8. Aufnahme und Versorgung der Pilger
-------------------------------------

Ein solcher "Massentourismus" bedurfte einer eigenen 
Infrastruktur. Die alte abendländisch-christliche 
Tradition der Gastlichkeit sah sich neuen 
Herausforderungen und entsprechenden Transformationen 
ausgesetzt.

Die Gastfreundschaft für Fremde und Pilger hat biblische 
Wurzeln. Immer wieder wird die Ermahnung aus Hebr 13,2 
zitiert: "Vergeßt die Gastfreundschaft nicht; denn durch 
sie haben einige, ohne es zu merken, Engel beherbergt." 
Die Benediktsregel ordnet im 53. Kapitel unter Verweis 
auf Mt 25,35 an: "Alle Gäste, die zum Kloster kommen, 
werden wie Christus aufgenommen; denn er wird einst 
sprechen: Ich war fremd, und ihr habt mich beherbergt. 
Allen erweise man die ihnen gebührende Ehre, besonders 
den Glaubensgenossen und den Pilgern."

Die ursprüngliche Form der Gastlichkeit ist die Aufnahme 
im Kloster. Die Zunahme der Pilgerzahlen und die 
allgemeine Mobilität im Hochmittelalter machten neue 
organisatorische Anstrengungen nötig. War bis zur Mitte 
des 11. Jahrhunderts die Beherbergung Sache der Klöster 
und nächtigten die Pilger oft auch in Kirchen bzw. deren 
Vorhallen, so zeigen sich um die Wende vom 10. zum 11. 
Jahrhundert erste Spuren einer neuen Gründungswelle von 
Hospitälern und Hospizen, die zumeist Klöstern 
zugeordnet sind. Für den Zeitraum von ca. 950 bis 1050 
liegen fünf Belege für solche Hospize vor: in Sahagún, 
Villa Vascones, Arconada, Nájera und St. Domingo de la 
Calzada, in denen der Pilger kostenlose Unterkunft fand. 
Danach nimmt die Zahl in ganz Europa signifikant zu. Die 
Gründungswelle entlang den Pilgerund Handelsstraßen nach 
Italien und Spanien breitete sich über ganz Europa aus 
und erfaßte im 13./14. Jahrhundert fast alle Städte und 
teilweise selbst Dörfer.

Bis ins 11. Jahrhundert war die Pilgerbeherbergung an 
den Straßen über die Pyrenäen nach Santiago de 
Compostela weitgehend Sache der wenigen 
Benediktinerklöster. Sie beherbergten die Pilger sowohl 
in den Klosterhospitälern als auch in weiteren an der 
Straße gelegenen Hospizen. Seit der Mitte des 11. 
Jahrhunderts nimmt die Zahl der Hospitäler zu. Neben die 
Klostereinrichtungen treten nun immer mehr selbständige, 
von Königen, Bischöfen, Adligen, reichen Leuten, 
geistlichen Ritterorden und Bruderschaften gestiftete 
Hospitäler. Die Paßhospitäler von Somport und 
Roncesvalles um 1100 und 1132 gegründet und von 
Augustinerchorherren betrieben waren zwei besonders 
wichtige Glieder einer ganzen Kette an den 
meistbegangenen Pyrenäenpässen. Seit dem 10. Jahrhundert 
entstanden an den Pilgerstraßen auch zahlreiche 
weltliche Kolonistensiedlungen, seit dem 11. Jahrhundert 
eigentliche Städte, die ebenfalls der Gastlichkeit 
dienten. Manche verfügten über Pilgerhospize wie Puente 
la Reina und Estella. So entwickelte sich hier bis gegen 
1200 ein ganzes Beherbergungssystem für die Jakobspilger 
mit 100 bis 300 Hospizen. Angesichts der Dichte der 
Hospitäler ist es denkbar, daß Pilger und andere 
Reisende nach jeder Tagesreise ein Hospiz oder Hospital 
für die Nacht aufsuchen konnten. Die Pilger konnten die 
Unterkünfte leicht ausfindig machen, auf dem Santiagoweg 
waren sie mit dem Pilgerzeichen, der Jakobsmuschel, 
gekennzeichnet. In den Paßund Berghospitälern läutete 
man zur Orientierung der Pilger mit einer Glocke. In San 
Salvador gab es eigens einen Eremiten, der den Pilgern 
für das letzte anstrengende Wegstück nach Roncesvalles 
eine Erfrischung reichte. In der regnerischen, 
unwirtlichen Landschaft um Foncebadón errichtete man 
Wachttürme zur Wegweisung und bestellte Führer, die die 
Pilger zu geleiten hatten. 

Soweit die Betreuer im Hospital ausreichten, wurden den 
Ankömmlingen die Hände und Füße gewaschen von alters her 
Brauch zur Erholung nach langen Märschen und zugleich 
als ritueller Akt Erinnerung an die Fußwaschung im 
Abendmahlssaal. In Santiago selbst registrierte man 
Namen, Herkunft und mitgeführte Habe der kranken Pilger 
als Sicherung gegen Diebstahl und für den Fall des 
Todes. Der Aufenthalt gesunder Pilger durfte meist nur 
eine Nacht, höchstens aber drei Nächte dauern. Zur 
Kontrolle markierte man mit einer Einkerbung den 
Pilgerstab. In Städten mit mehreren Hospitälern gab es 
immer wieder Mißbrauch der Gastlichkeit. In Astorga 
wurden beispielsweise 1521 Aufseher angestellt, um die 
Pilger gleichmäßig auf die Häuser zu verteilen und zu 
verhindern, daß sie, von einer Unterkunft zur nächsten 
wechselnd, zu lange in der Stadt blieben. Betten und 
Bettwäsche waren meistens vorhanden. Sehr viele 
Hospitäler zählten nach dem Vorbild der zwölf Apostel 
zwölf Betten. Die Betten wurden in der Regel mit zwei 
oder mehr Gästen belegt. Gelegentlich gab es auch 
besondere Krankenräume. Herdfeuer und damit die 
Gelegenheit, die Kleider zu trocknen, sowie Licht wurden 
fast überall geboten. Aus dem 16. Jahrhundert datiert 
eine Bemerkung aus dem Hospital Real in Santiago über 
nach Geschlechtern getrennte Wärmeräume, "denn die 
Qualität derer, die ins Hospital kommen, ist sehr 
gefährlich"... Die in Roncesvalles rühmend erwähnte 
Möglichkeit , sich rasieren, die Haare waschen und die 
Sandalen flicken zu lassen, muß etwas Ungewöhnliches 
gewesen sein. Überhaupt war gutes Schuhwerk wichtig. Aus 
Astorga liegt eine Notiz aus dem 13. Jahrhundert darüber 
vor, daß die Schuhmacher für Arbeit an Feiertagen von 
Strafe befreit waren, wenn sie für Pilger arbeiteten. 
Fromme hinterließen in ihrem Testament häufig eine 
Schenkung für Pilgerschuhwerk. Wo in den Hospizen 
Verpflegung geboten wurde, bestand sie meist aus Brot, 
Wasser und Gemüse. In gut ausgestatteten Hospizen wie 
Roncesvalles kann auch Wein und etwas Fleisch auf den 
Tisch gekommen sein. Wo geistliche Hilfe zur Verfügung 
stand, unterstützte man die Gäste auch beim Abfassen des 
Testaments, sorgte für ein ordentliches Begräbnis und 
bewahrte hinterlassene Habe ordnungsgemäß auf. In 
Santiago de Compostela hatte schon 1128 der energische 
Erzbischof Diego Gelmírez einen eigenen Pilgerfriedhof 
einrichten lassen.

Neben diesen ursprünglich aus den Klöstern erwachsenen 
bzw. ihnen zugeordneten Hospitälern gab es aber auch 
gewerbsmäßige Herbergen. Aus Gastfreundschaft und 
unentgeltlicher Gastlichkeit entstand seit dem 11./12. 
Jahrhundert die gewerbliche Gastlichkeit gegen 
Bezahlung. Die Herbergen waren bald ein florierender 
Gewerbezweig am Santiagoweg. In den größeren Städten 
häufte sich ihre Zahl, bisweilen gab es eine eigene "Rua 
de los albergueros" (Straße der Gastwirte). Allerdings 
zogen sie auch Kritik auf sich. Besonders der "Liber 
Sancti Jacobi" bzw. "Codex Calixtinus" aus der ersten 
Hälfte des 12. Jahrhunderts spart in seiner Predigt 
"Veneranda Dies" nicht mit Angriffen auf die seiner 
Meinung nach vor nichts zurückschreckende Gewinnsucht 
der Wirte:

Manche Wirte gehen den Pilgern vor die Städte entgegen, 
versprechen ihnen gute Unterkunft und geben ihnen dann 
eine schlechte. Sie verjagen die ersten Besucher, die 
schon bezahlt haben, wenn andere, besser zahlende Gäste 
erscheinen. Zum Probieren geben sie guten Wein, 
verkaufen dann aber schlechten Wein oder Most und 
verwenden falsche Maße. Als Schlaftrunk geben sie den 
besten Wein, um die Gäste zu berauschen und im Schlaf 
auszurauben. Oder sie vergiften gar die Gäste, um in den 
Besitz des Nachlasses zu gelangen. Sie verkaufen den 
Pilgern Fleisch und Fi sche, die schon vor drei Tagen 
gekocht wurden, und machen sie damit krank, oder sie 
geben ihnen das erste Essen gratis, verkaufen aber 
nachher die Opferkerzen zu teuer. Überhaupt verlangen 
sie für Wein, Fleisch, Mehl und Ker zen im Vergleich zum 
Markt zu hohe Preise. Sie betrügen die Gäste beim 
Geldwechseln und arbeiten mit Wechslern und 
Kirchenwächtern zusammen, um mit ihnen die an den 
Pilgern erzielten Wechselgewinne und Almosen zu teilen. 
Schließlich behalten sie das Geld von in der Herberge 
verstorbenen Pilgern, statt es als Almosen für Arme und 
Geistliche zu verwenden.

Der Strom der Pilger hatte aber nicht nur Auswirkungen 
auf die neue Form der Beherbergung. Zugleich verband er 
Westeuropa in ökonomischer Hinsicht. Die Pilgerstraße 
wird zur Handelsstraße.