Haben die Anschläge in den USA etwas mit Religion zu tun?
Sie werden auf jeden Fall so verstanden. Im unmittelbaren Schrecken wenden sich die Menschen an Gott mit der Frage: Warum? Wie können Menschen, Geschöpfe des himmlischen Vaters, so etwas ausdenken und dann noch tun? Mußten wirklich Tausende sterben?
Die Piloten und ihre Helfer als religiöse Märtyrer
So verstehen es Teile des Islam. Die Piloten sind wohl mit dem sicheren Gedanken in den Tod gerast, daß sie unmittelbar ins Paradies gelangen, dem Propheten ganz nahe sein werden. Sie konnten sich der Bewunderung eines Teils der Muslime sicher sein. Und daß sie nicht nur die Passagiere der vier Flugzeuge, sondern Tausende in den Hochhäusern und im Regierungsgebäude den Tod bringen würden, das hat sie nicht bewegt. Der Westen wurde zum Feind des Islam erklärt, der durch seine als dekadent bezeichnete Lebensart die Religion und die ganze muslimische Kultur zerstört. Die Anschläge als Verteidigung ein religiös geprägten Kultur - was ist die Antwort des Westens?
Die Symbole des Kapitalismus und seines Machtzentrums
Die vier Maschinen wurden nicht so gelenkt, daß Menschen das Ziel waren. Dann hätten die Angreifer die Flugzeuge z.B. in eine voll besetzte Stadion lenken können. Es sollte gezeigt werden, daß die Zentren der kapitalistischen Welt verwundbar sind, das Welt-Handels-Zentrum und die Regierungsgebäude, in denen die militärische Macht konzentriert sind. Nicht Kriegsschiffe oder militärische Stützpunkte, sondern die Kommandozentralen wurden von religiös motivierten Menschen, von Frommen zum Ziel der Zerstörung gewählt. Hier wird der Gegner lokalisiert, den die muslimische Welt als bedrohlich erlebt.
Der Kampf zwischen Gut und Böse
Der amerikanische Präsident als Repräsentant eines tief verwundeten Volkes ruft zum Kampf gegen das Böse auf. Die Amerikaner und wohl die meisten anderen reagieren auf den Tod der Vielen, die nicht in einem Krieg umkamen, sondern ohne Vorwarnung aus ihrem normalen Alltag gerissen wurden. Die Auftraggeber der Attentate haben bisher kein Wort des Bedauerns gesprochen. Sie wollen offensichtlich die Angst derer, die in Hochhäusern arbeiten, daß sich ein Gefühl der ständigen Unsicherheit verbreitet. Zumindest jetzt ist die Frage notwendig: Was ist im Namen einer Religion geboten? Kann man soviel Menschenleben in Kauf nehmen?
Die Staatsreligionen des 20. Jahrhunderts
Vorgemacht haben es die Diktaturen des letzten Jahrhunderts. Um die Idee einer neuen menschlichen Gesellschaft oder das Glück und die Herrschaft der eigenen Nation zu schaffen, wurde Kriege geführt, die Millionen Menschen das Leben kosteten. Für kommunistische Diktaturen war es keine Frage, das ganze Klassen ausgelöscht oder in den Gulag geschickt werden konnten, um dadurch eine gerechte Gesellschaft zu schaffen. Die Moderne, die einmal die Menschenrechte proklamiert hatte, konnte mit ihrer "Vernunftreligion" die Menschenverachtung ihrer Diktaturen nicht verhindern. Sollte es aber nicht die Religion können, die ihre Werte nicht allein der Verantwortung der Menschen überantwortet, sondern sie in einer übernatürlichen Autorität verankert?
Verdammung
Am Freitag, den 14.9., drei Tage nach den Attentaten, ist auf der Titelseite der Bildzeitung zu lesen: "Terror-Bestie, wir wünschen dir ewige Hölle!" Die Gewißheit des gläubigen Muslim, durch seinen Tod als Märtyrer direkt in den Himmel zu kommen, wird in einen Fluch umgewandelt. Die meist gelesene Zeitung, die Akademiker wie Fließbandarbeiter in gleicher Weise täglich anspricht, stellt die Christen in diesem Land vor die Frage: Wie kommt man in den Himmel? Kann man sich wie die Attentäter gänzlich täuschen, daß ihr Lebensopfer von Gott gar nicht gewollt ist, ja sogar mit der härtesten Strafe beantwortet wird?
Was ist Gott wohlgefällig und führt näher in seine Gegenwart?
Wer sein Leben opfert, muß ernst genommen werden. Das im Sinne ihres Islamverständnisses notwendige Martyrium kann religiös nicht hingenommen werden. Es genügt auch nicht, darauf eine militärische Antwort zu geben, noch reicht es, die Geheimdienste neu zu orientieren und die Sicherheit der Flugverkehrs wesentlich zu erhöhen. Die religiöse Auseinandersetzung muß mit diesen Gläubigen über Gott geführt werden. Die Religion, die in unseren Breiten langsam zu versiegen droht, ist mit dem Terror nicht auf die Titelblätter der Zeitungen zurückgekehrt, sie bringt Angst und Schrecken. Wenn die Phase der Trauer vorbei ist, muß die religiöse Anstrengung folgen, nicht zuletzt, weil die islamischen Gotteskämpfer Jahre in unserer Nachbarschaft gelebt haben. Der dialog muß gesucht werden und die Auseinandersetzung darüber, was wirklich "Gott wohlgefällig" ist.Eckhard Bieger S.J.