vom 02. bis 05. August 1996

Mordanschlag in Algerien:

Geschehen: Am Donnerstag abend sind der katholische Bischof von Oran, Piere Lucien Claverie, und sein Fahrer bei einem Bombenanschlag getötet worden. Bisher ist weder über die Hintergründe etwas bekannt noch liegt ein Bekennerschreiben vor.

Treffen: Am Nachmittag war Bischof Claverie noch mit dem französischen Außenminister Hervé de Charette zusammengetroffen. Beide nahmen an einer Gedenkfeier für die ermordeten Trappisten in deren Kloster Tibehirine teil.

Warnung: Unmittelbar nach diesem Zusammentreffen warnte Claverie selbst vor einem "spektakulären Attentat" durch fundamentalistische Muslime. Er forderte zur Wachsamkeit auf. Das war nur wenige Stunden vor seiner Ermordung.

Reaktionen: Weltweit wurde der Anschlag als feiger Akt verurteilt. Papst Johannes Paul II. sandte ein Beileidstelegramm an den Erzbischof von Algier, Henrie Tessier. Der algerische Staatschef, Llamine Zeroual, verurteilte das Attentat mit Abscheu. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, schickte ein Telegramm, in dem er Claverie als bedeutenden Streiter für die Gerechtigkeit bezeichnete. Der feige Mord zeige, daß die christliche Botschaft der Liebe und Versöhnung nichts von ihrer Herausforderung verloren habe.

Angelus: Papst Johannes Paul II. hat sich bei seinem Angelusgebet zum Mordanschlag in Oran geäußert. Er bat, um die Aussöhnung in Algerien zu beten. Das Land habe mehr denn je Taten des Friedens und der Brüderlichkeit nötig.

Messe: Kardinal Jean Marie Lustiger von Paris hat am Sonntag eine Messe für den ermordeten Bischof zelebriert. Am Montag fanden im französischen Bayonne und im algerischen Oran Messen für Claverie statt. In Oran war, in Vertretung von Papst Johannes Paul II., Kardinal Bernardin Gantin vor Ort, um ihn zu würdigen und die Grüße des Papstes zu überbringen. Claverie soll am Dienstag in Oran beigesetzt werden.

Menschenrechte:

Todesstrafe: Der Präsident Litauens, Algirdas Brazauskas, hat die Todesstrafe ausgesetzt. Er teilte am Freitag in Wilna mit, daß ein entsprechendes Dekret unterzeichnet worden sei, das solange in Kraft bliebe, bis ein neues Strafrecht verabschiedet sei. Brazauskas folgte damit humanitären Grundsätzen, dem Beispiel der meisten europäischen Staaten und den Empfehlungen der katholischen Kirche. (kna)

Unterstützung: Die Europäische Union hat am Donnerstag rund 100 Millionen Mark für den Wiederaufbau von Bosnien-Herzegowina und die Unterstützung der Flüchtlinge genehmigt. Wie ein Sprecher in Brüssel mitteilte, sollen mit dem Geld Häuser, Schulen und Hospitäler gebaut, aber auch die Wasser und Gasversorgung wiederhergestellt werden.

Selektive Abtreibung: In Großbritannien hat jetzt eine schwangere Frau, die Zwillinge erwartet hatte, eines der Kinder in der 16. Woche abtreiben lassen. Die 28jährige Mutter eines Kindes bestand darauf, daß ihr 2 weitere Kinder einfach zu viel seien. Sie wollte lieber keine Schwangerschaft als Zwillinge. Die Ärzte meinten: lieber ein Kind als gar keins. In England nennt man dieses Vorgehen "selektive Abtreibung".

Hinrichtungen: Am Montag wurden in China 6 weitere Todesurteile vollstreckt. Sie sind nicht die ersten in einer ganzen Reihe von Hinrichtungen, die im Rahmen einer großangelegten "Kampagne gegen die Kriminalität" seit Ende April bereits mindestens 1.000 Menschen das Leben gekostet hat. Amnesty international kritisierte das Vorgehen Pekings aufs Schärfste.

Krisengebiet:

Aufruf: Die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" hat die Machthaber Burundis aufgerufen, den Bürgern Sicherheit und den Hilfsorganisationen freien Zugang zum ganzen Land zu gewähren. Am Sitz der Hilfsorganisation in Nairobi zeigten Helfer sich sehr besorgt über die Lage nach dem Putsch. Nur ein energisches Handeln könne den Burundern Hoffnung auf eine bessere Zukunft geben. Zu den Putschisten bezieht die Hilfsorganisation keine Stellung.

Zahlen: Tausende von Hutu-Zivilisten sind in Burundi bei Massakern zwischen April und Juli diesen Jahres von der Tutsi-Armee umgebracht worden. Das hat die amerikanische Tageszeitung "Herald Tribune" am Montag gemeldet. Die Massaker sollen bisher nicht bekannt gewesen sein. Die Zeitung beruft sich auf einen vertraulichen Bericht der Vereinten Nationen.

Frieden: In den nächsten 2 Wochen wird die Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen der philippinischen Regierung und den muslimischen Rebellen erwartet. Das bestätigte der Präsidentschaftssekretär Ruben Torres am Montag gegenüber der Presse. Mit dem Abkommen würde eine 24 Jahre andauernde Revolte von Moslems in der Mindanao-Region beendet werden.

Marsch: Der Bischof des nordirischen Londonderry, Seamus Hegarty, hat vor dem für Samstag geplanten protestantischen Gedenkmarsch zu einem Kompromis aufgerufen. Wenn der Umzug friedlich verlaufe, werde das Vorbildfunktion für ganz Nordirland haben, betonte Hegarty am Sonntag gegenüber dem britischen Rundfunksender BBC. Die Verhandlungen über den Marsch dauern seit 2 Wochen an und sollten am Montag fortgesetzt werden. (kna)

Wiederaufbau: Die Kirche unterstützt den Wiederaufbau in Ruanda. Dies hat der Nuntius des Landes, Janusz Juliusz, bei einem Deutschlandbesuch erklärt. 2 Jahre nach dem Völkermord habe sich die Lage in Ruanda einigermaßen beruhigt.

Kirche:

Kritik: Im Süden Albaniens sollen demnächst 3 orthodoxe Bischöfe aus Griechenland arbeiten. Diese Entscheidung hat in kirchlichen und politischen Kreisen des Landes Kritik ausgelöst. Ihr Amtsantritt soll verhindert werden, da sie keine albanischen Staatsbürger sind. (kna)

Konferenz: Der Rat der indischen Kirchen hat jetzt eine gemeinsame Konferenz zum Thema Menschenrechte und Säkularisierung in seinem Land angeregt. Die katholische Bischofskonferenz soll dabei den Vorsitz übernehmen. Themen wären Frauen- und Wirtschaftsfragen, ländliche Entwicklung und Investitionen von ausländischem Kapital in Indien.

Treffen: Trotz Warnungen der rumänischen Behörden trafen sich an diesem Wochenende tausende ungarischer reformierter Christen zu einer Konferenz in Transsilvanien. Vor Ort war der reformierte Bischof Laszlo Toekes, der 1989 Mitinitiator der Anti-Kommunistischen Bewegung Ungarns war. Er selbst unterstreicht den religiösen Charakter des Treffens, von anderer Seite vermutet man politische Absichten hinter der Veranstaltung.

Religionen:

Verbot: Die Regierung des Tschad hat 29 islamischen Gemeinschaften verboten. Der Innenminister unterzeichnete bereits am Donnerstag ein entsprechendes Gesetz. Offiziell begründet wird das Vorgehen damit, daß die Aktivitäten der islamischen Gemeinschaft darauf abzielen, die öffentliche Ordnung zu stören.

Glücksspiel: In Malaysia sollen Moslems künftig keine leitenden Positionen in Firmen innehaben, die Glücksspiel betreiben. Dies meldete am Samstag eine Tageszeitung unter Berufung auf Regierungskreise. Ein entsprechendes Gesetz solle bald verabschiedet werden, teilte ein Sprecher des Premierministers mit. Die Begründung des neuen Gesetztes: Glücksspiel sei nicht mit dem Islam vereinbar.

Deutschland:

Scientology: Das Hessische Innenministerium hat am Montag von einem verstärkten Auftreten der Scientology-Sekte gewarnt. Sie werbe gezielt durch Ansprechen von Passanten in Fußgängerzonen und durch Hauswurfsendungen. Das Ministerium wies darauf hin, daß nach dem Urteil des Bundesarbeitsgerichts Scientology keine Religionsgemeinschaft ist. Außerdem habe es der Organisation "totalitäre Tendenzen" bescheinigt. (kna)

"Mischehen": Männer und Frauen, die in "Mischehen" leben, können in der evangelisch-lutherischen Kirche Hannover nicht Pfarrer oder Pfarrerin werden. Das hat Landeskirchensprecher Uwe Arnold jetzt bekräftigt. Er bezog sich auf die Verweigerung des Pfarramtes für eine Theologin, die mit einem Muslim verheiratet ist. Als Grund gab er an, daß die Lebensführung in Ehe und Familie dem Pfarr-Auftrag verpflichtet sei.

Abschiebestop: Die Arbeitsgemeinschaft "Pro Asyl" hat in einem Brief an Bundesinnenminister Manfred Kanther einen sofortigen Abschiebestop für afghanische Flüchtlinge gefordert. Hintergrund ist der Hungerstreik mehrerer Flüchtlinge aus Afghanistan auf dem Frankfurter Flughafen.

Weitere Meldungen:

Priebke: Am Donnerstag hat ein Militärgericht in Rom den früheren SS-Offizier Erich Priebke für schuldig befunden, 1944 an einem Massaker in Italien teilgenommen zu haben. Zugleich verfügte es wegen mildernder Umstände die sofortige Freilassung des 83jährigen. Seit Mai mußte sich Priebke wegen der Erschießung von 335 Geiseln, darunter 75 Juden verantworten. Er hatte seit 1948 unter vollem Namen in Argentinien gelebt, war vor 2 Jahren von einem US-amerikanischen Fernsehteam aufgespürt und letztes Jahr an Italien ausgeliefert worden. (kna)

Enttäuschung: In der Nacht, die dem Urteil folgte, ließ der Bürgermeister Roms an den bedeutendsten Denkmälern die Lichter auslöschen. Symbolisches Zeichen der Trauer und Enttäuschung über den Freispruch. Die empörte Menge vor dem Gericht verhinderte jedoch die sofortige Freilassung Priebkes, wie der Richter sie angeordnet hatten. Erst nachdem der Justizminister seine Wiederverhaftung angekündigt hatte, gingen die Menschen auseinander. Grund für die erneute Festnahme ist ein Auslieferungsantrag Deutschlands, der in den nächsten 40 Tagen geprüft werden soll. Solange bleibt Priebke in Haft.

Anfrage: Die jüdische Gemeinde Argentiniens hat am Freitag beim apostolischen Nuntius in Buenos Aires offiziell nachgefragt, wie der Vatikan den Freispruch Priebkes beurteilt. Die vatikanische Tageszeitung Osservatore Romano hat ihn indessen bereits kritisiert.

Oper: Am nächsten Donnerstag soll in Verona eine Opernaufführung zum Gedenken an die 335 Opfer Priebkes stattfinden. Wie die Festspielleitung mitteilte, soll Verdis Oper "Nabucco" als "Zeichen der Solidarität gegenüber den Angehörigen der Opfer" aufgeführt werden. (kna)

Rufmord: Der frühere Erzbischof von Wien, Kardinal Hans Hermann Groer, hat am Montag alle vor rund anderthalb Jahren gegen ihn erhobenen Anschuldigungen als "Rufmord" zurückgewiesen. Er war damals des sexuellen Mißbrauchs an Kindern bezichtigt worden. Er äußerte sich in den Medien zum ersten Mal zu den Vorwürfen. Er hofft, so Groer, daß damit die Diskussion zu Ende ist. (kna)

Krajina: Tausende serbischer Flüchtlinge haben in Belgrad am Sonntag des ersten Jahrestages der Einnahme der serbischen Enklave der Krajina durch die Kroaten gedacht. Rund 300.000 Serben versammelten sich in der St. Markus Kirche, in der der orthodoxe Patriarch Pavle einen Gedenkgottesdienst für die Serben feierte, die bei der Einnahme ums Leben gekommen sind.

Frauen: Im Sudan haben Vertreter aus mehr als 70 islamischen Staaten die Gründung einer internationalen islamischen Frauenvereinigung beschlossen. Sie soll vor allem der Ausbreitung des Islams unter den Frauen weltweit dienen. Daneben will sich die Vereinigung auch der Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen in muslimischen Gemeinschaften annehmen, die nicht nach den Regeln des Islam leben.

In eigener Sache:

Empfang: Radio Vatikan in deutscher Sprache können Sie auf Mittelwelle 1530 (kHz) und auf Kurzwelle 4005, 5880, 7250 und 9645 (kHz) empfangen. Im Sendegebiet Rom außerdem über UKW 93,3 MHz.

Programm: Täglich um 16 Uhr senden wir live die aktuellen Nachrichten aus der Weltkirche. Um 20.20 Uhr können Sie unsere Magazine hören, die um 6.20 Uhr am nächsten Morgen wiederholt werden.

Magazine dieser Woche (05. bis 11. August):

Montag: Weltkirchen-Magazin. GEPLANTE BEITRÄGE: Österreich: Caritas wirbt für Afrika-Hilfe. Ein Bericht. - Angola: Kirche zwischen Angst und Hoffnung. - Das Portrait: Der erste Misereor-Geschäftsführer Gottfried Dossing wird 90 Jahre. - Algerien: Trauermesse für den ermordeten Bischof Pierre Claverie. Weitere Dokumentation seines letzten Interviews.

Dienstag: Radioakademie: Moses und seine Revolution - ein Beitrag von Aldo Parmeggiani. Teil I.

Mittwoch: Römische Woche - Aktuelles aus dem Vatikan, Rom und Italien. (Mit der Ansprache des Papstes an die deutschsprachigen Pilger bei der Generalaudienz). GEPLANTE BEITRÄGE: Ergebnisse eines interreligiösen Kolloqiums Vatikan-Indigene Religionen an der Elfenbeinküste. - Ein Nachtrag zum Fest Mariä Schnee. - Rom im Entsetzen: Zu aktuellen Protesten gegen das Priebke-Urteil.

Donnerstag: Kreuz des Südens Leben in jungen Kirchen. GEPLANTE BEITRÄGE: Südafrika: Bleibt die Wahrheitskommission erfolgreich? - Algerien: Nach dem Anschlag auf Bischof Claverie. Ein Kommentar - Liberia und Äthiopien: 2 afrikanische Länder vor Wahlen.

Freitag: Prisma - Facetten aus Politik, Gesellschaft und Religion. GEPLANTE BEITRÄGE: Mexiko: Zapatisten für die Menschenrechte. Ein Kongressbericht. - Bad Dürrheim: Ein Hilfsprojekt für Straßenkinder in Deutschland.

Samstag: Kommentar der Woche von Hanspeter Röthlin: Sonntragsbetrachtung von P. Andreas Simon MSF aus Biesdorf

Sonntag: Sie schreiben - wir antworten - Korrespondenzsendung

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