7. Zum Rechtsschutz des Pilgers
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Die mittelalterliche Pilgerbewegung brachte vielfältige 
rechtsund sozialpolitische Veränderungen mit sich. Im 
vorwiegend personenund personenverbandsbezogenen Recht 
des Mittelalters war der Pilger als Fremder aus seinem 
heimischen Rechtsverband herausgelöst und bedurfte wie 
auch Scholaren und Kaufleute des besonderen kirchlichen 
Schutzes. Die kirchlichen Bemühungen um den Pilgerschutz 
sind alt, doch sie verdichten sich bezeichnenderweise ab 
der Jahrtausendwende. Es gibt enge Verbindungen zwischen 
der Gottesfriedensbewegung, der Treuga Dei, und dem 
Pilgerschutz. Unter Papst Nikolaus II formuliert eine 
römische Synode 1059 den Pilgerschutz als päpstliches 
Recht. Das erste Laterankonzil 1123 stellt bei Strafe 
der Exkommunikation Leib und Gut des Pilgers unter 
kirchlichen Schutz. Bereits um die Mitte des 12. 
Jahrhunderts gibt es auch im weltlichen Bereich ein 
geradezu international anerkanntes Pilgerrecht. Die 
Pilgerkleidung und die Pilgerabzeichen boten Schutz bis 
dahin, daß 1118 der tatkräftige Erzbischof von Santiago, 
Diego Gelmírez, zwei Gesandte mit 120 Pfund Gold als 
Pilger verkleidet nach Rom schickte. Die Pilger waren 
teilweise von Zöllen befreit, Steuern und Schulden 
konnten für die Zeit der Abwesenheit gestundet werden. 
Das spanische Recht dea 13. Jahrhunderts bekräftigt 
immer wieder den allgemeinen Pilgerschutz, bestätigt den 
Pilgern das Testamentsrecht und die einjährige 
Aufbewahrungspflicht für ihre Habe, falls sie unterwegs 
ohne Testament sterben, und droht betrügerischen 
Herbergswirten hohe Strafen für falsche Maße und 
betrügerisches Anlocken der Pilger an. Lokale 
Stadtrechte konkretisieren den Pilgerschutz weiter.

Die vielfältigen Bemühungen um Schutz und 
Rechtssicherheit machen jedoch umgekehrt auch deutlich, 
wie gefährdet der Pilger auf seinem Weg durch die Fremde 
war. Die Klage des berühmten Pilgerführers aus dem 12. 
Jahrhundert, des "Liber Sancti Jacobi" bzw. "Codex 
Calixtinus", über betrügerische Wirte, räuberische 
Kleriker, unehrliche Geldwechsler, ungerechte Zöllner, 
Straßenräuber und Wegelagerer kam nicht von ungefähr. 
Besondere Probleme warf die Beteiligung von Klerikern an 
der Pilgerfahrt auf. Sie bedurften einer besonderen 
kirchlichen Erlaubnis. Ohne eine Bescheinigung ihres 
Bischofs war es ihnen nicht gestattet, die Messe zu 
lesen und die Sakramente zu spenden. Auch hier führt der 
"Codex Calixtinus" ein bezeichnendes Beispiel an: Auf 
den Pilgerwegen nach Vézelay, Santiago, Rom und 
St.Gilles gäbe es falsche Priester in Menge, die Pilgern 
die Beichte abnähmen und ihnen dann als Buße 
auferlegten, beispielsweise dreißig Messen lesen zu 
lassen. Diese aber sollte der Pilger gegen 
entsprechendes Entgelt bei einem Priester bestellen, der 
wirklich keusch und arm lebe und kein Fleisch esse. Daß 
die bußfertigen Pilger dann dem angeblichen Beichtvater 
zahlten, da er sich als solchermaßen sittenreiner 
Priester anbot, und so von ihm geprellt wurden, braucht 
kaum eigens betont zu werden. 

Überblickt man die Rechtsbestimmungen zum Pilgerschutz, 
zeigt sich, daß die Pilger Privilegien, also Freiheiten 
im mittelalterlichen Sinne, erhalten haben. Diese 
Freiheiten werden ihnen ohne Ansehen des Standes 
gewährt, was angesichts der mittelalterlichen, pyramidal 
verfaßten Gesellschaftsordnung zu einem gewaltigen 
Ansteigen der Zahl der Pilger auf den Straßen Europas 
beitrug.