Wie und warum Priester werden?
Über Ausbildung, Leben und Meinungen von Priesteramtkandidaten

 
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Marc-Stephan Giese
* 1978,
z.Z. Freisemester 
in Bolivien

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Freisemester II
 
Ein überfüllter Bus. Acht Stunden Fahrt zwischen Cholitas, die ihre Kinder in bunten Tüchern auf dem Rücken tragen, zwischen Verkäufern, die ihre gebratenen Hühnchen anpreisen, und zwischen lebenden Hühnern, die einem auch schon mal über den Schoss klettern können. Ich versuche von Cochabamba nach Santa Cruz zu kommen, 300 Kilometer...

Das Leben in einer anderen Kultur kann auch Teil der Ausbildung zum Priester sein. Der Priesteramtskandidat kann seine Freisemester auch im Ausland verbringen - meine Entscheidung nach Bolivien zu gehen, scheint mir nicht die dümmste zu sein.

Die vielen unterschiedlichen grossen und kleinen Probleme des alltäglichen Lebens verlangen auch ihre Aufmerksamkeit. Von der ungewohnten Denkweise bis zum Waschen der Wäsche mit der Hand - alles ist anders als im Seminar. Man wird aus seinen bisherigen Lebensgewohnheiten heraus gerissen - gerade und besonders, wenn man am Anfang seiner Zeit die Sprache noch nicht vollständig beherrscht

So kann ein Aufenthalt in einer anderen Kultur fast exerzitienhafte Züge annehmen..

Dieser sogenannte Kulturschock verhilft einem dabei, sein bisheriges Leben aus einem ganz anderen Blickwinkel zu sehen. Wie habe ich bisher mein Leben gelebt? Was ist mir wichtig, was ist wirklich wichtig?

Dabei muss man sich die Frage nach der eigenen Berufung neu stellen und beantworten. So werde ich hier mit den Forderungen der evangelischen Räte konfrontiert: Angesichts der Armut, des Umgangs mit der Sexualität und der gesellschaftlichen Strukturen in Bolivien kann ich nicht so weiterleben wie zuvor.

Es kann natürlich sein, dass dabei das Studium ein wenig ins Hintertreffen gerät. Aber die anderen Erfahrungen, die dabei gemacht werden können, wiegen die eventuellen Rückstände im Studium wieder auf.