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Mit
Religion werben heißt nicht, für die Kirche werben
Mystische
und sakrale Anspielungen sowie Bibelzitate finden sich auf Anzeigenseiten
und in Werbespots. Wieso strömt Religion gerade in de Werbung und
was sind die Möglichkeiten kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit?
Mit diesen Themen befaßte sich das erste Forum für kirchliche
Öffentlichkeitsarbeit am 1. und 2.10. in Bad Honnef.

Engel sind
offensichtlich erfolgreiche Werbebotschafter. Die Provinzialversicherung,
Marktführer in Nordrhein-Westfalen brauchte eine neue Idee. Die herkömmliche
Versicherungswerbung, die Schadensfälle zeigt, erzielte keine Aufmerksamkeit
mehr. Die neue Idee, mit einem Augenzwinkern ins Gespräch gebracht,
war folgende: Wenn es Schutzengel gibt, dann wäre eine Versicherung
überflüssig. Da die Mehrzahl der Bundesbürger von der Existenz
dieser Wesen überzeugt ist, muß eine Arbeitsteilung propagiert
werden. Die Versicherung springt ein, wenn "Schutzengel mal Pause
machen". Diese Werbebotschaft erzielt bei der jüngeren Generation,
als Einsteiger für Versicherungsabschlüsse die wichtigste Zielgruppe,
hohe Aufmerksamkeitswerte. Inzwischen wurde die Idee weiter entwickelt.
Die Aufgabenstellung zwischen Versicherung und Schutzengel war auf Kritik
gestossen. Die neue Konzeption zeigt Menschen, die sich als Schutzengel
in gefährlichen Situationen erweisen. Haben sie ihre rettende Tat
vollbracht, wachsen ihnen Flügel. Diese Abschwächung des Schutzengelmotivs
geht wohl zu weit. In Zukunft sollen die Flügel wieder länger
zu sehen sein. Aufgegeben wird das Engelmotiv nicht, die Versicherung
hat es für sich "besetzt" und in ihr Erscheinungsbild integriert.
So die Vorstellung der Konzeption durch den für die Werbung der Provinzialversicherung
Verantwortlichen Wolfgang Buck.
Die Rückkehr
des Religiösen
ist vor allem in der Werbung zu entdecken. Bibelversen, Assoziationen
zum Sakralen, "Zitaten" der Mystik begegnet der Leser in den
Anzeigen von Zeitschriften und innerhalb der Werbeinseln des Fernsehens.
Die Ursachen liegen in der Entwicklung der Moderne.
Die Welt wird nur noch vermittelt zugänglich, man ist zwar live dabei,
aber nicht anwesend.
Die technischen Systeme und die Prozesse des Wirtschaftsgeschehens werden
für den einzelnen immer undurchschaubarer. Die folgen sind Unsicherheit
und Ängste.
Die Körperlosigkeit der medial vermittelten Beziehung zur Wirklichkeit
bringt als Alternative den Körperkult hervor. Die Undurchschaubarkeit
der Welt erfordert eine Vergewisserung der Welt. Um das gestörte
Vertrauen in die Welt wieder herzustellen, muß Sinn gestiftet und
Weltvertrautheit wieder hergestellt werden. In einem medialen Zeitalter
geschieht das selbstverständlich über Medien. Sinn-Design ist
eine wichtige gesellschaftliche Funktion geworden, die das Wirtschaftsleben
abstützt. Wahrgenommen wird diese Funktion vor allem durch die Werbung.
Konsum funktioniert in einem Umfeld von hohem Vertrauen. Wenn religiöse
Symbole dieses Vertrauen bewirken können - warum soll die Werbung
dieses Mittel nicht gezielt einsetzen? Auch das Fernsehen bietet Mystery
und Engelserien.
Diese Zusammenhänge zwischen der modernen Lebenswelt und den religiösen
Vorstellungswelten wurde von Matthias Sellmann, kath. Sozialethische Arbeitsstelle
Hamm, aufgewiesen. Prof. Hans Joachim Höhn, Köln führte
die Analyse weiter.
Verbrauch
des "religiösen Bestandes"
Aus dem "Grundwasser" der westlichen Kultur steigt Religiosität
in Segmente der Gesellschaft auf, die bisher von Religion freigehalten
waren. Die wieder entdeckte Religiosität artikuliert sich entsprechend
der gesellschaftlichen Entwicklung individuell. Das einzelne Individuum
stößt auf religiöse Fragen und sucht in seinem Inneren
nach neuen Dimensionen, die in inneren Erfahrungen zugänglich werden
sollen. Religion wird nicht in einer der überlieferten, klar umgrenzten
Formen übernommen, sondern es werden aus dem Bestand einzelner Religionen
und Konfessionen Elemente herausgelöst und mit anderen neu zusammengesetzt.
Daß objektive, in Dogmen formulierte Wahrheiten und verbindlich
formulierte moralische Prinzipien diesem Stil von Religiosität nicht
entsprechen, ist unverkennbar. Das Ästhetische und Therapeutische
der religiösen Welten wird in die individuelle Vorstellungen integriert.
Die Individualität soll durch die Religion ernst genommen und durch
Transzendierung intensiviert werden.
In vielen Fällen führt das zu einem "Verbrauch" des
religiösen Traditionsgutes. Was durch Meditation, durch Feste, durch
Klöster, Wallfahrten und künstlerische Gestaltung angereichert
und tradiert wurde, dient jetzt der Nutzung für kommerzielle Interessen.
Die anfängliche Euphorie über die Renaissance religiöser
Symbole hat der Einsicht Platz gemacht, daß das zu einer weiteren
inneren Aushöhlung des Religiösen führt.
Allerdings
läßt sich beobachten, daß das Sakrale eine gewisse Resistenz
gegen den Verbrauch durch die Wirtschaft zeigt. Kirchenräume gewinnen
eine neue Anziehungskraft, Festzeiten und religiöse Riten werden
wieder als bedeutsam für die gesamte Gesellschaft eingeschätzt.
Die katholische
Kirche in der sie umgebenden Religiosität
Auf das Wiedererwachen des Religiösen ist die Kirche nicht vorbereitet.
Sie kommt aus einer Epoche der Ritenkritik und der Skepsis gegenüber
besonderen religiösen Erfahrungen. Eine auf das Dogmatische und Moralische
verengte Sprache wird dem ästhetischen Anspruch der neuen Religiosität
nicht gerecht. Externe Beobachter bescheinigen der Kirche spirituelle
Defizite.
Ein Symptom für das mangelnde Verständnis für die neuen
Entwicklungen ist das "Nihil obstat", das das Kölner Generalvikariat
der Provinzialversicherung für die Verwendung des Engelmotivs gewährte.
Die Kirche zahlt einen hohen Preis für die fehlende Zeitgemäßheit.
Sie hat kein Monopol mehr auf religiöse Symbole. Säkulare Liturgien
wie die Olympiade stellen die Ritenkompetenz der Kirchen infrage. Der
Olympiapfarrer Michael Kühn wies auf die religiöse Ausdeutung
des olympischen Gedankens durch den Begründer der modernen olympischen
Idee, Pierre Coubertin, hin und zeigte Dias von der Eröffnungsfeier
und den Wettkämpfen, die den rituellen Charakter dieser Spiele veranschaulichen.
Eine differenzierte Sprache, ein neuer Stellenwert für das Ästhetische
und statt der Rhetorik des Affirmativen eine Redeform des Bestreitens
sind die Therapievorschläge von H. J. Höhn.
Der Wettstreit
um öffentliche Aufmerksamkeit
Die jahrelange Diskussion um die Schwangerschaftsberatung und der
Ausstieg aus der staatlich geförderten Beratung, die durch einen
Beratungsschein bestätigt wird, hatte in der Öffentlichkeit
den Eindruck erweckt, daß sich die katholische Kirche aus der Beratung
ganz zurückzieht. Eine Werbekampagne mit Anzeigen und Fernsehspots
im Januar 2001 erregte heftige Diskussionen. Konzipiert und umgesetzt
wurde die Kampagne durch die Agentur Kothes&Kleves, Düsseldorf.
Anknüpfungspunkt für die Diskussion war die Darstellung einer
nackten Frau in Embryohaltung. Offensichtlich wurden in der Diskussion
um diese Kampagne Konflikte und Enttäuschungen mit der Kirche ausgetragen.
Die Kampagne hatte den unbestreitbaren Erfolg, daß in den Medien
über sie berichtet und damit die Wirkung der Werbung verstärkt
wurde. Das Forum kam einhellig zu der Einschätzung, daß die
Bildgestaltung nicht erotisch ist, sondern ausgesprochen gelungen und
die Zielgruppe der jüngeren Frauen angesprochen hat.
Die Redeform
der Bestreitung wählte die Caritas 1997 mit ihrem Jahresthema Armut.
Grundsätzlich stellt sich der Öffentlichkeitsarbeit des Caritasverbandes
die Aufgabe, die Tätigkeitsfelder zu erklären. Denn trotz hoher
Bekanntheit in der Bevölkerung wissen viele Menschen nicht, was die
Caritas konkret tut. Die Agentur Sales Maschine arbeitet seit Jahren für
die Caritas. Der Slogan "In Deutschland gibt es Armut" wurde
damals als Provokation empfunden. Im Jahr 2001 ist es kein Tabubruch mehr,
über Armut zu reden. Dies ist ein Erfolg der Kampagne, die auch dadurch
verstärkt wurde, daß viele Medien über die Diskussion
berichteten. Das Thema für 2001 ist "Einsamkeit", das sich
nicht provokativ vermitteln läßt.

Als provokativ
und pfiffig wurden die Motive und Slogans der Essener BJS-Agentur für
Priesternachwuchs eingeschätzt. Sie löste u.a. mit dem Slogan
"Wir brauchen nicht fromme Jungs, wir brauchen Priester" die
Frage aus: Müssen Priester nicht mehr fromm sein? Eine Diskussion
über das, was fromm heißt, kann der Kirche nur nutzen. Solche
Fragen muß kirchliche Öffentlichkeitsarbeit auslösen.
Provokation erscheint als ein notwendiges Mittel, um Aussagen zuzuspitzen,
um Aufmerksamkeit zu erzielen. Öffentlichkeitsarbeit darf nicht nur
"brav" sein, so die Meinungsbildung im Verlauf des Forums.
Spendenwerbung funktioniert allerdings besser in einem warmen, sympathischen
Umfeld. Die Misereor - Kampagnen der letzten Jahre wurden von der Agentur
Bergmoser und Höller betreut. Wie bei der Versicherungswerbung ist
man von den Bildmotiven, die Menschen in Notsituationen zeigen, abgekommen
und zeigt vielmehr das Ergebnis der Hilfe.
Schlußfolgerungen
Kirchliche Öffentlichkeitsarbeit braucht ein Fachforum, das
kompetent urteilt und zur Meinungsbildung beiträgt. Viel zu oft werden
gute Konzepte und Kampagnen zerredet, sie haben nicht die Unterstützung,
die sie brauchen, damit sich die investierten Stunden und Finanzen lohnen.
Ein sprechendes Beispiel ist die Kampagne für Priesternachwuchs,
die überzeugt, aber innerhalb der Bistümer nicht die Unterstützung
erhielt, um durchschlagend zu wirken. Eine Präsenz der Kirche in
der Öffentlichkeit sollte nicht mehr durch innerkirchliche Streitpunkte
und noch weniger durch Skandale gesucht werden. Sie braucht die Kooperation
aller Diözesen und Verbände, um statt der bisherigen Negativberichterstattung
positive Synergien zu erzielen. Eine Versicherung hat nur dann eine Chance,
wenn sie nicht mit ihren regionalen Gliederungen auftritt, sondern wenn
sie bundesweit erkennbar wird. Für die katholische Kirche gelten
keine anderen Gesetze.
Die Auseinandersetzung mit Trends der Werbung ist unumgänglich, denn
die Kirche hat das Monopol auf religiöse Symbole verloren.
Eine Frage muß für die kirchliche Öffentlichkeitsarbeit
geklärt werden: Während die kommerzielle Werbung sich aus dem
Fundus der religiösen Symbole bedient, verzichten die vorgestellten
Kampagnen auf religiöse Symbolik. Sollte die Kirche nicht durch eigene
Werbekampagnen die enteigneten Symbole zurückgewinnen oder zumindest
für sich reklamieren? Oder soll kirchliche Öffentlichkeitsarbeit
bei der Lebenswelt der Menschen ansetzen? Prof. Höhn hat einen wichtigen
Hinweis gegeben: "Religion kann nicht mit Religion für sich
werben". Ist die Schlußfolgerung richtig: Wenn Versicherungen
nicht mehr mit Versicherungsfällen überzeugend werben können,
soll dann eine Kirche mit nicht -religiös besetzten Bildern aus sich
aufmerksam machen, so wie die Versicherung religiöse Bilder gebraucht?
Die Frage ist offen, ihre Beantwortung bestimmt den Kurs kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit.
Dr. Eckhard
Bieger S.J. e.bieger@gmx.de,Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für
non-profit-marketing; mit dem Katholisch-Sozialen Institut und dem Presseamt
des Erzbistums Veranstalter des Forums.
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