Thesen zur Diskussion:
Jürgen_Kuhlmann
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Thesen zu Arbeit und Arbeitslosigkeit

 

  1. Nicht selten organisieren ganze Gesellschaften sich so falsch, daß einem großen Teil ihrer Mitglieder notwendig Unrecht geschieht, von dem ein anderer Teil profitiert.
  2. Im Spätmittelalter hatte man solche Angst vor den höllischen Strafen, daß viele auf die Ablaßwerbung hereinfielen und das Lotterleben am päpstlichen Hof finanzierten, während um sie her Elend herrschte. »Ohn' Ablaß von Rom kann man wohl selig werden«, erst Luthers Brandschrift öffnete ihnen die Augen, der Wahn klang ab. Länger noch war man überzeugt: Es gibt Hexen, die viel Schlimmes bewirken; dieses Übel gehört mitleidlos ausgerottet. Hunderttausende wurden legal korrekt gefoltert und zu Tode gequält, nach ihrem Eigentum griffen andere. Nur langsam setzte die Einsicht sich durch, daß es Hexerei gar nicht gibt.

     

  3. Kein vernünftiger Grund spricht dafür, daß unsere Gesellschaft vor ähnlicher Gefahr sicher ist.
  4. Weder sind wir klüger als jene Menschen noch schützt der wissenschaftlich- technische Fortschritt vor Wahngedanken, das beweisen die mörderischen Verrücktheiten dieses blutigen Jahrhunderts.

    Seine beiden Hauptverbrechen sind an ihren prinzipiellen Einseitigkeiten zugrunde gegangen. Die Nazis wollten Herren sein und negierten im Prinzip die Menschenwürde aller anderen; die Kommunisten erstrebten im Prinzip die Gleichheit aller Knechte, Herr sollte keiner sein. Beide Ideen mußten scheitern; denn die Polarität von Herrschaft (die aber nicht für sich sondern für das Ganze sorgen soll) und gleicher Würde aller (die aber Gehorsam nicht ausschließt) gilt unaufhebbar [weil sie - Hinweis für Christen - trinitarisch begründet ist]. Das derzeit sich einspielende System scheint nicht die Wahrheiten beider Verirrungen, sondern ihre Lügen zu kombinieren: Mit den Kommunisten drängt es vernünftige Herrschaft zurück, redet bloß von »Sachzwängen«; wie die Nazis gestattet es den Siegern, die Menschenwürde der Verlierer lässig zu mißachten. Wehren wir uns, solange er noch klein ist, gegen diesen Kraken!

     

  5. Ein großer Teil der Arbeitslosen und derer, die um ihren Arbeitsplatz Angst haben, sind Opfer eines Denkfehlers, der unsere Gesellschaft im Griff hat.
  6. Gewiß ist meine Situation mit dem Schicksal eines Friedrich von Spee, der zahllose Hexen auf ihrem Weg zum Scheiterhaufen begleitet hat, nicht vergleichbar. Wir sind ein reiches Volk, niemand wird amtlich verbrannt, unsere Arbeitslosen leben materiell besser als Milliarden schuftender Erwachsener und Kinder in den Ländern der Armut. Und doch erlebe ich, seit zwanzig Jahren Berufsberater, Tag für Tag eine unnötige Not, die zu ohnmächtigem Zorn gegen das herrschende Übel aufruft, ähnlich wie ihn damals die Entlarver des Ablaß-Unwesens und später die Überwinder der Hexenverfolgung empfunden haben mögen. (Vermutlich hält mancher eine solche Parallele ihrerseits für wahnhaft absurd; er dächte anders, könnte er die Stimmung junger Leute im Beratungs- und Klassenzimmer mitfühlen.) Menschen leiden, fürchten sich, sind geduckt, mutlos - und alles nur deshalb, weil aus bestimmten Realitäten hochoffiziell fehlgeschlossen wird, eine beträchtliche Arbeitslosigkeit sei derzeit unvermeidlich.

     

  7. So nutzlos ein Ablaß, so ungefährlich Hexenzauber ist, so wenig müssen, damit die Wirtschaft vernünftig funktioniert, viele Menschen arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht sein.
  8. Folgendes stimmt allerdings:

    1. Fünf Leute an eine Maschine zu stellen, mit der einer zurechtkäme, diese kommunistische Lösung taugt nichts.

    2. Auf Computer zu verzichten, um Arbeitsplätze zu erhalten, wäre ebenso falsch. Arbeit ist dadurch definiert, daß sie für ihr Ergebnis notwendig ist. Massenhaft Bankbelege einzutippen war ehedem sinnvolle Arbeit; heute wüßte jeder damit Beauftragte, daß ein Lesegerät dasselbe schneller, genauer und billiger machen würde: Seine Arbeit wäre innerlich entwertet. Umfragen lehren zwar: Fast jede Arbeit ist besser als keine - richtig, aber jene Frauen, die von KZ-Schergen dazu gepeitscht wurden, einen Sandhaufen woanders hin zu schippen und dann wieder zurück, sie haben nicht gearbeitet, sie wurden teuflisch gequält.

    3. Sich gegen die Globalisierung, d.h. den Export von Arbeitsplätzen zu wehren verspricht weder Erfolg noch ist es ethisch verlangt. Warum sollen bisher Ärmere nicht auch ihre Chance bekommen? Wo steht geschrieben, daß Deutschland stets ganz oben sein muß?

    4. Schließlich muß es einige Arbeitslose geben, um die Arbeitenden zu disziplinieren: Wo gar niemand entlassen werden darf, reißt Schlendrian ein, auch jene Arroganz den Kunden gegenüber, die man aus sozialistischen Restaurants kennt. Furcht vor den Folgen von Rücksichtslosigkeit hält die Arbeitswelt gesund.

    All diese Gründe beweisen aber nicht die Vernunft dessen, was unser System derzeit praktiziert: die Arbeitslosigkeit vieler Tüchtiger und Leistungswilliger sowie die bohrende Angst einer halben Generation vor demselben Schicksal.

     

  9. Durch Arbeit zum allgemeinen Wohl beizutragen und dafür anerkannt zu werden, gehört zu der Menschenwürde, die unantastbar und vom Staat zu schützen ist.
  10. In der Antike mußten Sklaven und Unterschicht sich abplagen, während die Vornehmen ihrer Muße lebten, so stellt man es sich vor. An diesem Bild sind Zweifel erlaubt. Jede(r) Leitende weiß, daß Organisieren, Koordinieren, Motivieren träger Untergebener gleichfalls Arbeit ist. Drohnen waren vermutlich auch damals nicht groß angesehen. In der Knappheitswelt setzt die Freude paradiesischer Urlaubs- und Feiertage voraus, daß sie durch Arbeit verdient worden ist.

     

  11. Daß Maschinen uns Menschen mehr und mehr Arbeit abnehmen, gehört bejaht. Soll die verbleibende Arbeit allen Willigen zuteil werden, ist die Lebensarbeitszeit (ohne Lohnausgleich) zu verkürzen, am sinnvollsten in der Form längerer Urlaube.
  12. Denkt man die beträchtliche Verkürzung der durchschnittlichen Lebensarbeitszeit (Arbeitslose mitgerechnet!) in den vergangenen Jahrzehnten zusammen mit dem - dank immer tüchtigeren Computern - stürmisch wachsenden Automatisierungsgrad, so scheint eine Folgerung unabweisbar: Um die notwendige Arbeit zu tun, würden bei gleicher Arbeitszeit stets weniger Menschen gebraucht. Deshalb wird bereits eine Zunahme der Arbeitslosigkeit um weitere Millionen vorausgesagt. Da es so nicht kommen darf, muß die bezahlte Arbeitszeit der Einzelnen weiter verkürzt werden.

     

  13. Bei der Neuverteilung von Arbeit und Einkommen können nicht alle Besitzstände geschont werden.
  14. Kommt unerwartet, während die Großfamilie sich vor die Tortenteller setzt, eine Schwester mit ihren zwei hungrigen Bälgern zur Tür herein, was geschieht? Senkt man den Blick und mampft weiter? Nein. Man rückt zusammen, stellt noch drei Teller hin und verteilt den Kuchen neu. Arbeiten ist mehr als Naschen. Zum Beispiel ist nicht einzusehen: daß der eine Lehrer nach sechs Unterrichtsstunden am Japsen ist und die andere Lehrerin nie vor eine Klasse darf; daß die eine Ärztin zum Erschrecken ihrer letzten Patienten Dutzende von Stunden im Dauereinsatz sein muß, während ihrem Kollegen die Stunden leer sind; daß der eine Ingenieur seine Kinder kaum mehr sieht und der andere an der Familie seine Wut doch nicht los wird.

     

  15. Die Bereitschaft des Volkes, vernünftige Maßnahmen mitzutragen, ist groß.
  16. Wann wird man an den ovalen und runden Tischen oben auf die Weisheit der Stammtische unten achten? »Hast du gehört? Jetzt wollen sie mit scharfen Kontrollen die Krankschreibung erschweren. Wer noch arbeitet, soll es auch mit 38° Fieber müssen, die anderen dürfen gar nicht. Ziemlich verrückt das Ganze.«

     

  17. Der Misere ist deshalb so schwer beizukommen, weil die Verantwortung auf mehrere Systeme so verteilt ist, daß jedes den entscheidenden Hebel nicht im Griff hat, scheinbar nur die eigene Ohnmacht beklagen kann.
  18. Die Arbeitsproblematik gehört zu den Themen, »die keines der Funktionssysteme, weder die Politik noch die Wirtschaft, weder die Religion noch das Erziehungswesen, weder die Wissenschaft noch das Recht, als eigene erkennen würde« [N. Luhmann in seinem Buch "Protest"]. Der Politiker vermutet wirtschaftliche Sachzwänge, der Manager (solange der Rahmen nicht umgestaltet ist) erfährt sie, die Bundesanstalt für Arbeit hat den gesetzlichen Auftrag zum Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, die zu ihm nötigen Waffen jedoch nicht einmal im eigenen Hause, wo (aktueller Fall) eine tüchtige Kraft bei Ebbe im Personalhaushalt heimgeschickt und aus der Arbeitslosenkasse unterstützt wird. Sie zu fragen, ob sie fürs selbe Geld nicht lieber teilzeitarbeiten möchte, ist nicht gestattet.
    Anders geht es nicht? Doch: wenn die Vernunft aller Verantwortlichen, d.h. die gemeinsame Mitte der - je bloß verständigen - Systeme kreativ eine sinnvolle Neuordnung unseres Zusammenarbeitens stiftet. Mag dies (schätzt ein US-Ökonom) eine ähnlich ungeheure Aufgabe sein wie die Mondlandung - dorthin haben wir es geschafft.

     

  19. Auf den öffentlichen Dienst können die Gemeinwohl-Instanzen Parlament, Regierung und Gewerkschaften unmittelbar einwirken, deshalb soll hier das alle ermunternde Signal zum Teilen bald gegeben werden.
  20. Mit einer Verringerung von Arbeitszeit und Bruttogehalt um fünf bis sieben Prozent mindestens für den höheren und gehobenen Dienst ließe sich schon ein guter Teil der Lehrer-, Juristen-, Ärzteschwemme absaugen. Zunächst ist das Freiwilligkeitspotential auszuschöpfen. Als in einer Behörde das Neun-Zehntel-Modell eingeführt wurde, war die Mehrheit über den zusätzlichen Urlaubsmonat hell begeistert!

    Doch ist es den Dienern am Gemeinwohl zumutbar, sich solidarisches Teilen auch verordnen zu lassen. Mag der verfressene Knabe auch maulen, muß er seinem Cousin dennoch ein Stückchen von seiner Torte abgeben, hat es hinterher sogar gern getan! Ein Klinikarzt, der von neun Monaten voll mit schwierigsten Operationen gut leben könnte - warum soll er mit sechs Urlaubswochen zufrieden sein? Warum nicht lieber - um der Gerechtigkeit und so des eigenen Seelenfriedens willen - einen Kollegen mit ans Messer lassen und selbst - wenn er wirklich seinen Beruf liebt - für Gotteslohn im Busch Dienst tun? Oder er stellt sich dem globalen Wettbewerb und arbeitet - freiberuflich, ohne Planstelle - als Gastchirurg in Singapur oder einer Privatklinik hier. Mag er seinen Nutzen maximieren so gut er kann, das Volk will dasselbe. Und des Volkes Nutzen verlangt: Arbeit für alle.

    Darum soll der öffentliche Dienst nur die Trommel ins Ohr der öffentlichen Meinung sein. Wie wäre es mit einer Regierungs- und Pressekampagne, die alle Betriebsleiter und Personalverantwortlichen im Namen des Volkes aufruft, die Phantasie ihrer Hirne und die Schlauheit ihrer Programmierer in dieser Richtung anzustrengen, statt weiter stur den (für sie) bequemen Weg zu trotten, obwohl er die Gemüter bedrückt, die Stimmung des Ganzen verfinstert und viele Mitarbeiter überfordert? Managern, die nicht nur gierig, sondern tüchtig sind, ist klar genug, wie wichtig für den Geschäftserfolg sozialer Friede und wohlverteilter Reichtum sind - »Autos kaufen keine Autos« (Henry Ford).

     

  21. Solange die Verantwortlichen die Zügel weiter schleifen lassen, ist für die Betroffenen eines lebenswichtig: daß sie sich an der Krankheit des Systems nicht ihr Selbstgefühl anstecken.
  22. »In dieser Gesellschaft definiert man sich durch Arbeit,« meinte neulich bitter eine junge Mutter. »Und ich, was bin ich? Ein Nichts.« Zum Glück ist das nur die Realität, nicht die Wirklichkeit. Wer als Schüler keine Lehrstelle findet, als Lehrling nicht übernommen, als Absolvent nicht eingestellt, als Fachkraft entlassen wird, sie oder er mache es nicht wie jener Unglückliche, der täglich mit seiner Aktentasche morgens fortgeht und abends wiederkommt, damit nur ja die Nachbarn nichts merken. Nein: Man bilde sich weiter, wecke Tarifparteien, Politiker und andere Einflußreiche auf, suche nützliche Aufgaben.

    Vor allem unterscheide man klar zwei Daseinsgrößen: Wovon man lebt und wofür man lebt. Beides kann, muß aber nicht auf derselben Linie liegen. Bei Arbeitslosen stehen beide Größen aufeinander senkrecht, haben miteinander nichts zu tun. Das ist schwerer zu leben als der Normalfall, aber nicht unmöglich. Und es hat seine Chance. Wo Menschen die Oberflächenidentität des bürgerlichen Gehäuses zerstört worden ist, da wissen sie schärfer als andere, was sie nicht sind, und haben Anlaß, nach dem zu fragen, wozu sie sind. Antworten finden sich in den Traditionen der Menschheit mancherlei; »essen um arbeiten zu können und arbeiten um essen zu können«, diese Auskunft ist eine der schlechtesten. Arbeitslosigkeit, das ist eine Wüste. Niemanden darf die Gemeinschaft dorthin verbannen. Wer aber in ihr erwacht, soll seine Aufgabe kennen. Warten deine Freunde auf das, was du ihnen aus der Wüste mitbringen wirst?

 

Januar 1997, Jürgen Kuhlmann, Nürnberg

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