Jürgen Kuhlmann

Notwendige Heilsspannung von Angst und Hoffnung


Anlaß: Allerseelen,Totensonntag; Kurse für Sterbebegleiter
Botschaft: So fremd die alten Bilder der letzten Dinge uns
geworden sind, so klar bleibt doch der Glaube: Die Verdam-
mung des Bösen ist zugleich die Erlösung des Guten!
Themen: Das Rauschen von Angst und Hoffnung - eine alte
Höllenvision - Höllenangst auch heute - eine Himmelsvision
- Lärm widersprüchlicher Signale - Glaubens-Stereo - die
Verdammnis des Bösen an uns ist die Rettung des Guten in
uns - unsere Klarheit: die totale Spannung
Ziel: Der Hörer verdrängt sein Sterben nicht, sondern sagt
ja zu dessen totaler Spannung in jedem Augenblick.


Dunkler werden wieder die Tage und kürzer, die Sanduhr auch dieses Jahres rinnt auf das Ende zu, schmerzlicher als andere Monate erinnert der November uns Menschen daran, daß wir vergehen. Das tun wir allesamt seit es Menschen gibt, unzählbare Generationen schon mußten sich unter dieses Schicksal beugen. Was können wir von den Früheren lernen? Welche Gedanken haben ihnen geholfen, als Vergängliche zu leben, un-erdrückt von der Last des sicheren Endes? Als Christen sind wir zusammengekommen, vergleichen wir deshalb die Gefühle unserer Herzen mit dem Glaubenserbe, das wir empfangen haben. Denn nur indem wir die Tradition mit eigenem Blut auffrischen, können wir sie für uns selbst und für Spätere lebendig bewahren. Was fühlt, beim Gedenken an den bevorstehenden Tod, gegen Ende des zweiten christlichen Jahrtausends ein Gemüt, während der Schuh durch welkes Laub raschelt und der Blick sich im Novembernebel verliert?

Die meisten fühlen vermutlich so etwas wie ein unklar graues Rauschen von Angst und Hoffnung: gegensätzliche Stimmungen, die einander überlagern, stören, nicht zu deutlichem Ausdruck kommen lassen. Wird uns nicht, wenn wir im Museum die leuchtend bunten Gemälde aus dem Mittelalter anschauen, seltsam zweiflerisch zumute? Da stellt ein Bild die Hölle dar; wehrlos winden Verdammte sich im Feuer, Teufel quälen sie mit Zangen. Man ahnt das Grauen, das ein Mensch von damals beim Gedanken an die göttlichen Strafen empfunden haben muß, auch schon an die im Fegfeuer. Hören wir, was über Adelheid von Rheinfelden berichtet wird, die im dreizehnten Jahrhundert Priorin eines Klosters im elsässischen Unterlinden war: »Sie wurde im Geist entrückt und von einem Engel zu den Stätten des Schreckens und der Pein geführt. Sie waren erfüllt vom Jammer, Geschrei und Wehklagen der Gepeinigten, und sie sah darin eine unermeßliche Zahl von Menschen beiderlei Geschlechts, desgleichen Klosterleute von verschiedenen Orden, die sich wegen ihrer großen Zahl gegenseitig entsetzlich bedrängten, so daß sie eben davon die ärgste Qual und den höchsten Jammer erlitten. Diese alle wurden, wie es ihre Sünden verlangten, verschiedenen furchtbaren Qualen unterworfen, und jeden Augenblick vermehrte und verminderte sich ihre Zahl, weil abwechselnd ganze Scharen von Seelen weggingen und auf dem Weg des Todes beständig neue ankamen. Darunter sah sie auch einige Personen, die sie gekannt hatte, als sie im Fleisch gelebt hatten, und die mit ihr verwandt waren. Auch diese wurden lange mit schrecklichen Strafen grausam gemartert, dem strengen Urteil des allmächtigen Gottes gemäß, der kein Vergehen, möge es in den Augen der Menschen noch so gering sein, ungestraft vorbeigehen läßt.« [Aus: Mystische Texte aus dem Mittelalter, hgg. v. Walter Muschg, Zürich 1986, 41]

Auch uns erschreckt eine solche Schilderung. Aber nicht, weil wir im Ernst glauben mögen, Gott der Allerhöchste gehe mit Verstorbenen derart unmenschlich um - ach nein, menschlich muß es heißen, denn eher als an einen jenseitigen Quälort müssen wir ans KZ denken und all die wirklichen Greuel, die auf Erden übermächtige Folterer wehrlosen Opfern antun, bis heute. Gott, der die Liebe ist, kann doch niemanden quälen wollen ... Oder? Seien wir ehrlich. Versteckt sich nicht doch auch in vielen von uns die tiefsitzende Angst vor dem verdammenden Richter - zuletzt, wenn alle Zwiebelschalen unserer oberflächlichen Erfolge und Rechtschaffenheiten abgeschält sind und bloß das erbärmliche nackte Nichts übrig bleibt, das ich wirklich bin? Gäbe es nicht so viel Wichtiges und Gutes zu tun jetzt, und ich vertändele sinnlos auch diesen Tag - wie will ich das, um Gottes willen, DANN verantworten? Ein tüchtiger Wirtschaftsfachmann erzählt, wie er als Bub jedes Suppenhuhn beneidete, weil es nur in den Kochtopf, nicht zur Hölle unterwegs war! Ja, zuweilen habe ich Angst, daß DANN unnennbar Gräßliches auf mich wartet. Aber das Gefühl bleibt verschwommen. Sobald ich es in klare Bilder übersetzen will, huscht auch schon der Widerspruch durch mein Bewußtsein: Unsinn, Gott liebt dich wie ein Vater sein Kind. Quält ein Vater sein Kind, weil es müde ist?

Verscheuch also die dumme Angst, vernimm lieber, wie es jener Schwester Adelheid später erging: »Alsbald kam der Geist des Herrn über sie, und in einer Entrückung wurde sie sehr hoch erhoben und schaute mit den Augen des Geistes in einer wunderbaren Begnadung das Geheimnis der höchsten Wahrheit. Sie durfte dort oben die unendlichen Himmelsfreuden, die Gott für seine Auserwählten zum ewigen Lohn aufbehalten hat, im vergänglichen Leben gleichsam vorauskosten, obgleich nur für die Länge eines flüchtigen Augenblicks ... In ihrer Todesstunde, als sie schon in den letzten Zügen lag und die Augen geschlossen hatte, erheiterte sich plötzlich ihr Antlitz für ein Weilchen und brach in ein ganz leises Lachen aus. Wir alle, die zugegen waren, sahen es mit Freude. So wurde diese selige Seele in Freude und Fröhlichkeit aus den Banden des Körpers befreit, um in Ewigkeit die Wonnen des unsterblichen Lebens zu genießen.« [S. 47-49]

Schön wäre es, denkt das moderne Herz - doch ach, mischt sich sogleich auch hier der Zweifel ein, wäre es wirklich so schön? Nur mehr schauen und ruhen, nichts mehr bewegen können, das ewige Leben eine nie endende himmlische Show ? Ich weiß nicht. Selbst wenn es gewiß wäre - will ich mich darauf freuen? Warum strotzt bei Dante die Hölle so vor Leben, warum scheint sein Paradies so blaß, wer versteht nicht den Münchner im Himmel, der an Manna und Halleluja keinen rechten Spaß hat?

Die Einsicht drängt sich auf, daß die überlieferten Himmelsbilder uns Heutige ähnlich kalt lassen wie die Darstellungen der Hölle. Wo unsere Glaubensahnen von zitternder Angst oder Hoffnungsjubel ergriffen waren, da geht es uns so wie dem Bruder, wenn der Vater Klassik hört und die Schwester ihren Dudelfunk: er, dazwischen, vernimmt bloß Lärm. Da kann er sich die Ohren verstopfen. Oder er lauscht mit Kopfhörern dem eigenen Programm. Oder er besucht, nacheinander, beide. Uns bleibt, weil wir Christen sein wollen und also auf die Tradition angewiesen sind, nur dieser letzte Weg. Lassen die alten Höllen- und Himmelsbilder sich so auffrischen, daß die kräftigen Gefühle der Glaubenden von damals in uns neu lebendig werden? Ich glaube, ja.

Wir müssen sie nur richtig verstehen. Das heißt: Nicht als eine Art Reportage-Fotos von Dingen, die irgendwann geschehen werden. So wären sie falsch; denn die allherrschende Liebe kann weder so abscheulich quälen noch so langweilig beglücken wie jene Bilder uns zeigen. Nicht Reportagen wollen sie aber sein, vielmehr »Stereo-«Symbole unvorstellbarer geistiger Wirklichkeit. So aufgefaßt, widersprechen sie einander aber nicht, sondern gehören zusammen! Zitternde Angst vor der Hölle und jubelnde Hoffnung auf den Himmel löschen einander keineswegs aus, sondern ergeben erst zusammen das wahre christliche Grundgefühl. Wie kann das sein?

Sehr einfach: Verdammnis und Seligkeit warten beide auf denselben Menschen, aber nicht auf dasselbe in ihm. Verdammt wird genau das, was er auch selbst, sofern er ein heiler Mensch ist, längst verdammt hat: Seine Schwäche und Halbheit, Bosheit und Lieblosigkeit, alles das an ihm, was er in besseren Augenblicken selber an sich so sehr haßt und verachtet. Alles das stürzt DANN offen vor aller Welt in die Glut der Schande und Nichtswürdigkeit - damit allerdings auch ich selbst, sofern ich es wirklich sein will; das aber, so wollen wir hoffen, wollen wir DANN (weil auch schon JETZT) gerade nicht, das wäre ja noch viel dümmer, als wenn eine weiße Braut, während sie unter Orgelbraus zum Altar schreitet, auf Laufmaschen, Teerflecken und Glatze gar noch stolz wäre - glüht sie aber vor Scham darüber, was sie ihrem Liebsten damit antut, dann ist solcher Schmerz zwar ein Gegensatz, keineswegs aber ein Widerspruch zu ihrer noch tieferen Freude über das Glück seiner und ihrer Liebe. Beide Gefühle, Schande und Seligkeit, zerstören einander nicht, sondern verbünden sich zu einer intensiven seelischen Spannung, die allerdings - das sieht jeder ein - kein Maler mehr darstellen kann.

Denn vergessen wir nicht: Bosheit gibt es wirklich. Teerflecken sind ein lächerlich schwaches Bild, sobald es sich um die ganz andere Schande handelt, die ein Mensch verdient, wenn er Unschuldige quält, Wehrlose foltert, eine Mutter vor den Augen ihrer Kinder totprügelt oder Mitmenschen absichtlich zur Verzweiflung treibt. Wer so etwas auch nur im Kleinsten tut, hat Grund, die Verdammnis zu fürchten. So sehr Christus zu verzeihen bereit ist, droht er doch den Hartherzigen das ewige Feuer an. Wenn ein Baß, um die eigene Stimme durchzusetzen, bei der Chorprobe eine Altistin würgt, wie soll ein solcher, falls er von dieser Untat nicht lassen will, DANN dabei sein, wenn beim Konzert doch alle Stimmen zusammenklingen dürfen? Nein: Sofern und solange jemand seine Mitmenschen nicht gelten lassen will, muß er ewige Schande fürchten - um so schlimmer für ihn, wenn er über die jetzt nur lacht.

Und wie steht es um die Himmelsbilder, lassen sie sich von ihrer scheinbaren Langeweile befreien? Nicht leicht. Das macht aber nichts. Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Mündiger Glaube vertraut blind, voller Spannung darauf, wie der Schöpfer die grandiose Verheißung, die wir sind, DANN erfüllen wird. Jene maßlose Sehnsucht nach Glück, die dir ins Herz gelegt ist: warte doch einfach ab, in welcher jetzt unvorstellbaren Freude sie sich lösen wird. Kann ein Blindgeborener sich als Maler eines Sonnenuntergangs in den Alpen vorstellen, ein Taubgeborener die Lust, beim Aida-Triumphmarsch mitzusingen? Denn davon dürfen wir überzeugt sein: Wir sind aktiv dabei in der Ewigkeit, keinesfalls bloß als träge Zuschauer. Friedvollste Ruhe und schwungvollstes Leben zugleich, das kann unser Verstand nicht zusammendenken und die Hoffnung trotzdem um so klarer ahnen, je besser z.B. ein Fest gelingt, je sicherer der Musiker beim Konzert seinen Part beherrscht.

Sind wir heute, weil wir die klaren Jenseitsbilder früherer Christen verloren haben, schlechter dran als sie? Ich glaube, nicht. Worauf es ankommt, das lebt auch in uns, die Gewißheit des Glaubens nämlich: Alles, was wir jemals am Werden sind, gleicht in der Brotmaschine der Scheibe, die gerade abgeschnitten wird; alles, was wir je gewesen sind, gleicht den Scheiben im Korb. Bevor sie auf die Festtafel dürfen, werden sie auf Schimmel und andere Übel hin geprüft, darum ist unsere Erwartung des Ewigen Lebens ein deutliches »Stereo-Gefühl« (dessen Klarheit dem früherer Epochen der Christenheit nicht nachsteht):

1) Linker Kanal: Alles gewesene Schlechte, Böse, Lebensfeindliche an uns ist von Gott verdammt, muß offen vor aller Welt an seiner Schande verglühen. 2) Rechter Kanal: Alles gewesene Gute, Liebevolle, Lebensfördernde in uns ist zum Glanz der Auferstehung bestimmt; denn nichts vergißt der Schöpfer von dem, was er gemacht hat. 3) Balance in der Mitte: Die festliche Spannung »was DANN?« hält sich unverändert durch, in allen Generationen der Menschheit ebenso wie auf allen Lebensstufen des einzelnen. Haben Sie vor dem Tod Angst? fragte jemand den Jesuiten-Pater Wilhelm Klein kurz vor seinem Sterben im Januar 1996. »Nein, die habe ich nicht,« gab der Hundertsechsjährige zur Antwort, »denn im Himmel fängt das Leben ja erst richtig an. Bisher war ich nur im Vorzimmer.«

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