9. Ökonomische Implikationen der Pilgerfahrt
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Der Pilgerstraße kommt eine nicht zu unterschätzende 
Bedeutung für die ökonomische Entwicklung Spaniens und 
seinen Anschluß an Westeuropa zu. Das 11. und das 12. 
Jahrhundert sind von einschneidenden Veränderungen 
gekennzeichnet. Im monastischen Bereich wird die 
cluniazensische Reform eingeführt, wichtige Klöster 
gliedern sich in den Verband von Cluny ein. Der 
hispanische Ritus in der Liturgie wird durch den 
römischen abgelöst, ebenso die westgotische Schrift 
durch die französische. Insgesamt ist eine deutliche 
kulturelle Orientierung nach Westeuropa hin 
festzustellen. Viele Westeuropäer siedeln sich in 
Nordspanien an. Dies wird gefördert durch die 
kommerzielle Entwicklung im Zusammenhang mit der 
Pilgerfahrt. Der Pilgerweg wird zur großen Handelsstraße 
Nordspaniens. Gleichzeitig ist in Europa ein großer 
Bevölkerungszuwachs und eine wachsende Mobilität in 
allen Schichten zu verzeichnen. Im Zusammenhang mit der 
Reconquista kommt es zur Wiederbesiedelung befreiter 
Gebiete. Pilgerfahrt, Handel, Reconquista und 
Wiederbesiedelung kennzeichnen so das unruhige 11./12. 
Jahrhundert im christlichen Westen.

Handel und Gewerbe blühen entlang dem Pilgerweg auf. 
Straßen und Brücken werden in großer Zahl gebaut. Die 
Könige fördern mit Privilegien die Ansiedlung von 
Ausländern. Viele Städte mit hohem Ausländeranteil 
entstehen, oft mit eigenen Ausländervierteln, den 
"barrios francos", so in Jaca, Estella, Puente la Reina, 
Pamplona, Monreal, Nájera, Burgos etc. Dort entstehen 
wichtige Märkte, die zu kommerziellen Zentren werden. 
Die Bezeichnung der Ausländer als "francos" meint nicht 
nur Franzosen, die gleichwohl einen hohen Anteil 
stellen; darunter fallen ebenso Lombarden, Deutsche, 
Engländer, Flamen, Katalanen, Provencalen, Normannen, 
Burgunder etc. Im Gegensatz zu der einheimischen 
Bevölkerung, die ihr Auskommen vor allem im Heer und in 
der Landwirtschaft findet, sind die Neubürger Händler 
und Gewerbetreibende.

Vor dem Hintergrund des Niedergangs des Kalifats von 
Córdoba und entscheidend gefördert durch die Öffnung 
nach Europa mittels der Pilgerfahrt vollzieht sich im 
Hochmittelalter die ökonomische Transformation Spaniens 
von einer armen Agrarkultur hin zum aktiven Handel mit 
Europa. Bedingt durch die Kreuzzüge und die Pilger 
ergeben sich enge Handelsbeziehungen zwischen den 
spanischen Höfen und Flandern; das Siegel der spanischen 
Kaufleute in Brügge wird später das Bild des Jakobus 
zeigen. Am Pilgerweg profitieren die Klöster von der 
Pilgerfahrt: "Denn wenn man auch die Armen nur aus Liebe 
zu Christus versorgen mußte, fehlten doch nicht reiche 
Reisende und Pilger, die generös für die Gastlichkeit 
zahlten." So mancher verband auch die Pilgerfahrt mit 
einer Handelsreise. 

Santiago de Compostela selbst wurde zu einem bedeutenden 
Warenumschlagplatz mit eigener Flotte zum Schutz seiner 
Handelsinteressen. Gehandelt wurden vor allem 
Pilgermuscheln (Die Jakobsmuschel wurde von lizenzierten 
Devotionalienhändlern verkauft. Im 12. Jahrhundert gibt 
es über 100 lizenzierte Verkaufsstände; 1259 erläßt 
Papst Alexander IV ein Dekret, das den Verkauf dieser 
Muschel außerhalb Santiagos untersagt.), Wein, Schuhe, 
Lederbeutel, Riemen, Gürtel und medizinische Kräuter. Da 
Pilger aus aller Herren Länder zusammenströmten, kam den 
vielen Bankiers und Geldwechslern eine wichtige Aufgabe 
zu. Die Stadt schmückte sich mit einer großen und 
glanzvollen Kathedrale, die durch die Schenkungen und 
Gaben der Pilger finanziert wurde. So erzählt eine 
Wundergeschichte, daß während eines Seesturms einige 
Schiffspassagiere eine Pilgerfahrt nach Santiago 
gelobten, andere eine Geldspende. Nach erfolgter Rettung 
durch den hl.Jakobus wurde dann ein Mitreisender 
bestimmt, der nach Santiago pilgerte und das Geld am 
Schrein des Apostels ablieferte.

Zwischen der Pilgerfahrt und dem ökonomischen Aufschwung 
bestand eine Wechselwirkung. Ohne größere Pilgermassen 
drohte ein Rückgang von Handel und Pilgergewerbe. 
Umgekehrt war ohne zunehmenden Handel und Gewerbe keine 
materielle Bewältigung der Pilgerbedürfnisse möglich und 
drohte Stagnation oder sogar Rückgang der 
Pilgerbewegung.