Jürgen Kuhlmann

Tolerant und überzeugt zugleich


Anlaß: Pfingstzeit; ökumenischer Impuls
Botschaft: Vom eigenen Glauben tief überzeugt zu sein und
gegen fremden herzlich tolerant: das ist uns aufgegeben.
Themen: Zwei widersprüchliche Logiken - die fundamenta-
listische - die relativistische - relationales Denken durch
Gleichnisse erklärt - a) Ferngespräch b) Schnitte durch
Apfel - c) Buchstaben - Gewissen weist je den Sinn-Ort an
Ziel: Dank verschiedenen Gleichnissen versteht der Hörer,
wie der Hl. Geist beides schenkt: Glaubenssinn und Toleranz.


In früheren Zeiten konnte man von »rein katholischen« und »rein protestantischen« Gebieten sprechen; die meisten Kinder, die dort aufwuchsen, waren ohne viel Nachdenken gewiß, daß sie im wahren Glauben lebten, wenn auch irgendwo anders sonderbarerweise Menschen an ganz andere Lehren glaubten. So einfach ist es heute nicht mehr. Fast in allen Schulen gibt es evangelische und katholische Religionsklassen; in der Straßenbahn sitzt man neben der jungen Türkin, die stolz ihr Kopftuch trägt; ein Kollege berichtet dem anderen von seinem Versuch mit buddhistischer Meditation - sind die Japaner vielleicht auch darum so tüchtig, weil sie meditieren? Der alltägliche Umgang mit Andersgläubigen verlangt von einem heute glaubenden Menschen eine innere Haltung, die er aus seiner Tradition schwer lernen kann, weil sie früher eben nur von wenigen gefordert war, nämlich die bewußte, ausdrückliche Verbindung von Glaubenstreue und Toleranz. Ihr selbstverständliches Miteinander ist jetzt und in Zukunft notwendig - aber nicht leicht.

Überzeugt und doch tolerant - tolerant aber doch überzeugt: wie kann ein Mensch beides von Herzen sein? Wenn ich an eine Wahrheit felsenfest glaube: dann muß ich doch wollen, daß jeder andere sie ebenfalls einsieht, schon aus Liebe zu den anderen muß ich das wollen - ist nicht der Besitz der Wahrheit ein so hohes Gut, daß ich ihn allen Menschen gönnen muß? Ein fest Glaubender hat mithin scheinbar sogar guten Grund, intolerant, ja fanatisch für seine Wahrheit zu kämpfen. Es kann schon sein, daß viele Funktionäre der Inquisition ehrlich gemeint haben, sie täten den Leuten, die sie lebendig verbrannten, letztlich etwas Gutes; vielleicht bekamen die ja mitten im lodernden Scheiterhaufen doch noch Angst vor den schlimmeren Flammen der Hölle und bereuten ihren falschen Glauben, so daß es Gott möglich wurde, ihnen gnädig zu verzeihen. Daß Christen so denken konnten, empfinden wir heute als gräßliche Schande der Kirche. So fühlen jetzt alle, das ist leicht. Schwerer ist es, ihre Logik - die noch heute die Logik zahlreicher Fanatiker ist - logisch zu entkräften. Ist nicht die Seele mehr als der Leib? Und was ist der Seele notwendiger als in der Wahrheit zu leben? Wie soll da jemand, von seiner Wahrheit durchdrungen, leichtherzig dulden (tolerant heißt wörtlich: duldsam), daß andere sie glatt leugnen?

Ebenso stimmig erscheint die umgekehrte Einseitigkeit. Wenn jemand tolerant ist, alle Meinungen gleich gelten läßt, dann ist ihm auch die eigene Überzeugung gleich gültig, im Grunde mithin offenbar gleichgültig. Wo »alles geht«, wo nichts Verbindliches gilt, da macht sich bald eine banale Beliebigkeit breit, nichts ist ernst, nichts packt den Menschen so, daß er dafür auch Mühen und Opfer auf sich nimmt. Die Folge wird sein, daß schließlich - diesem Zustand scheint unsere Gesellschaft bedrohlich nahe - alles nur mehr zum sinnlosen Wirbel um gleichgültige Nichtigkeiten wird. Soviel geistige Freiheit hält der Mensch nicht aus. Wenn die Evangelischen ebenso in der Wahrheit sind wie die Katholiken und die Buddhisten ebenso wie die Christen, wie kann da mein Seelenheil daran hängen, katholisch zu sein? Tut es das aber nicht - warum bin ich es dann? Die Frage stellt sich bereits an einem nebligen Sonntagmorgen, erst recht sobald es wieder zu einer Christenverfolgung kommt. Wären die Christen der Antike auch schon so supertolerant gewesen, dann hätten sie dem Kaiser sein bißchen Weihrauch ja gönnen und ihr entsetzliches Ende in der Raubtierarena vermeiden können.

Fanatische Überzeugung ist in sich logisch, unverbindliche Toleranz ebenso. Wie kann jemand aber zugleich verbindlich überzeugt und doch unfanatisch tolerant sein? In der scheinbar so klaren Logik beider Seiten ist der Wurm drin. Die Psychologie lehrt, daß Fanatismus oft aus heimlichem Zweifel stammt. Was sonnenklar und ohne jeden Zweifel ist, dafür setzt niemand sich fanatisch ein. Nie hört man auf der Straße aufgeregt brüllen: Leute, die Sonne scheint! Daß sie das tut, sieht eh' jeder, wozu es ausposaunen? Und doch soll gerade bei diesem Thema einmal Streit entstanden sein. Bei strahlendem Sonnenschein sitzt einer auf dem Balkon und freut sich am Telefon: Was für ein herrlicher Sommertag! - Du spinnst wohl, antwortet ihm eine ärgerliche Stimme: Es ist eine trübe Winternacht! Schriller und schriller wird der Wortwechsel, zuletzt knallen beide den Hörer auf die Gabel - und finden nicht heraus, daß ihr Streit Unsinn war. Beide haben recht. Denn man telefoniert zwischen Bayern und Neuseeland. Nur wegen des vermeintlichen Ortsgesprächs sind die beiden sich, über 20000 km hinweg, so in die Haare geraten. Wären sie draufgekommen, daß sie ein Ferngespräch führen, dann hätten sie das Grundproblem des Dialogs leicht gelöst: Jeder hätte die eigene Wahrheit als für ihn eindeutig bejahen und zugleich dem andern die andere Wahrheit lassen können. Dreht sich vielleicht nicht nur die Erde im Sonnenglanz, sondern auch die Seele im göttlichen Sinnlicht?

So ist es. Und deshalb soll ich nicht erschrecken, keinen Widerspruch darin sehen, wenn mein Mitmensch eine meiner Wahrheiten ablehnen muß und ich die seine. Gott selbst will diesen Gegensatz. Der Schöpfer des Alls »nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht« (Gen 1,5). Nein: der Menschengeist kann nicht mit einer Einsicht den Reichtum der göttlichen Wahrheit umfassen, dazu braucht es viele, auch gegensätzliche. Solche Gegen-Sätze heben einander aber nicht auf, sondern jeder gilt an seinem Ort, zu seiner Zeit.

Es ist mit dem Sinn des Lebens wie mit diesem Apfel hier: ich schneide ihn durch, so, und man sieht: dies, nämlich diese Schnittfläche, ist der Apfel. Er ist ziemlich gesund, hat nur hier und da eine winzige faule Stelle. Jetzt tue ich die Hälften wieder zusammen und schneide ihn so durch: O weh, jetzt sieht der Apfel übel aus, fast ganz verfault. Und ist doch derselbe Apfel. Stellen Sie sich jetzt ein Gespräch zwischen Menschen vor, die je nur die eine oder die andere Schnittfläche kennen, aber beide über den Apfel zu sprechen meinen - was sie ja auch tun, nur halt nicht über die ganze Kugel, sondern bloß ihren einen oder anderen Kreis, und eine Kugel enthält unendlich viele Kreise! Dann verstehen Sie an diesem simplen Beispiel, wie dumm beide sind, der Fanatiker (heute heißt er Fundamentalist) wie auch sein Gegenpol, der haltlose Sinnschmetterling, der an vielen Blumen nippt und zu keiner gehören will.

Ein Kind will seiner Mutter zum Muttertag einen Brief tippen, leider geht auf seiner alten Schreibmaschine aber nur mehr eine einzige Taste. Das Kind wird sich schwer tun. Des Schöpfers Schreibmaschine ist in Ordnung, umfaßt vielerlei Typen. Jeder von uns soll ein solcher Buchstabe sein, nur zusammen sind wir »ein Brief Christi«, so nennt Paulus seine Gemeinde in Korinth (2 Kor 3,3). Viele solcher Briefe zusammen ergeben, in mancherlei Sprachen und Schriften, das Buch der Kirche. Dieses wiederum bildet, mit anderen Büchern zusammen, die SINN-erfüllte Bibliothek der Menschheit. Lesen darf jeder alles, sein kann er je nur Bestimmtes. Wer zu einem Andersgläubigen sagt: Entweder dein Glaube ist falsch oder meiner, oder gar nichts stimmt - der macht es geradeso, wie wenn die Buchstaben im Wort MAMA sich mit Gewalt einander angleichen wollten. Dann hieße die Botschaft aber bloß MMMM oder AAAA; das Besondere am Urwort MAMA ginge verloren. Verzichten wir endlich auf den dummen Größenwahn, als müßte jede Glaubensweise für sich allein die ganze göttliche Wahrheit bedeuten, das kann sie nicht. Sie ist aber auch nicht beliebig, unverbindlich. Vielmehr muß jeder Buchstabe genau an seinem Platz stehen, nur so stimmt der Sinn.

Diese Doppelerkenntnis ist für die friedliche Zukunft der Menschheit entscheidend. Der Milliardär Soros, der seine Spekulationsgewinne dazu nutzt, Osteuropa auf die Beine zu helfen, ist nicht nur schlau, sondern klug. In einem Artikel schrieb er den Satz: »Letztendlich ist eine Überzeugung in einer offenen Gesellschaft eine Angelegenheit der Entscheidung, nicht der logischen Notwendigkeit« [DIE ZEIT, 17.01.97, S.27]. Für Soros ist »die Vorstellung, wir könnten irgendwie die absolute Wahrheit erkennen,« ein Irrtum. Kann jemand, der an eine absolute Wahrheit glaubt, jenem Satz dennoch zustimmen? Ja; er weiß freilich, daß jene Grundentscheidung nicht die einer isolierten Willkür ist, vielmehr die gemeinsame Entscheidung göttlicher und menschlicher Freiheit in jedem schöpferischen Jetzt. So lehrt es der heilige Ignatius in seinen Exerzitien. Das göttliche Element dieses Entschlusses ist für den Glaubenden allerdings seine absolut verbindliche Wahrheit.

Wie kann ich also wissen, wer ich sein, was ich glauben soll, wenn ich mich nicht schlicht nach dem richten darf, was man sagt - ist das nicht allzu schwer? »Schwierig? Nein,« sagte Pater Wilhelm Klein SJ einmal: »Schwierig nicht. Unmöglich. Solange du es aus eigener Kraft versuchst. Aber das mußt du ja nicht!« Genau zu dieser höchsten Lebenskunst gibt ES (das schöpferische Wohlwollen Gottes) Gnade und Gewissen. Wenn jemand ihr mit ihm achtsam-willig vertraut, so schenkt sich nach und nach die ersehnte Lebensklarheit, bis es dem gereiften Herzen nicht mehr schwierig, vielmehr selbstverständlich vorkommt, überzeugt und doch tolerant zu sein, tolerant und doch überzeugt. Eine solche Person wirkt dann leicht auf beide als ärgerliches Rätsel: auf den Fanatiker wegen ihrer lockeren Toleranz, auf den Flattersinn wegen ihrer festen Überzeugung. Das M in MAMA bejaht auch das A, will aber selbst nur dieses M sein. Nur so gibt ES in der wirbelnden Welt den erlösenden Sinn. Nehmen wir SEIN Geschenk an?

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Weitere Predigten

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