Jürgen Kuhlmann

Die Dreieinigkeit als Heilsspannung


Anlaß: Dreieinigkeitsfest; kirchliche Bildungsarbeit
Botschaft: Am innergöttlich reinen Zueinander sehen wir: jede Lebenswahrheit ist nicht mono, sondern »stereo«.
Themen: Auch »Berufschristen« tun sich schwer mit dieser Wahrheit - Gott ist einer, doch Gott sagt (in Jesus) zu Gott du - reine Beziehung - Realität ist Spannung, nicht Klotz - Folgen für den Alltag - und die hohe Politik
Ziel: Der Hörer ist bereit, den eigenen Standpunkt als Spannungspol zu erleben und auch den Gegenpol zu achten.

Mit der Dreieinigkeitslehre können viele Christen nichts anfangen. Und zwar nicht nur sog. "einfache Gläubige" - die ja, näher gekannt, gar nicht so einfach sind, sondern ein überaus kompliziertes geistiges Mobile stets neu ausbalancieren müssen! Sogar Kirchenprofis stehen zu einem großen Teil ratlos vor jener Lehre, daß es in dem unendlich einfachen Gott drei Personen gibt: den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Z.B. erzählt C.G. Jung, Pfarrerssohn und großer Psychologe, aus seiner Jugendzeit: "Ich erinnere mich noch wohl an meinen Konfirmationsunterricht, den ich von meinem eigenen Vater empfing. Der Katechismus langweilte mich unaussprechlich. Ich blätterte einmal in dem kleinen Büchlein, um irgend etwas Interessantes zu finden, und mein Blick fiel auf den Paragraphen über die Dreieinigkeit. Das interessierte mich, und ich erwartete mit Ungeduld, bis der Unterricht zu jenem Abschnitt vorrückte. Als nun die ersehnte Stunde kam, sagte mein Vater: 'Diesen Abschnitt wollen wir überschlagen, ich begreife selber nichts davon.' Damit war meine letzte Hoffnung begraben." Verdient Pfarrer Jung Tadel? Ich meine: eher Lob für seine Ehrlichkeit. Die Geheimnisse des Glaubens sind unergründlich, niemand kann sich in alle vertiefen; bei jedem von uns, und wäre er der Allergelehrteste, gibt es weiße Flecken auf seiner Landkarte des Christentums. Eben deshalb ist es aber auch keine Anmaßung, wenn manchen Christen, die ihre Lücken an anderer Stelle haben, gerade die Wahrheit der göttlichen Dreieinigkeit sich als wichtig und heilsam gezeigt hat.

Vor einer scheinbar unlöslichen Aufgabe standen die christlichen Denker: In Jesus war Gott selbst ein Mensch geworden, hatte uns in eigener Person das Beispiel gegeben, wie ein Mensch sein Leben in Gottes Sinn gestaltet. "Mein Herr und mein Gott!" So redet der staunende Thomas seinen auferstandenen Freund an, aus solcher Erfahrung wächst die Kirche. Zugleich hält sie aber am Trompetenstoß der Religion Israels fest: "Höre Israel, der Herr unser Gott, der Herr ist Einer!" Mit diesem Ruf auf den Lippen gingen viele Juden in den Tod, ihm darf die Kirche nicht widersprechen. Mögen Heiden an viele Götter glauben, der Christ bekennt, wie auch Jude und Moslem, streng Gottes Einheit.

Gott ist Einer, Jesus ist Gott, und doch hat Jesus zu Gott gebetet. Gott sagt Du zu Gott, und doch gibt es nur einen Gott. Wie kann das sein? Wie sind, damit das sein kann, die göttlichen Personen zu denken? Jahrhunderte lang ist diese logische Nuß von den Christen bearbeitet worden, bis ihr Kern sich enthüllte - verkostet haben die meisten ihn freilich immer noch nicht. Wie ist eine göttliche Person zu denken? Als reine, "in sich stehende Beziehung" (relatio subsistens), antwortet der heilige Thomas von Aquin. Was heißt das? Verschiedenerlei Zwei kennen wir: Nebeneinander und Zueinander. Zwei Äpfel liegen nebeneinander. Solche Vielheit ist in Gott unmöglich; denn Gott ist die Fülle und der Herr allen Seins. Anders ist es beim Zueinander. Denken wir uns in elektronischer Zukunft ein Liebespaar derart miteinander hirnverkabelt, daß jeder auch die Erlebnisse des andern innerlich kennt: Dann hätten beide schließlich ein und dasselbe Bewußtsein. Trotzdem hätten die Beziehungswörter Ich, Du und Wir auch dort ihren Sinn. Geistiges Nebeneinander gäbe es keines, wohl aber innerhalb des gemeinsamen Bewußtseins das reine Zueinander von Person zu Person. So können wir von fern ahnen, wie die Grundspannung in Jesu Bewußtsein jene unendlich tiefe Beziehung vermenschlicht, die sich im göttlichen Leben ewig vollzieht: ICH (der Logos, der selbstbewußte SINN) / DU (Gott Vater, auf den ich mich beziehe) / WIR (unsere völlige Einheit, der Heilige Geist).

Nun könnte jemand sagen (und viele tun das): Mich geht es doch nichts an, ob irgendwo im Himmel eine einzige Person lebt oder mehrere. Das ist aber falsch. Denn Gott ist nicht anderswo, sondern das Prinzip allen Seins; in ihrem Innersten trägt die Schöpfung des Schöpfers Wasserzeichen. Einen ungeheuren Unterschied macht es, ob das Wirkliche im Grunde eine Art Klotz ist oder aber die vibrierende Spannung zweier Pole. Greifen wir aus diesem unerschöpflichen Thema eine einzige Fragestellung heraus: Was folgt aus dem Dreieinigkeitsdogma für das Verhältnis der Menschen zur Wahrheit?

Zahlreiche Menschen (keineswegs bloß Kardinäle) sind der Meinung: Ich habe die Wahrheit. Ich sage etwas und habe damit recht; du sagst das Gegenteil, hast also unrecht. Beispiele für solche Fronten findet jeder in seinem Alltag; Ehepartnern und Kollegen ist die Situation vertraut. Lassen wir jetzt solche Fälle beiseite, wo die Frage tatsächlich eindeutig ist und ein Blick in den Brockhaus oder Fahrplan sie löst. Wie sollen wir uns aber verhalten, wenn beide von ihrer Wahrheit überzeugt sind und eine eindeutige Klärung nicht gelingt?

Dann hilft, so seltsam diese Auskunft zunächst scheinen mag, der Dreieinigkeitsglaube den entscheidenden Schritt voran. Weil nämlich sogar in Gott selbst, im allerwirklichsten Urquell der Realität, nicht das Prinzip Klotz gilt, sondern das Prinzip Spannung, deshalb ist es nur folgerichtig, daß auch in unserer Welt die Wahrheit eben nicht mono, vielmehr als Spannung gegensätzlicher Stereo-Signale sich vollzieht. Wir müssen unsere Spannungen also nicht verdrängen, sollen sie nicht weglügen, nicht mit Harmoniesoße überschmieren, aber auch nicht zu Haß und Feindschaft verbittern lassen. Weder Klotz noch Durcheinander noch Auseinander ist das Grundwort, sondern: ZUEINANDER.

Wenden wir diese Einsicht auf zwei konkrete Problemfelder an. Das erste sei unser Zusammenleben im Alltag. Es ist anders, je nach welchem Grundmodell jemand es versteht. Der eine hat in der Schule gelernt, daß Wahrheit eine klare Sache ist. Zweimal zwei gibt vier, nicht fünf. Wahrheit gleicht einem Klotz, den man hat und bei Gelegenheit anderen auf den Kopf hauen kann: So zwingt man seine Kinder in die Kirche oder verspottet ihren frommen Eifer, nervt den Gatten mit oder die Gattin wegen der Staubsaugerei, verachtet jeden, der idiotischerweise für oder schäbigerweise gegen sozialistische Ideale ist usw.

Der andere weiß: In Gottes bunter Welt ist Wahrheit zutiefst kein logisches Kästchen, sondern lebendige Spannung. Wohl habe ich das Recht, ja die Pflicht, meine Sicht der Dinge zu bezeugen: eben damit das Wahrheitsmobile in der Balance bleibt - denn ich gehöre zum Ganzen, ohne die mir anvertraute Perspektive würde der Schöpfung etwas fehlen ähnlich wie mir, risse jemand meinen Daumen ab. Doch gilt meine Wahrheit nicht allein und gegen fremde Wahrheiten, sondern mit ihnen zusammen, auch wenn solcher Friede mitunter schwer zu erreichen ist. Warum? Wegen unserer Armut an Wörtern. Weil verschiedene Wahrheiten mit denselben Wörtern ausgedrückt werden, kommt es zum Gegensatz und Anschein des Widerspruchs. So läppisch der folgende Schulwitz sich anhört, enthält er doch das Lösungsprinzip so manchen Streits: Wer von euch kann mir ein Tier sagen, das bei uns nicht vorkommt? - Der Dackel. - Aber der kommt doch bei uns vor! - Nein. Bei uns liegt er unter dem Sofa, und auch wenn man ihn ruft, kommt er nicht vor.

Tun wir, zweitens, den Schritt vom Kleinen ins Große. Nicht nur der menschliche Alltag empfängt heilendes Licht aus Gottes Beziehungsfülle, auch das Zusammenleben der Völker wird von ihr durchklärt. Darauf achten die Theologen allerdings erst seit neuerer Zeit. Einer der ersten war der Kölner Matthias Scheeben (um 1875); nach ihm "bilden die göttlichen Personen eine durchaus einzige und erhabene Gesellschaft, eine Gesellschaft, deren Glieder in der vollkommensten Weise gleichartig, verwandt und verbunden sind, und welche deshalb das unerreichbare, ewige und wesentliche Ideal aller andern Gesellschaft ist".

Ein wichtiger Beitrag Europas zur vernünftigen Gestaltung von Staaten ist die Idee der Gewaltenteilung: Nicht in einem Punkt ist alle Macht versammelt, diese wird vielmehr - dank einem klug ausbalancierten System verschiedener Instanzen - derart auf mehrere Pole verteilt, daß keiner die übrigen aufsaugen und abschaffen kann. Auch hier also das Prinzip "Spannung statt Klotz". Rechtshistoriker haben aufgezeigt, daß die Gewaltenteilung sich ideengeschichtlich dem Dreieinigkeitsglauben verdankt. Weil Gottes eigene Seligkeit sich als ewig schwingende Beziehung vollzieht, dehalb kann auch das Glück der Völker nicht von der Vorherrschaft einer Instanz, sondern allein von der beständigen Polarität gegensätzlicher Machtzentren befördert werden. Wie Sie sehen, ist der Name "christliches Europa" - trotz vieler Untaten der Christenheit und trotz der Entkirchlichung weiter Kreise - im Tiefsten gar nicht so falsch.

Allerdings folgt aus diesem Namen auch eine harte Pflicht. Der Abstand zwischen dem reichen Norden und den Armen im Süden schreit zum Himmel. Wenn im Himmel die Einheit der Drei gilt, dann dürfen auf der Erde nicht die einen alles haben und die anderen nichts. Deshalb schließe ich mit Worten des brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff. Er schreibt in seinem schönen Buch "Der dreieinige Gott" (D 1987,182f): "Es kommt darauf an, das Verständnis der Dreifaltigkeit als logisches Geheimnis zu überwinden und zu ihr als dem Heilsgeheimnis zu finden ... Wenn die glaubenden Unterdrückten sich der Tatsache bewußt werden, daß ihre Kämpfe um Leben und Freiheit auch die Kämpfe des Vaters, des Sohnes und des Geistes sind, die ihr Reich der Herrlichkeit und des ewigen Lebens fördern, dann haben sie mehr Motive zu Kampf und Widerstand; der Sinn ihres Einsatzes sprengt den armseligen historischen Rahmen und gewinnt eine ewige Dimension im absoluten Geheimnis selbst. Wir sind nicht dazu verurteilt, allein und voneinander isoliert zu leben; zum Zusammmenleben sind wir berufen und zur Aufnahme in die dreieinige Gemeinschaft. Die Gesellschaft ist nicht endgültig in ihren ungerechten und ungleichen Beziehungen verloren, sondern dazu berufen, sich im Licht der offenen Gleichheitsbeziehungen umzuwandeln, die in der dreifaltigen Gemeinschaft gelten, der schon vollendeten Utopie, zu der hin Geschichte und Gesellschaft unterwegs sind."

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