Jürgen Kuhlmann

Gottes viele Gesichter


Wer vom Urlaub zurück in den Alltag kommt, den ergreift Jahr um Jahr ein bestimmtes, wohlbekanntes Gefühl; über es wollen wir heute miteinander als Christen nachdenken. Der Glaube ist ja nicht nur eine Summe von Wahrheiten, die ein Mensch von außen her in sich aufnimmt, der Glaube ist auch so etwas wie der Resonanzkörper einer Gitarre, der den winzigen Ton der schwingenden Saite aufgreift und verstärkt. Einer solchen Saite gleicht jeder von uns; was der einzelne fühlt, ist nicht nur sein getrenntes, vergängliches Erlebnis. Vielmehr schwingt es hinein in den lebendigen Raum des gemeinsamen Glaubens und wird dort als gültiger Klang offenbar, als Bestandteil jener Gottesmusik, die der Schöpfer uns irdischen Instrumenten entlockt. Einer ihrer Tonschritte ist jene Rückkehr vom Urlaub in den Alltag, die wir jetzt wieder zu bewältigen haben. Ihren Klang wollen wir gemeinsam hören.

Das ist deshalb schwierig, weil unsere Erfahrungen so verschieden sind. Damit meine ich jetzt gar nicht die Gegensätze von Hochgebirge und Meer oder Nord und Süd. Ganz verschieden und mir unbekannt sind ja auch ihre geistlichen Erlebnisse. Ich stelle mir vor, wie der eine in unsere laue Religionslandschaft aus einer Welt strahlkräftigen, aktiven Christentums zurückkehrt, etwa aus Polen oder einer Basisgemeinde Südamerikas, wo die Menschen noch (oder wieder!) wie in der Urkirche an den Gräbern echter Martyrer, die sie persönlich gekannt haben, die Kraft des Todesüberwinders unmittelbar erfahren.

Anderen mag es umgekehrt ergangen sein: sie haben vielleicht auf einem Campingplatz, fern jeder Kirche, freundliche Nachbarn angetroffen und zuweilen, unter den Sternen und bei gutem Wein, die Zeit damit nicht vertrieben, sondern gefüllt, über Gott und die Welt zu philosophieren. Kann sein, es ist damals das, was Sie für Ihren Glauben gehalten hatten, auf einmal weggewesen, weil der andere Ihnen geduldig die Mechanismen aufdeckte, die angeblich hinter den Religionen stecken: Alle Lebewesen müssen sich in ihrer Umwelt zurechtfinden; auch wir Menschen lassen uns von einem Orientierungstrieb leiten, bemühen uns um Durchblick im Geäst und Überblick in der Savanne des Ganzen. Deshalb suchen wir überall nach einem Sinn, wie wir ihn begreifen können; unsere Wörter, die zunächst etwas Nahes bedeuten (den Vater in der Familie, den Herrn des Dorfes), wenden wir ungeprüft auf das Rätsel des Ganzen an, bis wir uns im Universum zuhause fühlen, weil ein himmlischer Vater für uns sorgt ... Machen Sie sich klar, sagte Ihr Urlaubsfreund etwa und wies mit dem Weinglas zum Himmel hinauf, alle Sterne, die wir sehen, sind nichts als riesige Atomexplosionen. Von einem Sternenzelt ist keine Rede, d.h. eine Rede schon, aber es ist eine leere Dichterrede, in Wirklichkeit deckt uns kein Sternenzelt, und darüber muß kein lieber Vater wohnen, überall dröhnen bloß noch unzählige weitere Atomexplosionen, vielleicht kreisen um manche davon auch Planeten wie unsere Erde, vielleicht schaut auf einer irgendwo ein Wesen staunend in unsere Richtung, ohne zu wissen, daß seine Frage hier bloß auf die unsere stößt, nirgends auf eine Antwort. Es gibt keine Antwort. Sämtliche Weltbilder, Sinnentwürfe, Philosophien, Ideologien sind bloß Einbildungen: hinfällig, verlogen. Das Ganze hat keinen Sinn. Bescheide dich, Mensch, mit deinen Zwecken und laß das sinnlose Gerede von Sinn!

Ein Dritter hat seinen Urlaub in einem islamischen Land verbracht und ist immer noch voller Bewunderung für die Intensität und öffentliche Wirksamkeit dieses Glaubens: Wie die Lastwagenfahrer zur Gebetszeit anhalten und sich am Straßenrand verneigen. Es kann nicht sein, dachte er, daß diese Menschen dem wahren Gott ferner sind als ich, eher sind sie Ihm näher, ich müßte mich schämen, ich traue mich ja nicht einmal, in der Kantine mein Kreuz zu machen.

Ich stelle mir also vor, wie diese drei Reisenden mit ihren gegensätzlichen Erinnerungen hier unter Ihnen sitzen, und alle die anderen, die noch anderes erlebt haben, auf das ich mit aller Phantasie nicht komme. Hier in unserer heimatlichen Kirche sind wir wieder beisammen, singen die altvertrauten Lieder, hören die bekannten Worte und bereiten uns, in Gottes Namen, auf ein neues Arbeitsjahr vor. Was kann der christliche Prediger Ihnen sagen?

Ich bin überzeugt: Wenn geistliche Urlaubsüberraschungen uns aus dem Trott einer allzu selbstverständlich gewordenen Religion aufrütteln, dann ist das gut; denn nur wer die Frage nach dem Sinn des Ganzen scharf verspürt, kann die göttliche Antwort, die der Glaube bringt, echt vernehmen. Sie kennen die Geschichte von Archimedes, wie ihn in der Badewanne die langgesuchte physikalische Entdeckung überfiel und er vor Begeisterung nackt auf die Staße rannte und "heureka" rief: ich habs! Gleichen nicht viele Christen eher den gelangweilten Schülern, die von des Archimedes Abenteuer nur das Ergebnis, den Lehrsatz erfahren, ihn bis zur Schulaufgabe lernen und dann vergessen? In der Physik führt diese Methode wenigstens noch zu einem äußerlichen Wissen, bei der Frage nach Gott jedoch zu gar nichts; da ist, was so gelernt wird, weder Wissen noch Glauben! Nicht Wissen: denn wissenschaftlich hat der Philosoph auf dem Campingplatz ja recht, der Himmel ist tatsächlich kein Zelt unter einem Vater, sondern bloß etwas ungeheuer Leeres mit hie und da einer Atomexplosion. Und was die gaffende Menge am Karfreitag sah, war tatsächlich nicht Jesu Verherrlichung (wie Johannes es deutet), sondern das elende Sterben eines Gescheiterten.

Und auch nicht Glauben: weil die Antwort glauben nur der kann, in dem die Frage brennt. Wo sie das nicht tut, führt alle Mühe von Eltern, Katecheten und Pfarrern nicht zu christlichem Glauben, sondern höchstens zu dessen Vorstufe, einer kindlichen Gläubigkeit. Die ist nicht falsch, aber schutzlos, wo sie nicht vom erwachsenen Glauben anderer Personen gestützt und allmählich - nicht ohne Krisen - zur Reife gebracht wird.

Wieso kann der Glaube aber, wenn er kein Wissen ist, doch wirklich wahr sein? Und wie kann dem Moslem sein islamischer Glaube stimmen und uns Christen der christliche, obwohl beide einander doch widersprechen? Lassen Sie mich diesen Kern des Problems mit einer wahren Begebenheit erläutern. Vor kurzem nahm ich an einer Tagung teil, deren Stargast ein berühmter Aufklärer und Atheist war. Voller Humor sagte er einmal: "Ach wissen Sie, die Paviane glauben ja auch nicht an einen obersten Himmelspavian." - "Sollen wir denn wieder Affen werden?", fragte jemand zurück. Sehen Sie: selbst wer das wollte, könnte es nicht. Wir Menschen können gar nicht anders als, über alles einzelne hinaus, nach dem Sinn des Ganzen zu fragen. Solcher Ausgriff auf Alles und das Eigentliche, eben er ist das Wesen des Menschengeistes. Natürlich kann jemand dieses Wesen verdrängen, sich mit geringeren Fragen bescheiden. Dann wird er ein Spießbürger oder Fachidiot, das ist sein Recht. Er darf seine Scheuklappen aber nicht anderen aufdrängen, eine solche banale Ideologie ist nicht ehrlicher, nur kindischer als andere. Mag ein Kind stolz sein, wenn es das Christkind und den Osterhasen entlarvt hat; einen Erwachsenen, der solchem Stolz sein Leben weiht, heiße ich kindisch.

Oder ist das zu hart geurteilt? Es kann ja sein, daß die Wirklichkeit sich einem Menschen nicht anders denn als Rätsel offenbart. Auch das ist aber kein Wissen, sondern ein Glaube; denn der Sinn des Ganzen ist - egal ob mit Plus oder Minus als Vorzeichen - nicht Thema der Wissenschaft. Was wie Unglaube aussieht, ist in Wahrheit vielleicht nichts anderes, als daß jemand die ihm von Gott her zugedachte Offenbarung des Rätsels tapfer aushält. Auch solcher Glaube, meine ich, ist ein wichtiger Pol des großen ökumenischen Gesprächs der Menschheit. "Mein Gott, warum hast du mich verlassen" - war Jesu letzter Schrei, Ostern geschah erst danach! Wir Christen haben also allen Grund, enttäuschte Zweifler respektvoll anzuhören, auch als Bundesgenossen beim Kampf gegen naiven Aberglauben. Die Welt ist nicht rosa. - Aber auch nicht bloß finster. Nicht nur als Rätsel offenbart sich das Ganze. Den Christen hat es sich in Jesus als Nächstenliebe und in Christus als Sieg über den Tod enthüllt. Auch dieses Doppel-Heil ist nicht die absolute Wahrheit (die gibt es nur für Gott selbst, nicht in irdischen Worten), wohl aber eine, unsere absolute Wahrheit, in der es sich leben und leiden, jubeln und sterben läßt. Hat Gott sich den Muslimen durch Mohammed geoffenbart? Das müssen, können wir nicht prüfen. Für das rechte Verhalten im Urlaub (und zu unseren muslimischen Mitbürgern hier) genügt die demütige Bereitschaft, damit ernsthaft zu rechnen. Zeigt nicht auch ein menschlicher Vater sich jedem seiner Kinder von einer anderen Seite und doch jedem ganz?

Damit sind wir unversehens wieder bei unserer Ausgangsfrage. Wie schaffen wir die Rückkehr aus der weiten Urlaubswelt in die Enge des Alltags? Das Ei des Kolumbus verlangt einen kräftigen Schlag: Indem wir erkennen, wie sehr auch die paar Quadratmeter unseres Büros, Ladens, Hospitals usw. zur weiten Welt gehören. Wer Augen hat zu sehen, nimmt auch um seinen Schreibtisch her - Engel wahr. Jeder deiner Kollegen und Kunden, Vorgesetzten und Untergebenen ist ja, wie du selbst, nicht bloß ein Rädchen im Apparat, sondern ein Mensch, ein Abenteurer auf seinem einmaligen Lebenspfad. Da können die Engel nicht fehlen. Wer sie gar nie sähe, dem hätte auch eine Eins in Religion nichts genützt. Einer solchen Seele bleibt nur: zu ihren Mitmenschen Stunde um Stunde nach Kräften so gut zu sein, als ob der ewige Weltenrichter höchstpersönlich im jeweiligen Nächsten auf ihren Dienst aus wäre. Dann wird ihr Leben auf jeden Fall sinnvoll sein und sich zuletzt, DANN, auch als sinnvoll zeigen. Verschmitzt bemerkte Karl Rahner einmal, daß Jesu Beschreibung des Jüngsten Gerichts (Mt 25) sich ja eigentlich nicht an Christen richten könne. Sie sei vielmehr das Evangelium für die Zweifler. Warum? Sehr einfach: Die Christen kennen die Pointe der Geschichte ja schon, können also "wann, Herr?" gerade nicht fragen!

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