Jürgen Kuhlmann

Christlicher Umgang mit Zeichen


Anlaß: Epiphanie; Dialog mit New-Age-Anhängern
Botschaft: Nach dem Vorbild der drei Weisen dürfen auch
heutige Christen sich von Zeichen ihren Weg weisen lassen.
Themen: Östliche Magier in der Kirche verehrt - Astrolo-
gie verpönt - Christ zwischen Wissenschaft und Esoterik -
judenchristliche Nüchternheit - heidenchristliche Sinnsuche
- kreative Lebenskunst - Zufälle sind Zeichen
Ziel: Der Hörer sucht neu nach Gottes Sinnstern für ihn.


Zwei Namen hat das heutige Fest: offiziell heißt es "Erscheinung des Herrn", bekannt ist es als Dreikönigstag. Dabei ist im Evangelium von Königen gar keine Rede, sondern von "Magiern aus dem Osten". Heutige Astronomen versuchen allerlei Erklärungen; wahrscheinlich handelte es sich um eine "Konjunktion", das Zusammentreffen bestimmter Planeten, das für damalige Astrologen die Geburt eines großen Königs bedeutete. Warum hat das christliche Volk aus den klugen Sterndeutern Könige gemacht? Mag sein, aus der uralten Hoffnung, es möchten doch die Herrscher weise sein, Vernünftige den Lauf der politischen Dinge bestimmen!

Der gewaltige Kölner Dom ist um den Schrein herumgebaut worden, der - so hieß es - die Gebeine der drei Könige enthielt. Diese Reliquien waren der Stolz der Stadt, heute lächeln wir über so viel Leichtgläubigkeit und wissen nicht, worüber die Menschen in fünfhundert Jahren schmunzeln werden, wenn sie von den Seltsamkeiten hören, die um unsere Jahrtausendwende herum geschahen, etwa von 100 km Stau ... Fest steht, daß die astrologiebegeisterten östlichen Magier in der Kirche seit jeher hoch verehrt werden, bis hin zum heutigen Brauch der Sternsinger. Wie verträgt es sich damit, daß die Kirche Astrologie und ähnliche esoterische Praktiken heftig ablehnt, und zwar auch schon seit langer Zeit? Augustinus spottet im vierten Jahrhundert ebenso über den dummen Aberglauben an die Sterne wie irgendein Aufgeklärter von heute.

Anderseits brauchen Sie nur in einer großen Buchhandlung nach der Esoterik- Abteilung zu fragen und werden staunen, wie ungeheuer reichhaltig das Angebot ist. Vor zwanzig Jahren befürchtete der große Theologe Karl Rahner, das Christentum werde für viele Leute allmählich ebenso unbegreiflich wie tibetische Medizin - mittlerweile halten, ja verstehen etliche Zeitgenossen in Europa von tibetischer Medizin bereits mehr als vom Christentum. Fast jedermann kennt Leute, die auf irgendeine geheime Weisheit schwören; die einen zahlen gutes Geld für ein höchstpersönliches Horoskop, andere fragen das altchinesische Schafgarben-Orakel um Rat - und ist nicht sogar die Psychoanalyse eine solche Geheimlehre? Mindestens behaupten Kritiker bis heute, daß sie auf keinen Fall eine Wissenschaft sei. Was aber dann?

Ist es nicht seltsam? Die drei Könige machen sich im Vertrauen auf ihr Horoskop auf die weite, gefährliche Reise; jene Astrologen werden uns im Evangelium als Vorbild hingestellt und von der Kirche heilig genannt; die Astrologie gilt als dummer oder gar böser Aberglaube; viele Menschen laufen der Kirche weg, hin zu irgendwelchem Aberglauben - wie kommen wir Christen mit diesem Rätsel zurecht?

Links werden wir von Flachköpfen ausgelacht, die ihre geheimnislose Weltsicht vernünftig und unseren Glauben abergläubisch nennen; rechts verspottet uns die bunte Schar der Eingeweihten und hält unsere Religion für die verkopfte Frucht eines vergangenen Zeitalters, das jetzt vom "New Age" ersetzt gehört. Wie und wo findet der Christ da seinen Ort? Zeigt sich auch uns der Stern der drei Weisen?

Oder ist nicht der Stern wichtig, nur sein Ziel? Das ist meine erste Antwort. Wer kein Interesse an geheimen Weisheiten hat, schiebe den ganzen Fragenkreis ruhig beiseite. Er verhält sich dann mit Recht als "Judenchrist"; war es doch im Alten Bund verboten, "Losorakel zu befragen, Wolken zu deuten, aus dem Becher zu weissagen" usw. (Dt 18,10). Ja: Zum Heil notwendig ist nicht der Stern, sondern allein das Kind, zu dem er die Suchenden führt. Nimm Gottes Menschlichkeit ernst und wende dich deinem Mitmenschen von ganzem Herzen zu, dann darfst du alle Lehrgebäude vergessen, egal ob die sich Wissenschaft, Esoterik oder auch christliche Dogmatik nennen. Gott ist die Liebe, und Gott allein genügt, so einfach ist der Kern des Glaubens. Der Lebenssinn solcher Menschen gleicht einer Nuß: Wer an ihren Kern herankommt, dem fehlt nichts, was bei der Nuß genießbar ist.

Es gibt aber, für die "Heidenchristen", in Gottes Garten auch anderes Obst. Reden wir nicht von der Kirsche; wer nur irgendein interessantes Fruchtfleisch, aber gar keinen Kern zu sich nähme, der hätte bald geistliches Bauchweh. Eher denke ich an einen frischen Apfel, bei dem ich bis auf den Stiel alles verzehre. Wie kann der Christ sich mit solchen Sinnsuchern verständigen, die davon überzeugt sind, sie könnten eine tiefere Einsicht in das Wesen der Welt und die Pläne des Schicksals finden und es gebe auch Methoden, auf die Kräfte des Innern zu wirken? Die heiligen drei Könige waren solche Sinnsucher: das übliche Blitzurteil "Aberglauben!" reicht also nicht aus.

Von "den Brettern, die die Welt bedeuten", spricht der deutsche Dichter [Goethe im Faust], vom "Großen Welttheater" vor ihm schon der spanische [Calderon]. Jedem Menschen ist vom Schöpfer seine Rolle zugeteilt; nicht darauf kommt es an, welche ich spiele, sondern allein, wie gut die meine. Dazu muß der Regisseur mir seine Idee des Ganzen in großen Zügen mitteilen; das entspricht jenem Kern des Glaubens, ihn kennen wir aus den Geboten und dem Evangelium. Anderseits braucht es kein Textbuch, wo uns alles bis ins Kleinste vor-geschrieben wäre: nicht Abspuler eines Pro-gramms will Gott, sondern Improvisationskünstler, die allerdings auf jeglichen Wink des Regisseurs achten. Wohin aber schauen, um solche Winke zu erspähen? In alten Büchern stehen sie nicht - oder vielleicht doch, aber auf welcher Seite? Von der Wissenschaft kommt keine Hilfe; denn sie ist grundsätzlich allgemein, weiß viel über alles Mögliche, aber nie, was jetzt für mich dran ist. Wie bestimme ich meinen geistlichen Ort?

Ähnlich wie ein modernes Schiff auf hoher See. Es sendet zugleich Signale an verschiedene Satelliten; aus dem Verhältnis der Antworten zueinander läßt sich die Position ausrechnen. Lebensweisheit besteht darin, in jedem Augenblick das Mobile möglichst vieler wichtiger Umstände, innerer wie äußerer, sinnvoll im Gleichgewicht zu halten. Das können ist Lebenskunst; alle übrigen Künste sind Entfaltungen dieser Grundkunst, im Ballett der "Konjunktionen" mitzutanzen.

Nun gibt es unfaßbar viele solcher Faktoren, Umstände, Wirkzusammenhänge. Niemand kann auf alle achten. Nicht nur die Rollen des Großen Welttheaters sind verschieden, auch die Örter in den Kulissen, wo der einzelne Darsteller den Regisseur Zeichen geben sieht. Der eine fastet wegen der Blicke seiner Frau, die andere weil sie an Cholesterin glaubt, ein Dritter und Vierter, weil er beim Bibelstechen oder Blättern im Koran auf ein Fastenlob stieß. Und ein Fünfter, weil seine Therapeutin ihm endlich erklärt hat, welch frühkindlicher Komplex seiner Freßsucht zugrundeliegt. Wer hat recht? Wissenschaftlich bleibt das zweifelhaft; sogar das Cholesterin ist unter Experten umstritten ... Als Lebenskünstler hat aber vielleicht jeder recht. Ich gestehe frei: Blindes Blättern in der Bibel hat mir manches Mal Sätze gezeigt, die genau paßten und eine so himmlisch klare Weisung erteilten, daß ich - gäbe es sonst keine Zeichen - allein wegen dieser Erlebnisse an der Wirklichkeit einer mächtig wohlwollenden Instanz nicht zweifeln könnte. Aberglauben wäre es, wollte jemand aus solcher Erfahrung ein System machen und seinen Mitmenschen sagen: Dorthin müßt ihr schauen, da zeigt sich der Sinn eures Lebens. Mag ja sein, er zeigt sich dem anderen anderswo!

Wir müssen also nicht deshalb, weil die heiligen drei Könige sternkundig waren, auch selbst auf Horoskope trauen. Auch soll es Leute geben, für die 13 eine Glückszahl ist. Allgemein läßt sich aber, meine ich, zweierlei sagen: Erstens passieren dann und wann die erstaunlichsten Zufälle, so daß der Mensch "das gibts doch nicht!" sagt. Und doch hat es das gegeben. Zwei Ereignisse stehen in keinerlei Ursach-Zusammenhang und stimmen doch exakt zueinander. Wem so etwas geschieht, sollte vertrauensvoll nach dem Sinn fragen. Daß die Welt nach diesem Prinzip gebaut ist, scheint eine unbestreitbare Erfahrung, die in allen geistlichen Traditionen ihre Spur hinterlassen hat. Wer über derlei Zeichen und Wunder nur spotten kann, weil sie unwissenschaftlich sind, der leidet selbst am Wissenschafts-Aberglauben, steckt voller Aufkläricht. Allerdings ist bei der Zeichen-Deutung Vorsicht geboten. Ich selbst habe einen tollen Zufall 1986 als Stütze einer Idee aufgefaßt und bin seit 1989 gewiß, daß er eine Warnung war. So weiß der Fahrer beim Blitz der Lichthupe zwar, daß ihm ein Zeichen gegeben wird, ob es aber "aus dem Weg!" heißt oder "bitte sehr, nach Ihnen!" - das recht zu deuten braucht es Klugheit, die das Zeichen im Zusammenhang der ganzen Situation versteht.

Zweitens werden wir immerzu von ganz gewöhnlichen "Zeichen der Zeit" angeblitzt. Ohne Unterlaß gibt der Regisseur uns im Alltag seine liebevollen Winke. Nie weiß der Morgen, was am Abend gewesen sein wird. Geistliche Lebenskunst plant zwar, nie wie der Ingenieur aber, der es mit gehorsamen Sachen zu tun hat, eher wie der Schach- oder Tennisspieler, der den fremden Plan einbezieht, oder, besser, gleich der Tänzerin, die sich verwirklicht, indem sie sich vom Geliebten führen läßt. Mir ist der Sinn des Ganzen zu groß, spürt die glaubende Seele, deshalb zeig DU mir meinen Weg! Solange der Stern Deiner freundlichen Weisung sich hinter Wolken versteckt, gehe ich treu in der Richtung weiter, die er zuletzt angab, und traue, er werde sich vor der nächsten Kurve wieder zeigen, wie er schon oft getan. Wenn es soweit ist, jubelt die Seele wie damals die drei Weisen, von denen es im Evangelium so hinreißend überschwänglich heißt (Mt 2,10): "Sie freuten sich vor Freude, großer, sehr!"

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