Jürgen Kuhlmann

Von Mißverständnissen bedroht: Das Verzeihen


Anlaß: Passionszeit
Botschaft: Weil Christen an die Freiheit glauben, meinen
sie nicht, sie könnten alles verstehen, mühen sich aber,
das Böse immer wieder zu verzeihen.
Themen: Christi Auftrag - falsch: Herablassung - All-Verstehen -
eine Beispielgeschichte - das Böse als unbegreifliches Nichts - Verzeihen heißt neuschaffen -
verschiedene falsche Weisen werden entlarvt
Ziel: Der Hörer begreift neu den Ernst des
Verzeihungsgebotes.


»Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« Jesus hat selbst vollbracht, was er den Seinen aufgetragen hat. Als Petrus ihn fragte, wie oft er verzeihen solle, bis zu siebenmal?, da bekam er zur Antwort: »Nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu siebenundsiebzigmal« (Mt 18,21). Das heißt einfach: immer wieder. Eine schockierende Auskunft, das spürt jeder, dem schon einmal bitter Unrecht geschah. Will Gott den Elenden total wehrlos? Wenn ein Herz böse gequält wird: darf es dann seine Peiniger nicht wenigstens verfluchen?

Jesus selbst, hilflos ans Kreuz genagelt und dem Tode nah, hat Gott nicht gegen seine Mörder um Rache, sondern für sie um Verzeihung gebeten - uns zum Vorbild, kein Zweifel. Der Schöpfer aller Menschen will, daß auch wir denen, die an uns schuldig werden, von Herzen verzeihen. Auf die rechte Weise aber! Das ist, wenn wir genau hinschauen, gar nicht so leicht.

Manche Leute meinen, daß sie verzeihen, stellen sich aber so entsetzlich hochmütig an, daß der andere sich viel mehr bestraft als begnadigt vorkommt. Wir alle spüren, wie recht jener Spötter hatte (war es Nietzsche?) der da meinte: Eine kleine Rache ist menschlicher als ein großes Verzeihn. Ja: Nach einer kleinen Bosheit bringt die kleine Rache die Waage der Gerechtigkeit wieder ins Gleichgewicht - während eine bestimmte Sorte von großem Verzeihn den andern sozusagen drunten in dem Nichts festschmiedet, wohin er sich durch seine Bosheit selbst gebracht hat, und hochmoralisch steht der Verzeihende über ihm ...

Andere halten sich für versöhnlich, weil sie kaum etwas übelnehmen, »Alles verstehen heißt alles verzeihen,« tönen sie, und denken sich in Situation wie Motive eines Übeltäters so lange hinein, bis sie seine Gründe durch und durch begreifen. Und auf einmal gibt es scheinbar gar nichts mehr zu verzeihen: weil jeder einsehen muß, daß jener Mensch - so wie er die Dinge damals sah - »eigentlich« gar nicht anders handeln konnte als er es tat ...

Unser Herr war weder unversöhnlich noch hat er die Menschen klein gemacht, noch aus naiver Schwäche »alle Fünfe gerade sein lassen«. Wie lernen wir, in seinem Sinn auf die rechte Weise zu verzeihen? Da müssen wir zuallererst gewiß sein, daß es überhaupt etwas zu verzeihen gibt. Nicht selten bemüht jemand sich heftig um die seelische Kraft, einem Mitmenschen etwas zu vergeben, und später stellt sich heraus, daß er dem andern in Wahrheit nicht verzeihen, vielmehr danken mußte! - Bevor alles aber noch komplizierter klingt, will ich lieber, wie Jesus, eine Geschichte erzählen.

In einer Kleinstadt lebt ein Vater mit drei Töchtern und einem Sohn. Eines Tages wollen die Kinder auf eine Party gehen, der Vater verbietet es ihnen jedoch. Wie reagieren die Kinder?

a) Die Jüngste tobt: Wie ich ihn hasse! Bloß weil es nicht zu seinen dummen Ideen paßt! »Meine Tochter geht doch nicht zu solchen Leuten!« Nach uns fragt er überhaupt nicht, es geht ihm bloß um sich. Nein, diese Gemeinheit kann ich ihm nicht verzeihen. Ich ziehe aus, sobald ich kann!

b) Anders sieht es der Bruder: Ach nein, ich nehme ihm das nicht weiter krumm. Fies war es freilich von ihm, er ist halt ein alter Egoist. Aber ich verzeihe ihm - und lasse ihn spüren, daß er das nötig hat, vielleicht merkt er ja endlich, was für ein verächtlicher Kerl er im Grunde ist.

c) Die älteste Tochter sieht den Vorfall soziologisch nüchtern: Haß verdient er nicht. Er ist einfach ein spießiger Kleinbürger und kann nicht aus seiner Haut. Das müssen wir einsehen und ihn ertragen wie er ist. Verstehen heißt irgendwie verzeihen, obwohl ich es genau genommen nicht Verzeihen nenne. Er ist halt so und kann nicht anders. Gehts uns nicht ebenso?

d) Die mittlere Tochter widerspricht allen dreien: Wie könnt ihr bloß so sicher sein in eurer Wut, Verachtung oder Diagnose! Ich traue unserm Vater und glaube, daß wir ihm nicht verzeihen, aber danken müssen! Wahrscheinlich läßt er uns darum dort nicht hin, weil er mehr weiß als wir; vielleicht hat er von Rauschgiftorgien gehört und meint es nur gut mit uns.

Dem Vater wahrhaft verziehen hat keins der Kinder. Die Älteste nicht, weil sie ihn nicht als freie Person ansieht (die auch zum Bösen fähig ist), sondern bloß als Produkt seiner Programme, der Zwänge aus äußeren und inneren Umständen, die ihn angeblich total bestimmen. Wer so denkt, hängt einem in der westlichen Welt verbreiteten Wissenschaftsaberglauben an; der löst unsere Zivilisation aus der Gemeinschaft gültiger Menschheitskulturen heraus und wird wegen seiner geistlosen Flachheit mit Recht verachtet. Wer nicht an die Freiheit glaubt, erniedrigt den Menschen zur Marionette seiner Triebe und Motive, im Grunde also zum Apparat, dem sich weder verzeihen noch danken läßt.

Wahrer Kern dieses Irrtums ist, daß jeder Mensch natürlich stets nur innerhalb seiner eigenen Welt handeln kann. Zu ihr gehören aber auch die Signale aus den Welten anderer Menschen! Daß ich auf sie achten soll, weiß ich kraft des Gewissens. Ob ich nach ihnen frage, darin bin ich frei. Nicht immer, nicht bei schwächeren Signalen vielleicht, aber doch bei starken. Frage ich nicht nach ihnen, dann werde ich notwendig das tun, was meine Gründe mir nahelegen. Formell böse ist nicht, was jemand tut, sondern daß nicht nach dem Recht des andern gefragt wird. »Die Sünde ist nichts, und nichts werden die Menschen wenn sie sündigen«, sagt tiefsinnig der heilige Augustinus. Dieses Loch im Sein, das Nicht-nach-dem-Nächsten-Fragen, es ist das Böse; was sich dann tatsächlich aus ihm ergibt, ist nur mehr natürlich. Ein massives Beispiel: Was ist logischer, als daß eine Frau ihren unnützen und gewalttätigen Ehemann vergiftet, sobald sie es ohne Entdeckungsgefahr tun kann? Was sie da tut, versteht jeder. Daß sie nicht nach seinem Recht fragt, welches ihre Perspektive ändern würde: das ist das Schlimme.

Wer verzeiht, erklärt das Böse nicht pseudowissenschaftlich weg, sondern erkennt es tief-realistisch an als das freie Nichts, das es ist. Mit Gottes Schöpferkraft mitwirkend, schafft der Vergebende aus dem Nichts, zu dem sein Mitmensch sich verdammt hat, das neue Sein des Erlösten. Das ist das Herrlichste, was sich vom Verzeihen sagen läßt: Es ist Mitschaffen aus dem Nichts. Um unendlichen Starkstrom geht es beim Verzeihen, davon hat der flache Zeitgeist keine Ahnung. Soviel lernen wir an der ältesten Schwester.

Die jüngste nimmt des Vaters Freiheit ernst und ist ihm böse. Ihres Fehlers wahrer Kern ist die Einsicht, daß Verzeihen nichts Natürliches ist. Mitschaffen, das können wir nur dank der Teilhabe an der Energie des göttlichen Kraftfelds. So können wir es aber auch und sollen es; darum fällt, wer zu verzeihen sich weigert, selbst aus dem heilen Leben heraus ins eigene Nichts. Denn ebenso wie andere Böse fragt auch der Unversöhnliche nicht nach der Sicht seines Mitmenschen. Sobald der sein Unrecht bereut und um Vergebung bittet, will Gott ihn neuschaffen und wünscht von der gekränkten Person, daß sie dabei mitwirke, ihren Rachewunsch dem göttlichen Ja opfere. Tut sie das nicht, bedarf sie gleichfalls der Verzeihung.

Ebenso dann - damit sind wir beim Bruder - wenn jemand vorgeblich zwar verzeiht, in Wahrheit aber nicht, den Gegner vielmehr spüren läßt, daß er ihn weiterhin für moralisch disqualifiziert erachtet. Verglichen mit solchem Zerrbild von Verzeihung ist tatsächlich eine kleine Rache viel menschlicher: weil sie das Gleichgewicht beider wiederherstellt, auf niedriger Ebene freilich - es sei denn, die kleine Rache ist scherzhaft gemeint, dann kann sie (wenn der andere den Humor versteht) ein besonders schöner Ausdruck des echten Verzeihens sein.

Bleibt die mittlere Schwester, die den Vater nicht anklagt, sondern verteidigt. Hat sie es am besten gemacht? Das kommt darauf an. Stellen wir uns vor, der Vater habe der Kinder Gespräch mit angehört und trete nun, alles zu erklären, in ihren Kreis. Entweder sagt er zur Mittleren etwa: Danke für Dein Vertrauen, Kind, Du hast recht. Und ihr sollt wissen, daß bei der Party gerade jetzt die Polizei erscheint, ein paar Dealer zu verhaften. Drum wollte ich nicht, daß ihr dabei seid. - Das ist die eine Möglichkeit, aus ihr können wir lernen, daß blindes Vertrauen manchmal das Klügste ist.

Vielleicht geht die Geschichte aber anders aus und der Vater sagt zur Mittleren: Es tut mir leid, Kind, aber Du hast mich überschätzt. In Wirklichkeit hatte mein Verbot keinen vernünftigen Grund. Es war, ich gebe es zu, spießig und unberechtigt. Bitte seid mir nicht mehr böse. - Wird der Mittleren die Verzeihung leichter fallen als den anderen? Das ist nicht gesagt. Ihnen hat er bloß einen Abend verdorben, ihr ein Idealbild zertrümmert, das schmerzt tiefer.

Verzeihen hat nichts mit Verdrängung zu tun. Nicht übersehen sollen wir das Loch im fremden Sein (sonst stolpern wir erst recht darüber), sondern es in Gottes Kraft mit Neuem Sein ausfüllen. Nicht was die Vergangenheit angeht, die läßt sich nicht ändern, wartet so wie sie geschah aufs Jüngste Gericht. Wohl aber reißt Verzeihung den Giftschlauch entzwei, durch den das Vergangene fortwährend die Gegenwart zerfrißt. Nur wer alle solchen Schläuche in seiner Reichweite verzeihend unterbricht, darf dann auch selbst ruhigen Herzens beten: Vater, vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

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