Jürgen Kuhlmann

Gott wird Mensch, damit der Mensch Gott werde


Anlaß: Weihnachtszeit
Botschaft: Bei der Menschwerdung erfüllt Gott mehr, als der Teufel versprach: Nicht nur wie Gott wird der Mensch, sondern wahrhaft Gottes eigenes Leben schenkt sich ihm.
Themen: Die Versuchung zum Neid auf den Gottmenschen - die Urlüge: Sein wie Gott - Kein Grund zum Neid der Glieder des Leibes Christi auf ihr ICH - nur ein Organ bedeutet das Ich, alle aber sind es - erlöstes Selbst-Bewußtsein .
Ziel: Der Hörer erkennt die Gefahr solchen Neides und über-windet ihn in mutigem Glauben.


Fest des Friedens wird Weihnachten genannt. Zerstrittene reichen einander die Hand, mit Briefen versuchen wir, Trennungen zu überwinden; Familien, die sich auseinander gelebt haben, finden für ein paar Tage wieder zusammen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen wächst in dieser feierlichen Zeit auch die Gefahr. Manchen wird die geforderte Friedlichkeit allzu schwer, zurückgestaute Wut bricht sich Bahn, Zornworte zerreißen den trauten Schein, von schlimmen Verzweiflungstaten gerade in der Weihnachtszeit weiß die Polizeistatistik.

Bilden sie aber vielleicht nur die Spitze eines Eisberges? Wühlt so etwas wie Weihnachtszorn heimlich in vielen Gemütern? Und zwar nicht bloß aus Wut über den Weihnachtsstress mit seiner Pflicht zu Briefen und Geschenken. Ich fürchte, der Grund für das böse Gefühl liegt tiefer: in einem uneingestandenen Neid auf das göttliche Kind in der Krippe. Lassen wir jene fiese Stimme einmal unverdrängt ausreden; wenn das Geschwür heilen soll, muß der Eiter heraus.

"Gott hat den Himmelsthron verlassen und muß wandern auf der Straßen," singen wir in dem schönen alten Lied. Aber "still, still, still" will der versucherische Argwohn jetzt nicht sein, raunt uns vielmehr zu: Mit welchem Recht saß er denn überhaupt auf dem himmlischen Thron? Warum ist jenes Neugeborene, scheinbar schwach, doch so unendlich, uneinholbar mehr und stärker als wir anderen, rettungslos gewöhnlichen Menschen? Was kann Jesu barmherziger Abstieg in meine Niedrigkeit mir nützen, wo das Schlimme doch schon darin liegt, daß es solchen Abstieg braucht? Abhängig Beschäftigte wissen die Leutseligkeit des Chefs beim Betriebsausflug richtig einzuschätzen; daß er sich beim Kegeln sogar schlagen läßt, ändert nicht die einseitige Beziehung. Sie allein ist der Ernst; wenn es darauf ankommt, ist von der angenommenen Gleichheit nichts mehr zu spüren. "Ihr nennt mich Herr und Meister und ihr habt recht, denn ich bin es" (Joh 13,13); "wer nicht glaubt, wird verdammt werden" (Mk 16,16). Das ist die Realität unter der lieblichen Hülle von Solidarität. Nicht nur fällt (auf Bildern, vom Stallfenster aus) der Schatten des Kreuzes schon auf die Krippe, auch der Glanz von Ostern und Himmelfahrt umfunkelt sie bereits; denn der als Säugling in ihr liegt, ist der Herr des Alls. ER gehört nach oben, wir aber sind die da unten, auch wenn wir, dank seiner Gnade, nicht in den Abgrund stürzen, sondern zuletzt in den Himmel kommen. Soll man da nicht neidisch sein? Was wird aus dem Prinzip der letztlich gleichen Menschenwürde, wenn ein Mensch so unerhört viel würdiger ist als alle sonst? Ist das Christentum gar, genau besehen, verfassungsfeindlich? Oder war der eben beschriebene scheele Blick, im Gegenteil, nicht genau sondern total schief?

So ist es. Wurzel dieses Neides ist die uralte teuflische Lüge. "Ihr werdet sein wie Gott," lockt in Adam und Eva, d.h. in jedem Mann und jeder Frau, die verführerische Stimme. Verspricht sie zu viel? Liegt darin das Teuflische, daß sie uns Menschen auf eine Höhe hinweist, die uns nicht zusteht? So wird die Versuchung zwar oft erklärt. Aber solche Erklärung ist gerade selbst das teuflische Mißverständnis! Eine Seele, die ihm erliegt, ist eben deshalb schon verloren, kann nur mehr brav resignieren wie der ältere Sohn in Jesu Gleichnis, oder rebellieren wie der jüngere. Unerlöst, heillos sind beide. Der eine will, wie der Vater, selbständig sein und rennt in sein Unglück; der andere verzichtet feige auf diesen Wunsch und bleibt freudlos zurück: "Nie gabst du mir ein Böcklein ..." Wo steckt der Fehler?

"Ihr werdet sein wie Gott": Das Wörtlein "wie" enthält die Lüge. Gott ist wesenhaft einzig. Der Sinn des Ganzen kann nur einer sein. Jemanden wie Gott neben Gott kann es nicht geben. Zum all-erfüllenden Licht hinzu kann kein anderes Licht treten, außer ihm ist keine weitere Farbe möglich. In sich Unmögliches hat der Versucher in Aussicht gestellt. Nicht zu viel aber, sondern zu wenig! Nicht wie Gott will unser Herz sein, Gott will es sein. Und Gott darf es sein. Das ist der tiefste Sinn der Weihnachtsbotschaft. Ihn bestätigt uns im letzten Buch der Bibel ein ungeheurer Satz, der erstaunlicherweise den meisten Christen, Theologen eingeschlossen, unbekannt ist. An die Gemeinde in Ephesus läßt Christus schreiben: "Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradiese Gottes steht" (Offb 2,7). Das kann nur heißen: Christus erfüllt unsere tiefste Sehnsucht nach Gottes eigenem Leben, natürlich nicht auf die unmögliche, kranke Weise, wie das böse Prinzip sie uns umlügt ("wie" Gott), sondern auf die wahre, göttliche Weise: in Gott, indem wir gleichrangige Glieder seines einzigen, allumfassend lebendigen Sinnleibes sein dürfen: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben" (Joh 15,5).

Alles ist mithin genau andersherum, als der Neid es uns vorlügt. Nicht das Christentum ist verfassungsfeindlich, vielmehr ist, in unserer Verfassung, die Betonung der Menschenwürde eine späte, reife Frucht des Christentums. Weil Jesus die Würde eines jeden Menschen geachtet, bewußt gemacht und bis zum Tod verteidigt hat, deshalb ist die der Antike selbstverständliche Sklaverei in der Christenheit langsam zurückgedrängt und schließlich abgeschafft worden. Daß die Kirche in diesem Kampf oft weit hinten stand, ist leider wahr; einst wurde die Freilassung von Kirchensklaven sogar offiziell verboten, wäre so doch das Kirchenvermögen gemindert worden. Das Versagen der Christen beweist aber nichts gegen die Heilkraft der christlichen Grundwahrheit.

Sie wollen wir in dieser Weihnachtszeit möglichst tief zu erfassen versuchen. Wer ist das Christkind? Das Wort Gottes persönlich in unserer Mitte. Welches Wort Gottes? Eben jenes Wort, mit dem eine Person sich selbst ausdrückt: "Ich". "Ich bin es," betont Christus bei Johannes immer wieder; dieses "ego eimi" meint die Tiefe seiner Person, läßt sich auch als "ich bin ICH" übersetzen. Jeder von uns darf sich selber als Gleichnis dieses Geheimnisses hernehmen; denn als Gottes Gleichnis ist der Mensch geschaffen, jede und jeder von uns. Meinen Gedankengang versteht deshalb nur richtig, wer ihn so nach- und mitdenkt, daß er das Wort "ich" auf sich selbst bezieht.

In mir leben viele Organe, mit voneinander getrenntem Bewußtsein. Ein Finger spürt rauh oder glatt, versteht aber nichts von blau und rot oder moll und dur. Finger, Auge und Ohr haben aber eines gemeinsam: sie sind ich. Meist denken sie daran nicht, sind voll auf Flächen, Farben, Töne konzentriert. Immer wieder einmal aber durchfährt sie der Blitz der Selbsterkenntnis: Wer da spürt, sieht, hört: das bin ich! Geheimnisvolles Ich. In allen Organen lebt es, in einigen erlebt es sich auch. Ist es selbst auch ein Organ?

Einerseits nicht, vielmehr ist es die allgemeine und zugleich personhafte Wirklichkeit aller Organe zusammen und jedes einzelnen für sich. Eben ich, mein Selbst. Und doch bin ich in mir auch ein bestimmtes Organ. Nicht von Anfang an. Solange ich ein Baby war, habe ich schon erlebt, auch mich erlebt, Wörter aber gab es noch nicht für mich. Später nannte ich mich, wie die anderen Leute, bei meinem Namen. Bis irgendwann das ungeheure Ereignis geschah und ich einsah: Ich bin ich. Seither gibt es mein Ich nicht nur als den Totalsinn all meiner Organe, sondern auch als abgegrenztes Sonderorgan neben den anderen Organen: eben jene exakt bestimmte Struktur in meinem Gehirn, in der das Wörtlein "ich" codiert ist.

Sie ist zwar unterschieden von Finger, Ohr und Auge, hat eine nur ihr eigene Würde, weil sie das Ganze bedeutet, jenes Ich, das alle Organe umfaßt und beseelt. So verweist sie auf den Menschen Jesus: Nur in ihm erscheint Gott in Person. Entscheidend für mein Selbstgefühl ist aber - solange ich gesund bin - nicht was ich bedeute, sondern was ich bin! So unteilbar einfach ist das Ich, daß jedes Organ, obwohl es an ihm nur teilhat, doch ein bestimmter Lebensvollzug des ganzen Ich ist. Vergewissern Sie sich: Ich selbst, nicht nur meine Augen, sehe was mir vor Augen ist; ich selbst höre, was meine Ohren vernehmen; ich spüre, was meine Finger tasten. Solcher geistige Sprung nach innen hilft zum unentfremdeten Verständnis der Inkarnation. Obwohl das Wort-Organ "Ich" nicht Finger, Auge oder Ohr ist, sind doch diese drei und überhaupt alle Organe nichts anderes als ich. Sie können auf das Ich nicht neidisch sein: weil sie es selber sind: "Christus lebt in mir" (Gal 2,20).

"Gott hat den Himmelsthron verlassen und muß wandern auf der Straßen." Warum? Weil Er uns auf den Himmelsthron heimführen will: "Wer siegt, dem gebe ich, mit mir sich zu setzen auf meinen Thron" (Offb 3,21). Christus macht es nicht wie der Chef, der sich beim Betriebsausflug leutselig gibt. Ernster als er meint Jesus es: "Ich nenne euch nicht mehr Knechte ... sondern Freunde (Joh 15,15). Unbedingt? Nein: "wenn ihr tut, was ich euch weise" (Joh 15,14). Bringt diese Bedingung nicht doch wieder unerträgliche Fremdbestimmung in unser Verhältnis zum Sinn der Welt? Überhaupt nicht. Wenn Hand und Zunge tun, was ich will, sind sie nicht fremdbestimmt. Beide sind ja ich. Tun sie es aber nicht, dann sind sie krank und müssen, um heil zu werden, auf ihr übles Sondersein verzichten. "Sünde" kommt von "sondern"; wer sich gegen sein Ich das lebendige Ganze absondert, ist allerdings verloren, ähnlich wie ein krebsiges oder aussätziges Körperglied. Etwas Besonderes ist jede und jeder, nur im Ganzen aber, nicht ohne oder gegen den Gesamtleib, den wir miteinander bilden.

Vor einem Baby hat niemand Angst - außer er fürchtet, wie Herodes, um seine ungerechte Macht. Gott ist Baby geworden, um uns die falsche Angst vor ihm zu nehmen. Nicht besser als wir wollte er es haben, damit wir glauben können, daß wir im Kern nicht weniger sind als er. Dank seiner Gnade, gewiß. Seine Gnade ist aber nicht fremde Willkür, sondern der tiefe Quellgrund unseres eigenen Seins. Hier, im innersten Punkt, geht uns die Weihnachtssonne auf. Daß sie die Wolken weltlicher Mißverständnisse und sündiger Eigensucht immer strahlender besiege, das schenke uns in seiner Menschenfreundlichkeit der neugeborene Gott.

Volle Internet-Adresse dieser Seite: http://www.kath.de/predigt/kuhlmann/weihneid.htm

Weitere Predigten

Andere Texte des Verfassers (z.B. Abschiedspredigt 1972, Kinderbuch für Erwachsene, Kleines Credo für Zeitgenossen, Heiße Eisen, Simone Weil)

Kommentare bitte an Jürgen Kuhlmann