1. Einleitung und zusammenfassender Überblick
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1253 schickte Ludwig IX von Frankreich einen flämischen 
Franziskaner namens Wilhelm von Rubruk in diplomatischer 
Mission nach Innerasien zu den Mongolen. 1254 erreichte 
der Mönch das "ordou" (Lager) des Großkhans Möngke und 
folgte dem Herrscher nach Karakorum. Dabei machte Rubruk 
die Bekanntschaft eines armenischen Mönchs namens 
Sergius. Dieser hatte zunächst als Einsiedler in der 
Nähe Jerusalems gelebt, ehe er sich dem Großkhan 
anschloß. Der Franziskaner hat die Worte des Sergius 
überliefert: "Er begann mich über den Papst zu befragen, 
ob ich glaubte, daß er ihn zu sehen wünsche. Und ob ich 
ihm ein Pferd geben wolle, um nach Santiago zu reiten 
und dort die Hilfe des heiligen Jakobus anzuflehen." Um 
die Mitte des 13.Jahrhunderts war also die Pilgerfahrt 
nach Santiago de Compostela "weltbekannt" selbst ein 
armenischer Mönch, den es zu den Mongolen verschlagen 
hatte, wußte davon...

Das Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela, 
am Ende der Welt im spanischen Galizien, wurde ab der 
Jahrtausendwende zum Zielpunkt einer Pilgerbewegung, die 
über Jahrhunderte nicht abreißen sollte und heute eine 
regelrechte Renaissance erlebt. 1982 besuchten nicht 
weniger als sechs Millionen Pilger das Jakobusgrab in 
Galizien, 1987 hat der Europarat eine Kampagne zur 
Wiederbelebung des Santiago-Reisekults und zur 
Restaurierung der alten europäischen Jakobsrouten in die 
Wege geleitet. Die Erinnerung an die Glanzzeiten der 
Pilgerfahrt wird wach, von denen die islamischen Gegner 
Zeugnis ablegen. Im 12. Jahrhundert berichtet der 
Gesandte des Almoraviden-Emirs Ali ben Jusuf seinem 
Herrn: "Die Menge der christlichen Pilger, die nach 
Santiago de Compostela gehen und wieder zurückkommen, 
ist so groß, daß sie kaum den Weg nach Westen 
offenlassen."

Am Anfang steht die Legende. In Erfüllung des 
Missionsauftrags Jesu habe der Apostel Jakobus in 
Spanien den Glauben verkündet. Später sei er nach 
Palästina zurückgekehrt, wo er als erster der Apostel 
das Martyrium erlitt. Seine Jünger hätten den Leichnam 
aus Angst vor den Juden auf dem Seeweg nach Spanien 
gebracht. Dort seien sie in der Nähe der Küstenstadt 
Iria Flavia (heute El Padrón) gelandet. An einem "arca 
marmorea" oder ähnlich genannten Ort habe Jakobus seine 
letzte Ruhe gefunden. Das Grab sei später in 
Vergessenheit geraten und erst zu Beginn des 9. 
Jahrhunderts unter Bischof Theodomir (+841) durch den 
Hinweis eines leuchtenden Sterns wiederentdeckt worden. 
Schon 844 soll der Heilige den christlichen Heeren in 
der Schlacht von Clavijo zum Sieg über die Mauren 
verholfen haben. Im Laufe der Zeit nimmt die Legende 
immer mehr Gestalt an und gewinnt europäische 
Dimensionen. Die Reliefs auf dem Karlsschrein in Aachen 
zeigen, wie eine funkelnde Milchstraße Karl dem Großen 
im Traum den Weg nach Santiago weist. Diese Vision 
führte auch zur Bezeichnung der Pilgerstraße als 
"Sternenweg". Der Spanienfeldzug Karls (mit der später 
im Rolandslied episch ausgestalteten Niederlage seiner 
Nachhut bei Roncesvalles) dient so der Befreiung des 
"Sternenwegs" von den Mauren.

Überregionale Bedeutung gewinnt die Jakobusverehrung und 
die entsprechende Pilgerfahrt ab dem 10. Jahrhundert. 
Der erste namentlich bekannte Pilger ist Bischof 
Godeschalk von Le Puy, der 951 Santiago aufsucht. Im 
Hochmittelalter steht die Stadt ranggleich neben den 
Fernpilgerzentren Rom und Jerusalem. Jakobus 
"Matamoros", der Maurentöter, wird zur spirituellen 
Symbolfigur der Reconquista, der christlichen 
Rückeroberung des islamischen Spanien, die sich bald mit 
der Kreuzzugsbewegung verbindet. Den Reconquistakämpfern 
gewähren die Päpste denselben Ablaß wie den Streitern 
für die Befreiung des Hl.Grabes in Jerusalem. Wer in der 
Reconquista kämpfte wie viele französische Ritter -, 
besuchte das Grab des spanischen Nationalpatrons. Die 
wachsende Mobilität der Gesellschaft ab dem 11. 
Jahrhundert, die Reliquienfrömmigkeit und der 
Wunderglaube des mittelalterlichen Menschen führen zu 
einem ungeahnten Anwachsen der Pilgerströme vor allem 
aus Frankreich, Deutschland und auch England. Gerade 
Frankreich hat das größte Kontingent der Pilger 
gestellt. Der spanische Abschnitt des Pilgerwegs trägt 
bald den Namen "camino frances".

Der Weg nach Santiago de Compostela ist ein Weggeflecht, 
das sich über ganz Europa erstreckt, in vier großen 
Wegen von Paris, Vézelay, Le Puy und Arles durch 
Frankreich zieht, bei Roncesvalles und Somport die 
Pyrenäen überquert und sich bei Puente la Reina zur 
großen Pilgerstraße, dem "camino frances" durch 
Nordspanien, vereinigt. Die romanische Kunst hat entlang 
dieser Pilgerstraßen bedeutende Pilgerbasiliken 
geschaffen. Klöster, nicht zuletzt aus dem Verband von 
Cluny, Kanonikerstifte und Bruderschaften sorgten für 
die Infrastruktur des Reisens. Pilgerhospize und 
Herbergen entstanden, Brücken und neuangelegte Straßen 
sorgten für eine Bewältigung der Pilgerströme. 
Pilgerfahrt und Handel förderten sich gegenseitig. 
Mißbräuche konnten nicht ausbleiben. Ein Pilgerführer 
aus dem 12. Jahrhundert, der "Liber Sancti Jacobi" bzw. 
"Codex Calixtinus", führt beredte Klage über 
betrügerische Wirte, räuberische Kleriker, falsche 
Beichtväter, unehrliche Geldwechsler, ungerechte 
Zöllner, warnt vor Straßenräubern und mit genauer 
Ortsangabe vor Dirnen, "die zwischen der Mino-Brücke und 
Palas del Rey an waldreichen Orten den Pilgern häufig 
entgegentreten."

Die Pilgerfahrt wurde nicht vom Adel oder Klerus 
getragen, sondern von der großen anonymen Masse der 
einfachen und unbekannten Leute. In Legende und Kult muß 
Jakobus dem mittelalterlichen Menschen als moderner, 
attraktiver Heiliger erschienen sein, dessen Verehrung 
noch nicht in liturgischen Formen erstickt war wie der 
Petrusund Pauluskult in Rom. Was hat den 
mittelalterlichen Menschen bewogen, sich auf eine so 
lange, über Hunderte von Kilometern gehende und 
gefahrvolle Fahrt zu begeben? Reiselust und Fernweh, der 
Zug nach dem äußersten Rand der Welt, spielten 
sicherlich eine Rolle, waren aber eingebunden in die 
spirituell-religiöse Dimension. Das ganze Leben des 
Christen war Pilgerfahrt; er ist noch unterwegs zu 
seiner ewigen Bestimmung bei Gott. Dieses Unterwegssein 
in der Nachfolge Christi kann sich in dem Wunsch 
konkretisieren, die Orte des irdischen Lebens Christi 
aufzusuchen (Jerusalem) oder zu einer Stätte zu pilgern, 
die durch ein Apostelgrab geheiligt ist (Rom, Santiago 
de Compostela). Zudem konnte man durch eine Pilgerfahrt 
sein Seelenheil trotz begangener Sünden sichern, war sie 
doch mit einem Ablaß verbunden. Dazu kommt als wichtiger 
Faktor die Reliquienverehrung. Den Reliquien eines 
Heiligen werden übernatürliche Kräfte beigemessen. Die 
Reliquien galten als echt, wenn sie Wunder wirkten. Die 
Heilung von Leib und Seele als Lohn für den Besuch des 
Apostelgrabes wird entsprechend in den Pilgerführern und 
Berichten immer wieder hervorgehoben. Jakobus wirkte 
Wunder. Körperliche oder andere Gebrechen veranlaßten zu 
einer Bittwallfahrt; andere zogen nach Santiago, um dem 
Apostel für eine wunderbare Errettung zu danken und ein 
entsprechendes Gelübde zu erfüllen. Vor allem im 
Spätmittelalter gibt es auch den Typ der Bußoder 
Strafwallfahrt, zu der ein Missetäter von kirchlichen 
oder auch weltlichen Instanzen verurteilt wird. Sogar 
die Form der Delegationspilger, die stellvertretend für 
einen anderen oder im Auftrag einer Gruppe pilgern, ist 
anzutreffen.

Begab sich ein Pilger auf die gefahrvolle Reise, mußte 
er zuerst seine persönlichen Angelegenheiten ordnen und 
Vorsorge für sein Seelenheil im Falle des Todes treffen. 
In der klassischen Pilgerkleidung mit Hut, Stab, Tasche 
und Umhang (die spätere "Pelerine") zog er dann auf 
einem der vier Hauptwege durch Frankreich und ab Puente 
la Reina jeneits der Pyrenäen den "camino frances". Auf 
dem Paß von Roncesvalles verrichtete er ein Gebet und 
stellte ein Kreuz auf. An der galizischen Grenze bekam 
er einen Stein, den er zur Kalkgewinnung mit nach 
Santiago nahm. Nach einem wohl notwendigen Bad kurz vor 
Santiago verbrachte der Pilger dann die erste Nacht 
wachend und betend in der Kathedrale. Berühren und 
Küssen von Kathedrale, Altar und Apostelschrein standen 
auf dem Programm, ebenso die Übergabe der mitgebrachten 
Gaben. Vor der Heimreise erhielt der Pilger als Zeichen 
seiner erfolgten Pilgerfahrt die Jakobsmuschel, die er 
sich an Hut oder Mantel heftete.

Der Sternenweg nach Santiago de Compostela diente wie 
kein anderer der Integration Europas. Die Pilger kamen 
aus Frankreich und Deutschland, ausd Italien, 
Griechenland, den Niederlanden, England und 
Skandinavien. In ihrer Bedeutung für das Zusammenwachsen 
des Abendlandes, die gemeinsame religiöse Ausrichtung, 
das Aufblühen von Handel und Gewerbe, Kunst und 
Wissenschaft kann die große gesamteuropäische 
Pilgerfahrt kaum hoch genug gewertet werden.