Jürgen Kuhlmann

Stolz und Dank


Anlaß: Jubelfeste, Besinnungstage
Botschaft: Gott gebührt unser Dank, doch letztlich nicht für etwas, sondern für uns selbst: deshalb kennt reifer Glaube keinen Widerspruch zwischen Stolz und Dank.
Themen: Einwände gegen den Dank an Gott - als Gegenleistung würdelos - Dank des Pharisäers - Dank des unsolidarischen Günstlings - lauter Mißverständnisse - Selbst und Dank im Grunde dasselbe - echter Dank verurteilt niemanden - Glück bedeutet das Heil überhaupt
Ziel: Dem Hörer klärt sich neu die Heilspolarität von Stolz und Dank
als Ziel der Freundlichkeit Gottes.


Zwei Wörtlein sollte jeder Reisende unbedingt in der Landessprache sagen können: bitte und danke. Gilt diese Touristenregel aber auch für uns Erdenkinder, wenn wir uns im Himmel aufhalten? Bei Gott sind wir ja keine fremden Touristen, vielmehr hat der Glaubende sein "Bürgerrecht im Himmel" (Phil 3,20)! Wir tragen während unserer Pilgerschaft sozusagen den Paß des Himmelreiches bei uns. (Das griechische Wort "Politeuma" wird häufig mit "Heimat" übersetzt; wir sollten aber den rechtlichen, ja politischen Sinn mithören.) Bedankt sich jemand beim Grenzer, wenn der ihn nach kurzem Blick auf den Paß wieder in die Heimat einreisen läßt? (Wenn unsere Enkel im kommenden vereinten Europa dieses Erlebnis nicht mehr kennen, ist das einesteils ein Fortschritt, zum andern fehlt ihnen dann aber ein kräftiges Gleichnis.) Für meinen Paß muß ich niemandem dankbar sein, er steht mir zu.

Wie steht es mit dem Bürgerrecht des Reiches Gottes? Sollen wir Gott dafür danken, daß wir ihm angehören? Soll ein Christ Gott überhaupt für etwas danken, z.B. für Familienglück, Berufserfolg, gesunde Kinder? Ja, wird ein Glaubender antworten, mit Recht. Sein Dank wird aber herzlicher und klüger sein, wenn er sich zuvor mit den Einwänden herumgeschlagen hat, die unsere Dankbarkeit vor Gott in ein häßliches Licht zu setzen scheinen. Denn es sieht zunächst so aus, als sei solche Dankbarkeit entweder würdelos oder hochmütig oder egoistisch.

Erstens kommt eine gewisse Sorte von Dankbarkeit uns würdelos vor. Welches Kind erinnert sich nicht des Gefühls ohnmächtiger Schande bei der Frage der Eltern: Hast du dich bei der Tante auch brav bedankt? Soll sie doch, denkt da ein stolzes Kind, ihre Schokolade behalten. Ein echtes Geschenk nehme ich gern an; echt ist es aber nur, wenn ich es nicht durch meinen Dank kaufen muß. Ich bin doch kein Zirkusaffe, der für eine Süßigkeit durch den Reifen von bitte und danke springt! - Wo Dank solcherart als Gegenleistung, als Kaufpreis mißverstanden wird, da sind Geber, Gabe und Empfänger entwürdigt; die Liebesbeziehung freier Personen verkehrt sich in Schacher. Wer Gott derart "dankt", meint nicht den Gott, der die Liebe ist, sondern einen angsterzeugten Götzen: sein unechter Dank geht ins Leere.

Eine zweite Weise falscher Dankbarkeit läuft auf Hochmut hinaus. Wir kennen die Geschichte, die Jesus einigen Superfrommen erzählt hat: "Der Pharisäer stellte sich hin und betete für sich: Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen - Räuber, Unrechttäter, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner da" (Luk 18,11). Solcher Dank, betont Jesus, ist Gott nicht angenehm. Müssen wir da nicht erschrecken? Haben wir nicht oft genug ähnlich wie dieser Pharisäer gefühlt? Und sollte jemand unter Ihnen jetzt denken: nein, ich nicht - sagt er dann nicht in seinem Herzen: Ich danke Dir, Gott, daß ich nicht wie dieser Pharisäer bin ? Dürfen wir Gott also nicht für das Schönste danken, was es gibt: daß uns in einer oft so schlimmen Welt doch das eine oder andere Gute gelingt? Kann jemand für sein Gutes so der göttlichen Güte dankbar sein, daß er dabei zugleich doch allen Hochmut vermeidet?

Drittens ist unsere Dankbarkeit von der Gefahr des unsolidarischen Egoismus bedroht. Es ist wahr: Viele Situationen sind mir unüberschaubar, genau genommen alle, denn stets kann Unvorhersehbares einbrechen in meine ordentlichste Stunde. Ein Reifen kann platzen, ein blitzgescheites Kind nach einer Hirnhautentzündung schwachsinnig sein. Unser Leben wird von einem Punkt aus gesteuert, der mir unverfügbar bleibt. Wie kann ein Glied der informierten Gesellschaft aber der steuernden Instanz aber für das bloß eigene Wohl dankbar sein? Für unsere gesunden Kinder, wenn in der Nachbarschaft einige schwer behindert sind? Für unseren Festtisch, wenn ein paar Breitengrade südlich meine Geschwister sich vor Hunger krümmen? Für meine Lust auf dem Fahrrad, wenn nebenan in der Klinik anderen die Glieder abfaulen? Wäre solcher Dank nicht zynisch, lieblos, unchristlich? Hatte der anglikanische Bischof nicht recht, der nach dem Falkland-Sieg das von der Regierung gewünschte Te Deum verbot, im Gegensatz zu früheren Kirchenführern, die den Sieg der eigenen Waffen von Altar und Kanzel aus lauthals feiern ließen? Wie also: dürfen wir, angesichts des fremden Unglücks, Gott für eigenes Glück danken? Wenn aber nicht: Ist dann nicht jeglicher Dank verboten? Denn an fremdem Unglück fehlt es nie.

Solche Einwände wiegen schwer. Sie beruhen jedoch auf Mißverständnissen. Ich bin überzeugt: Wir sollen Gott danken. Denn Christus will es. Einer der zehn geheilten Aussätzigen "fiel ihm zu Füßen aufs Gesicht und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber hob an und sprach: Sind nicht alle zehn rein geworden? Wo sind denn die neun? Hat keiner sich zur Rückkehr gefunden, um Gott zu verherrlichen, außer diesem Stammesfremden" (Luk 17,16-18)?

Allen drei Mißverständnissen ist eine Wurzel gemeinsam: Das Vergessen des Geheimnisses. Wir hatten so getan, als wäre die Beziehung zwischen Gottes Güte und dem Dank des Menschen so ähnlich wie das Verhältnis zwischen irgendeinem irdischen Herrscher und der Dankbarkeit, die er von seinen Untertanen erwartet. Das stimmt aber nicht. Sondern unsere Dankbarkeit gegen Gott ist selbst ein Geheimnis des Glaubens, das wir nie ganz begreifen, nur ungefähr ahnen können, indem wir etwa die geistige Linie zwischen folgenden Situationen ins Unendliche verlängern: Ein hungriger Bettler bekommt von der Bäuerin ein Stück Brot geschenkt und sagt danke - ein Gast bedankt sich bei seiner Kollegin für die Einladung zum Abendessen, dann aber nicht für jede Scheibe Brot - jemand ist seiner Frau tief dankbar für Hochzeit und Treue, nicht aber eigens für jedes Abendessen. Je inniger die Liebe wird, um so weniger richtet der Dank sich auf die einzelnen Gaben, um so mehr meint er die Liebe als ganze, das heißt: die geheimnisvolle Einheit von Geschenk und Selbst. Denn was schenkt die Liebe? Sich selber. Des Liebenden Selbst wird eins mit dem des Geliebten.

Verlängern wir diese Denklinie ins Unendliche, dann ahnen wir, wofür wir Gott eigentlich danken: für uns selbst. Und das jeden Augenblick. Eben jetzt, da wir uns diese Gedanken machen, werden wir von Gottes Güte geschaffen, quillt unser Sein aus der schöpferischen Phantasie des Weltgrundes. Stolz und Dank sind deshalb, tief genug verstanden, kein Widerspruch, sondern dasselbe. Ein Dank, der keinen Stolz vertrüge, wäre nicht Dank gegen Gott, sondern knechtische Kriecherei vor einem eingebildeten Götzen. Und ein Stolz, der seiner eigenen Tiefe nicht danken will, ist noch nicht zu seiner Wahrheit durchgebrochen, treibt sich bloß prahlerisch an glänzender Oberfläche herum, ist gar kein Stolz, bloß Eitelkeit. Solches Ineinander von Selbst und Geschenk, von Stolz und Dank drückt Christus wunderschön aus, wenn er am Jakobsbrunnen zu der Samariterin über den an ihn Glaubenden sagt: "Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zur Quelle von Wasser, das sprudelt zu unendlichem Leben" (Joh 4,14). Dem oberflächlichen Verstand scheint das ein Widerspruch: Wie kann etwas Gegebenes in mir Quelle sein, die also doch gerade nicht von außen eingelassen wird, sondern in mir selbst entspringt? Weil mein Selbst aber nichts anderes ist als die Gabe jenes Gottes, der mir innerlicher ist als ich selbst, das heißt als das, was ich von mir weiß, deshalb spricht Jesus wahr.

Nicht an einen uns äußerlichen Wohltäter also richtet sich die religiöse Dankbarkeit, sondern an DICH, unser Gott tief in uns. DU bist zwar ein anderer zu uns, denn DU lebst im Himmel, wir auf der Erde; zugleich aber bist Du "das nicht Andere" (Nikolaus von Kues). Denn der Himmel ist nicht igendwo im Weltraum, sondern bildet den allerwirklichsten, unzerstörbaren Grund auch unseres menschlichen Geistes. In dem Maße, wie wir diese Glaubenswahrheit erfassen, klären sich die Einwände.

Den Stolz eines Kindes sollten wir auf keinen Fall zu brechen suchen, wohl aber müssen wir es zum "seelischen Stereo-Klang" von Stolz und Dank erziehen. Jeder Mensch muß danken können; wer sich weigert, ist ein unverschämter Egoist. Freilich wäre es ein falscher, unwürdiger Dank, müßte jemand sozusagen als Kaufpreis für eine Wohltat seinen Stolz darangeben; ein Geber, der solchen Mißdank fordert, verdient Spott, nicht Dank. Wem das Wörtlein "danke" durch derlei Erfahrungen vergiftet worden ist, sollte Gott besser erst danken, wenn sein Selbstbewußtsein sich soweit erholt hat, daß der Dank sich auf den richtigen Inhalt bezieht (eben das Ich in seinem göttlichenn Grund), sonst verlöre er sich im Leeren.

Der Fehler des Pharisäers war nicht sein Dank. Danken durfte, ja sollte er. Ebenso darf ein Deutscher Gott für die Gnade der späten Geburt danken oder dafür, daß er mit dem Stasi nie etwas zu tun hatte. Auch daß er sich mit anderen Menschen verglich, z.B. mit dem Zöllner, war nicht das Schlimme. Nicht anders können wir Menschen ja erkennen, als indem wir einen Vordergrund vor einem Hintergrund sich abheben lassen. Ein weißer Punkt wäre auf weißem Papier unsichtbar, also gar nicht da. Natürlich darf ein glücklich Verheirateter für seine Ehe dankbar sein, auch dafür somit, daß er kein Ehebrecher ist. Sofort unrein wird solcher Dank jedoch, sobald er sich nicht mehr auf Gott richtet, sondern seitwärts ausbricht und bestimmte Mitmenschen verurteilt. "Richtet nicht," mahnt Jesus; denn wir kennen weder die Umstände noch das Gewissen des andern. Das Glas an manchem Kirchturm ist stumpf, in mancher Pfütze blinkt ein Diamant. Um einen haarfeinen, aber entscheidenden Unterschied geht es. Dankbar darf ich dafür sein, daß ich nicht so bin, wie jener andere mir erscheint, das heißt wie ich wäre, wenn ich (in meiner Situation) äußerlich dasselbe täte wie er. Nicht aber darf ich dafür dankbar sein, daß ich besser bin als jener ist (in seiner Lage), denn ob ich das bin, ist überaus fraglich und sofort falsch, wenn ich den anderen verachte. Ein optisches Gleichnis hilft weiter: Das rote Glas darf sich dankbar freuen, daß es hell ist und nicht so finster wie jenes grüne Glas dort (ihm erscheint! Denn in rotem Licht muß Grün schwarz aussehen). Doch soll es sich bewußt sein, daß damit gar nichts über das grüne Glas selbst gesagt ist: mag ja sein, es ist an sich viel heller als das rote. Dem Zöllner ward vergeben, weil er bereute; dem Pharisäer nicht, weil sein "Gebet" die unbereute Hochmutssünde noch verschlimmert hatte.

Was ist schließlich mit dem Dank für eigenes Wohl bei fremdem Unglück? Er liefe dann auf Zynismus hinaus, wenn der Dankende sich selber aus dem solidarischen Verband des Ganzen herausrisse. Die getrennte Individualität für das Wirkliche zu nehmen und dafür zu danken, daß es gerade mir gut ergeht, anders als den anderen, die leiden müssen: das wäre allerdings nicht in Gottes Sinn. Daß viele es nicht mehr fertigbringen, ist ein geistlicher Fortschritt. Doch kann mein Dank auch anders gemeint sein: Ich preise DICH für das, was mein gegenwärtiges kleines Glück anzeigt und bedeutet, nämlich unser aller unzerstörbares Heil in DIR. Irdisches Wohl ist Spürbarkeit, lebensvolles Zeichen für das Wohl überhaupt; immer auf dieses Ganze (heil = whole) bezieht sich der Dank des Glaubenden. Denn es gilt ein seltsam einseitiges Prinzip (gründend im Ostersieg des Seins über das Nichts): Zwar ist im Glück des Teils das Heil des Ganzen da (ähnlich wie ich die Lust meiner Zunge, meines Ohrs voll mitlebe), nicht aber umgekehrt. Am Tod des einzelnen leidet wohl, stirbt aber nicht das Ganze. Das irdische Leben ist ein Organismus mit gesunden und kranken Gliedern. Weil er, aufs Ganze gesehen, heil ist, deshalb können die gesunden Glieder ihr unmittelbares Wohl als Zeichen des totalen Heiles deuten und für dieses Gott (d.h. der Person des Ganzen) dankbar sein.

Und die kranken, ja schmerzgequälten Glieder? Auch sie gehören zum gesunden Leib und sind für die Genesung bestimmt. Im Tiefsten können darum auch sie das Ganze preisen - wie Ijob tat - auch wenn sie zur Zeit nicht seine Freude erfahren, sondern sein Gericht. Vorsicht jedoch! Verfallen wir nicht in die Dummheit der Freunde Ijobs. "Erfolg ist keiner der Namen Gottes" (Martin Buber), Unglück muß nicht Strafe für Sünden sein. Nicht von moralischer Korrektheit wird der Weltlauf bestimmt. Wohl aber tut - je aktuell - die gläubig hoffende Liebe gut daran, Glück und Leid als gegensätzliche Heilszeichen anzunehmen: das Glück als den Einbruch der totalen Freude in meine Enge, das Leid als Angebot und Chance, diese Enge immer radikaler zu sprengen und in die göttliche Einheit hineinschmelzen zu lassen.

Danke, DU unser Gott, daß DU DU bist - in DIR, aber auch für und in uns!

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