Jürgen Kuhlmann

Advent - erfüllte Wartezeit


Anlaß: Adventszeit
Botschaft: Bei allem, worauf wir warten, erwarten wir im
Grunde dasselbe: das Glück in Person, Gottes Ankunft.
Themen: Der Advent lehrt das rechte Warten - die alte
Kirche wartete auf die Wiederkunft Christi - die heuti-
ge tut es scheinbar nicht - aber jeder wartet sehnsüch-
tig auf das Glück - das sich ganz erst in Gott findet
- an diese tiefe Ungeduld soll jedes Warten uns mahnen.
Ziel: Der Hörer wird sich neu bewußt, welch tiefer Sinn in
seinem allergewöhnlichsten Warten verborgen ist.


Advent, das ist die Zeit des Wartens. Viele von uns erinnern sich gut, wie ungeduldig sie einst als Kinder auf Weihnachten gewartet haben: auf die Ferien, auf die heiß ersehnten Geschenke. Das ist lange her. Warten aber müssen alle Menschen immer wieder; nicht auszudenken, wie viele Stunden Tag für Tag überall auf Erden verwartet werden. - Neulich bekam ich beim Warten ein schlechtes Gewissen. Das Leben ist so kurz, fiel mir ein, und jede Stunde ist unwiederbringlich. Verschludere ich durch Warten nicht die kostbare Zeit? Wenn ich wünsche, die nächsten zwei Stunden möchten doch schon vorbei sein: töte ich da nicht, so viel an mir liegt, einen Teil meines einzigen Lebens? Darf ich also überhaupt so ungeduldig warten? Ist das nicht unerlaubt, eine Art kleiner Selbstmord? - Was sollen wir dieser Stimme antworten? Da hilft uns die Adventszeit, sie stimmt uns in das christliche Warten ein; was wir dabei erleben und verstehen, können wir fruchtbar anwenden, sooft uns die Zeit leer, langsam dahinschleicht, weil wir scheinbar nichts anderes als warten können.

Auf so vieles warten Menschen. »Warum hast Du die Nacht so lang gemacht?« fragt der fromme Sänger (Pater Duval) den Schöpfer und widmet sein Lied den Schlaflosen, den Fernfahrern, den Kranken. »O wann kommst du?« klagt (mit den Worten eines anderen Liedes) das verliebte Herz, nicht allein in den ersten feurigen Monaten einer Liebschaft, sondern auch Jahrzehnte nach der Hochzeit, wenn er nicht einschlafen kann, weil sie noch mit dem Auto unterwegs ist. In seiner Zelle wartet der Eingesperrte auf den Tag der Entlassung; zwischen Bangen und Hoffen wartet nach dem Examen der Prüfling, nach dem Arztbesuch der Schmerzgequälte, nach der Gerichtsverhandlung der Angeklagte auf das Ergebnis, das über seine Zukunft entscheidet. Und überall auf der Welt warten Elende darauf, daß ihr Elend doch endlich vorbei sein möge, genau so, wie Gott es seinem Volk einst angedroht hat: »Am Morgen wirst du sagen: wenn es doch schon Abend wäre! Und am Abend: wenn es doch schon Morgen wäre! - um dem Schrecken zu entfliehen, der dein Herz befällt, und dem Anblick, der sich deinen Augen bietet« (Deut 28,67). Ach, voll des Wartens ist die Erde, voller Ungeduld. Geduld ist ja nichts anderes als der immer neue Sieg über die zehrende Ungeduld. Wo jemand nicht von Ungeduld zerfressen wird, ist seine Ruhe da nicht eher Stumpfheit als Geduld? Diese Ströme der Ungeduld, von denen die Erde überschwemmt wird, sie sollen wir in das Flußbett unserer Adventsstimmung hineinschießen lassen, nur so wandelt die sich aus kindlich trauter Gefühligkeit in erwachsenen Glauben.

Worauf warten wir im Advent? Auf die Ankunft Christi. Das ist leicht gesagt, was aber heißt es? Gibt es für uns einen Weg zurück zu jener ganz anderen, heftig drängenden Adventssehnsucht der ersten Christen, deren Gebet uns sogar wörtlich überliefert worden ist? »Marana tha!«, mit diesem Ruf, eigenhändig angefügt, schließt Paulus seinen ersten Brief an die Korinther, und das ist nicht griechisch, sondern aramäisch, beschwört Christus in seiner irdischen Muttersprache: Unser Herr, komm! Hol uns doch heraus aus dieser seltsamen Zwischenzeit! Warum müssen wir noch im Nebel wandern, obwohl Du schon im Lichte lebst? Unser Bürgerrecht ist im Himmel, den Paß des Gottesreiches, mit Deinem Bild besiegelt, tragen wir bei uns - warum müssen wir uns trotzdem als halbe Ausländer hier in der Fremde herumtreiben, von den Einheimischen belächelt, weil sie deutlich spüren, daß wir nicht so ganz dazugehören; denn Du, unser Kraftfeld und Horizont, reißt den Zaun ihres sogenannten Realismus immer wieder nieder! Ja komm, Herr! So haben die Christen gefühlt, damals am Anfang, als sie noch die verachtete Sekte waren und äußerlich bestimmt mehr den Zeugen Jehovas glichen als einem heutigen Bischof im Kreis seiner gepflegten Berater.

Finden wir zu solch innerem Warten zurück? Wollen wir, wie jene damals, überhaupt adventliche Menschen sein? Ist die Geschichte der Kirche dann nicht ganz anders gelaufen, gegen die Sehnsucht nach der Wiederkunft des Herrn? Als Er Jahr um Jahr ausblieb, Jahrhundert um Jahrhundert nicht machtvoll wiederkam, während seine Gemeinde größer und mächtiger wurde, weil erst die Glaubenden und später in immer helleren Scharen die Mitläufer sich ihr anschlossen: da ist das erwartungsvolle Grundgefühl der Christenheit allmählich verdunstet und die Kirche hat sich in der Welt häuslich eingerichtet - warum auch nicht, ist die doch Gottes Schöpfung! Wenn im Mittelalter eine Äbtissin oder heute ein Kreisdekan mit dem staatlichen Bauamt einen Neubau bespricht, pflegt der zuständige Beamte sein Gegenüber keineswegs als weltfremd zu erleben, vielmehr ist das System Kirche mittendrin in der Welt und gehört gleichberechtigt zum Kranz der übrigen Systeme. »Marana tha!« haben die meisten Christen nie im Leben gebetet, nicht aramäisch und erst recht nicht in der Sprache ihres Herzens. Warten müssen sie, wie alle Menschen, oft genug, auf alles mögliche, nur nicht auf die Wiederkunft des Herrn. Oder trügt dieser Anschein? Sind wir doch Menschen des Advent und merken es nur nicht? Ist es beim Warten ähnlich wie bei Hunger und Durst?

Stellen wir uns vor: Ein Mensch hat tagelang nichts gegessen noch getrunken, da erblickt er einen großen reifen Pfirsich. Was passiert? Er verlangt nach dieser Frucht, alles in ihm drängt zu ihr hin. Fragt man ihn: Willst du den Pfirsich? dann ruft er: ja! Und das ist nicht gelogen, er will ihn, mit aller Wucht von Seele und Leib. Und doch - hätte er statt des Pfirsichs einen Apfel erblickt oder eine Orange oder auch Pellkartoffeln samt einem Bier, so würde er mit derselben Leidenschaft diese anderen Dinge begehren. Will er also nicht den Pfirsich? Doch, und wie! Aber im Pfirsich will er etwas Wichtigeres: Speise und Trank, ja: Leben!

Geradeso ums Ganze geht es unserem Herzen auch beim Warten. Auf vielerlei warten die Menschen; könnten wir aber tief genug in ihr Inneres schauen, dann würden wir in allen und immerfort dieselbe brennende Ungeduld finden. Immerfort - steckt nicht in diesem Wort schon etwas wie die Dauer-Sehnsucht nach Jemandem, der mich mit sich fort nimmt, weg von hier? »Wenn doch was käme und mich mitnähme!« klingt es treuherzig im Märchen, und keß bei Wilhelm Busch: »Schön ist es auch anderswo und hier bin ich sowieso.«

Worauf warten wir? Davon handelt ein packendes Gedicht (von Werner Bergengruen); hoffentlich wird es auch künftig noch vom einen oder der anderen auswendig gelernt:

Deine Zunge war verdorrt;
staubig dein Gesicht,
und du suchtest immerfort
das verborgne Licht.

Jenen Quell, der ewig frischt,
ewig sich kredenzt,
und mit seinem blanken Gischt
alle Nacht beglänzt.

Standst in grauen Pilgerschuhn
vor so manchem Tor.
Wie die Unbehausten tun,
starrtest du empor.

Wandtest dich und wurdest alt,
braunes Haar erblich.
Alle, die mit dir gewallt,
sie verließen dich.

Weißt es nicht, wer dich berief
noch wer dich verbannt,
nur daß dir in Träumen tief
einst ein Licht gebrannt.

Nun das dünne Licht verglomm,
bleibst du ungestillt?
Geist und Braut, sie sprechen: Komm!
Und das Wasser quillt.

»... daß dir in Träumen tief einst ein Licht gebrannt«: An dieses Licht will jede Adventskerze unser Herz erinnern, gerade jetzt, da es draußen fast nicht mehr richtig hell wird, und gerade je bitterer wir begreifen, daß auf den nahenden Abend des Lebens kein irdischer Morgen mehr folgt. Stell eine Kerze auf einen immergrünen Zweig und besinn dich auf das ungeheure Ereignis, das dich erwartet. Egal worauf wir im einzelnen warten: Im Grunde erwarten wir überall und jederzeit doch nur eines: das große, ja das unendliche Glück! Zum Bewußtsein dieser radikalen Sehnsucht will der Advent uns neu ermutigen, so daß der Glaube dann die banalste Wartezeit zum aufrüttelnden Gleichnis erlöst. Ja, mein Gott: Durch Wartezimmer oder Wartesaal, Warteschleife oder Stau zeigst DU mir immer wieder, wie total ich am Warten bin: auf DICH, auf Deinen unvorstellbar gewaltigen Einbruch ins Abenteuer meines Lebens. Darauf wartet, mehr oder minder bewußt, jeder Glaubende. Also unterscheidet unser Glaube sich im Wesentlichen doch nicht von dem der Urkirche. Vielmehr beten, wenigstens unausdrücklich, auch wir: »Komm, Herr!«

Warten wir deshalb weiter, wenn es sich so ergibt. Auf die heißersehnte Chance zum beruflichen Neubeginn. Auf die Heilung des Liebeskummers, des entzündeten Zahnes. Auf den ersten Urlaubs-, den letzten Kasernentag - jeder kennt den eigenen Herzenswunsch. Und wenn die Weisheit dieser Welt uns das ungeduldige Warten mit dem Hinweis auf die Kürze des Lebens vermiesen will, dann stellen wir uns getrost, gegen sie, auf die Seite der unzähligen gewöhnlichen, unweisen Menschen, die im Lauf der Jahrhunderttausende schon, gelassen oder mit Herzklopfen, gewartet haben. Denn wie so oft ist die Schlauheit der Schlauen auch hier nur ängstlicher Geiz. Alles kommt erst noch - da sollen wir die Zeit wohl nutzen, so gut wir können; gewaltsam aus jedem Zeitkrümel möglichst viel Lebensinhalt herauspressen aber, das müssen wir nicht.

»Geist und Braut, sie sprechen: Komm!« Damit ist in der Bibel (Offb 22,17) gemeint, daß Gottes Braut, die Kirche, in der Kraft des Heiligen Geistes ihren Geliebten herbeisehnt (wie nochmals im vorletzten Vers): »Komm, Herr Jesus!« Im Gedicht kann der Ruf dasselbe heißen: die tröstliche Versicherung, daß in der schwachen, fast schon ausgebrannten Menschenseele geheimnisvoll mit göttlich süßer Stimme Gottes Braut Maria-Sophia in Person am Rufen ist und unfehlbar die beseligende Antwort hören wird. Oder aber Sie, die erlöste Schöpfung, ruft den verlorenen Einzelnen zu sich: Komm! Und erfrischt ihn ringsum wie ein Bergbach den erhitzten, halbverdursteten Wanderer. Beide Richtungen der Liebe sind zusammen ihr ganzer Kreis. »Noch eine kleine Weile,« und wir verspüren, was wir jetzt glauben: Auch wir werden schon mit herzlicher Ungeduld erwartet.

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Weitere Predigten

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