4. Praxis und Vollzug der Pilgerfahrt
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Zum Aufschwung der Pilgerfahrt nach Santiago de 
Compostela trugen neben der Verehrung der Reliquien des 
Heiligen (s.u. Nr.5) und der Verbindung mit dem 
Reconquistaund Kreuzzugsgedanken (s.u. Nr.6) noch 
weitere Faktoren bei, die das Pilgern zum Grab des 
Apostels Jakobus zu einem Phänomen von 
gesamteuropäischer Bedeutung werden ließen. Ökonomisch-
technischer Aufschwung sowie soziale und rechtliche 
Veränderungen ab dem 11. Jahrhundert, literarische 
Propagierung und Neuerungen in Architektur und Kunst 
förderten einen Strukturwandel und führten in Verbindung 
mit einer daraus hervorgegangenen erhöhten Mobilität 
dieser Zeit zu einer Massenbewegung, die den Pilger und, 
zusammen mit ihm, den Kreuzfahrer zur herausgehobenen 
Erscheinung der europäischen Verkehrslandschaft machte. 
Die jährliche Zahl der Jakobspilger ging in die 
Hunderttausende; zahlenmäßig stand Santiago in seiner 
Blütezeit Rom nicht nach.

Seit der Jahrtausendwende wurden die Pilgerfahrten zu 
einem Kennzeichen der gesteigerten Mobilität des 
Mittelalters. Unter dem kirchlichen Schutz des 
Gottesfriedens, der treuga Dei, erfreute sich der Pilger 
besonderer Privilegien (s.u. Nr.7). Als Pilger war ihm 
zumindest auf Zeit der Ausbruch aus den Schranken seiner 
Gesellschaft und seines Standes ermöglicht. Als Pilger 
konnte er ihm sonst unerreichbar bleibende ferne Länder 
und fremde Völker Europas zu Gesicht bekommen. Zugleich 
hoffte er auf den Nachlaß seiner Sünden und, wie die 
zahllosen Mirakelgeschichten zeigen, in vielen Fällen 
auf die Erlösung aus Krankheit und Not.

Im 10. und 11. Jahrhundert erwähnen die Quellen fast 
ausnahmslos hochadlige Pilger, Bischöfe und Äbte. Im 12. 
und 13. Jahrhundert hingegen bilden die überwiegende 
Mehrheit die namenlosen Pilger aus allen Ständen der 
Christenheit. Es ist die Masse der bescheidenen 
Gläubigen, die oft in ganzen Pilgerzügen, so 1203 aus 
dem Rheingau oder mit Pilgerschiffen von Hamburg aus, 
nach Santiago pilgern. Eine weit verästelte Organisation 
von Pilgerkapellen, Jakobusbruderschaften, Hospizen, 
Brückenund Wegbauten ermöglicht es den 
Minderbemittelten, sich bis Galizien durchzuschlagen. 
Auf den Pilgerstraßen zogen nicht nur die 
Höhergestellten oder die berühmten Heiligen wie Franz 
von Assisi, Bernhard von Siena, Vincenz Ferrer, Birgitta 
von Schweden und Elisabeth von Portugal, sondern 
Hunderttausende aus dem einfachen Volk. Die Pilgerfahrt 
ist für diese Menschen, neben und in ihrer spirituellen 
Bedeutung, auch eine Art Ausbruch aus dem grauen und 
harten Alltag des mittelalterlichen Menschen. 

Dieser Aspekt ist sehr treffend noch von Ferdinand 
Gregorovius beschrieben worden. Gregorovius hat mit der 
kritischen Nüchternheit des Historikers im Jahr 1856 die 
Wallfahrt zur Madonna von Genazzano in der Nähe von Rom 
beobachtet: "Man denke ferner", schreibt er über die 
Pilger, "daß dieses Volk in solcher Form des religiösen 
Lebens erzogen, nichts Höheres hat als eine Wallfahrt 
nach einem seiner Heiligtümer. Wenn es ein langes Jahr 
in Mühe geduldet, und alle solche Schicksale und 
Verschuldungen sich jahrdurch ihm aufgehäuft haben, 
welche seine moralische Welt verwirren und sein Gemüt 
belasten, dann greift es für ein paar Festtage zum 
Wanderstab. Von seiner harten Scholle in den Bergen sich 
lostrennend, von schwerer Arbeit ausruhend, bewegt es 
sich einmal wieder und fühlt sich frei in Gemeinschaft 
seiner Dorfund Stadtgenossen, mit denen es ein gleicher 
Zweck vereinigt." Pilgerfahrt bedeutete in der Tat für 
viele mittelalterliche Menschen "die konkrete Utopie vom 
gelingenden Leben" (Arno Borst).

Begab sich ein Pilger auf die gefahrvolle Reise, mußte 
er zuerst seine persönlichen Angelegenheiten ordnen und 
Vorsorge für sein Seelenheil im Falle seines Todes 
treffen. Von seiner Frau und dem zuständigen Pfarrer war 
die Reiseerlaubnis einzuholen, eventuelle finanzielle 
Verpflichtungen mußten geregelt und das Testament 
gemacht werden. Für alle Fälle gab es auf dem Pilgerweg 
Einrichtungen, die darauf spezialisiert waren, 
nachträglich ein Testament auszufertigen. Grundbestand 
der Ausrüstung waren etwas Geld, der Pilgerstab und die 
Pilgertasche. Der gewöhnliche Jakobspilger trug zunächst 
keine kennzeichnende Kleidung. Wie jeder Reisende, 
zumindest wenn er zu Fuß ging, benötigte er festes und 
praktisches Schuhwerk; er brauchte außerdem Kleider, die 
ihn beim Gehen nicht behinderten. Oft war er mit einer 
lederverstärkten Pelerine und einem breitkrempigen, 
meist runden Filzhut bekleidet, was ihn vor Kälte und 
Regen schützte. Bald wurde diese Ausstattung zur festen 
Tracht, zum äußeren Zeichen des Jakobspilgers, sie 
diente ihm als Geleitbrief und gab ihm das Recht auf die 
Mildtätigkeit der Hospize. Man wird den Jakobspilger nun 
für Jahrhunderte an seiner Kleidung erkennen.

Zur Ausstattung gehörten noch die Pilgerflasche und die 
schon erwähnten Pilgertasche und Wanderstab. Die Tasche 
war ein kleiner Sack aus Tierhaut, die mit einer Muschel 
geschmückt war. Der Stab war ursprünglich nichts anderes 
als ein Stock zum Schutz vor Hunden und Wölfen und zur 
Stütze auf bergigen Wegstrecken. Er war unterschiedlich 
lang, hatte am oberen Ende einen Knauf mit Haken, an dem 
der Quersack hing, und am unteren Ende eine Eisenspitze. 
Die Pilgerflasche, in der die Pilger den Wein 
aufbewahrten, den manche Hospitäler ihnen auf den Weg 
mitgaben, konnte entweder an den Gürtel oder an den 
Wanderstab gehängt werden.

Zum Aufbruch hatte die Kirche ein eigenes Ritual 
entwickelt. Der Pilger legte die Beichte ab und kniete 
vor dem Altar nieder; dann wurden über ihm die sieben 
Bußpsalmen gesungen, dazu noch Litaneien und Gebete. 
Pilgerstab und -tasche wurden ihm mit einem eigenen 
Segensritus überreicht:

 "Im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Nimm diese 
Tasche als Zeichen deiner Pilgerschaft, damit du 
geläutert und befreit zum Grab des hl.Jakobus gelangen 
mögest, zu dem du aufbrechen willst, und kehre nach 
Vollendung deines Weges unversehrt mit Freude zu uns 
durch die Hilfe Gottes zurück, der lebt und herrscht von 
Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen."

 "Nimm diesen Stab zur Unterstützung deiner Reise und 
dei ner Mühe für deinen Pilgerweg, damit du alle 
Feindesscha ren besiegen kannst, sicher zum Grab des 
hl.Jakobus ge langest und nach Vollendung deiner Fahrt 
zu uns mit Freu de zurückkehrest. Dies gewähre Gott 
selbst, der lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. 
Amen."

Zu Ausweis und Schutz auf dem Weg konnte man sich einen 
Geleitbrief ausstellen lassen.

Der Pilger zog auf einem der vier Hauptwege durch 
Frankreich und ab Puente la Reina jenseits der Pyrenäen 
den 600km langen camino frances. Der Weg führte ihn 
entlang von Heiligtümern, eine spirituelle Reise von 
Gnadenort zu Gnadenort. Unterkunft fand er in Hospizen 
und Hospitälern, ab dem 11./12. Jahrhundert konnte er 
auch in gewerbsmäßigen Herbergen absteigen. In 
Roncesvalles, auf dem Pyrenäenpaß, verrichtete er mit 
Blick nach Santiago de Compostela ein Gebet und stellt 
ein kleines Kreuz auf. An der Grenze Galiziens, in 
Triacastela, bekam er einen Stein, den er zur 
Kalkgewinnung nach Santiago mitnehmen mußte. Kurz vor 
dem Ziel stand ein kultisches Bad auf dem Programm das 
wohl auch aus hygienischen Gründen angesagt war. Vom 
Monte del Gozo ("Berg der Freude") erblickte der Pilger 
erstmals das ersehnte Ziel. Angelangt in der Stadt, galt 
der erste Besuch der Kathedrale. Der Eindruck, den sie 
im Pilger hinterließ, ist im "Liber Sancti Jacobi" bzw. 
"Codex Calixtinus" eindrucksvoll geschildert:

"Diese Kirche erstrahlt im Glanze der Wunder des hl. 
Jakobus. Und wirklich, die Gesundheit ist den Kranken 
wiedergegeben, der Blinde wurde sehend, die Zunge des 
Stummen löste sich, das Gehör wird dem Tauben zuteil, 
ein normaler Gang macht Hinkende sicher, Besessene 
wurden befreit, und was noch mehr ist die Gebete der 
Gläubigen wurden erhört, die Ketten des Sünders fielen 
ab, der Himmel öffnete sich denen, die anklopfen, 
getröstet sind die Betrübten, und alle fremden Völker, 
gekommen aus allen Teilen der Welt, hier versammelt in 
großer Menge, bringen dem Herrn ihre Geschenke und Lob 
preisungen dar...Jener, der die Rampe durchschreitet und 
der in Trübsal heraufgestiegen ist, wird sich glücklich 
finden und voll der Freude, nachdem er sich versenkt hat 
in die vollendete Schönheit der Kirche."

Die erste Nacht verbringt der Pilger wachend und betend 
in der Tag und Nacht geöffneten Kirche. Die physische 
Nähe zum Heiligtum war wichtig; beim Kampf um die besten 
Plätze kam es zu mitunter blutigen Raufereien. Am 
nächsten Tag durfte er seine Opfergabe darbringen. Nach 
dem Morgengeläut begab er sich zur "arca de la obra", 
der "Schatztruhe des Werkes", neben der ein Wächter mit 
einer Rute stand und dem Pilger auf die Schulter schlug. 
Auf der Truhe selbst stand ein mit einem Chorhemd 
bekleideter Kleriker, eine weitere Person verlas die 
Ablässe. Danach forderte der Kleriker die Gläubigen mit 
je nach Nationalität unterschiedlichen Formeln auf, ihre 
Opfergaben niederzulegen: Geschenke, Wachsspenden und 
Geld. In der Kapelle der Könige von Frankreich 
beichteten und kommunizierten die Pilger. Spätestens 
seit dem 14. Jahrhundert erhielten sie dann eine 
Bestätigung über die ordnungsgemäß durchgeführte 
Pilgerfahrt. Zum Abschluß begaben sie sich hinter die 
Apostelstatue am Jakobusaltar, um dem Heiligen ihre 
Verehrung zu bezeugen, mitunter durch einen Kuß des 
Standbildes.

Vor der Heimreise erhielt der Pilger als Abzeichen 
seiner erfolgten Pilgerfahrt die Jakobsmuschel, die er 
sich an Hut oder Mantel heftete. Die Muschel gewährte 
Schutz und Ansehen, nach manchen Mirakelberichten heilte 
ihre Berührung Krankheiten. Zur Jakobsmuschel als 
Pilgerabzeichen erzählt eine Legende von einem Reiter, 
der während seiner Pilgerfahrt vor Wegelagerern fliehen 
mußte. Dabei überquerte er einen Meeresarm, aus dem er 
über und über mit Muscheln bedeckt wieder aufstieg.