Jürgen Kuhlmann

Die Umkehr des älteren Sohnes


Anlaß: Fasten- und Passionszeit; Einkehrtage für
kirchliche Mitarbeiter
Botschaft: Christi Bußruf "Denkt um!" richtet sich nicht
nur an Einzelne, sondern an die Kirche selbst.
Themen: Buße tun heißt Opfer bringen - hauptsächlich
aber anders denken - dreimal Kirche: - Gegenwart
Christi - Gruppe der Christen - Gottes Sprachrohr -
oft mißbraucht - entscheidend: das Gewissen.
Ziel: Die Hörer erleben sich als Kirche unter Gottes Gericht


"Denkt um!" Mit diesem aufrüttelnden Ruf (Mk 1,15) beginnt Jesus seinen Weg in die Öffentlichkeit, auf ihn wollen auch wir in den kommenden Wochen der Bußzeit wieder aufmerksam hören. "Tut Buße," in dieser anderen Übersetzung ist Jesu Ruf vielen Christen seit ihrer Kindheit vertraut, so klingt er nach Verzicht auf Süßigkeiten und sonstiges Naschzeug. Solche Buße ist gewiß etwas Gutes. Wer von Opfern überhaupt nichts wissen wollte, wem seine Bekehrung gar kein bißchen weh täte, der nähme die Fastenzeit nicht ernst genug und könnte sich dann auch an Ostern nur halbherzig freuen. Denn als sinnliche Lebewesen sind wir erschaffen; nur wenn der Rhythmus des Kirchenjahres unseren Sinnen spürbar wird, macht er uns seelisch heil. Dieser erste Bußschritt ist also gut und notwendig. Er richtet sich gegen den Egoismus des einzelnen und setzt sich aus vielerlei Fasten zusammen: Fasten des Gaumens, der weniger ißt, trinkt oder raucht; Fasten der Zunge, die sich bittere Worte verkneift; Fasten der Hand, die Geld lieber an echt Bedürftige weiter- als für unechte Bedürfnisse ausgibt. Nochmals: Dieser erste Schritt ist nötig. Doch brauchen wir uns bei ihm nicht lange aufzuhalten, jeder kennt selbst jene kariösen Stellen, wo die Zähne seines Herzens nach dem Bohrer der Buße verlangen.

Vielmehr machen wir uns jetzt an den ebenso notwendigen zweiten Schritt der Bekehrung, indem wir auf den wörtlichen Sinn des Rufes Jesu achten. "Denkt um," hat er gemahnt und dabei zwar alle angesprochen, die ihn hörten, in erster Linie aber gerade nicht die einfachen Leute an ihre Alltagssünden erinnert. Beim Lesen in den Evangelien können wir nicht daran zweifeln, daß unser Herr mit seiner Bußpredigt hauptsächlich die Schriftgelehrten und Pharisäer erreichen wollte, d.h. die maßgeblichen religiösen Instanzen seines Volkes. Daraus ergibt sich - denn das Evangelium bleibt gültig - daß Christi Bußruf auch uns heutige Menschen vor allem als religiös Überzeugte trifft. Er richtet sich mehr an die Kirche als an die Welt, und an jeden von uns, sofern ein kirchlicher Ungeist in uns eifert. Der Bußruf des Herrn und die kirchliche Antwort auf ihn führt also zu einem reuigen Selbstgespräch der Kirche, ähnlich wie eine Person es mit sich selber führt, sooft sie an den Mienen ihrer Mitmenschen merkt, daß sie anscheinend im Unrecht ist.

Ein zerknirschtes kirchliches Selbstgespräch - wie sollen wir so etwas aber verstehen? Dazu müssen wir an der Kirche verschiedene Seinsweisen unterscheiden. Im tiefsten Sinn ist sie der Leib Christi, die irdische Anwesenheit des Gottessohnes selbst: "Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt" (Mt 28,20). Insofern setzt die Kirche Jesu Wirken fort, als der kritisch mahnende und zugleich tröstlich verzeihende Gottespol jenes Selbstgespräches. Ebenso wie Jesus damals den religiösen Autoritäten ins Gewissen redete, spricht der Auferstandene von innen her zu seiner Kirche. Leib Christi: von dieser kirchlichen Seinsweise weiß allein der Glaube.

Ganz anders ihre äußerlich sichtbare Seinsweise: als Menge der Christen. So stellt sie eine Größe der Geschichte und des Alltags dar. Daß die Kirche aus sündigen Menschen besteht, hat sie nie verschwiegen. Ungescheut haben christliche Maler und Dichter des Mittelalters sogar Päpste in die Hölle versetzt, eben als fehlbare, sündhafte Einzelmenschen. Daß auch Pfarrer geldgierig und herrschsüchtig, Trunkenbolde wie Schürzenjäger sein können, wird uns schmerzen aber nicht wundern. So ist die Welt, und zur Welt gehört auch die Kirche in ihrer äußeren Gestalt. "Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche," dieses Gebet vor der Kommunion stellt beide Seinsweisen einander gegenüber: auf der einen Seite die Kirche als rein vertrauende Braut Christi, die mit Ihm ein Leib wird, auf der anderen wir sündigen Menschen, die ihr Schande machen und immer neu Gottes Verzeihung brauchen.

Es gibt jedoch zwischen diesen beiden noch eine kirchliche Seinsweise, und auf sie kommt es jetzt an. Wäre die Kirche nämlich allein die Spannung zwischen Christus ihrem guten Haupt und uns ihren fehlbaren Gliedern, dann würde jener Bußpredigt, mit der Jesus die religiösen Autoritäten in die Krise zwang, in der Christenheit der Adressat fehlen: ein Hauptinhalt des Evangeliums wäre ungültig. Das kann nicht sein. Somit stoßen wir auf eine weitere kirchliche Seinsweise: die Kirche als christliche Gestalt des Alten Bundes, d.h. als jene Instanz, die im Namen Gottes auftritt, Gottes Offenbarungen verkündet und für Gottes Vorschriften Gehorsam von den Menschen fordert. So verstanden, ist die Kirche nicht - wie Christus ihr Haupt - ein eindeutig guter Glaubensinhalt, aber auch nicht - wie in uns fehlbaren Mitgliedern - schlicht ein Teil der Welt. Vielmehr tritt sie der Welt ja gerade mit göttlichem Anspruch gegenüber. Der dennoch - das beweist die Geschichte der real existierenden Kirche, bis heute, allzu schmerzlich - wieder und immer wieder eben nicht Gott, sondern einen menschgemachten teuflischen Götzen den mehr oder minder hilflosen Gemütern der Gläubigen aufzwang, geradeso wie Jesus es den Gottesmännern seiner Zeit, jenen "blinden Blindenführern" (Mt 15,14) so bitter ins Angesicht vorwarf: "Wehe euch, ihr Gesetzeslehrer! Ihr ladet den Menschen unerträgliche Lasten auf, selbst aber rührt ihr keinen Finger dafür" (Lk 11,46).

Wehe euch! Auch dieses Jesuswort gilt. Und es richtet sich nicht an die Heiden, sondern gegen Gottes Stellvertreter auf Erden. Deshalb haben die von Kardinal Ratzinger verspotteten kritischen Christen gar nicht unrecht, die jenes Gebet vor der Kommunion umformulieren: Herr, schau nicht auf die Sünden Deiner Kirche, sondern auf unseren Glauben. Ja, trauen wir uns im Heiligen Geist Christi, mit dem auch wir gesalbt sind, Jesu Worte an die Führer der Christenheit zu richten, sofern sie noch nicht der Neue Bund ist, sondern der Grundversuchung des Alten Bundes auf radikal verschärfte Weise erliegt! "Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist" (Mt 5,21.33): Hexen sind zu foltern, Ketzer zu verbrennen; wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt; der Kirchenstaat ist gottgewollt; Chinesen dürfen ihre Ahnen nicht verehren; die Juden sind von Gott verflucht, und überhaupt ist außerhalb der Kirche kein Heil. All das ist in der Christenheit schon im Namen Gottes gesagt worden, ICH aber sage euch, ruft Christus der Lebendige uns zu: Hütet euch vor dem Satan! Widersteht solch unchristlichen Befehlen ins Angesicht.

"Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen" (Mt 16,18), so steht es mit riesigen goldenen Lettern in der Peterskuppel zu Rom geschrieben. Und es stimmt. Es stimmt aber auch das andere Wort Jesu, gleich darauf (16,23) demselben Petrus gesagt (und auch jetzt ist er nicht bloß als Person angesprochen, sondern in seinem Amt als religiöse Autorität der Christenheit): "Zurück, Satan, du bist mir ein Ärgernis" [wörtlich: Skandalon = Stolperstein]. Grundstein der Gemeinde Christi und Stolperstein für die Gläubigen: aus genau dieser unaufhebbaren Spannung besteht die mittlere Seinsweise der Kirche zwischen Christus ihrem Haupt und uns ihren Gliedern. Solange sie nicht ausdrücklich benannt und in ihrer Zweideutigkeit durchschaut wird, gibt es kein erwachsenes Christentum, nur den fruchtlosen Widerstreit zwischen naiv-kindischer Kirchenhörigkeit und jugendlich-rebellischem Kirchenprotest.

Vor einem Mißverständnis müssen wir uns hüten: daß wir uns aus der Kirche als Altem Bund selbst davonstehlen, indem wir diese Seinsweise auf die sog. Amtskirche abwälzen. Solche Feigheit liegt zwar nahe; denn die religiöse Autorität tritt am greifbarsten dort auf, wo sie sich amtlich-offiziell ausdrückt, in den Äußerungen des Papstes und der Bischöfe. Sie sind jedoch nur die sichtbare Spitze des Eisbergs; zu seiner Masse gehört jeder Christ, der sich als Empfänger und Übermittler göttlicher Weisungen versteht. Hat nicht mancher schon den moslemischen Nachbarn oder die leichtlebige Verwandte hochmütig bemitleidet und nur sich selbst in der entscheidenden Wahrheit gewußt? Den Alten ist gesagt worden: nach Christus keine Offenbarung mehr, außerhalb der Ehe kein Sex, ICH aber sage euch: Richtet nicht. Fremdgläubige Samariter und Huren kommen vor euch ins Reich Gottes. Denn Gott ist Liebe, und verloren ist allein, wer nicht mit Ihm liebt.

Wie aber? Ist alles falsch, was wir gelernt haben? Gilt das sechste Gebot nicht, ist Christus nicht der Weg, die Wahrheit und das Leben? Doch. Aber eben für uns, denen solche Offenbarung geschenkt worden ist. Jesus hat das jüdische Gesetz nicht aufgehoben, sondern erfüllt; Christus hat wirklich seine Gemeinde erbaut. Wer in seinem Gewissen spürt, daß er zu diesem geistlichen Bau gehört, der füge sich ein. Aber eben: in seinem Gewissen und vor dem Lebendigen Gott. Nicht hoch auf ideologischem Richtstuhl. Das ebenso demütige wie kritische Gewissen ist der rechte Ort der Kirche als des christlichen Alten Bundes. An die Kirche als Leib Christi glaubt in uns der unfehlbar reine Glaube. Von der Kirche als Menge fehlbarer Glieder weiß unsere tägliche Erfahrung. In der Kirche als zwiespältiger religiöser Instanz entscheide, vor Gottes Angesicht, jeweils unser waches Gewissen, ob dieser angeblich göttliche Anspruch wahrhaft ein Stück des gültigen Alten Bundes der Kirche ist oder aber eine Fehldeutung, die aus unerleuchtetem Übereifer (Röm 10,2) uns zwar von Schriftgelehrten und Hohenpriestern aufgedrängt wird, vor dem hereinbrechenden Reich Gottes aber wie ein Nebel zergeht.

Sie sehen: Das Evangelium ist ebenso brennend wie tröstlich aktuell. Was euch gestern gesagt worden ist, sei es von eurer Lebensgier, sei es von warnenden Theologen, das sollt ihr heute vielleicht schon vergessen. Frag dein Gewissen, ob alles nicht am Ende ganz anders ist! Denn "die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Denkt um und glaubt an die Frohe Botschaft" (Mk 1,15)!

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