

5. Das Pilgerwesen im Mittelalter
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Das Pilgerwesen gehört zu den bedeutendsten Phänomenen
der mittelalterlichen Religiosität. Ohne Unterschied von
Stand, Herkunft und Bildung ergriffen alle den
Pilgerstab: Arme und Reiche, Kleriker wie Bauern, Könige
ebenso wie Gelehrte, Männer, Frauen und Kinder. Wir
können davon ausgehen, daß fast jedermann im Hochund
Spätmittelalter, je nach Stand und Vermögen,
Abkömmlichkeit und Devotion, mindestens einmal in seinem
Leben eine Pilgerfahrt zu einem ferneren oder
nahegelegenen Heiligtum unternommen hat.
Ursprünglich meint "peregrinus" den Fremden, jenen, der
in der Fremde sein Heil sucht. In biblischer Tradition
gilt Abraham, der von seiner Heimat Ur in Chaldäa
fortzieht, als erster Pilger. Das ganze Leben des
Christen kann als Pilgerfahrt gedeutet werden der Christ
ist ausgeheimatet aus dieser Welt und unterwegs zu
seiner ewigen Heimat, die er auf dieser Erde nicht
findet. Die Pilgerfahrt wird zum Sinnbild des Lebens.
Wie der mittelalterliche Mensch nicht seinem bloßen
Vergnügen lebt, sondern eingebunden ist in die
Sinnstiftungen des kirchlich vermittelten Glaubens, so
reist er auch nicht ohne höhere Zweckbestimmung. Als
Pilger ist der Reisende nicht der moderne, Abwechslung
und Erholung suchende Tourist, sondern sucht das Heil,
das in der göttlichen Vergebung für irdische Sünde und
in der Rettung aus erfahrener Not besteht. Einmal am
Ziel seiner Pilgerfahrt angekommen, trifft er auf
Vergebung bzw. auf die Fürsprache und Gnadenvermittlung
eines Heiligen, auf Heilung eines körperlichen
Gebrechens, auf Rettung aus Not.
Pilgern war nicht das einzige sanktionierte Reisemotiv.
Daneben gab es die Missionsreise, die kriegerische
Verteidigung bzw. Ausbreitung des Glaubens (Kreuzzüge)
und den Fernhandel, der seit dem 11. und 12. Jahrhundert
zunehmend von den städtischen Patrizierfamilien
betrieben wurde. Das Pilgern unterschied sich von diesen
eher berufsbedingten Reisemotiven neben der besonderen
spirituellen Zielsetzung auch durch seine
Zugangsmöglichkeit für Angehörige aller Klassen und
Altersstufen.
Spielte bis ins 9. Jahrhundert im Rahmen der
ursprünglichen Vorstellung vom Pilgern als "In-der-
Fremde-Leben", als asketischer Heimatlosigkeit, der
konkrete irdische Zielort noch eine untergeordnete
Rolle, wird dann die Pilgerfahrt zu einem bestimmten
Ziel hin häufiger. Der Gläubige bricht aus der
Behaustheit seiner vertrauten Raum-Zeit-Konstellation
auf in das unbehauste Leben des Pilgers, dies aber mit
dem Ziel, den heiligen Raum zu erreichen, in dem das
Göttliche sich ihm vergegenwärtigt. Eine Hinwendung zu
den heiligen Stätten zeichnet sich ab, wie zu Rom im 10.
Jahrhundert, zu Jerusalem und Santiago im 11. und 12.
Jahrhundert. (Wenngleich Jerusalem schon früher Ziel
einzelner Pilger war. Berühmt ist der Reisebericht der
Pilgerin Aetheria bzw. Egeria um 400. Jedoch entwickelte
sich eine eigentliche Massenwallfahrt erst ab der
Jahrtausendwende. Jerusalem galt zudem als der
Mittelpunkt der Welt und Ort der Parusie, also der
Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten.) Aus dem Wunsch,
Christus nachzufolgen, wird das Bestreben, die Orte
seines irdischen Lebens aufzusuchen oder zu einer Stätte
zu pilgern, die durch ein Apostelgrab geheiligt ist
(Rom: Petrus und Paulus; Santiago: Jakobus).
Hunderte von Kilometern wurden zurückgelegt, um zu einem
dieser drei großen Fernpilgerzentren zu gelangen. Diese
drei "peregrinationes maiores", von denen der Pilger als
geweihtes Andenken einen in Metall gegossenen
Petersschlüssel (Rom), einen Palmzweig (Jerusalem) oder
aber die berühmte Jakobsmuschel (Santiago) heimbrachte,
übten auf die Gläubigen eine besonders starke
spirituelle Anziehungskraft aus.
Dabei spielte die Reliquienverehrung eine wichtige
Rolle. Bottineau zieht sie geradezu zur Definition von
Pilgern heran: "Pilgern besteht im Mittelalter darin,
sich aufzumachen, um Reliquien und insbesondere einen
heiligen Leichnam zu verehren. Man begab sich zum Grab
eines Märtyrers, eines Apostels oder sogar Christi"
(84). Seit dem vierten Jahrhundert wurden den Reliquien
von Heiligen übernatürliche Kräfte beigemessen. Sie
galten gleichsam als das materielle Vermittlungsobjekt
von Gnade und Heil. Reliquien erlangten dann im
Hochmittelalter eine solche Bedeutung, daß ihnen
mitunter sogar als Zahlungsmittel der Vorrang vor Gold
und Silber gegeben wurde. In der Folgezeit nahm der
Reliquienkult Ausmaße an, die selbst vor einem "frommen
Raub" nicht zurückschreckten. Es entwickelte sich gar
ein eigener Handelszweig für den Vertrieb, wogegen das
IV.Laterankonzil von 1215 einzuschreiten versuchte.
Reliquien verschafften Schutz, Hilfe, Ansehen und Macht.
Sie konnten politische Ansprüche durchsetzen und
legitimieren. Auch die Erhebung Santiagos zum Erzbistum
zählt dazu der Anspruch wurde mit der Präsenz der
Apostelreliquien begründet. Weil es an Reliquien stets
mangelte, erfand man die zahlreichen indirekten
Reliquien, die ununterbrochen geschaffen werden konnten,
z.B. durch Berührung des Heiligtums mit einem anderen
Gegenstand. Aber nicht nur diese Berührungsreliquien,
sondern auch Erde aus dem Hl.Land, Holz vom Kreuzesstamm
oder von den Ölbergsbäumen oder das von den Kerzen am
Heiligtum herabtropfende Wachs waren als
Verehrungsobjekte äußerst beliebt. Für den gläubigen
Menschen des Mittelalters galten die jeweiligen
Reliquien als echt, wenn sie Wunder bewirkten. Gerade
die Wunderberichte lockten zahlreiche Pilger auf den
Weg. Den Apostelreliquien in Santiago kam in zweifacher
Hinsicht besondere Bedeutung zu: Jakobus war der einzige
im westlichen Okzident begrabene Apostel (das
Matthiasgrab in Trier ist eine spätere Tradition und
erlangte nur regionale Bedeutung), und er war der erste
Märtyrer der Christenheit. Damit hatte sein Kult von
Anfang an eine erhöhte Durchschlagskraft. Außerdem
spielt wohl eine Rolle, daß der Jakobuskult im
Unterschied zum Petruskult in Rom nicht in liturgischen
Formen erstarrt war und keine hierarchische
Vereinnahmung wie durch die römische Papstideologie
erfuhr.
Versucht man, die mittelalterliche Pilgerfahrt nach
ihren unterschiedlichen Motivationen zu typisieren, kann
man drei Grundtypen herausstellen: Pilgerfahrt aus
Devotion, Pilgerfahrt als Buße oder Strafe und die
Delegationspilgerfahrt. Die Pilgerfahrt aus Devotion,
die nach Ausweis der mittelalterlichen Pilgerführer als
die reinste Form gilt, läßt sich in Bittund
Dankpilgerfahrt scheiden. Die vielen Wundergeschichten,
etwa im zweiten Buch des "Liber Sancti Jacobi" bzw.
"Codex Calixtinus", lassen beide Typen deutlich
erkennen. Körperliche oder andere Nöte motivieren häufig
zu einer Bittwallfahrt, bereits durch ein Wunder
Gerettete pilgern zu einem heiligen Ort, um dem Heiligen
zu danken und vielfach, um ein Gelübde zu erfüllen.
Devotionspilger folgten dem bekannten Ruf des Heiligen;
für sie dürfte der Wunsch, dem Grab und Körper des
Verehrten physisch nahe zu sein, ein bedeutendes Motiv
zum Antritt einer Pilgerfahrt gewesen sein. Sicherlich
darf man oft auch "außerreligiöse" Motive wie Reiselust
und Fernweh in Rechnung stellen, für die Santiago-Fahrt
wohl auch die Faszination der Reise an den äußersten
westlichen Rand der Erde (Kap Finisterre finis terrae:
Ende der Welt). Der religiöse Hauptanstoß für den
Aufschwung des Pilgerwesens darf jedoch in der
Wundergläubigkeit des mittelalterlichen Menschen gesehen
werden.
Diesen freiwillig unternommenen Pilgerfahrten läßt sich
der Typus der zunächst von kirchlichen, dann auch von
weltlichen Instanzen verordneten Bußbzw.
Strafpilgerfahrt gegenüberstellen. Es handelte sich
dabei zuerst um eine Praxis des kanonischen Rechts, die
sich in der Karolingerzeit entwickelt hatte und über
Jahrhunderte lebendig blieb. Ab dem 13. Jahrhundert
werden auch von weltlichen Instanzen, besonders im
belgisch-niederländischen Raum, später auch in den
Hansestädten, Strafwallfahrten nach Santiago verhängt.
Zwischen 1415 und 1513 erfolgten allein in Antwerpen
etwa 2500 Verurteilungen zu verschiedenen Pilgerfahrten.
Nicht umsonst hat man hier von einer Art Sozialhygiene
gesprochen (Steven Runciman). Es blieb nicht aus, daß
dieser Typus von Pilgerfahrt auf das Pilgerbild im
allgemeinen negativ abfärbte. Im Extremfall wurden die
Begriffe "Pilger" und "Verbrecher" synonym. Von daher
wird es auch verständlich, warum die Katholischen Könige
Spaniens im 16. Jahrhundert den Pilgerweg nach Santiago
auf eine vier Meilen breite Zone entlang dem alten
camino frances begrenzten. Wer diese Zone verließ, hatte
keinen Anspruch auf die Vorrechte des Pilgerstatus. Die
Nationalstaaten nahmen das Pilgerwesen unter eine
strengere Kontrolle, von den Pilgern wurden vielfach
Geleitbriefe und Ausweisschreiben aus ihrer Heimat
verlangt.
Eine dritte, ebenfalls seit dem Spätmittelalter häufiger
anzutreffende Form ist die Delegationspilgerfahrt, bei
der jemand anstelle eines anderen oder im Auftrag einer
Gruppe reist. Die stellvertretende Pilgerfahrt bzw. die
testamentarisch angeordnete "postume" Fahrt machten es
möglich, daß es berufsmäßige Pilger gab, die nach einem
festen Tarif bezahlt wurden.
Über den glaubensund mentalitätsbedingten Faktoren wie
der Reliquienfrömmigkeit und der Wundergläubigkeit
dürfen jedoch die politischen Faktoren nicht übersehen
werden, die die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela
im Hochmittelalter nicht unwesentlich förderten hier vor
allem die Verbindung von Reconquista und
Kreuzzugsbewegung.