Jürgen Kuhlmann

Tote und Lebende hält Gott


Anlaß: Allerseelen, Totensonntag
Botschaft: Der christliche Glaube an das Ewige Leben ist von Unglauben wie von Aberglauben weit entfernt, bejaht aber auch den wahren Kern jener Irrtümer.
Themen: Das Rätsel des Todes - widersprüchliche Antworten - auch unter Christen - die schlichte Hoffnung genügt - Frieden mit den Abergläubischen: Wunder sind möglich - Frieden mit den Ungläubigen: Dieses Leben wird gerettet - Wir Toten sind lebendig
Ziel: Der Hörer begreift tiefer, daß der Gedanke an die Toten und den Tod dem Leben nicht schadet, sondern dient.


Je älter jemand wird, um so gewaltiger packt ihn das Rätsel des Todes. Immer eindringlicher erscheinen vor seinem inneren Auge die Gesichter von Menschen, mit denen zusammen er - war es nicht gestern? - gesprochen, gescherzt, gegessen hat und die doch jene Schwelle überschritten haben, wohin? Besonders an trüben Herbsttagen zwischen den Gräbern eines Friedhofs springt die Große Frage uns an: All jene Unbekannten waren wie ich, spürten Hunger und Sehnsucht, kannten Angst wie Lust, und jetzt? Was wissen wir über ihre Gegenwart und unsere Zukunft? Denn was sie sind, werden wir sein. Wir und unsere Kinder. Schon das Neugeborene trägt ja sein unterschriebenes Todesurteil um den Hals, nur das Datum der Ausführung ist noch offen.

Und dann? Was kommt nach dem Tod? Da verstehen wir zunächst gar nichts, so grell ist der Lärm der Widersprüche. Mit dem Tod sei alles aus, verkünden die einen, z.B. schließt ein Brecht-Gedicht mit den berühmten Zeilen: "Was kann euch Angst noch rühren? Ihr sterbt mit allen Tieren und es kommt nichts nachher." Woher weiß er das so genau? fragt sich der Hörer. Derselbe Zweifel streift ihn aber auch bei jeder anderen Antwort, die selbstgewiß auftrumpft. Werden wir in anderer Gestalt wiedergeboren werden, je nach unserem Lebenswandel als Hunde, Affen oder Menschen? Nicht nur Hindus glauben das; ich kenne einen Heilpraktiker, der es unternimmt, Patienten in frühere Leben zurückzuhypnotisieren. Ob es ein Wunder sei - fragt er - wenn ein ehedem Geköpfter zuweilen Halsweh spürt? Unglaublich, was alles geglaubt wird!

Lassen wir die anderen, denkt jetzt vielleicht mancher, als Christen wissen wir doch, woran wir uns halten sollen. So einfach ist es aber nicht. Auch innerhalb der Christenheit gehen die Meinungen weit auseinander. Die einen behaupten, sie stünden mit den "armen Seelen" von Verstorbenen in Kontakt, gäben deren Wünsche an die Lebenden weiter. Die anderen weigern sich strikt, "im Drüben zu fischen", halten es vielmehr mit der "präsentischen Eschatologie" des ersten Johannesbriefes: "Wir wissen, daß wir aus dem Tod ins Leben hinübergeschritten sind; denn wir lieben die Brüder" (3,14). Damit sei gemeint: Wir sind schon jenseits des Todes, jetzt geschieht das Ewige Leben, hier auf Erden erfüllt sich der Sinn der Welt, nämlich in jeder Tat selbstloser Liebe - pfui über die schäbige Raffgier, die damit nicht zufrieden ist, sondern um himmlische Belohnung bettelt.

Zwischen beiden Extremen bewegt sich die Überzeugung der meisten Christen: Die Toten sind uns ferngerückt, durch eine unüberwindliche Schranke von uns getrennt. Doch sind sie nicht ins Nichts gefallen, sondern in Gottes Hand, und sie wird voll Freundlichkeit auch uns aufnehmen, warten wir also getrost ab, was nach Gottes Willen aus uns wird.

Genügt solche Hoffnung? Ja. Mehr braucht es nicht. Wer jeden seiner Tage nutzt, um ein wenig mehr Sinn und Liebe in die Welt zu bringen, und das Schweigen des Ganzen vertrauend erträgt, ein solcher Mensch lebt im Heil und braucht sich um den Lärm von Unglaube und Aberglaube rings um ihn her nicht zu kümmern. Am besten hört er weg; denn für ihn wäre der Kampfruf des Atheisten wirklich Unglaube, ebenso muß er sich vor allem Spiritismus hüten; der Versuch, von uns aus die Grenze zum Totenreich zu überschreiten, ist verbotener Aberglaube.

Und doch soll das heute nicht das letzte Wort sein. Weil Jesus die Friedenstifter selig preist, deshalb wollen wir uns von der christlichen Hoffnung aus auf zwei Brücken wagen, die eine zum Unglauben, die andere zum Aberglauben hin. Verschieden sind ja die Erfahrungen der Menschen, und gegensätzlich müssen deshalb ihre Wahrheiten sein! Es ist Tag, sagt der eine. Es ist Nacht, sagt der andere. Einer muß unrecht haben, meint ein Dritter. Unrecht hat aber nur er. Denn man telefoniert zwischen Indien und Mexiko.

Begeben wir uns zuerst auf die Brücke nach rechts. Eine harmlose Form von Aberglaube ist das mulmige Gefühl an einem Freitag dem Dreizehnten oder auch der flüchtige Blick ins Wochenhoroskop. Ernster ist das Beschwören von Verstorbenen bei spiritistischen Sitzungen, am schlimmsten ist religiöser Wahnsinn. Er hat schon zu Mordserien und Massenselbstmord geführt; auch wenn Hitler sich auf "die Vorsehung" berief, war das nicht nur Taktik; der Millionenschlächter hat sich wirklich als Gottes Werkzeug empfunden.

Genau besehen, ist Aberglaube überhaupt kein Glaube, sondern schlechte Wissenschaft. Der Abergläubische läßt sich nicht vertrauensvoll auf ein Wort Gottes ein, sondern meint, er wisse. Er steckt in dem Wahn, daß er einen besseren Durchblick als andere hat. Vermeintlich weiß er etwas, das ebenso eindeutig ist wie die Richtigkeiten der Wissenschaft. Zwei mal zwei ist überall vier; für ähnlich allgemeingültig hält der Abergläubische seine Überzeugung: Wer sie nicht glaubt, so meint er, der hat unrecht, widerspricht einer Wahrheit, die selbst dann, wenn sie den meisten verborgen bleibt, dennoch "im Prinzip" für alle gilt. Tritt ein Aberglaube mit solchem Anspruch auf, dann mögen Glaubende wie Wissenschaftler ihn einfach auslachen. Zu ihm gibt es keine Brücke.

Anders ist es, wenn einer keine Lehre verkündet, sondern eine Geschichte erzählt. Zuweilen erlebt jemand etwas ganz und gar Unwahrscheinliches, das er sich nur als tröstliches Zeichen aus der Welt des Jenseits erklären kann. Ich könnte ein halbes Dutzend solcher "Wunderchen" berichten; nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit hätten sie nicht geschehen dürfen, sie sind aber wirklich passiert, eines hat mein Leben verwandelt. Ohne solche Zeichen gäbe es keine lebendige Religion, wäre auch das Christentum weder entstanden noch die Jahrhunderte hindurch aus Routine und Verweltlichung immer wieder neu aufgeblüht. Stammt ein Zeichen vom guten Geist, dann bewirkt es in der Seele Ruhe, Frieden, Dankbarkeit; wo eines im Gegenteil zu Wichtigtuerei und Aufgeregtheit führt, da heißt es auf der Hut sein, dort lauert heilloser Aberglaube. "Prüfet die Geister" (1 Joh 4,1)!

Die andere Brücke führt nach links. "Es kommt nichts nachher" - das sagen sollte ein Christ nicht, gar zu schlecht verträgt dieser Satz sich mit unserem Osterglauben an die rettende Gegenwart des Auferstandenen. Wäre für den Gekreuzigten nichts nachher gekommen, dann gäbe es keine Kirche. Und auch auf uns wartet das Ewige Leben. Was wir nicht sagen dürfen, sollen wir aber trotzdem so hören, daß wir nicht nur den Irrtum verwerfen, sondern auch den darin versteckten Wahrheitskern achten. Welcher könnte das sein?

Brecht protestiert mit jenem gottlosen Vers gegen wehleidige Jenseitssucht. Er verspottet den scheinfrommen Hans-guck-in-die-Luft, der mit verzückten Augen am Himmel hängt, so daß er in jede Grube stolpert, die andere ihm graben, auch geistige Rauschgifthändler, die von der religiösen Selbstentfremdung ihrer Opfer profitieren. Solche Anklage ist freilich nicht die Wahrheit, leider aber eine Wahrheit über die Kirche. Wo sie uns trifft, da sollen wir das Wort der Engel nach Jesu Himmelfahrt befolgen: Schaut nicht hinauf!

Wahrhaftig: Nichts anderes kommt nachher, sondern dieser selbe Jesus kommt wieder, er ganz, von der Krippe bis zum Kreuz. Und auch wir werden ganz auferstehen, alle unsere Lebensmomente von der Urbegegnung im Mutterschoß bis zur Sterbeminute finden sich DANN in Gott zusammen. Wer sonst bin ich denn, als die Summe meiner Ich-Gestalten? Daraus folgt: Inhalt des Himmels wird nichts als die Neue Erde sein, im ewig lebendigen Verbund der gesamten Schöpfung. Kommt nichts nachher? Falsch! Alles kommt. Und doch: weil nichts anderes, Fremdes, Eingebildetes kommt, sondern die endlich geklärte Fülle dieses Lebens, deshalb drückt der diesseitstrutzige Ruf des Dichters eine wichtige Mahnung aus. So tanze unsere Hoffnung zwischen Aberglaube und Unglaube ihrem Gott entgegen.

"Wir Toten, wir Toten sind größere Heere als ihr auf dem Lande, als ihr auf dem Meere," heißt es in einem anderen Gedicht. Mittlerweile wissen wir nicht mehr, ob das stimmt. Derart ungeheuerlich ist die Erdbevölkerung in den letzten Jahrzehnten gewachsen, daß möglicherweise in diesem Augenblick mehr Menschen leben, als seit Anbeginn der Zeiten gestorben sind. Diese Erkenntnis kann unser Verhältnis zu den Toten entkrampfen. Denken wir beim Friedhofsbesuch oder vor den Fotos unserer Lieben daran: Wir gehören zusammen. Zum einen sind wir Lebenden nichts als "Tote, die ihr Amt noch nicht angetreten haben" [Proust], Tote z.A. gleichsam. Zum andern ahnen wir mitunter jetzt schon, was uns nach dem Ende des zeitlichen Nebels göttlich klar sein wird: Weil Christus durch seinen Tod den Tod getötet hat, sind wir Toten unsterblich lebendig.

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