Jürgen Kuhlmann

Gottes Menschwerdung - Grund der Menschenwürde


Anlaß: Weihnachtszeit
Botschaft: Der Weihnachtsbotschaft, nicht der Wissenschaft verdankt die Menschheit die Kenntnis ihrer Würde.
Themen: Weihnachten: eine wahre Geschichte - was wäre,
wenn sie heute geschähe? - der Wissenschaft scheint der Mensch nichtig - das ist aber, dank Gottes Mensch-
werdung, falsch - am wahrsten ist die lebendige Mitte.
Ziel: Der Hörer begreift neu, wie entscheidend für sein
Selbstgefühl sein Weihnachtsglaube ist.


Es gibt viele Wahrheiten, zum Beispiel, daß zwei mal zwei vier ist, oder daß Wasser sich aus Wasserstoff und Sauerstoff zusammensetzt. Und es gibt viele Geschichten, z.B. das alte Märchen von Hänsel und Gretel oder das moderne Märchen »My Fair Lady«. Jene Wahrheiten lassen unser Herz kalt, diese Geschichten sind leider nicht echt. Es gibt aber, drittens, auch wahre Geschichten, jeder von uns kennt eine Menge, selbst erlebte und solche, die andere ihm erzählt haben.

Weihnachten ist ebenfalls eine wahre Geschichte. Nicht in allen Einzelheiten, darauf kommt es auch nicht an. Aber in ihrem wunderbaren Kern: Gott, der Sinn der Welt, ist Mensch geworden, erst Baby, dann Bub, Jugendlicher, schließlich Mann und zuletzt Leichnam. Das ist eine unglaubliche, geradezu irrwitzige Geschichte, nur lange Gewohnheit hat uns so abgestumpft, daß wir sie für selbstverständlich halten. Um neu einzusehen, wie großartig sie ist, lösen wir sie einmal aus ihrem alten Zusammenhang heraus. Nehmen wir an, sie sei nicht vor zweitausend Jahren geschehen, sondern beginne erst jetzt, in diesen Dezembertagen. Im Übrigen sehe die Welt genauso aus, wie wir sie kennen, nur von Weihnachten hätte nie jemand gehört.

Das ist allerdings eine kühne Annahme, weil niemand weiß, wie sehr es gerade der christliche Glaube ist, der die sog. westliche Welt hervorgebracht hat. Die alten Griechen waren tüchtige Mathematiker, Chinesen erfanden das Pulver - warum haben Wissenschaft und Technik sich ausgerechnet im christlichen Abendland so gewaltig entwickelt? Vielleicht doch deshalb, weil dank der Botschaft von Gottes Menschwerdung die Natur durch und durch entzaubert war? Es kann schon sein: Wer Gott in einer Krippe anbetet, hat weniger Grund, ihn im Blitz zu fürchten, und wird irgendwann sogar begreifen, daß beim Gewitter nur Elektrisches passiert, kein Donnerkeil niederfährt (der Dreizack des germanischen Gottes Donar; »Dunnerkeil« wird im Fränkischen noch heute als Kraftwort gebraucht). Und diese Einsicht bleibt, auch wenn jener Glaube wieder schwindet. Darauf kommt es jetzt aber nicht an, vielmehr tun wir einfach so, als wäre die Welt sonst so wie sie ist, nur ohne Christentum und Kirche. Ende Dezember gäbe es Skiurlaub und Neujahr, kein Weihnachten jedoch.

Das große Wort in dieser Welt führt die Wissenschaft. Im Schulzimmer hängen zwei backblechgroße Bilder, das eine zeigt unsere Milchstraße. Sie gleicht einem gewaltigen Windrad mit vielen Flügeln, in der Mitte rein weiß, dort strahlen mehr Sterne. Nach außen zu kann man, kleiner als Stecknadelköpfe, einzelne Pünktchen unterscheiden. Auf eines davon, ziemlich am Rand, zeigt ein Pfeil: unsere Sonne samt allen ihren Planeten. Verschwindend winzig erscheint unser Lebensstern in seinem größeren Ganzen; an die hundert Milliarden Sonnen enthält allein die Milchstraße - und ähnlicher Sternsysteme soll es wiederum vielleicht hundert Milliarden geben!

Das andere Bild zeigt eine geheimnisvoll fremde Welt, hochkompliziert, und darunter steht: Menschliche Gehirnzellen unter dem Elektronenmikroskop. Fragt man die Wissenschaft nach dem Wesen der Wirklichkeit, dann erhält man schnell diese beiden Antworten: Wirklich sei zum einen das riesige Weltall, in welchem die Erde und erst recht ein Mensch so gut wie nichts sind; wirklich sei zum andern das Kreisen und Strahlen der Atome, von ihnen werde alles bestimmt, was irgendwo im Kosmos geschieht. Unsere menschlichen Gedanken, Entschlüsse, Gefühle seien bloß eingebildet, nur überflüssige Ergebnisse komplizierter Zusammenspiele von Atomen. Zweimal nichts bin ich mithin für die Wissenschaft: in den unendlich großen Räumen und Zeiten des Universums verschwindet meine winzige Raumzeit wie nichts; gegen die unendlich kleinen Atome gehalten bin ich ebenfalls nichts, nämlich bloß ein täuschender Nebel der Einbildung, der dann entsteht, wenn das einzig Reale, d.h. der feine Dreck der Elementarteilchen, hinreichend hochentwickelt durcheinanderwirbelt. So ist es, sagt die Wissenschaft scheinbar, egal ob es uns gefällt, uns Nichtsen zwischen Elektron und All.

Und in diese Welt wird, so nehmen wir an, in unseren Tagen ein Kind geboren, eines unter Hunderttausenden, die Tag um Tag zur Welt kommen. Der Bub wächst heran, als Mann fällt er eine Zeitlang öffentlich auf, kommt sogar ins Regionalfernsehen. Doch bald nach seiner Hinrichtung schweigen die Zeitungen wieder von ihm. Nur seine Freunde bleiben überzeugt: Dieser Mensch ist Gott gewesen. Und erstaunlicherweise verläuft die Bewegung sich nicht, wie so viele andere Sektenbrünnlein, bald wieder im Sand der sinnlosen Wüste. Nein, immer neue Anhänger stoßen von überallher dazu, aus dem Grüpplein vertrauter Freunde des Anfangs wird eine stetig wachsende Zahl, die fest überzeugt sind: ER lebt.

Fragt man sie, woher sie ihre Überzeugung beziehen, und weist man sie auf ihre unhaltbare Stellung zwischen sinnlosen Sternhaufen und sinnlosen Atomen hin, dann lachen sie: Laß nur. Die Sterne des Alls und die Atome meines Hirns sind wirklich, nicht aus sich selbst aber, sondern weil sich das alles JEMAND ausdenkt. Jetzt, in diesem Moment, während wir miteinander reden, denkt JEMAND sich im Großen die Sterne und im Kleinen die Atome aus. Wir aber, du und ich, wir beide sind wirklicher als Sterne und Atome, weil nämlich dieser Jemand, der sich das alles ausdenkt, einer von uns hat werden wollen und uns seine Freunde nennt. Du hast vielleicht von jenem Kind gehört, an das wir glauben und von dem wir bezeugen, daß es in eigener Person Gott ist. Nichts gegen die Wissenschaftler, es gibt tüchtige Leute unter ihnen, aber du verstehst schon, daß wir sie nicht so ernst nehmen können wie dieses Kind, Lob sei Seinem Namen.

Ja, es geht in der großen Geschichte der Ideen nicht anders zu als in der kleinen Geschichte der Politiker, die Bert Brecht so wunderschön beschrieben hat:


Am Grunde der Moldau wandern die Steine.
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Das unwissend-große Weltall bleibt groß nicht, wenn sein Schöpfer sich klein macht; das unfrei-kleinste Spiel der Atome bleibt nicht die Mitte des Wirklichen, weil sein Schöpfer es, in Jesu Herz und Gehirn, zur Würde des Organs seiner eigenen göttlichen Freiheit erhoben hat.

Weder das Große gilt letztlich noch das Kleine, sondern die menschliche Mitte. Mag sie dem Wissen noch so unscheinbar zwischen All und Atom verschwinden - der Glaube weiß, daß gerade sie das Allerwirklichste ist. »Die Sternwelt wird zerfließen zum goldnen Lebenswein, wir werden sie genießen und lichte Sterne sein,« singt Novalis. Erheben wir deshalb in einer dieser Festnächte unser Glas Wein oder Saft, prosten wir den Sternen zu und trinken wir andächtig einen kühlen Schluck. Nicht jenes stumme Glitzern da oben ist ja das Eigentliche und auch nicht, was chemisch und elektrisch in unseren Nerven abläuft, sondern unmittelbar die geschmeckte Freude selbst, die du dann empfindest, und nicht nur du, sondern in dir das unendliche ICH in Person, zu dem du gehören darfst wie zum Weinstock die Rebe. Freu dich deiner Würde und mach es wie Gott: Werde Mensch!

Gesegnete Weihnachten! Denn es ist nicht nur wahr, daß Atome und Sterne am Schwingen sind. Es ist auch nicht nur eine schöne Geschichte, daß Hänsel und Gretel aus dem Wald wieder herausfanden. Sondern die allerschönste Geschichte ist zudem auch wahr: Der Schöpfer der Sterne und Atome ist uns Bruder und Freund. Und bleibt das ewig, auch wenn deine und meine Atome längst in anderen Kombinationen kreisen und unser Lebensstern Sonne verschwunden sein wird. Kommt, lasset uns anbeten. Frohe Weihnachten!

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Weitere Predigten

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