohen Gedankenflug des Hl.Franz von Assisi zu eigen machten, gehörte in Deutschland die Hl. Elisabeth. Geboren 1207 auf der Burg Saros-Patak in Ungarn als Tochter des Ungarnkönigs Andreas II. und seiner ersten Gemahlin Gertrud von Andechs, einer Schwester der Hl. Hedwig, wurde sie mit vier Jahren mit dem elfjährigen Sohn des Landgrafen von Thüringen, Ludwig, verlobt und zur gemeinsamen Erziehung auf die Wartburg gebracht. Hier sollte sie in deutscher Umgebung aufwachsen und frühzeitig Sitten und Lebensformen ihres zukünftigen Standes kennenlernen. Und natürlich erhofften sich die Eltern von der Verbindung ihrer Kinder Wachstum ihres Ansehens und die Garantie für ein friedliches Einvernehmen. lisabeth war ein übermütiges Kind, ihr ungarisches Temperament riß ihre Umgebung mit. Früh jedoch schon trafen sie persönliche Schicksalsschläge: 1213 wurde ihre Mutter ermordet, 1215 starb Landgraf Hermann, ihr väterlicher Beschützer. Elisabeth wurde ernster. Mit wachsender Aufmerksamkeit beobachtete sie den krassen Unterschied zwischen dem Luxus und der Verschwendung auf der Burg und der Armut, die im Lande beim einfachen Volk herrschte. Es sollte ihr künftiges, wenn auch kurzes Leben prägen. Wo sie nur konnte, versuchte die zukünftige Landesherrin die Not der Armen zu mildern. Und schon bald erhoben sich die ersten Proteststimmen: Man warf ihr vor, sie eigne sich eher zu einer Dienstmagd oder bigotten Nonne, als zu einer deutschen Fürstin.
   
udwig, ihr Verlobter, hielt jedoch bedingungslos zu ihr. Elisabeth war fünfzehn Jahre alt, als sie mit ihm getraut wurde. Es war eine glückliche Ehe, aus der vier Kinder hervorgingen. Ihr Einfluß auf ihren Gemahl wirkte sich sogleich aus. Das einst verschwenderische Treiben hatte ein Ende; Ludwig erlaubte seiner Gattin Armen und Kranken beizustehen, sie pflegte Aussätzige und nahm sich der zahlreichen Waisenkinder an. In der Hungersnot des Jahres 1225 öffnete sie die eigenen Kornkammern und verteilte die Vorräte an die Armen. Ihre Mildtätigkeit ging so weit, daß die Vorräte der Burg ernstlich gefährdet wurde. Immer mehr wurde sie ein Ärgernis für die so anders eingestellten Hofleute. Jetzt trat Konrad von Marburg, der gestrenge Predigermönch in ihr Leben. m Jahr 1227 schloß sich Ludwig, von ihm aufgerufen, dem Kreuzzuge Friedrich II. an, wenige Monate später traf die Nachricht von seinem Tode ein. Elisabeth stand allein. Ihre Feinde triumphierten. Aller Haß gegen die Landgräfin brach hervor, als Ludwigs jüngerer Bruder Heinrich die Herrschaft übernahm. Man entzog der Wehrlosen ihre Witwengüter. Mitten im Winter mußte sie die Burg verlassen, oder vielleicht verließ sie sie auch freiwillig. Nirgends fand sie mit ihren Kindern Aufnahme, denn allen drohte Heinrich mit seiner Rache, sollten sie Elisabeth Hilfe zukommen lassen. Inzwischen hörte ihr Onkel Egbert, Bischof von Bamberg, von ihrem Elend und holte sie zu sich. Um sie vor ihren Feinden zu retten, bemühte er sich, sie zu einer zweiten Ehe zu bewegen. Elisabeth lehnte ab.
   
ielmehr trat sie in den dritten Orden der Franziskaner ein. Nachdem es ihr gelungen war, einen Teil ihrer Güter zurückzugewinnen, gründete sie 1228 in Marburg das Franziskus-Hospital und widmete sich hier ohne Rücksicht auf ihre rasch verfallenden Kräfte ganz der Kranken- und Armenpflege. Sie starb am 17. November 1231 mit vierundzwanzig Jahren. Bald ereigneten sich an ihrem Grab viele Wunder. Schon vier Jahre nach ihrem frühen Tod wurde sie von Papst Gregor IX. heiliggesprochen. Von den zahlreichen Votivgaben und Spenden konnte bald schon der Grundstein der berühmten Elisabethkirche zu Marburg gelegt werden, wo ihr Sarkophag eine würdige Ruhestätte fand.

m 1. Mai 1236 hatte die feierliche Erhebung der Gebeine der Heiligen in Anwesenheit von Friedrich II. stattgefunden. Dieser stiftete eine Krone, mit der der Leichnam gekrönt wurde und einen Becher. Die Krone befindet sich heute im Stadtmuseum in Stockholm. Weitere Reliquien der Heiligen werden im Elisabethkloster in Wien aufbewahrt. - Auch am Leben der Hl. Elisabeth erkennen wir, wie Frauen Anstöße zur Erneuerung der Kirche geben, sich als Christen in der Welt engagieren und Menschen in ihrer Nähe leibliche und seelische Hilfe zuteil werden lassen. Ihr tapferes, von der Liebe geleitetes Leben, machte sie frei, ihre menschlichen Möglichkeiten eigenständig zu entfalten. Über den Weg dieser Heiligen nachzudenken, lohnt sich für Frauen, die heute ihren Platz in der Kirche suchen, aber auch für Männer, die bereit sind, sich mit einem neuen Selbstverständnis der Frauen auseinanderzusetzen.