Aus dem Monatsbegleiter Oktober 1997:
Theresia von Lisieux (1873 - 1896)
Vorgestellt von Stefan von Kampis (SEDOC@VATIRADIO.VA)

EWTN Special Feature St. Therese auf Englisch
http://www.ewtn.com/therese/therese.htm

Theresia von Lisieux - Heiligkeit mit vollem Risiko

Die kleine Theresia ist eine irritierende Heilige: Patronin der Weltmission, obwohl sie ihr Provinznest Lisieux so gut wie nie verlassen hat. Kirchenlehrerin, obwohl ihre Schriften sich mit Johannes vom Kreuz oder der "großen" Theresia kaum messen können. Und obwohl schon mit 23 gestorben, ist die "kleine" Theresia auch nicht die typische Jugendliche unter den Heiligen - zu altklug erschien sie dafür den Zeitgenossen und zu zielstrebig, ohne die üblichen Irrungen und Wirrungen, ging sie schon von Kindheit an den "kleinen Weg", ihren Sonderweg zur Heiligkeit.

Eine irritierende Heilige. Auch am Ende des 19. Jahrhunderts war es nicht zeitgemäß oder normal, daß ein Kind alles daran setzt, so schnell wie möglich in den strengen Karmeliterorden aufgenommen zu werden. Die kleine Therese war, als sie klein war, hübsch, ziemlich verwöhnt. Die immer wieder an ihr beobachtete Kindlichkeit hatte wohl von Anfang an etwas ziemlich Erwachsenes; "Theresia vom Kinde Jesus" nannte sie sich, als sie mit 16 Jahren schon am Ziel, nämlich hinter Klostermauern war.

Kleine Theresia... Jeden Tag traf sie in der Kommunion ihren Bräutigam, den "kleinen" Jesus. Ansonsten war ihr Leben im Karmel hart: Die Oberin suchte sie ständig zu demütigen, um ihren vermeintlichen Stolz zu brechen, und auch von Gott fühlte sich immer häufiger verlassen - ging durch die Hölle der Gottesferne, glaubte sich verdammt. Sie hatte das "Kind Jesus" gesucht und fand den verstörten Jesus von Golgotha.

Theresia bekam Depressionen, litt immer häufiger unter panischen Angstzuständen, aber sie wich nicht aus: sie stellte sich. Die Pionierin des "kleinen Wegs" ging diesen auch noch weiter, als er nur noch ins Leere zu führen schien - ohne Sicherheit, auf volles Risiko. Nach außen wirkte sie beherrscht. Innen tobte ein wütender Kampf. Das war schon kein "Weg" mehr, das war Heiligkeit im freien Fall. Gott ließ sie fallen und so stürzte sie denn auf ihn zu.

Mit 23 war sie tot. Tuberkulose. -

Nach ihrem Tod wurde das Bild von der "kleinen" Theresia vielfach entstellt, versüßlicht, verfrommt - selbst ihre Autobiographie, wurde von ihren Mitschwestern kurzerhand umgeschrieben. Dadurch kommt der Eindruck auf, der "kleine Weg" der Therese sei einfacher und leichter zu begehen als die Drahtseil-Heiligkeit von Avila. Daß das nicht so ist, beweist allerdings das Beispiel von Edith Stein: Die führte der "kleine Weg", den sie auf den Spuren der kleinen Theresia ging, geradewegs nach Auschwitz.

In Wirklichkeit ist Theresia vom Kinde Jesus eine Heilige für unsere Zeit. Sie hatte die gleichen Angstzustände und Depressionen, die auch wir Heutigen kennen, den gleichen Drang nach Selbstverwirklichung... aber sie ging gerade nicht den bequemen Weg. Ein französischer Regisseur hat vor ein paar Jahren einen Spielfilm über sie gedreht - einen sehr realistischen "Film". Nach jeder neuen Kamaraeinstellung ist der Bildschirm für einige Augenblicke schwarz. Diese Schwärze, die sich durch den ganzen Film zieht, gibt ihm zwar zunächst eine gewisse Ruhe, aber es ist eine bedrohliche Ruhe: eine Ruhe ohne Ausweg. Ein Film, der zur Hälfte aus Dunkelheit besteht, wie das Leben der Therese Martin. Kleine Theresia, bitte für uns.

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