2. Die Legende
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"Legenden sind zuweilen einflußreicher als die 
Geschichte"(Bottineau). Im Motivationsgeflecht der 
Santiago-Pilgerfahrt verbinden sich Realität und 
Fiktion, historische Konstellationen und Imagination zu 
einem wirkmächtigen Ganzen. Die historische Forschung 
hat sich äußerst intensiv mit dem Gehalt der in der 
Einleitung (s.o.) kurz skizzierten Legende um den 
Apostel und sein Grab befaßt. Vor allem vier 
Problemkreise werden diskutiert: Die Predigttätigkeit 
des Apostels Jakobus in Spanien; die Überführung seines 
Leichnams; die Grabentdeckung im 9. Jahrhundert und 
schließlich die Gründe, die zur Entwicklung des 
Jakobuskultes geführt haben. Faßt man die Ergebnisse 
kurz zusammen, ergibt sich folgendes Bild:

a) Die Predigttätigkeit des Apostels Jakobus in Spanien: 
Eine spanische Missionstätigkeit des hl.Jakobus läßt 
sich aus der Bibel oder altchristlichen Zeugnissen nicht 
belegen. Erste Hinweise finden sich im "Breviarium 
Apostolorum" (ca. Ende 6.Jh.), das seit dem 7. 
Jahrhundert besonders in Gallien verbreitet war. Es 
bestehen wahrscheinlich Verbindungen zu griechisch-
byzantinischen Apostelkatalogen. Besondere Bedeutung vor 
allem wegen seiner Entstehung im kirchenpolitischen 
Streit um den Adoptianismus erlangten dann der 
Apokalypsekommentar des asturischen Abts Beatus von 
Liébana (+798), der eine Missionstätigkeit des Apostels 
in Spanien erwähnt, und der dem Beatus zugeschriebene 
Hymnus "O Dei Verbum". Noch im 10. Jahrhundert wurde die 
Legende jedoch noch nicht allgemein akzeptiert. Erst 
seit dem 11. Jahrhundert gewinnt sie weite Akzeptanz, im 
12. Jahrhundert sind dann alle wesentlichen Merkmale 
voll ausgebildet. Erst seit dem 16. Jahrhundert kommt 
wieder Kritik auf.

b) Die Überführung des Leichnams nach Spanien: Für eine 
Überführung gibt es keine altchristlichen Zeugnisse. 
Eine "Passio magna" zum Martyrium des Apostels basiert 
auf Texten des 6. Jahrhunderts und ist in Spanien seit 
dem 7. Jahrhundert bekannt. Erst seit diesen Texten zum 
Tod des Apostels finden sich Hinweise auf eine 
Überführung. Einzelheiten des ausführlichen 
Überführungsberichts der Legende sind erst im 10./11. 
Jahrhundert Allgemeingut geworden. Dies steht wohl im 
Kontext der "Grabentdeckung", um das Kommen des 
Apostelleichnams nach Spanien zu erklären.

c) Die Grabentdeckung im 9. Jahrhundert: Gesicherte 
schriftliche Quellen zur Grabentdeckungslegende stammen 
aus dem 11. Jahrhundert. Datiert wird die Entdeckung auf 
das Jahr 813 unter Bischof Theodomir. Seit dem 9. 
Jahrhundert gibt es einen zunächst lokalen, dann 
regionalen Jakobuskult. Grabungen ergaben ein römisches 
Mausoleum aus dem 1./2. Jahrhundert, das bis ins 5. 
Jahrhundert als Grabstätte gedient hat und Spuren 
frühchristlicher Begräbnisriten aufweist. Es ist 
durchaus wahrscheinlich, daß im 9. Jahrhundert zur Zeit 
Theodomirs ein Grab aus christlicher Frühzeit gefunden 
und als Grab des Apostels angesehen wurde.

d) Gründe für die Entwicklung des Jakobuskultes: Die 
Frage nach der Kultentstehung ist nicht vollkommen 
schlüssig zu beantworten. Geht man davon aus, daß die 
Kunde von einer Missionstätigkeit des Apostels im 9. 
Jahrhundert dazu geführt hat, bei Compostela nach dem in 
den Traditionen erwähnten Marmorgrab zu suchen, ein Grab 
entdeckt und die Knochenreste mit dem Apostelleichnam 
gleichgesetzt wurden, bleibt doch die Frage, warum im 
Spanien des 8./9. Jahrhunderts das plötzliche Interesse 
an der Jakobusverehrung aufkam. Dazu ist ein Blick in 
die Geschichte erfoderlich: 711 erlag in der Schlacht am 
Guadalete das westgotische Reich dem Ansturm der Mauren. 
Nur in den Gebirgsgegenden des nördlichen Asturien und 
in Galizien konnten sich die Christen behaupten. Das 
Königreich Asturien entwickelte sich seit der Zeit des 
Königs Alfons II (791-842) zum Hort der hispanischen 
Tradition. Allmählich prägte sich bei den Asturiern im 
Abwehrkampf gegen den Islam ein Sendungsbewußtsein aus, 
das der Rettung der christlichen Kirche und der 
Wiedererrichtung der gotischen Monarchie galt. Alfons II 
baute nach dem Vorstoß der Mauren von 794/95 Oviedo zur 
Königsstadt aus, die damit in Konkurrenz zum bisherigen 
geistigen Zentrum Toledo trat. Dies führte naturgemäß zu 
Spannungen, die sich im theologisch-kirchenpolitischen 
Adoptianismusstreit zwischen dem Erzbischof von Toledo 
und dem asturischen Abt Beatus von Liébana (+798) 
entluden. Asturien hatte sich dabei die Unterstützung 
durch das Frankenreich gesichert. Karl der Große und 
Alfons II tauschten Gesandtschaften aus, Beatus 
korrespondierte mit dem fränkischen Reichstheologen 
Alkuin. Der Spanienfeldzug Karls mit der später episch 
ausgestalteten Niederlage seiner Nachhut bei 
Roncesvalles (798, "Rolandslied") unterstreicht die 
Verbindung des Frankenreichs mit dem sich 
konsolidierenden asturischen Königreich und der 
beginnenden Reconquista. In diese Zeit fällt die 
Entdeckung des Grabes des Apostels Jakobus des Älteren 
im galizischen Compostela. Dies und der aufkommende 
Jakobuskult verschaffte dem erstarkenden asturischen 
Reich eine wirksame Identifikationsund 
Legitimationshilfe. Nicht von ungefähr findet sich die 
wichtigste Erwähnung der spanischen Missionstätigkeit 
des Jakobus gerade in einer Schrift des nun schon 
mehrfach erwähnten Beatus. Asturien hielt drei 
islamischen Offensiven (791-796, 823-826/828 und 839-
841) stand. In diesem Existenzkampf Asturiens gegen das 
Emirat von Córdoba wurde Jakobus zum Patron der 
Christen. Schon 844 schrieb man seinem Eingreifen den 
Sieg in der Schlacht von Clavijo zu ein früher Beleg für 
Jakobus als Schlachtenhelfer im Kampf der Reconquista 
("Matamoros" -Maurentöter).

Fazit

Predigt wie Überführungslegende lassen sich nur bis ins 
6. Jahrhundert zurückverfolgen. Im lateinischen Westen 
ist die Legende seit dem 7. Jahrhundert nachweisbar. Der 
Jakobuskult entstand in Asturien im ausgehenden 8. 
Jahrhundert. Dieser Kult verursachte die Grabentdeckung 
bzw. den Kult um die Grabstätte. Das geistige Klima für 
die Aufnahme und Weiterentwicklung der Legende ist in 
der zeitgeschichtlichen Situation Asturiens im 8. 
Jahrhundert zu suchen. In den Auseinandersetzungen des 
Adoptianismusstreits lieferte die Jakobustradition die 
entscheidende Hilfe, den alten Vorrang Toledos für sich 
zu beanspruchen. Die in Asturien beginnede Reconquista 
sowie die Reliquienfrömmigkeit des mittelalterlichen 
Menschen waren weitere für die Kultverbreitung wichtige 
Faktoren.