Jürgen Kuhlmann

Das Geheimnis der leuchtenden Nacht


Anlaß: Weihnachten
Kernaussage: Im Gottmenschen Jesus offenbart sich unser ei-
genes Geheimnis: die Einheit von Demut und Selbstbewußtsein.
Kurzinhalt: Die Weih-Nacht heiligt alle Tage - Offenbarung
der Spannung von Gnade und Selbst - Grund des Widerspruchs
von Religion und Humanismus - jugendliche Polarität von
Gehorsam und Freiheit - Gottes Güte glaubhaft machen!
Ziel: Der Hörer besinnt sich neu auf den Felsgrund seiner
gottgeschenkten Menschenwürde.


Was ist das Gegenteil von Weihnacht? Alltag: ungeweihter, gewöhnlicher Tag. Was ist die Wirkung der Heiligen Nacht? Dank ihr werden alle Tage heilig, unheilig kommen sie nur uns Schwachgläubigen vor. Mit dem himmlischen Licht geht es ähnlich wie mit dem irdischen. Ein Gegenteil von Lichtquelle ist das finstere Meer. Strahlt die Lichtquelle aber so hell wie die südliche Sonne, dann bleibt das Meer nicht finster, sondern leuchtet selbst in schimmerndem Blau. Ähnlich wie die Sonne das Dunkel hell macht, wandelt die Weih-Nacht unsere Tage in heilige Zeiten und bringt uns gewöhnliche Menschen zu göttlicher Würde. Gewiß ist das Kind in der Krippe, vor dem die Christenheit sich auf die Knie wirft, ein besonderes Kind - nicht um uns zu überragen aber ist der ewige SINN des Ganzen einer von uns geworden, vielmehr um in seiner Person die Brücke zu sein, auf der Gott und Mensch sich in Liebe begegnen. Wäscht Jesus später seinen Freunden ihre staubigen Füße, dann spielt da nicht ein Prinz auf der Schloßbühne die Bettlerrolle, um sich hinterher auch dafür noch lobhudeln zu lassen, sondern die schöpferische Lebenslust des Alls schafft Wirklichkeit: diese ungebildeten Provinzvagabunden, vom römischen Kaiserpalast aus gesehen die letzten Menschen, sind tatsächlich das, wozu Jesu Freundschaft sie macht: würdig, daß Gott selbst sie eigenhändig bedient. Das, nicht weniger, verbirgt sich in den Worten, die wir oft so gedankenlos heruntersagen: "Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen".

Deshalb ist Weihnachten, das Fest aller Menschen, eine Brücke zwischen dem religiösen Glauben und der Überzeugung solcher sog. Ungläubiger, die aber nicht ungläubig sind, sondern an den Menschen glauben. Der Streit zwischen Frommen und Unfrommen, egal ob er derb am Stammtisch oder in hochgelehrter Abstraktion ausgefochten wird, mag jeweils für beide Seiten sinnvoll, ja notwendig sein, die in ihm mitschwingende Rechthaberei ist aber - theoretisch gesehen - ähnlich dumm wie bei folgendem Gespräch am Meeresstrand: Schauen Sie, die Sonne ist hell, also ist das Meer, weil es nicht die Sonne ist, finster. - Unsinn, sehen Sie doch selbst, das Meer ist leuchtend hell, also gibt es keine Sonne!

Ich gebe zu: Ein derart dummes Gespräch findet in Wirklichkeit nie statt, weil jeder sieht, daß die Sonne am Himmel steht und das Meer erleuchtet. Daß Gott im Himmel lebt und die menschliche Person bis in ihren innersten Grund hell macht, so daß sie mit vollem Rechte selbstbewußt ist, gewiß ihrer gottgeschenkten unendlichen Würde - das sieht niemand, es auch nur zu denken fällt dem Verstand übermenschlich schwer, kommt ihm doch die Spannung von Geschenk und Selbst wie ein unmöglicher Widerspruch vor: entweder hänge ich von der Gnade eines anderen ab oder ich bin aus eigenem Ursprung selber wer. Daß aber dieser Grund zu gutem Stolz: aus eigenem Ursprung selbst wer zu sein, eben das allerwunderbarste Geschenk der göttlichen Gnade an uns ist - solches Ineins der äußersten seelischen Gegensätze ist eines jener Geheimnisse des Glaubens, die gemäß dem katholischen Dogma niemand wirklich begreifen kann, kein schlichter Mensch und kein supergescheiter, natürlich auch kein Prediger. Der kann es aber gerade so, als unbegreifbares Geheimnis, weitersagen, so daß - von diesem innersten Kern der christlichen Botschaft aus - der Streit zwischen Frommen hier, Selbstbewußten dort, als sinnvoll und nie ganz lösbar verständlich wird. Die Gottgläubigen wählen den Wahrheitspol der Gnade, die unfrommen Menschgläubigen den Gegenpol des Selbst; solange beide friedlich miteinander sprechen und leben, kann ihre heimlich-gemeinsame Heilswahrheit die Menschenherzen immer tiefer mit ihrer Spannkraft durchdringen.

Welchen Sinn hat es aber, von etwas Unbegreiflichem zu sprechen? Worte sollen doch verständlich sein, sonst wäre Schweigen besser. Ließe die christliche Lehre sich prinzipiell nicht verstehen, wozu hätte Gott sich dann offenbart? Da stimmt doch etwas nicht.

Was nicht stimmt, ist der maßlose Anspruch unseres Verstandes. Natürlich soll er die Worte der Offenbarung verstehen. Das ist ja auch nicht schwer. "Gott ist die Liebe" - das versteht jedes gläubige Kind. Zuerst von unten, wenn es sich in der Liebe von Mutter und Vater gut aufgehoben weiß. Wie sagte so schön der zweidreivierteljährige Peter, als er an naßkaltem Herbstabend sein Mäntelchen auszog und treuherzig zum Papi aufblickte? "Gell ich g'hör zu uns," lächelte er, und damit war alles gesagt. Mittlerweile ist er sechzehn und muß mühsam lernen, daß Liebe sich zwar leben und verstehen, aber nicht so eindeutig verstehen läßt wie ein Computerprogramm. Wie paßt es mit meinem Selbststolz zusammen, daß ich mich gehorsam unterordnen soll? Und sobald ich mit diesem Widerspruch, durch Abwechslung, irgendwie zurechtkomme, verschärft er sich und man verlangt, daß ich innerhalb eines fremdbestimmten Rahmens auch noch von mir aus eigeninitiativ tätig werden soll. Ist das zu begreifen? - Nein, Peter. Zu begreifen nicht. Aber zu verstehen und zu tun. Und wenn du in ein paar Jahren selber Kinder hast und so ein winziges Wesen schaut dich an und sagt Papi, dann wirst du zwar immer noch nicht begreifen können, aber in deinem Herzen wissen, daß dank der Liebe Abhängigkeit und Selbständigkeit im Tiefsten keine Widersprüche sondern dasselbe sind: "Von oben" nimmst du dann wahr, wie die bejahende Liebe der Eltern kein anderes Ziel will als die volle Freiheit ihres Kindes. Deshalb betet, wer selbst Vater ist, reifer "Vater Unser" als der (noch so bejahrte) Jüngling, dem das Wort "Vater" nach Übermacht und Rivalität klingt. Leider fühlt allerdings manch kirchlich geprägter Vater nicht gemäß seiner erlösten Vernunft, sondern mißversteht die eigene Vaterschaft nach dem Modell des ihm eingebleuten einseitig heteronomen Gottesbildes: Gott siehts, Gott hörts, Gott strafts - und das arme Kind wird in eine Gottesvergiftung gehetzt.

Unterscheiden wir darum klar zwischen Verstehen und Begreifen. Vernehmen und (mit unserer Ver-nunft) verstehen läßt sich die offenbarte Liebe Gottes in dem Maße, wie wir ihr Abbild, die menschliche Liebe, in unserem Leben erfahren dürfen. Mit dem Verstand begreifen können wir sie aber nicht, weil ihre beiden Pole Gnade und Selbst beim Nachdenken so weit auseinandertreten, daß jeder den anderen zu vernichten scheint. Das kann nicht anders sein, denn eben diese Spannung von unendlicher Abhängigkeit und ursprünglichem Selbst ist jene innergöttlich ewige Geburt des Sohnes aus dem Vater, deren irdische Erscheinung in Betlehem wir an Weihnachten feiern. An ihr Anteil hat jedes glaubenden Menschen Beziehung zu Gott, ihr Abbild ist das Verhältnis eines Kindes zu den Eltern, voll durchschauen kann diese göttliche Spannung aber kein Mensch..

Unbegreiflich also ist das Weihnachtsgeheimnis und zugleich dem liebenden Herzen hellstrahlend offenbar. Zünden wir deshalb für unsere Kinder immer wieder die Kerzen an und seien wir nicht traurig, daß wir, wie diese, langsam zu Ende brennen. Soweit es an uns liegt, darf kein Kind verloren gehen. Soweit es an Gott liegt, auch nicht. Und an ihm liegt alles. Das Christkind ist zuletzt nicht verloren gegangen, sondern lebt unzerstörbar beim Vater. Dort wird auch uns das Fest ohne Ende bereitet. Wenn wir daran glauben und christlich leben, das heißt so, daß solcher Glaube auch unseren Mitmenschen glaubhaft wird, dann haben wir das Weihnachtsgeheimnis, so unbegreiflich es bleibt, trotzdem richtig verstanden.

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