

6. Reconquista und Kreuzzugsbewegung
------------------------------------
Weitere wichtige Faktoren, die zum Aufschwung der
Santiago-Fahrt beitrugen, waren die Reconquista und die
Kreuzzugsbewegung. Ab der zweiten Hälfte des 11.
Jahrhunderts wird den Reconquistakämpfern der gleiche
Ablaß wie den Jerusalemfahrern zugesagt, bald rückt die
Reconquista in die Nähe der Kreuzzüge zur Befreiung des
Hl.Grabes.
Unter Reconquista versteht man die christliche
Rückeroberung der von den Mauren besetzten Iberischen
Halbinsel. Sie erfolgte grob skizziert in drei großen
Wellen ab 722. In einer ersten Welle bis ca. 1000
erstreckte sie sich bis zum Duero und der Spanischen
Mark. Die zweite Welle umfaßt die Eroberung von Coimbra
(1064), Toledo (1085), Saragossa (1118), Lissabon (1147)
und Tortosa (1148). In der dritten Welle wurden die
Balearen (1229), Valencia (1238), Córdoba (1236) und
Sevilla (1248) zurückerobert. Mit dem Fall Granadas
(1492) schließt die Reconquista. Von Anfang an spielten
religiöse Motive eine Rolle, die ab der Mitte des 11.
Jahrhunderts durch die Verschmelzung mit dem
Kreuzzugsgedanken neue Tragweite bekommen.
Zwei Momente sind für die Bezeichnung eines heiligen
Krieges als Kreuzzug konstitutiv: Die Anerkennung durch
die amtliche Kirche (Papst) und das Versprechen eines
Ablasses. Legt man beide Kriterien zugrunde, kommt
spätestens seit dem Ende des 11. Jahrhunderts der
Reconquista der Chara3ter eines Kreuzzuges zu. Sollten
mit den Kreuzzügen die Pilgerwege ins Hl.Land gesichert
und das vom Islam eroberte Hl.Grab in Jerusalem
zurückgewonnen werden, konnte mit der Reconquista
Spanien von der islamischen Besetzung befreit und
mögliche Vorstöße des Islam gegen den christlichen
Norden grundsätzlich unterbunden werden. Diese
Verbindung wurde kirchenamtlich hergestellt, als Papst
Urban II 1089 den Reconquistakämpfern den gleichen
Nachlaß der kirchlichen Bußstrafen gewährte, wie er mit
einer Jerusalemwallfahrt verbunden war. Weitere Päpste
erließen ähnliche Urkunden. Übrigens hatten auch die
Kreuzfahrer im engeren Sinn Beziehungen zum hl.Jakobus.
Seit dem zweiten Kreuzzug machten die auf dem Seeweg von
Nordeuropa ziehenden Kreuzfahrer fast ausnahmslos
Zwischenstation in Santiago de Compostela.
Bei der Reconquista galt Jakobus als der
Schlachtenhelfer, ikonographisch dargestellt als
"Matamoros" (Maurentöter). Im "Cantar del mio Cid", dem
spanischen Nationalepos, heißt es in Vers 730: "Die
Mauren rufen Mohammed, die Christen Santiago"(Los moros
llaman Mafómat e los cristianos Santi Yague). Noch im
16. Jahrhundert beflügelte dieser Schlachtruf die
Conquistadores der Neuen Welt. Ein Niederschlag dessen
sind beispielsweise die Städtenamen Santiago de Cuba,
Santiago de Chile etc.
Vor allem französische Ritter beteiligten sich an der
Reconquista. Sie erwiesen dem Schutzpatron ihre Reverenz
durch einen Besuch seines Grabes. Oft siedelten sie sich
auch in den wiedereroberten Gebieten an, ebenso in den
neu entstehenden Städten entlang dem Pilgerweg zum
galizischen Heiligtum.